Tag 1: FK Partizan – FK Crvena Zvezda

18. Oktober 2014. Belgrad, Serbien.

Wir liefen also direkt nach Abpfiff vom Stadion Shopping Center zu einem richtigen Fußballstadion mit Geschichte und Atmosphäre: dem Stadion Partizana. Bereits auf dem Weg dorthin wurden wir immer wieder von Partizan-Fans überholt. Und an einem großen Kreisverkehr in der Nähe des Stadions war der Verkehr fast zum Erliegen gekommen und wurde von mehreren Polizisten geleitet.

Ab hier sah man weit und breit nur noch Partizan-Anhänger und Polizisten. Viele der Anwesenden waren Personen, denen man sicher nicht nachts allein im Dunkeln begegnen möchte. Dennoch hatten wir zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, dass es für uns gefährlich werden könnte. Die Stimmung war sehr ruhig, aber bis zum Zerreißen angespannt. Die große Mehrheit der Leute vor Ort beäugte wachsam die Personen und das Geschehen im Umkreis. Aber – wie gesagt – alles war ruhig, es gab keine Auseinandersetzungen untereinander oder Provokationen in Richtung der Polizei.

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Weil es draußen nicht allzu viel zu sehen gab und Boro uns geraten hatte, frühzeitig ins Stadion zu gehen, weil es am Einlass länger dauern könnte, gingen wir auch direkt hinein. Unser Gate war zu diesem Zeitpunkt noch sehr leer, die Personenkontrollen waren nicht übermäßig motiviert und unter der Tribüne gab es nicht viel außer einem kleinen Getränkestand. Dieser bestand aus zwei Mitarbeitern hinter einem Holztisch, auf dem ein paar Getränkeflaschen standen, aus denen die Bestellungen eingegossen wurden.

02Unser Block und das ganze Stadion waren schon sehr gut gefüllt, zumindest dafür, dass es noch fast anderthalb Stunden bis zum Anpfiff war. Das Stadion Partizana hat knapp 33.000 Plätze, von denen schon etwa die Hälfte besetzt war. Wir saßen auf der Haupttribüne, in der Nähe der Mittellinie und hatten so alles ganz gut im Blick. Links von uns hinter dem Tor hatten die Roter Stern-Fans ihre Kurve und rechts die von Partizan. Erstere tragen den serbischen Namen Delije – „Helden“. Letztere nennen sich Grobari – „Totengräber“.

DSC04262Es brannte fast zu jeden Zeitpunkt irgendwo ein Bengalo, was aber niemanden wirklich zu interessieren schien. Dann plötzlich begann das große Gerenne und die Totengräber (Partizan) und Helden (Roter Stern) trafen sich am Zaun, der die Hintertor- und die Gegentribüne trennte. Es gab ein bisschen Gepöbel, dann wechselten einige brennende Bengalos den Block und am Ende löste sich die Szenerie wieder auf. Zurück blieb nur ein einsam vor sich hin brennender Sitz, der nur mit viel Aufwand durch einen Polizisten gelöscht werden konnte.

Das Ganze, was zusammengefasst so fast alles ist, wofür ein gewisser Drittligist aus Nordostdeutschland an seinen Verband bereits satte Strafen zahlen und ein Geisterspiel absolvieren durfte, passierte noch bevor auch nur ein Spieler den Platz zum Aufwärmen betreten hatte. Und welche Konsequenzen hatte das? Richtig, keine! Es ist niemand verletzt worden oder gestorben, es gab nicht mal einen einzigen Gedanken, das Spiel zu verschieben oder einem beteiligten Verein zu einem Geisterspiel zu verurteilen, und einen Pressevertreter hat das schon mal gar nicht interessiert. Eine angenehme Abwechslung zu den Zuständen in Deutschland.

Als die Mannschaften den Platz zum Aufwärmen betraten, wurden sie laut und jubelnd von ihren eigenen, laut und pfeifend von den gegnerischen Fans empfangen. Lediglich bei den Schiedsrichtern waren sich alle einig, denn die wurden übereinstimmend ausgepfiffen. Das Aufwärmen verlief bis auf ein paar weitere brennende Objekte ohne Spannung.

