Tag 10: Das Ende einer Zugfahrt

26. Juni 2013. Chiva, Usbekistan. – Tag vier von vier im Zug nach Usbekistan.

Viel Schlaf gab es in unserer letzten Nacht im Zug nach Turtgul, Usbekistan, nicht. Wir waren nämlich fast die ganze Nacht damit beschäftigt, die kasachisch-usbekische Grenze zu überqueren. Die Ausreise aus Kasachstan dauerte von 23:00 bis 0:30 Uhr, die Einreise nach Usbekistan von 2:00 bis 5:00 Uhr. Es gab das volle Programm mit Pass- und Zollkontrollen, Formularen, Unterhaltungen, wohin die Reise uns führt und was wir beruflich machen.

Eine Einreise nach Usbekistan ist nämlich für Ausländer nicht so einfach wie man es sich vorstellt. Da die Regierung hier doch schon etwas autoritärer ist als wir es aus Europa gewohnt sind, kommt uns das Ganze ein bisschen befremdlich vor. Man möchte nämlich keine Journalisten im Land haben, die über Missstände berichten könnten, oder ähnliche Störenfriede wie Hilfsorganisationen. Daher war es für die Grenzbeamten sehr wichtig zu klären, womit wir unser Geld verdienten.

Das klingt im ersten Moment nicht sehr kompliziert. Aber ich möchte den sehen, der jemandem, der nur wenige Brocken Englisch spricht, erklärt, dass sein Unternehmen Baustoffe verkauft. Wir einigten uns am Ende darauf, dass ich sowas ähnliches bin wie eine Architektin. Da die Diskussion um meinen Beruf schon sehr lange dauerte und mehrere Personen involviert waren, wurde Denis zum Glück nicht mehr befragt.

Das nächste Problem: die Migration Card für Usbekistan. Da in Usbekistan wie gesagt einiges ein bisschen anders und sehr bürokratisch zugeht, muss man bei der Einreise nicht nur Namen, Herkunft, Passnummer angeben, sondern auch den Grund der Reise, wann man endlich wieder ausreist, auf welchem Wege man ein- und ausreist und welche Länder beteiligt sind, wie viele Atomwaffen, Drogen und andere Schmuggelwaren man dabei hat und – ganz wichtig – wie viel Bargeld sich im Reisegepäck befindet. Ein Ausländer darf nämlich nicht mehr Geld ausführen als er einführt. Eine gute Methode, um sicherzustellen, dass die Touristen wenigstens Geld im Land lassen, wenn sie schon kommen müssen.

Das einzige Problem an der Geschichte: das Formular gab es nur auf Russisch. Im Internet hatten wir zwar gelesen, dass es dieses neuerdings auch auf Englisch geben soll, an unserem Grenzübergang war das aber noch nicht angekommen. So setzte sich Ahmed zu uns und sagte uns für jedes Feld vor, was dorthin geschrieben oder angekreuzt werden musste.

Nach dieser ganzen Aufregung durften wir schließlich doch nach Usbekistan einreisen und konnten schon in der Nacht feststellen, dass sich das Bild des Zuges hier schlagartig veränderte. Es bestätigte sich unsere Vermutung, dass in Russland und Kasachstan nicht so stark darauf geachtet wurde, dass auch jeder eine Fahrkarte hatte. Dafür stiegen nun umso mehr Leute ein, die irgendwo untergebracht werden mussten und teilweise etwas zwielichtige Gestalten waren.

Da  unsere Schaffner penibel darauf achteten, dass es den Ausländern gut geht, sie weder beklaut noch belästigt werden, hatten wir einen unerwarteten Übernachtungsgast auf einer der oberen Liegen in unserem Abteil, die uns bis dahin als Gepäckablage gedient hatten: Ahmed, unseren Schaffner. Die komischen Typen, die eigentlich in unser Abteil wollten, wurden dafür im Schaffnerabteil untergebracht. Ausländerbonus die Zweite.

Ort in Usbekistan

Ort in Usbekistan

Im Laufe des Vormittags ist der Hauptgang unseres Zuges zum Basar geworden. Immer mehr Leute stiegen ein und verkauften immer mehr lebenswichtige Dinge. An erster Stelle standen Sim-Karten und Handys, dann kamen Akkus und Ladekabel. Und man muss dazu sagen, dass es Zubehör für jedes noch so alte Handy gab. Meist von Frauen wurden Brot, Wasser und Eis verkauft. Außerdem gab es Kleidung, Spielzeug und – was am besten roch – Trockenfisch. Damit auch jeder im Zug wusste, dass die ganzen tollen Sachen verkauft wurden, sind die Verkäufer auf und ab gelaufen und brabbelten unaufhörlich, was sie alles Tolles dabei hatten.

