Tag 1: Мы едем на поезде в москву

17. Juni 2013. Irgendwo in Weißrussland.

Gestern Abend gegen 23:00 Uhr ging es von Zuhause aus los: mit der U-Bahn zum Hauptbahnhof, von dort nach Hannover und schließlich in unserem Kurswagen nach Moskau. So mussten wir auf unserer Fahrt genau dreimal umsteigen: in Volksdorf, da die U1 nachts nicht mehr durchfährt, am Hamburger Hauptbahnhof und in Hannover. Nach vier von etwa dreiunddreißig Stunden Fahrt war das also schon mal erledigt.

Jetzt sind wir gerade in Brest in Weißrussland und warten darauf, dass die restlichen Wagons unseres Zuges ebenfalls auf die Weiterfahrt nach Moskau. Dem Rumpeln nach zu urteilen, müssten die restlichen Wagons unseres Zuges gerade wieder an uns angekoppelt worden sein.

Der russische Zar hatte seinerzeit große Angst vor einem Überfall, bei dem der Angreifer auf den Schienen ins Land gelangt. Daher beschloss er, das komplette russische Schienennetz in einer größeren Spurbreite als die der angrenzenden Länder anlegen zu lassen, die damals schon ein Schienennetz besaßen.

Zu Sowjetzeiten folgten alle Staaten der Sowjetunion und so unterscheiden sich heute die Schienennetze (West-)Europas und Asiens. Denn als das Netz fertiggestellt und der Zar Geschichte war, wurde diese Breite beibehalten, da ansonsten alle Schienen hätten neu verlegt werden müssen.

In der Umspuranlage

In der Umspuranlage

Aus diesem Grund wurde unser Zug in Brest, direkt hinter der polnisch-weißrussischen Grenze, auf diese Gegebenheiten angepasst. Das geht eigentlich ganz einfach: Der gesamte Zug wird in seine einzelnen Wagons zerlegt. Diese werden dann einzeln in die große Werkstatthalle mit drei nebeneinander liegenden Gleisen gefahren und parallel bearbeitet.

Eine Art Hebebühne hebt die Wagons von den Achsen, die dann etwa zwei Meter über der Erde hängen. Die Passagiere bleiben die ganze Zeit an Bord, die Türen sind geöffnet. Und wenn alle schmalen („europäischen“) Achsen des einen Gleises zusammen nach draußen geschoben wurden, kommen die breiteren („russischen“) und werden unter den Wagons platziert. Das ist möglich, weil in der Halle die breiten und schmalen Gleise ineinander liegen. Die Wagons werden wieder auf die Achsen gesetzt, befestigt und anschließend wieder zu einem ganzen Zug zusammen geschoben.

Das Ganze hat für unseren relativ langen Zug etwa eine Stunde gedauert und es hat nebenbei ganz schön gerumpelt. Ich bin gerade von der offenen Tür weggegangen als unser Wagon an einen anderen gekoppelt wurde und wäre wohl rausgefallen, wenn ich dort noch gestanden hätte. Die Sicherheit aller Beteiligten steht hier jetzt nicht ganz an erster Stelle. Gestorben ist aber trotzdem niemand, denn es kann ja jeder auf sich selbst aufpassen.

Unser Zug ist nun wieder vollständig und steht nicht mehr in der Halle, sondern am Hauptbahnhof von Brest. Wir werden von hier aus wohl pünktlich weiterfahren und haben damit etwa zwei Stunden Verspätung aufgeholt. Nachdem unser Kurswagen heute Nacht relativ pünktlich in Hannover angekommen und an den richtigen Zug gekoppelt worden war, standen wir ohne erkennbaren Grund ein bisschen herum und sind mit fast genau einer Stunde Verspätung gegen 3:40 Uhr abgefrahren.

