Tag 1: „Football is football“

8. Oktober 2014. Belgrad, Serbien.

Dieser Tag und damit unsere Reise begann nicht wie geplant im City Night Line, sondern im Skoda Octavia. Aufgrund des angekündigten Lokführerstreiks wurde unser Zug nämlich gestrichen und die Alternative – der IC 2021, Gegenzug vom legendären 2020 – war zwar reizvoll, aber eigentlich keine Option, da wir mitten in der Nacht fünf Stunden zu früh in Dortmund gewesen wären. Von dort sollte unser Flug nach Belgrad um 7:45 Uhr gehen.

Der Flug war ruhig, aber unbequem, da bei dem eng bemessenen Platz in unserem Billigbomber selbst ich mit meinen 1,30 Metern Probleme hatte, meine Beine irgendwo unter zu bringen. In Belgrad angekommen fanden wir gleich einen Taxifahrer, der uns für 15 Euro – serbische Dinar akzeptierte er nicht – zu unserer Pension brachte. Diese lag mitten in einem Wohngebiet, war verschlossen und vollkommen unbewohnt. Am Eingang hing ein kleiner Zettel mit einer Telefonnummer. Auf Nachfrage dort wurde uns mitgeteilt, dass in etwa 20 Minuten jemand kommen und uns aufschließen würde. Nach einer halben Stunde kam dann auch tatsächlich jemand.

Dieser Jemand war aber nicht irgendwer, sondern unser neuer Freund Boro. Wir unterhielten uns kurz und er erwähnte, dass er nicht damit gerechnet hatte, dass wir noch kommen würden, weil wir auf seine E-Mail nicht mehr geantwortet hatten. Denis hatte ihn nämlich angeschrieben, ob er uns helfen könnte, Karten für das Fußballspiel von Partizan an diesem Wochenende zu besorgen. Und weil wir auf seine Nachfrage, in welchem Bereich wir sitzen wollten, nicht mehr geantwortet haben, hatte er uns abgeschrieben und dachte, wir würden gar nicht aufkreuzen.

Das erste Spiel und der ursprüngliche Grund dieser Reise war das große Belgrader Derby. Partizan gegen Roter Stern. Das Spiel der Spiele. Alles andere, was wir in dieser Woche vor haben, kam in einem späteren Stadium der Planung dazu und war auch eher Zufall. Würde nicht in der nächsten Woche der dritte Spieltag in Champions- und Europa League anstehen, hätten wir wohl ganz andere Pläne schmieden müssen.

Leider hatten wir im Vorfeld große Probleme, Karten zu besorgen. Im Internet war nichts zu finden, einen Vorverkauf gab es in der uns bekannten Form nicht und selbst einige Wochen vorher vor Ort war nichts zu machen. So war der letzte verzweifelte Versuch die E-Mail an unsere Pension, auch wenn wir nicht damit gerechnet hätten, mehr als eine negative Antwort zu bekommen. Unser Plan war es am Ende, einfach mal vor Ort zu schauen, denn den Flug und die Unterkunft hatten wir ja bereits gebucht.

Aber das war bevor wir Boro kennengelernt haben. Er erzählte, dass er Fan von Roter Stern wäre und sich vor Allem für deutschen Fußball interessierte. Als wir ihn noch einmal fragten, ob er uns noch helfen könnte, sah er uns erst skeptisch an. „Ihr wisst, was heute ist?“ – „Ja.“ – „Heute ist das Derby, das ist kein normales Spiel.“ – „Ja.“ – „Das ist wie Krieg.“ Das fanden wir ein bisschen übertrieben, aber wir bestätigten, dass wir das wüssten und auf jeden Fall ins Stadion wollten.

Er sagte, vor ein paar Tagen, wäre es kein Problem gewesen, an Karten zu kommen, aber heute war er sich nicht sicher. Er wollte es aber probieren. So lud er uns direkt ein, mit ihm zum Stadion Partizana zu fahren, damit er sich dort mal umschauen könnte. Gesagt, getan. Nach ein paar Minuten waren wir am Stadion und parkten an der Vorverkaufskasse. Boro verließ uns kurzzeitig und kam wieder, um uns zu fragen, ob der Preis von 22 Euro pro Karte in Ordnung wäre und ob wir lieber auf die West- oder Osttribüne gehen wollten. Der Preis wäre der gleiche, aber die Westtribüne wäre besser, dort könnte er auch Karten an der Mittellinie bekommen.

