Tag 1: Berge und Täler in Bergen

07. März 2016. Bergen, Norwegen.

Wir haben uns mal wieder auf den Weg gemacht, die Welt zu erobern, und sind ganz untypischerweise Richtung Norden aufgebrochen. Mit der Bahn ging es von Hamburg über Fredericia und Hjørring nach Hirtshals im äußersten Norden Dänemarks. Hirtshals liegt so weit draußen, dass es auf dem letzten Abschnitt in der Regionalbahn ausschließlich Bedarfshalte gibt, was ich bis dato immer für ein rein mecklenburgisches Phänomen gehalten hatte. Merke: reisen bildet.

Anfahrt: Sag mal, weinst du oder ist das der Regen?

Wir erreichen den Bahnhof Lilleheden in Hirtshals um 18:21 Uhr und haben noch ganze 39 Minuten Zeit, für die Fähre nach Bergen einzuchecken, die um 20:00 Uhr ablegen soll. Zwischen uns und dem Terminal liegen nur mickrige 1,9 Kilometer Fußweg, die auf Google Maps nicht weiter schlimm aussehen und in 20 Minuten zu schaffen sein sollten. Was wir auf Google Maps nicht sehen: es ist windig. Und zwar nicht Kölner-Rosenmontagszug-Absage-windig, sondern richtig windig. Zu Fuß auf die Nordsee zu laufend bedeutet das eine belebende Hautkur aus Süß- und Salzwasser fürs Gesicht und ein eher gemächliches Tempo.

Nachdem wir einen großen Bogen um den Autoschalter gemacht haben, den wir aus fadenscheinigen Gründen nicht nutzen dürfen, erreichen wir gegen 18:50 Uhr gut eingeweicht das Terminal. Der nette Mann hinterm Check-In-Schalter nimmt unsere Daten auf und erkundigt sich fürsorglicherweise, ob wir auch ein Auto hätten, das geparkt werden müsste. Wir haben ihm kurz durch unsere vollgeregneten Brillen einen eher fragenden Blick zugeworfen und dann hat er glücklicherweise selbst gemerkt, dass das eine eher doofe Frage war.

Nach einer halben Ewigkeit im Wartesaal dürfen wir aufs Schiff, schmeißen unsere Rucksäcke in die Kabine, ziehen trockene Schuhe an und stürmen direkt das Commander’s Buffet. Dort stehen uns anderthalb Stunden all-you-can-eat und all-you-can-drink zur Verfügung, die wir voll ausnutzen und anschließend zurück in die Kabine rollen.

Ankunft

Der nächste Tag beginnt wie im Bilderbuch:

…um 4:00 Uhr aufwachen, weil irgendjemand die Heizung zu weit aufgedreht hat.

…um 5:00 Uhr aufwachen, weil irgendjemand vergessen hat, seinen Wecker auszuschalten.

…um 6:00 Uhr aufwachen, weil eine nette Frauenstimme über Lautsprecher auf Dänisch, Deutsch und Englisch mitteilt, dass wir in einer halben Stunde in Stavanger sind.

…um 6:20 Uhr aufwachen, weil eine nette Frauenstimme über Lautsprecher auf Dänisch, Deutsch und Englisch mitteilt, dass wir in zehn Minuten in Stavanger sind.

Ausschlafen. Strahlend blauer Himmel. Wasser. Berge. Ruhe.

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Erster Blick auf Norwegen

Nachdem wir dann noch zweimal ausgeschlafen und das Frühstücksbuffet geentert haben, verbringen wir den Rest des Vormittags an Deck, staunen über die wunderschöne Fjordlandschaft und stellen schließlich überrascht fest, dass niemandem ein Fuß oder der Hintern abgefroren ist. Wir sind begeistert und gehen von Bord.

Kulturunterschiede

Wir spazieren durch das Stadtzentrum auf der Suche nach einem Geldautomaten, stellen fest, dass dieser auf Norwegisch „Minibank“ genannt wird und freuen uns darüber. In den nächsten Tagen sollen wir lernen, dass es vollkommen unnötig ist, in Norwegen Bargeld bei sich zu tragen, weil man jeden noch so kleinen Betrag an jeder noch so kleinen Bretterbude mit der Kreditkarte zahlen kann. Würde man auf diese Weise nicht vollkommen den Bezug zu dem verlieren, was man bereits ausgegeben hat, wäre das echt praktisch.

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Lille Lungegårdsvannet

Nachdem wir die Innenstadt ein paar mal durchquert und uns eine Bergen Card für den ÖPNV besorgt haben, wird es dringend Zeit für eine Pause. An einem Café am Lille Lungegårdsvannet, einem kleinen See in der Innenstadt, sitzen wir in der Sonne und lernen eine wichtige Lektion darüber, wie man in Norwegen einen Fremden von einem Einheimischen unterscheidet: Der Fremde trägt bei 4 °C Mütze und Schal. Der Einheimische trägt bei 4 °C kurze Hosen. Damit ist eigentlich alles über die Norweger gesagt. Alles.