In Berlin waren es dann schon zwei Stunden, die sich auch wacker über die Zeit gerettet haben. Da wir wohl in Warschau eine Stunde Aufenthalt gehabt hätten, konnte hier eine Stunde herausgeholt werden. Außerdem sind die Grenzkontrollen und das Umsetzen wohl sehr großzügig eingeplant worden, sodass wir jetzt eine Viertelstunde vor Abfahrt in den Hauptbahnhof von Brest eingefahren sind.

Toilettenpapier in unserreichbarer Ferne

Toilettenpapier in unserreichbarer Ferne

Wir haben ein Zweierabteil mit Multifunktionswaschbecken, das durch einen Deckel in einen Tisch umfunktioniert werden kann, und Spiegelschrank, in dem Zahnputzbecher und Karaffe aus Glas bereit stehen. Der Zug ist sehr sauber und wird zwischendurch immer wieder aufgeräumt, die Toilette geputzt und das Papier aufgefüllt. Auf der Toilette gibt es Flüssigseife aus einem Seifenspender aus der Drogerie, Duftbäumchen für den Geruch, ein Anti-Tabak-Raumspray für die Raucher und Toilettenpapier, das so weit oben angebracht ist, dass man im Sitzen nicht ankommt.

Im Abteil des Schaffners gibt es heißes Wasser rund um die Uhr aus dem Samowar, sodass es sich jetzt schon auszahlt, dass wir löslichen Kaffee und Becher dabei haben. Für unseren ersten Reisetag haben wir uns noch Zuhause versorgt und sind mit Brötchen, Marmelade, Frikadellen und Schnitzel auf die Reise gegangen. Wir hätten uns allerdings auch unterwegs versorgen können. In der Umspuranlage waren ein paar Frauen unterwegs, die Getränke, Brot und Obst verkauft haben.

Vor der Abfahrt unseres Zuges in Hannover hat unser Schaffner Viktor, dessen Namen Denis von weitem richtig vorausgesagt hatte, alle unsere Fahrkarten eingesammelt. Inklusivie Reservierungen waren das allein von uns genau neu Stück. Die Bahnagentur Schöneberg aus Berlin hat das alles für uns nach der günstigsten Möglichkeit für uns zusammengestellt.

Abendbrot am Waschbeckentisch

Abendbrot am Waschbeckentisch

Die Zusammensetzung unseres Zuges im Laufe unserer Fahrt war folgende: Unser Wagon ist ein Kurswagen Basel – Moskau, der bis Hannover mit dem Zug Basel – Kopenhagen gefahren ist. Hier traf dieser auf den Zug Amsterdam – Kopenhagen, der einige Wagons von Amsterdam nach Warschau dabei hatte. Wir wurden an die Wagons von Amsterdam nach Warschau gekoppelt. In Warschau wurden die Wagons aus Amsterdam abgekoppelt und durch Kurswagen von Wien bzw. Prag nach Moskau ersetzt. Wir übernehmen aber keine Gewähr für Vollständigkeit, denn hier rumpelt es zwischendurch immer wieder, sodass man nie genau weiß, was hier gerade veranstaltet wird.

Die Grenzkontrollen sind ohne Probleme abgelaufen, unsere Visa scheinen also gültig zu sein. Die weißrussische Grenzbeamtin schaute allerdings so genau hin, dass Denis sogar seine Brille abnehmen musste, um seinen Passbild noch ähnlicher zu sehen. Dass sie mich trotz meiner lila Socken zu roten Adiletten mit kurzen Hosen haben einreisen lassen, wundert mich allerdings nach wie vor.

Wir sind mittlerweile pünktlich um 19:44 Uhr Ortszeit (MESZ + 1 Stunde) aus Brest losgefahren und sollen morgen um 9:47 Uhr Ortszeit (MESZ + 2 Stunden) in Moskau ankommen. Jetzt werden wir uns noch ein bisschen Weißrussland, das sich landschaftlich noch nicht von Vorpommern unterscheidet, anschauen und einen Kaffee trinken. Im Nachbarabteil gibt es gerade Trockenfisch.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.