Merkt ihr eigentlich noch was? #BloggerFuerFluechtlinge

Gerade vor ein paar Tagen habe ich „Couchsurfing im Iran“ von Stephan Orth ausgelesen und ein Absatz daraus passte wie kein zweiter zu den aktuellen Geschehnissen in Deutschland:

»Warum sind Iraner so unglaublich gastfreundlich?«, frage ich Yasmin.

»Vielleicht, weil wir irgendwann im Leben mit den eigenen Landsleuten schlechte Erfahrungen gemacht haben, mit Ausländern aber noch nicht«, sagt sie und lächelt.

»In Deutschland ist es umgekehrt: Gerade in Gegenden, wo am wenigsten Ausländer hinkommen, ist laut Umfragen die Fremdenfeindlichkeit am größten.«

Warum ist das so? Warum haben gerade die, die am wenigsten davon betroffen sind, am meisten Angst vor Ausländern? Warum kann man überhaupt was gegen jemanden haben, nur weil er anders aussieht und anders spricht? Warum fühlen sich Menschen als etwas besseres, nur weil sie aufgrund ihrer Herkunft aus einem der reichsten Länder der Welt ein vermeindlich besseres Leben führen können? Sollten sich nicht eher die Flüchtlinge, die tausende Kilometer gereist sind und es allen Widerständen zum Trotz nach Deutschland geschafft haben, als überlegen gegenüber den dickbäuchigen Sesselpupsern fühlen, die in ihrem Leben nie aus ihrem vertrauten Umfeld heraus gekommen sind? Warum, verdammt nochmal, können wir nicht ohne Diskussion Menschen helfen, die in Not sind? Ich weiß es nicht.

Wenn wir reisen, suchen wir uns nicht immer den einfachsten und bequemsten Weg. Wir reisen gern langsam und ein bisschen unbequem. Das ist okay, wir haben uns das ausgesucht und verfügen im Zweifel über die Mittel, die Reise an einem bestimmten Punkt abzubrechen und uns auf einem anderen Weg wieder in unsere wunderbare Wohnung, in einer tollen Stadt, in einem friedlichen Land zurückbringen zu lassen. Wir haben einen Plan B, oder zumindest die Möglichkeit, einen zu suchen. Die Flüchtlinge haben das nicht.

Sie haben alles aufgegeben. Ihre Heimat. Ihr Zuhause. Ihre Familie. Ihr gewohntes Umfeld. Ihr Hab und Gut. Ihre Erinnerungen. Ihre Freunde. Ihren Bäcker um die Ecke. Ihre Klamotten. Ihren Bus, der sie immer zur Arbeit brachte. Ihre Nachbarn. Den netten Lebensmittelverkäufer, mit dem sie immer so gern geplaudert haben. Ihren Postboten, der genau wusste, wann sie Zuhause sind und ihre Post entgegennehmen können. Den Ort, an dem sie sich geborgen fühlen. Ihre Würde. Alles.

Und das haben sie nicht getan, weil sie abenteuerlustig sind oder denken, dass sie in Europa alles in den Arsch geschoben bekommen. Nein, weil sie MUSSTEN. Weil sie sonst getötet worden wären. Oder verschleppt. Oder gefoltert. Sie sind geflohen, weil sie keine andere Wahl hatten.

Ich weiß, wie es ist, tagelang zu reisen und wenig Möglichkeiten für die persönliche Hygiene zu haben. Ich habe mir das aber auch ausgesucht und immer frische Unterwäsche zum Wechseln dabei. Das haben die Flüchtlinge nicht. Denn sie mussten ALLES zurücklassen. Ich weiß, wie es ist, nach einer langen Reise endlich am Ziel anzukommen und erst mal duschen und schlafen zu gehen. Die Flüchtlinge wissen das nicht.

Das schlimmste ist doch, auf eine Reise zu gehen und nicht zu wissen, wohin man kommt und wo man unterkommen kann, und dabei immer im Hinterkopf zu haben, dass es kein Zurück gibt. Egal, wie Scheiße es dort ist, wo man ankommt. Dieser Gedanke würde mir riesige Angst bereiten. Und das tut er bei jedem einzelnen Flüchtling auch, weil er furchtbar angsteinflößend ist!