Die entspannte Stimmung im Zug war nun endgültig dahin und als wäre das nicht schon genug Stress, bekamen wir nun zwei Leute ins Abteil, die auch tatsächlich Fahrkarten inklusive Reservierungen für die oberen Liegen hatten. Aber das war auch kein Problem. Auch wenn wir uns nicht so viel mit ihnen unterhalten konnten, waren sie ganz nett.

Die Gegend in Usbekistan stellt sich übrigens folgendermaßen dar: Wüste, Wüste, Wüste, Wüste, Wüste. Dann schaut man mal anderthalb Minuten nicht aus dem Fenster und – Zack – ist alles grün. Man ist dann in einer Oase gelandet und es kommt eine Ortschaft nach der nächsten. Ansonsten unterscheidet sich die Gegend so gar nicht von Kasachstan.

Kurz bevor wir in Turtgul ankamen, stellte uns Boris Sascha und Frank vor, zwei DJs aus Chemnitz. Die beiden saßen im Nachbarwagon, waren schon seit anderthalb Tagen an Bord und teilten sich ein Abteil mit zwei russischen Deutschlehrerinnen. Die Welt ist ein Dorf. Obwohl die beiden eine ähnliche Route hatten wie wir und wir Handynummern getauscht haben, haben wir uns nicht wieder getroffen, weil wir nie zur gleichen Zeit am gleichen Ort waren.

Ankunft in Turtgul

Ankunft in Turtgul

Wir erreichten Turtgul dann planmäßig gegen 16:30 Uhr und wurden Zeugen von den dramatischen Szenen, die sich hier abspielten. Es wurden etwa 200 Taschen aus dem Zug ausgeladen und alle waren ganz aufgeregt. Am Bahnsteig warteten auch schon viele Männer mit großen Karren auf das ankommende Gepäck. Auch hier war nicht erkennbar, woher die Leute wussten, welche Taschen für sie bestimmt waren.

Von Turtgul aus mussten wir mit einem Taxi nach Chiva fahren. Boris hatte sich ja schon bereit erklärt, für uns den Preis zu verhandeln. Das tat er dann auch und wir zahlten mit 10 US-Dollar pro Person zwar einen Ausländerpreis, dieser war aber im Rahmen. Nebenbei verhandelte er den Preis für sich und seinen Sohn, denn die beiden mussten auch grob in Richtung Chiva. Komplettiert wurde unser Taxi mit fünf Sitzen dann durch einen anderen Reisenden, der ebenfalls nach Chiva musste. Inklusive dem Fahrer waren wir dann zwar sechs Personen, aber da Boris‘ Sohn ja kaum älter als 10 war, zählte der nicht richtig.

Verkehr

Verkehr

Turtgul liegt in der autonomen Republik Karakalpakstan, die faktisch aber zu Usbekistan gehört. Das kann man wahrscheinlich so ähnlich sehen wie den Freistaat Bayern. Nur mit Grenzkontrollen, die Bayern sicher auch durchführen würde, wenn es könnte. Auf dem Weg nach Chiva gab es aber eine Grenze, die allerdings nur aus einem Grenzhäuschen mit einem Beamten bestand. Aber Grenze ist Grenze und Beamter ist Beamter. Dieser würde die sechs Personen im Auto nicht durchgehen lassen und so wurde Boris‘ Sohn kurzerhand an ein hinter uns fahrendes Taxi ausgeliehen. Wir hatten nicht den Eindruck als wäre das verabredet gewesen. Das Kind wurde einfach kurz für den Grenzübergang dort ins Auto gesetzt und stieg nach ein paar Minuten wieder bei uns ein.

Boris und Denis

Boris und Denis

Nach etwa einer Dreiviertelstunde Autofahrt kamen wir bei der Tochter von Boris an, wo dieser und sein Sohn abgesetzt wurden. Diese wohnte mit ihrer Familie in einem ruhigen Wohnviertel mit kleinen Lehmhäusern, in dem viele Kinder auf der Straße spielten. Wir wurden eingeladen, dort zu duschen und Abendbrot zu essen. Wir lehnten das großzügige Angebot allerdings ab, da wir nach vier Tagen einfach nur in ein Hotelzimmer mit Bad wollten. Wären wir nicht so fertig und ungeduscht gewesen, hätte das ein sehr netter Abend werden können.

Boris gab dem Taxifahrer eine Telefonnummer, unter der dieser ihn anrufen sollte, wenn er uns am Hotel abgesetzt hat. Außerdem schrieb er sich das Nummernschild des Taxis auf, um auf Nummer sicher zu gehen. Sehr rührend wie er sich um uns gekümmert hat.

