In 254 Tunneln von Belgrad nach Bar

Die Strecke Belgrad – Bar ist wunderbar geeignet, sich in Südosteuropa und das Bahnfahren zu verlieben. Die atembraubende Landschaft, die undurchdringliche Ruhe in den Bergen bei einem außerplanmäßigen Halt und die ausdauernde Gemächlichkeit der Fahrt, die es ermöglicht, die ganze Schönheit der Region in sich aufzunehmen. Vor allem Reisende, die nicht so häufig mit dem Zug unterwegs sind, werden erstaunt sein, welche Möglichkeiten sich auf der Schiene auftun.

Diese Bahnstrecke ist eine der spektakulärsten in Europa und die landschaftlich ansprechendste, die wir bisher gefahren sind. Sie führt von der serbischen Hauptstadt über das Dinarische Gebirge in die montenegrinische Hauptstadt Podgorica und endet schließlich in Bar an der Adria.

Abwechslungsreiche Reise

Bei Fertigstellung der Strecke im Jahr 1976 dauerte eine Fahrt von Belgrad nach Bar etwa sieben Stunden. Da in den Folgejahren aufgrund von Kriegen und dem Zerfall Jugoslawiens wenig Geld für die Instandhaltung der Strecke vorhanden war, wurde sie an einigen Stellen marode. Infolge dessen mussten die zulässigen Höchstgeschwindigkeiten der Züge gedrosselt werden, weshalb eine Fahrt heute planmäßig zehneinhalb Stunden dauert. Und in der Realität elf oder zwölf. Oder noch mehr. Das ist aber keineswegs ein Nachteil, denn so bleibt noch mehr Zeit, diese Fahrt zu genießen.

Westserbisches Bergland

Sobald ihr die letzten Plattenbauten und Vororte Belgrads hinter euch gelassen habt, beginnt die Fahrt durch das Pannonische Becken. Die Strecke unterscheidet sich hier noch nicht großartig von anderen in ländlichen Gegenden Osteuropas. Sie ist vor allem durch Getreidefelder und kleinere Orte geprägt. Wirklich interessant wird es erst nach ein paar Stunden, wenn ihr das Tiefland hinter euch gelassen habt und endlich in das Westserbische Bergland aufsteigt.

Ihr bekommt langsam einen Überblick über die großen Mischwälder, die am Fuße der Berge beginnen und diese noch vollständig in Grün hüllen. Immer wieder kreuzen kleinere oder größere Flüsse den Lauf der Schienen oder folgen ihm für ein paar Kilometer. Hinter dem Bahnhof Priboj passiert ihr den Potpećko Jezero, einen Bergsee, der auf unserer Reise im Sommer 2011 etwas verschmutzt war, größtenteils aber durch seine Größe und Kulisse glänzen konnte.

Belgrad-Bar

Je weiter ihr in die Berge aufsteigt, desto mehr bekommt ihr ein Gefühl für die Weite des Landes. Und desto öfter merkt ihr der Lok ihre Anfahrtschwierigkeiten in steileren Bahnhöfen an. Es geht immer höher, aus den Mischwäldern werden irgendwann Nadelwälder, die wiederum früher oder später den Blick auf die nackten Steine der Karstgipfel freigeben.Die Fahrt ist jetzt vor allem durch Tunnel und Brücken geprägt, die dafür sorgen, dass die Fahrt in dieser unwirtlichen Gegend nicht ständig auf und ab geht.

Je höher der Weg führt, desto weniger ist die Gegend bewohnt und desto mehr Natur gibt es zu bewundern. Die Schiene schmiegt sich eng an die Berge des Dinarischen Gebirges und gibt nicht selten die Sicht in mehrere hundert Meter Tiefe frei. Den höchsten Punkt erreicht ihr in Montenegro am Bahnhof Mateševo. Dort befindet ihr euch 1.032 Meter über NN.

Belgrad-Bar

Hinter Podgorica geht es noch einmal bergauf, dann aber stetig abwärts, bevor die Fahrt in der Hafenstadt Bar an der Adria endet. Am Ende habt ihr einen Höhenunterschied von 1.000 Metern überwunden und alles gesehen, was Serbien und Montenegro landschaftlich zu bieten haben: die wenig einladenden Überreste der sowjetischen Idee von Wohnvierteln in den Randbezirken Belgrads, das landwirtschaftlich geprägte zentrale Serbien, das mittelgebirgige, vollständig begrünte Westserbische Bergland, die Karstformen des Dinarischen Gebirges und das mediterrane Flair der Adria-Region.