Ich komme aus einer Region mit einer großen und weit verbreiteten rechten Szene und einem verschwindend geringen Ausländeranteil. Daher kenne ich einige der sogenannten Argumente von „Asylkritikern“…

Ich habe ja nichts gegen Flüchtlinge, aber…

  1. Halt bloß die Fresse, denn gegen jemanden, der eine monatelange Reise auf sich genommen und mit Sicherheit Dinge erlebt hat, die man nicht einem Menschen auf der Welt wünscht, hast du, verdammt noch mal, gar nicht das Recht „etwas“ zu haben!
  2. Einem Satz, der so beginnt, kann nichts Sinnvolles folgen.
  3. Halt bloß die Fresse!

Wir sind doch nicht das Sozialamt der Welt!

Hat das irgendwer behauptet? Ich habe es von niemandem gehört! Wir leben in einem der reichsten Länder der Welt, das nur deshalb so reich ist, weil es von der Ausbeutung anderer Länder profitiert. Wir können die Hosen für 2,99 Euro bei Kik nur kaufen, weil Menschen in der Dritten Welt unter menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen von Textilhersteller ausgebeutet werden. Wir unterstützen diktatorische Systeme in der ganzen Welt mit unseren Waffen, deren Erlös unsere Wirtschaft stärkt. Wir jubeln auch wieder bei der WM in Katar über die Erfolge der deutschen Nationalmannschaft in Stadien, bei deren Bau Hunderte ihr Leben ließen, weil Arbeitsschutzmaßnahmen Geld gekostet hätten. Wir freuen uns, dass wir unser Auto für wenig Geld volltanken können, weil der IS das Öl aus dem Irak billig auf den Markt wirft, um von schnellen Erträgen mehr Waffen kaufen zu können, um Andersgläubige hinzurichten. [Edit: Nicht der IS ist schuld an dem derzeit gespenstisch niedriegen Benzinpreis, sondern die USA, die das, was sie über Fracking fördern billig auf den Markt schmeißen, und Saudi Arabien, das seine Anteile am Weltmarkt halten will und den niedrigen Preis mitgeht. Danke an den anonymen Hinweisgeber!]

Und du meinst, dass wir nicht die Menschen unterstützen sollten, an deren Elend wir zu einem großen Teil mit Schuld sind? Merkst du noch was?

Dann sollen sie doch in ihrem Land bleiben und für ihre Sache kämpfen!

Ja, klar. Die unbewaffneten Dorfbewohner, die sich und ihre Familien gerade irgendwie mit den Erträgen ihrer Äcker am Leben halten, können ohne weiteres gegen eine hochbewaffnete Miliz oder das Militär Widerstand leisten. Der Vater des gerade Neugeborenen wird lieber im Kampf sterben als seine Frau und Kinder in Sicherheit zu bringen. Der Homosexuelle, der in ständiger Angst lebt, von jemanden denunziert, festgenommen und gefoltert zu werden, wird mit einer Regenbogenflagge die durch die Straßen seines Viertels laufen und für die Gleichberechtigung demonstrieren. Die Frauen, die von Massenvergewaltigungen in ihrem Viertel gehört haben oder sogar Opfer waren, werden ihre Töchter weiterhin jeden Tag allein in Schule schicken, falls diese überhaupt noch geöffnet ist.

Ja, stimmt. Das alles klingt ziemlich einleuchtend und umsetzbar. Danke für diesen konstruktiven Beitrag! Merkst du noch was?

[Für alle, die es nicht verstanden haben: Der letzte Absatz enthält Sarkasmus. Eine ganze Menge sogar.]

Wir sollten das Geld lieber für unsere Rentner ausgeben, die in Armut leben!

Applaus für denjenigen, der Arm gegen Ärmer ausspielt. Ganz großes Kino! Dass viele Rentner von Altersarmut bedroht sind, ist ein großes Problem, hat aber absolut nichts damit zu tun, dass wir Menschen helfen müssen, die vor Krieg und Gewalt fliehen. Dass die Rentenkassen leer sind, ist ein systemisches Problem, das aufgrund des Demografiewandels entstand – in Deutschland leben zu wenig junge Leute, die in die Rentenkassen einzahlen, und zu viele, die daraus versorgt werden müssen. Sehen wir es doch mal ganz pragmatisch: Wenn wir es schaffen, die Flüchtlinge in unsere Gesellschaft und unseren legalen (!) Arbeitsmarkt zu integrieren, zahlen auch wieder mehr Menschen in die Rentenkassen ein.