Das Einlaufen der Mannschaften und Schiedsrichter zu Spielbeginn war der Startschuss für die Choreografien beider Fanlager. Bei Partizan hatte man die Bande vor den Blöcken schwarz und mit Totenköpfen verkleidet, darauf stand ein Spruch auf Serbisch. Im Block wechselten sich weiße und schwarze Längsstreifen ab.

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Die schwarzen Streifen bestanden aus Pappen, die weißen aus Plastikfahnen. Diese wurden nach kurzer Zeit durch schwarze Fahnen ersetzt, sodass der ganze Block schwarz, aber die Streifen noch weiterhin erkennbar waren. Ganz zum Schluss wurden schwarze und weiße Fahnen zusammen geschwenkt, was ein spannendes Bild ergab.

Die Delije hatten eine ebenfalls sehr ansehnliche, wenn auch in der Vorbereitung vielleicht weniger aufwendige Choreografie mitgebracht. Diese bestand aus gefühlten hundert Bengalos, begleitet von gefühlten hundert Rauchtöpfen. Es begann langsam, aber innerhalb kürzester Zeit stand der gesamte Block in Flammen und eine riesige Rauchwolke über dem Stadion. Das alles war natürlich in den Vereinsfarben rot und weiß gehalten.

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Der Anpfiff musste aufgrund so einer Lappalie wie ein bisschen Rauch über dem Block natürlich nicht verzögert werden. Die Luft auf dem Spielfeld war schließlich klar und der Blick nicht getrübt. Also gab es auch keinen Grund, nicht pünktlich anzufangen.

Nach einigen Spielminuten musste dann allerdings kurz unterbrochen werden, weil nun auch die Partizan-Fans in die Pyroshow einstimmten und sich selbst feierten. Dabei wurden sie sogar durch den einen oder anderen Spieler auf dem Platz angestachelt, weiter zu machen. Als sich dann der dickste Rauch verzogen hatte, pfiff der Schiri die Partie wieder an. Die Sicht dürfte auf dem Platz dennoch nicht mehr als 50 Meter betragen haben.

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Das Spielfeld war mit einer Reihe Polizisten und einer weiteren Reihe Ordner im Abstand von zwei Metern (an den Hintertortribünen weniger) umstellt. Erstere trugen einen ziemlich lächerlich aussehenden Panzer inklusive Weichteilschutz, letztere saßen auf Hockern, wie man sie sonst nur in Kindergärten findet. Während des Spiels wurden sie immer wieder mit Bengalos, Böllern oder anderen Gegenständen beworfen. Sie blieben aber ruhig und gelassen, wichen dem Wurfgeschoss nur kurz aus und ließen sich davon nicht weiter stören.

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Ebenfalls im Stadion befand sich eine kleine Mannschaft von Feuerwehrleuten, die zumindest von weitem aussahen wie die alten Herren der Freiwilligen Feuerwehr Belgrad. Sie trugen ihre Bierbäuche vor sich her und wirkten vor dem Spiel sehr gelassen. Als dann aber ihr Einsatz gefragt war und es Bengalos zu löschen gab, waren sie flink und fleißig bei der Arbeit. Einmal z.B. lag ein brennendes Bengalo neben dem Strafraum. Weil das Spiel zu diesem Zeitpunkt in der anderen Hälfte stattfand, war es nicht unterbrochen und ein Feuerwehrmann konnte es mithilfe seiner Feuerzange vom Feld holen und löschen.

DSC04309Fußball wurde im Übrigen auch gespielt. Aufgrund der vielen spannenden Geschehnisse neben dem Platz konnten wir uns auf das Wesentliche zeitweise kaum konzentrieren. Dennoch möchte ich mal eine grobe Zusammenfassung wagen. Das Spiel wurde von beiden Seiten sehr körperbetont und verbissen geführt. Zweikämpfe wurden von ausnahmslos jedem Spieler auf dem Platz angenommen und hart ausgetragen. Niemand wollte auch nur einen Zentimeter Raumgewinn für seinen Gegner zulassen. Eine solche Emotionalität aller Beteiligten – vom Tor- bis zum Zeugwart – sucht man in den Profiligen Deutschlands vergeblich.