Bergen und Berge

Weil das Stadtbild Bergens überraschenderweise durch Berge geprägt ist, die die Ausdehnung der Stadt in bestimmte Richtungen beschränken,  schlängelt sich die Stadt durch die Täler und ist daher ziemlich langgezogen. Der ÖPNV passt sich diesen Gegebenheiten an und verkehrt mit einer einzelnen Straßenbahnlinie, die im Fünf-Minuten-Takt aus dem Stadtzentrum heraus durch das Tal in den Vorort Lagunen pendelt.

Bergen hat zwar nur 270.000 Einwohner – etwa ein Drittel mehr als Rostock – dafür aber zweieinhalb Mal so viel Fläche. Die Bevölkerungsdichte ist angenehm dünn, Hochhäuser und Neubaublocks sucht man vergeblich. So ist unser Weg mit der Tram aus der Stadt heraus vor allen durch kleinere Gebäude und Eigenheime geprägt, die am Berghang gebaut wurden und einen tollen Blick auf Wasser und Stadt bieten müssen.

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Lagunen

Landungsbryggen

Wieder zurück in der Innenstadt wird es Zeit für eine Stärkung, während der es draußen bereits dunkel wird. Im letzten Dämmerlicht des Tages laufen wir durch Bryggen, ein Überbleibsel des Handelzentrums der Hansestadt am Hafen. Es besteht hauptsächlich aus alten bunten Häusern mit schiefen Wänden, Kopfsteinpflaster und kleinen Gässchen.

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Bryggen

Im 11. Jahrhundert wurde Bergen zu einem der wichtigsten Umschlagsplätze für eines der wichtigsten Exportgüter Skandinaviens: Trockenfisch. Aufgrund der hohen Bedeutung dieser Ware – und vielleicht auch, weil Bergen geografisch gar nicht so blöd liegt – zog 300 Jahre später die Hanse ein. Die Häuser an den Landungsbrücken waren zu dieser Zeit komplett aus Holz errichtet, weshalb diese aus Angst vor Bränden nicht beheizt wurden. Weil es in Norwegen im Winter ja nicht so kalt wird, war das bestimmt gar kein Problem. Im 18. und 20. Jahrhundert brachen dennoch einige große Brände aus, in deren Folge Bryggen etwas feuerfester in Ziegelbauweise wieder aufgebaut wurde. Das Ergebnis ist ein wunderbares kleines Viertel, das mittlerweile zu einem UNESCO Weltkulturerbe ernannt wurde.

Zwei Pläne für den Abend

Das Gute an einem Berg ist ja, dass er meist hoch ist und einen guten Blick auf das Tal bietet. Das Gute an einer Stadt mit Berg ist, dass dieser meist einen tollen Blick auf die Stadt bietet. Das Gute an Bergen ist, dass es mit dem Fløyen einen Berg in Zentrumsnähe gibt, auf den auch noch später am Abend eine Bahn fährt. So geht unser erster Plan natürlich erwartungsgemäß auf – wir können einen Blick auf die beleuchtete Stadt mit Hafen, Nordsee und anderen Bergen in den allerallerletzten Strahlen der untergehenden Sonne erhaschen.

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Abendlicher Blick auf Bergen vom Fløyen

Auf dem Fløyen befindet sich neben dem Aussichtspunkt auch eine Langlaufloipe, die für einen Montagabend erstaunlich gut besucht ist. Wer was auf sich hält, geht nämlich nicht joggen, wie hierzulande üblich, sondern packt sich seine Skier ein und läuft die eine oder andere Runde auf dem Berg. Um nicht außer Form zu geraten, gehen wir am Rande der Loipe ebenfalls eine Runde und kommen schließlich ohne Knochenbrüche oder Prellungen wieder an der Floibanen, der Berg-und-Tal-Bahn, an.

Unser letzter Plan für diesen Tag geht leider nicht auf. Nach einigen erfolglosen Versuchen, Bier oder irgendwas in diese Richtung zu besorgen, müssen wir lernen, dass in norwegischen Supermärkten nur bis 20:00 Uhr alkoholische Getränke verkauft werden dürfen. Wer danach noch Bier und Schnaps trinken will, muss leider in eine Kneipe gehen. Irgendwas ist ja immer.

Das wichtigste zum Schluss

Bergen ist seit 1965 (!) Partnerstadt von Rostock.

Verbindungen

IC 386 Hamburg (ab 06.03.2016, 10:53 Uhr) – Federicia (an 14:10 Uhr)

LYN 49 Fredericia (ab 14:44 Uhr) – Hjørring (an 17:55 Uhr)

R 76 Hjørring (ab 18:03 Uhr) – Lilleheden (an 18:21 Uhr) / Sparpreis Europa 58,50 € für 2 Personen mit BC 25

Fjordline MS Stavangerfjord Hirtshals (ab 20:00 Uhr) – Bergen (an 07.03.2016, 12:30 Uhr) / 174 € für 2 Personen, Standard 2-Bett-Kabine

2 Gedanken zu „Tag 1: Berge und Täler in Bergen

  1. Das neue Outfit weiß zu gefallen!

    Gott sei Dank sind Familienmitglieder und andere Angehörige ja grundsätzlich von der Teilnahme an Gewinnspielen ausgeschlossen. 😆

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