Da der ursprüngliche Preis bei umgerechnet 15 Euro lag und wir deutlich mehr bezahlt hätten, diskutierten wir nicht und entschieden uns für die Westtribüne. Er ging ein weiteres Mal um die Ecke und kam nach zwei Minuten mit zwei Eintrittskarten wieder. Die Reise war gerettet.

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Eintrittskarten für das Derby

Bevor wir zurück in Richtung unserer Unterkunft fuhren, machten wir noch eine Runde um das Stadion. Boro zeigte uns, wo unser Eingang war und wir konnten schon einen kleinen ersten Eindruck gewinnen. Obwohl der Anpfiff erst um 19:00 Uhr sein sollte, war um 12:00 Uhr schon einiges an Polizei vor Ort. Dazu liefen hier auch schon einige Gestalten herum, von deren Gesichtern und Jogginghosen man ablesen konnte, was sie heute Abend vorhatten. Soweit, so gut. Wir sind ja nicht doof und wissen, worauf wir uns einzustellen hatten.

Auf der Rückfahrt fiel Boro noch ein, dass ganz in der Nähe unserer Unterkunft das Obilic-Stadion steht. Und da wir ja sowieso schon alle zusammen in seinem Auto saßen, fuhr er gleich mal dorthin, damit wir es uns ansehen konnten. Das Stadion befindet sich im Wohngebiet vor der Kulisse mehrerer Wohnblocks und ist nie zu Ende gebaut worden. Es besteht nur aus der Haupt- und Gegentribüne, hinter den Toren ist es offen. Der größte Erfolg des Vereins ansässigen Vereins, FK Obilic, steht in großen Lettern über dem Haupteingang: Jugoslawischer Meister 1997/98.

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Größter Vereinserfolg

Nachdem wir einmal kurangehalten und uns umgesehen hatten, fuhren wir aber wirklich zurück zur Unterkunft. Weil wir Boro für die Partizan-Karten 50 Euro gegeben haben, obwohl sie nur 44 Euro gekostet hatten, bestand er darauf, uns noch einen Kaffee im Café gegenüber auszugeben. Da gab es keine Widerrede.

Wir unterhielten uns noch ein wenig über Fußball und er bemerkte, dass man in Deutschland für ein Spiel Bayern gegen Dortmund mindestens 500 Euro auf dem Schwarzmarkt zahlen würde. Das wäre in Serbien zum Glück anders. Er kenne ja auch so viele deutsche Stadien, er zählte auf, wo er schon überall war: München, Dortmund, Gelsenkirchen, Köln, Frankfurt, Kaiserslautern … Ob er auch Rostock kenne, fragten wir. „Hansa?“ Na klar, kannte er. Er wäre aber Fan von Bayern und da gäbe es auch keine Diskussion.

Wir sprachen auch über Serbien, die wirtschaftlichen Probleme und die neue Regierung. Momentan herrsche noch Rezession in seinem Land, aber in ein bis zwei Jahren, wenn die Wirtschaft wieder anzieht, will er einen Imbiss eröffnen. Eine Idee dafür hat er auch schon, denn in Belgrad gibt es viele Fast Food-Angebote, aber keine mit deutscher Küche. Und so soll sein Imbiss nur zwei Produkte im Angebot haben: Schnitzelbrötchen und Bier. Braucht man eigentlich mehr?

Boro erzählte uns auch, warum er heute nicht zum Derby ginge. Er ist ja Fan von Roter Stern, das Spiel findet aber im Stadion Partizana statt. Da könnte er keineswegs hingehen, denn er ginge nur in sein eigenes Stadion. Dass er ein paar Tage zuvor beim Länderspiel Serbien gegen Albanien in ebenjenem Stadion war, schien für ihn keinen grundsätzlichen Widerspruch darzustellen.