Vom Kampf schenkten sich beide Mannschaften nichts, vom Spielerischen war Partizan aber überlegen. Sie spielten schneller und intelligenter als ihre Nachbarn von Roter Stern, deren Stadion im Übrigen keine zehn Minuten zu Fuß vom Stadion Partizana entfernt liegt. Beide Mannschaften vergaben mehrere Großchancen, sodass es zur Halbzeit bereits 3:3 hätte stehen können. Das hat es aber nicht und so gingen wir mit einem torlosen Unentschieden in die Pause.

Ohne einen Stadionsprecher, der sehr viel unnützes Zeug labert, und ohne das in Deutschland inzwischen sogar in der Kreisklasse übliche Halbzeitspiel, ließ sich die Pause sehr entspannt gestalten. Man hatte nun mal ein wenig Zeit, sich auf der Tribüne umzuschauen und herauszufinden, von dem die deutschen Satzfetzen kamen, die man während des Spiels immer wieder vernommen hatte. Einige bekannte Gesichter von Leuten aus dem Flugzeug, dem Stadion Shopping Center und vergangenen Fußballspielen waren in unserem Umkreis zu sehen. Wir waren also nicht allein.

Die zweite Halbzeit begann ähnlich wie die erste, nämlich mit ein paar Minuten Unterbrechung. Die Grobari wollten anscheinend nicht wie arme Leute dastehen und setzten zu einer weiteren Pyroshow an, die die erste noch um einiges toppen konnte. Der Block brannte, das Stadion rauchte und das Spiel ging weiter. Es war ja schließlich nur die Hälfte eingenebelt, in der gerade nicht gespielt wurde. Erst als sich das Spiel zu verlagern drohte, wurde es unterbrochen.

Die Verbissenheit auf dem Platz und den Tribünen hielt an. Es gab einige Sprechgesänge, die direkt an den Gegner adressiert waren, und einige Tapeten mit Sprüchen auf Serbisch, von denen wir wahrscheinlich froh waren, dass wir sie zwar lesen, aber nicht verstehen konnten. Diesbezüglich nahmen sich im Übrigen beide Seiten nichts. Ebenso wenig wie in der Lautstärke, bei der Partizan nur deutlich stärker war, wenn das ganze Stadion einstimmte.

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Auf dem Platz war Partizan weiterhin überlegen und konnte durch einen größeren Zug zum Tor überzeugen. In der 77. Spielminute war es dann auch endlich soweit und der Gastgeber ging durch einen Freistoßhammer in Führung. Nun gab es endgültig kein Halten mehr im ganzen Stadion. Es wurde kollektiv durchgedreht und bis zum Schluss ein gefälliger Wechselgesang zwischen Hintertor- und Gegentribüne angestimmt.

Nach dem Abpfiff verließen die Schiedsrichter fluchtartig und im Laufschritt den Platz. Die Spieler von Roter Stern verabschiedeten sich von ihrem Fans mit hängenden Köpfen und einer Körperhaltung als wären sie gerade abgestiegen. Die Fans hingegen pfiffen sie weder aus noch beschimpften sie, sondern sangen Lieder, die klangen, als sollten sie den Spielern Mut machen. Als die Mannschaft den Stadioninnenraum verließ, wurde sie von allen schwarz gekleideten Besuchern ausgepfiffen und beschimpft und zum Abschied saß sogar noch ein Typ auf dem Spielertunnel, der wie ein Besessener von oben darauf hämmerte.

Die Partizan-Spieler feierten sich erst ausgiebig selbst und ließen sich anschließend von ihrem Anhang feiern als wären sie Weltmeister geworden und zwar noch mehr als die Mannschaft, die im Sommer tatsächlich Weltmeister wurde.

Nach dem Spiel gab es keine Lokalität, keinen Supermarkt, keine Tankstelle, die Alkohol verkaufen durften. Das Verbot galt den ganzen restlichen Tag und so wurde es leider nichts mit einem Feierabendbier nach einen anstrengenden und spannenden Tag.

Auch wenn ich jetzt über dieses Spiel mehr geschrieben habe als über einige Tage, die wir bisher auf Reisen verbracht haben, habe ich das Gefühl, nur einen kleinen Teil der Eindrücke dieses Derbys wiedergegeben zu haben. Es war jedenfalls ein außergewöhnliches Spiel, das wir so schnell nicht vergessen werden. Eins steht jedoch fest: ein Belgrader Derby im Marakana von Roter Stern muss auch mal sein!

Hier findet ihr alle Videos vom Spiel:

…und ein paar Bilder:

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