Landschaftliche Herausforderungen

Aufgrund der Berge und Täler, die so ein Gebirge nun mal meist mit sich bringt, war der Bau der Strecke eine große Herausforderung für die jugoslawischen Ingenieure. Um die unüberwindbar wirkenden Höhenunterschiede am Ende doch überwinden zu können, wurden zwischen Belgrad und Bar 689 Brücken und Tunnel errichtet.

Etwa 115 der 455 Kilometer, also ziemlich genau ein Viertel der Strecke, legt ihr im Tunnel zurück. Die meisten der 254 Tunnel sind ziemlich kurz und schon vorbei, bevor ihr überhaupt bemerkt habt, dass es dunkel geworden ist. Die Fahrt führt allerdings auch durch einige Tunnel, die mehrere Kilometer Länge aufweisen. Die beiden längsten sind der Zlatibor-Tunnel in Serbien und der Sozina-Tunnel in Montenegro mit jeweils 6,17 Kilometern Länge.

Zu den 435 Brücken gehört mit dem Mala-Rijeka-Viadukt die höchste Eisenbahnbrücke Europas und die dritthöchste der Welt. Sie ist knapp 500 Meter lang und fast 200 Meter hoch und überwindet das Tal, das der Fluss Mala Rijeka in den Fels schneidet. Der höchste Pfeiler weist eine Höhe von 137 Metern und eine Grundfläche auf, die größer ist als ein Tennisplatz. Im Jahr 2011 hat der belgische Extremsportler Cédric Dumont einen Base Jump von dieser Brücke gewagt.

Meteorologische Herausforderungen

Im Süden Serbiens, mitten im Dinarischen Gebirge, liegt eine Region mit einer der höchsten Niederschlagsmengen Europas, was vor allem im Winter ein großes Problem auf der Verbindung Belgrad – Bar darstellt. Die Schneemassen verursachen regelmäßig Unterbrechungen des Bahnverkehrs und tragen zum Verfall der Gleisanlagen bei. Anfang 2012 ist in der Nähe der Stadt Kolašin in Montenegro, kurz vor dem höchsten Punkt der Strecke, sogar ein Zug von einer Lawine erfasst worden. Die 50 Fahrgäste steckten daraufhin drei Tage im Zug fest.

Im Mai 2014 haben Überschwemmungen einen Teil der Strecke südlich von Belgrad unterspült und Brücken zerstört. Außerdem sollen Schlammlawinen einige Abschnitte unpassierbar gemacht haben. Die Züge nach Bar mussten über eine Strecke umgeleitet werden, die nicht elektrifiziert ist. Dadurch wurden zwei Lokwechsel nötig – einer zu Beginn und einer am Ende des Abschnitts – , die Fahrtzeit erhöhte sich auf 17 Stunden und es wurde auf eine Nachtzugverbindung umgestellt. Nach Angaben des Ministeriums für Infrastruktur soll der normale Verkehrsbetrieb Anfang 2015 wieder aufgenommen werden.

Wunderbare Ausblicke

Um euch vollends davon zu überzeugen, einmal mit dem Zug von Belgrad nach Bar zu reisen, folgen hier mal ein paar Ausblicke, die ihr auf der Strecke genießen könnt.

Belgrad-BarTolle Ausblicke und Tunnel wechseln sich fast im Minutentakt ab.

Belgrad-BarEs bleibt grün und der eine oder andere Fluss kreuzt den Weg.

Belgrad-BarIdyllische Szene am Potpećko jezero.

Belgrad-BarNeben größeren Orten hält die Strecke auch stille Örtchen bereit.

Belgrad-BarNebenbei bemerkt: diese Strecke ist nichts für Reisende mit Höhenangst.

Belgrad-BarEin vertrautes Bild: Tunneleinfahrt.

Belgrad-BarAtemberaubende Weitblicke bei Sonnenuntergang.

Belgrad-BarGrandiose Atmosphäre im Dinarischen Gebirge.

Belgrad-BarHatte ich eigentlich erwähnt, dass es dort schön ist?

Den Reisebericht von unserer Fahrt von Belgrad nach Bar findet ihr [hier].

Und wenn ihr allgemeine Hinweise zum Zugfahren in Serbien und Montenegro benötigt, schaut doch mal bei meinem Blogger-Kollegen Gerhard von Schienenreisen.com rein.

Ein Gedanke zu „In 254 Tunneln von Belgrad nach Bar

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