Außerdem werden die Rentner, die nach dem Krieg selbst Flüchtling waren und vor dem Nichts standen, dir für diese Aussage wahrscheinlich in den Hintern treten, wenn sie es noch können. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich viele davon für rechtes Gedankengut instrumentalisieren lassen wollen.

Die Ausländer sind doch alle kriminell und klauen alles, was nicht niet- und nagelfest ist.

Dass die Menschen, die keine Perspektive haben, kriminell werden, sieht man an den Arschlöchern, die Flüchtlingsheime anzünden. Wir müssen jeden, der Teil unserer Gesellschaft werden will, integrieren. Denn wer sich ernst genommen fühlt und eine Perspektive für sich sieht, wird in den seltensten Fällen kriminell. Das gilt übrigens auch für alle, die sich selbst und die braune Scheiße, die sie von sich gegeben haben, nicht mehr hören können. Der Weg vom Arschloch zurück zum Menschen steht jedem offen, der ihn gehen will.

Leute, es ist an uns, etwas für die Menschen und gegen die Arschlöcher zu tun. Also, Popo hoch, Portemonnaie raus und Mund aufmachen! Jeder gibt das, was er kann. Ganz egal, ob es eine helfende Hand, ein offenes Ohr, Zeit, eine Sach- oder eine Geldspende ist. Es gibt genug Möglichkeiten, etwas zu tun! Bei Pro Asyl findet ihr eine Karte, auf der regionale Initiativen verzeichnet sind.

Alternativ könnt ihr einen Beitrag über die Plattform Blogger für Flüchtlinge leisten. Das ist eine Initiative von Menschen, die Menschen helfen wollen. Der gespendete Betrag fließt zu 100 Prozent in Projekte im ganzen Land, die sich für die Versorgung und ein besseres Leben von Flüchtlingen engagieren. Ich habe schon gespendet. Und du?

Du willst auch die Initiative Blogger Für Flüchtlinge unterstützen? Dann hier entlang. Welche Projekte mit welchem Betrag unterstützt werden, könnt ihr hier einsehen.

9 Gedanken zu „Merkt ihr eigentlich noch was? #BloggerFuerFluechtlinge

  1. Anikaaaaa – ganz großes Kino! Ich unterschreibe deinen Beitrag Wort für Wort und hätte ihn am liebsten selbst geschrieben. Da das nicht geht, werde ich ihn wenigstens teilen und verbreiten.

    Danke, danke, danke!
    Jenny

  2. Sehr schön und gut geschrieben, Anika.
    Ich selbst bin bis Ende der 80er (da bist du gerade geboren;-) )
    auf die Straße gegangen : gegen Ausländerfeindlichkeit, Abschiebung von Ausländern etc.
    Dass das heute mehr denn je notwendig ist, hätte ich niemals geglaubt.
    Damals habe ich erlebt, dass besonders die Menschen Angst vor „Fremden“ hatten, die überhaupt keine Ausländer kannten. Ich selbst habe als Deutsche in Baden-Württemberg zwar keine Fremdenfeindlichkeit erlebt, aber man ließ mich spüren, dass ich „anders“ war: junge Frau, verheiratet, arbeitet, ohne Kinder, in einem technischen Beruf und zugezogen, also hochdeutsch sprechend. Das war zu der Zeit nicht einfach, aber nichts im Vergleich zu dem, was die Flüchtlinge hier oft erwartet.
    Danke für den Bericht mit den guten Argumenten.
    Annette

    • Danke. Ja, ich kann es auch überhaupt nicht verstehen, dass die am wenigsten Betroffenen den größten Aufstand machen und offensichtlich ziemlich unbegründete Ängste haben. Ich glaube ja, wir sollten alle viel mehr reisen. 😉

  3. Generell ein sehr guter Beitrag. Jedoch habe ich eine kleine Kritik die nicht direkt was mit der Flüchtlingslage zu tun hat. Du schreibst: „Wir freuen uns, dass wir unser Auto für wenig Geld volltanken können, weil der IS das Öl aus dem Irak billig auf den Markt wirft, um von schnellen Erträgen mehr Waffen kaufen zu können, um Andersgläubige hinzurichten.“ Das ist leider falsch. Saudi-Arabien ist Hauptverursacher für den niedrigen Ölpreis, und tatsächlich schadet dieser geringe Barrelpreis sogar dem IS.

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