Wir müssen an dieser Stelle noch mal kurz den Begriff „Taxi“ definieren: Es gibt hier keine offiziell registrierten gelben Fahrzeuge mit Taxameter. Ein Taxi ist ein beliebiges Auto, das beliebig viele Menschen zu einem beliebigen Ort transportiert. Jeder, der ein Auto hat, ist also mehr oder weniger gleichzeitig auch Taxifahrer. Man ist immer auf der sicheren Seite, wenn man den Preis vorher aushandelt. Dann gibt es hinterher keine Streitereien. Außerdem muss man aufpassen, da viele Fahrer den Preis pro Person angeben und am Ende von jedem Mitfahrer den genannten Betrag haben wollen.

Feld neben der Straße

Feld neben der Straße

Als nächstes galt es, den namenlosen weiteren Mitfahrer Zuhause abzuliefern. Wir fuhren dazu weiter durch die Gegend, über Straßen mit toilettendeckelgroßen Schlaglöchern, an deren Rand Felder lagen, auf denen viele Menschen arbeiteten. Das war auch der Grund, weshalb es das eine oder andere Pferde- oder Eselgespann zu überholen galt und weshalb auch mal ein Kuhhintern auf die Straße ragte.

Usbekistan ist außerhalb der Oasen ein sehr trockenes Land. Und damit so viel Boden wie möglich fruchtbar gemacht werden konnte, wurden überall Kanäle gebaut. Es gibt kaum eine Straße, an deren Rand kein Kanal entlangläuft. Die Ursache dafür liegt in der Sowjetzeit. In Moskau hatte man nämlich geplant, so autark wie möglich zu werden und daher beschlossen, Usbekistan zum Baumwollanbaugebiet der Sowjetunion zu machen. Baumwollsträucher sind nur leider Pflanzen, die sehr viel Wasser benötigen. Daher mussten viele Kanäle gebaut werden. So wurde den Flüssen immer mehr Wasser entnommen, was letztendlich dazu führte, dass der Aralsee über Dreiviertel seiner ursprünglichen Fläche einbüßen musste, weil die Flüsse viel weniger Wasser in den See führen. Frühere Hafenstädte liegen nun bis zu 80 Kilometer vom See entfernt.

Auch heute noch wird hauptsächlich Baumwolle in Usbekistan angebaut. So entstand eine Monokultur, die anfällig ist für Krankheitserreger und daher besonders stark mit allerlei Pestiziden behandelt werden muss. Das ist für niemanden gesund, wird aber kurzfristig nicht zu ändern sein. Denn durch den Verkauf von Baumwolle nehmen die Bauern hier noch mit am meisten Geld ein. Und in einem Land wie Usbekistan ist die Gewinnmaximierung nicht durch Gier getrieben, sondern durch Überlebensinstinkt. Unterwegs sahen wir auch viele Leute, nicht nur Kinder, die in den Flüssen und Kanälen badeten. Dies taten hier auch nicht alle aus Vergnügen, sondern weil es die kostengünstigste Möglichkeit für ein Bad ist.

Wohngebiet

Wohngebiet

Nach einer weiteren halben Stunde Fahrt erreichten wir das Wohngebiet, in dem der andere Mitfahrer wohnte. Dieses war noch größer und hier waren noch mehr Kinder auf der Straße. Die Atmosphäre war feierabendlich entspannt und niemand verfiel in Stress. In den Vorgärten standen viele Gebilde, die auf den ersten Blick aussahen wie alte Bettgestelle. Auf den zweiten Blick sahen sie immer noch so aus, hießen aber „Tapchan“ und sind die usbekische Alternative zu Bänken. Diese haben den entscheidenden Vorteil, dass man darauf liegen kann und nicht sitzen muss.

Zum Schluss sollten wir zu unserem Hotel gebracht werden. Der Fahrer erzählte uns nun unterwegs, wie viele Kinder er hatte und beeindruckte uns damit, dass er auf Deutsch bis zehn zählen konnte. Wo er das gelernt hatte, verriet er aber nicht. Obwohl der Weg zu unserem Hotel für usbekische Verhältnisse sehr gut ausgeschildert war, hielten wir mehrere Male an und fragten Passanten nach dem Weg. Am Ende kamen wir doch wie geplant an und der Fahrer rief natürlich sofort Boris an, damit wir uns anmelden konnten. Denis versicherte ihm, dass es uns gut ginge und alles wie geplant gelaufen ist. Damit war er zufrieden und wir konnten endlich auf unser Zimmer.

Stadtmauer von Chiva

Stadtmauer von Chiva

Und das hieß: Duschen! Geil wie Sau! Ich war zuerst dran und musste mir etwa dreimal die Haare waschen, um das Trockenshampoo endgültig ausgewaschen zu bekommen. Gegen Ende meiner Duschorgie ist das Wasser dann auch warm geworden. Egal, man kann nicht alles haben. Nachdem Denis dann ebenfalls geduscht hatte, wollten wir in die Altstadt gehen, um eine Kleinigkeit zu essen. Unser Hotel lag direkt an der Stadtmauer von Chiva, auf die wir einen guten Blick von unserem Zimmer aus hatten.