Außerdem müsste er aber heute auch noch auf einen Kindergeburtstag gehen und seine Frau wäre sehr sauer, wenn er da nicht mitkäme. Seine Frau würde ihn sowieso ausfragen, warum er so spät wieder nach Hause käme. Eigentlich wollte er ja nur zwei Pensionsgästen ihre Schlüssel bringen und nun waren schon zweieinhalb Stunden vergangen. Na ja. Ist dann so. „Football is football.“

Nachdem Boro sich wirklich auf den Heimweg gemacht hatte, nahmen wir einen Bus und fuhren zu unserem Nachmittagsprogramm: FK Voždovac gegen FK Jagodina, beide irgendwo im Mittelfeld der ersten serbischen Liga anzutreffen. An diesem Spiel haben uns weder die beteiligten Mannschaften noch der überragende Fußball gereizt, für den die Super Liga bekannt ist. Das besondere war nämlich die Heimspielstätte des gastgebenden Vereins. Diese ist an einem dem modernen Fußball abgeneigten Fan absolut suspekten Ort errichtet worden: auf dem Dach eines Einkaufszentrums. Das Stadion hieß dafür passenderweise Stadion Shopping Center.

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Stadion Shopping Center

Das Einkaufszentrum selbst unterschied sich vom Aufbau und den anzutreffenden Marken von keinem anderen auf der Welt. Es war weder besonders groß noch besonders gemütlich, sondern einfach ein kleines Einkaufszentrum. Da wir weder drinnen noch draußen einen Eingang zum Stadion finden konnten, sprachen wir einen Ordner an, der an einer Einfahrt zur Tiefgarage stand, wo es denn zum Stadion langginge. Er zeigte eine Treppe an der Außenwand hinunter, der wir auch gern folgten.

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Weg zum Stadion

An deren Ende kamen wir – wie es kaum anders zu erwarten war – direkt in die vollbesetzte Tiefgarage des Einkaufszentrums. Glücklicherweise liefen Leute an uns vorbei, die aussahen als würden sie zum Fußball gehen. Wir folgten ihnen also einmal quer durch die Tiefgarage und fanden am anderen Ende tatsächlich einen Aufgang zu Stadion. Eintrittskarten gab es dort nicht zu kaufen. Das war allerdings auch nicht notwendig, denn der Eintritt war frei. Also kostenlos. Bei einem Erstligaspiel. Am Samstagnachmittag. Verrücktes Land.

Wir stiegen die gefühlten 800 Stufen auf das Dach und sahen auch gleich, warum der Eintritt frei war. Wenn die Leute bezahlen müssten, würden sie wahrscheinlich komplett wegbleiben. Von den vier Tribünen war eine geöffnet, es waren etwa 250 Zuschauer anwesend. Zugegeben, das Stadion ist nicht besonders groß und fasst nur 5.000 Zuschauer. Aber selbst dafür war die Kulisse sehr traurig.

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Stadion Shopping Center

Zu dem Spiel kann ich nicht viel mehr sagen, als dass es ziemlich langweilig war. Das Niveau lag etwa bei einem schlechten Zweitligaspiel in Deutschland, es gab keine Stimmung, weil ein Stadion auf einem Einkaufszentrum keine Fanszene anzieht, und das Publikum bestand größtenteils aus einem kleinen Jungen, der die ganze Zeit auf das Spielfeld brüllte, und Ground Hoppern und anderen Touristen, die sich wegen des Abendspiels im Stadion Partizana in Belgrad aufhielten und den Nachmittag irgendwie verbringen mussten. Ja, okay, es waren auch Leute vor Ort, die den Verein regelmäßig besuchen, aber das waren nicht so viele.

Der beste Spieler von Voždovac schoss kurz vor der Halbzeit das 1:0, das auch den Endstand markieren sollte. Als dieser Spieler kurz vor Schluss wegen eines vollkommen überflüssigen Fouls eine gelbe Karte bekommen sollte, drehte er ein wenig durch und beleidigte wahrscheinlich den Schiedsrichter. (Unser Serbisch ist nicht das beste.) Daraufhin bekam er glatt rot und musste von seinen Mitspielern noch davon abhalten werden, dem Schiri eine Kopfnuss zu verpassen. So hatte dieses bis dahin eher unansehnliche Spiel wenigstens noch einen Höhepunkt.

Nachdem wir das Dach verlassen hatten, machten wir uns zu Fuß auf den Weg zum Stadion Partizana. Den Bericht von diesem Spiel möchte ich in einem weiteren Beitrag zusammenfassen, weil es dazu einfach so viel zu erzählen gibt, dass es den Rahmen hier sprengen würde.

Fortsetzung folgt in ein paar Tagen…

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