Bevor das allerdings los gehen konnte, mussten wir Geld wechseln. Geldautomaten sind in Usbekistan Mangelware, weshalb wir unser Usbekistan-Budget in US-Dollar dabei haben. Das stellte sich auch als gar nicht so doof heraus, denn wir haben bis zum Schluss keinen funktionstüchtigen Geldautomaten in Usbekistan gesehen.

Die US-Dollar tauscht man zwar am besten auf dem Basar, aber wir waren in einem fremden Ort, hatten Hunger und keine Lust, einen Basar zu suchen. Außerdem war der Basar wahrscheinlich bereits geschlossen. Also tauschten wir zu einem relativ ungünstigen Kurs im Hotel. Am offiziellen Aushang stand, man bekäme ein bisschen über 2.200 Sum pro US-Dollar. Der Hotelier hat sich aber vertan und uns den Verkaufskurs von 2.600 Sum pro US-Dollar berechnet. Wir waren glücklich über diese Unachtsamkeit und beschlossen, den Tauschbetrag zu erhöhen. Yeah, Geld gespart. Leider ist dem guten Timur eine Stunde später aufgefallen, dass er sich vertan hat und er wollte die Differenz zurück. Schade, da haben wir doch kein Schnäppchen geschlagen.

Es ist allerdings egal, wie man es dreht und wendet, denn wir hatten viel zu viele Scheine bekommen, um diese auch nur ansatzweise im Portemonnaie unterzubringen. In Euro umgerechnet ist der Kurs etwa 1 zu 3.000 – sprich für einen Euro bekommt man 3.000 Sum. Prinzipiell kein Problem. Die Sache gestaltet sich dann jedoch schwierig, wenn man bedenkt, dass der größte Schein eine 1.000 Sum-Note ist. Das ist als würde man alles in 33 Cent-Scheinen (SCHEINEN!) bezahlen. Macht voll Spaß.

Altstadt von Chiva

Altstadt von Chiva

Wir sind dann jedenfalls mit einer ausgebeulten Hosentasche in die Altstadt gegangen, die sehr leer, aber sehr toll anzusehen war. Es waren nur wenige der alten Gemäuer angestrahlt, aber der Sonnenuntergang trug zu einer tollen Atmosphäre bei. Es waren auch hier viele Kinder unterwegs, meist begleitet von einer Frau.

Wir fanden schließlich ein Lokal auf einer Terrasse im Freien, in dem die Tische nach Bedarf positioniert wurden. Zwei Tische waren besetzt, der dritte – unserer – wurde auf Wunsch platziert. Es gab keine Speisekarte, sondern vorher eine Ansage, was die Küche heute bereithielt: Borschtsch (Rote Bete-Suppe) und Plov (Reisgericht mit Hammelfleisch und Gemüse). Da brauchten wir nicht viel überlegen oder diskutieren und bestellten jeweils ein Zwei-Gänge-Menü. Dieses stellte sich am Ende als relativ teuer heraus, aber ohne Speisekarte ist es auch schwierig, einen Überblick zu behalten.

Altstadt von Chiva

Altstadt von Chiva

Hier hatten wir zum ersten Mal echten Umgang mit dem usbekischen Geld und mussten feststellen, dass das Bezahlen mit Sum noch komplizierter ist als das Verstauen. Die Kellnerin zeigte sich allerdings sehr geschickt im Zählen. Kein Wunder, die kennt es ja auch nicht anders.

Auf dem Rückweg zum Hotel durch die größtenteils wenig beleuchtete Altstadt hielten wir an einem Laden, um Wasser zu kaufen. Auch hier gab es keine Preisauszeichnung und so zahlten wir hier ebenfalls Touristenpreise. Auch das gehört in die Kategorie „Ausländerbonus“. Wir dürfen aber nicht vergessen zu erwähnen, dass die Preise, die wir hier zahlen, im Vergleich zu den deutschen schon sehr gering sind. Versteht es also nicht als Meckern, wenn wir über Touristenzuschläge schreiben, sondern als Schilderung der Reise wie wir sie erleben. Denn das gehört nun einmal dazu, wenn man als im Vergleich doch sehr wohlhabender Europäer in sehr arme Länder reist.

Wir kamen schließlich mit Wasser und vollem Magen in unserem Hotel an und mussten uns erstmal daran gewöhnen, dass unser Bett nicht mehr durch die Bewegungen auf der Schiene ratterte, sondern ganz still dastand.

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