Tag 10: Grenzübergang nach China – ein Drama in drei Akten

19. Juli 2015. Zug nach Urumqi (China).

Als ich am Morgen aufwache, ist es so früh, dass ich die erste Person im ganzen Zug zu sein scheine, die bereits die Augen geöffnet hat. Abgesehen vom Lokführer. Hoffentlich. Das ist eine Gelegenheit, die ich mir keinesfalls entgehen lassen kann, die noch unbenutzte und – den Umständen entsprechend – saubere Toilette zu nutzen. Wenn sich einem diese Chance offenbart, muss man sie einfach ergreifen. Und weil der große Spiegel auf der Toilette so toll mit rosanen Glitzersteinen besetzt ist, macht es doppelt Spaß, an diesem Morgen pinkeln zu gehen.

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Morgendliche Ruhe

Prolog

Wir verbringen den Tag ohne große Aufregung und mit sehr viel Ruhe, kaffeeähnlichen Getränken und einer ganzen Menge Gegend, die am Fenster vorbei zieht. Die Steppe ist weit, die Gräser kurz, die Stromleitungen, die uns auf langen Strecken stets begleiten, gerissen. Hin und wieder fahren wir an einem See vorbei, der so salzig ist, dass er weiße Ränder, aber keine nennenswerte Vegetation hervorruft. Außerhalb unseres Zuges sind weder Menschen noch Tiere zu sehen.

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Kasachische Steppe

Für diesen Zug war vorab kein Fahrplan im Internet aufzutreiben, weshalb wir selten wissen, wo wir uns befinden, und wie lange wir dort halten. Nur am Verhalten der anderen Reisenden lässt sich ableiten, ob es sich lohnt, kurz auszusteigen. Stehen nur Leute mit Taschen im Gang, lohnt es sich nicht. Steigen die Leute ohne Gepäck aus, deutet das auf einen längeren Aufenthalt hin. Davon haben wir allerdings nur einen einzigen, und zwar an einem kleinen Bahnhof ohne Namen, dafür mit einem ziemlich schäbigen kleinen Konsum. Hier wird ein wenig hin und her rangiert, schließlich werden drei Wagons aus Astana an unsere angekoppelt und wir können schon fast als ganzer Zug durchgehen.

Ein paar Stunden später, es ist bereits Nachmittag, erreichen wir das Ziel der meisten Mitreisenden und mindestens viermal so vielen Taschen. Der Zug leert sich nun schlagartig, selbst der Mann mit dem Jutebeutel verlässt uns wieder. Wir bleiben als einige der wenigen zurück. Die Erklärung dafür, dass die meisten aussteigen, ist wohl, dass wir uns am Grenzbahnhof befinden und die meisten Kasachen nicht nach China reisen wollen. Man fragt sich, warum dieser Zug dann überhaupt über die Grenze fährt.

I. Akt: Umspuren

Dann geht es in die Umspuranlage, denn Kasachstan und China trennen auf der Schiene etwa 89 Millimeter. Das Umspuren in Kasachstan geht eigentlich genauso vonstatten wie das Umspuren in Brest auf dem Weg nach Weißrussland: Wagons entkoppeln, Achsen los schrauben, Wagon anheben, Achsen darunter austauschen, Wagon absenken, festschrauben, Wagons wieder zusammenkoppeln, fertig. So versteht und erklärt es zumindest ein absoluter Laie. Wer an einer technisch einwandfreien Erklärung interessiert ist, kann diese gern [hier] nachlesen.

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Umspuranlage

Der Unterschied zur Umspurung an der polnisch-weißrussischen Grenze ist, dass hier deutlich mehr Menschen an einem Wagon arbeiten. Oder zumindest mit diesem beschäftigt sind. Was genau jeder einzelne da eigentlich macht, erschließt sich uns nicht. Vor allem der Mann mit dem Riesen-Schrauben-Schlüssel-Ding (Ja, ich habe mal für einen Baumarkt gearbeitet. Ihr merkt es an meiner Fachkompetenz.), der durch den Wagon rennt und sich mit unseren Schaffnern unterhält, scheint einen eher unaufgeregten Job zu erfüllen. Wahrscheinlich ist er der Chef.

Nachdem dann alle Achsen festgeschraubt – wir hoffen an dieser Stelle, dass sich nicht der einzige Achsen-Schraubenzieher im Zug befindet – und alle Neuigkeiten zwischen Schaffner und Schrauber ausgetauscht sind, kann es weiter gehen. Dem folgenden Grenzübertrittt nach China sehen wir ziemlich gelassen entgegen, denn wir haben in den letzten Jahren ja schon die eine oder andere Grenze passiert. Dass es doch immer wieder Überraschungen gibt, zeigen die folgenden Stunden. (Es wäre nett, wenn ihr euch an dieser Stelle einen ausdurcksstarken Musikeinspieler vorstellen könntet, um die Dramatik zu unterstreichen und das Ende des ersten Aktes einzuleiten. Danke.)

II. Akt: Ausreise aus Kasachstan

Die Ausreisekontrolle für Kasachstan ist deutlich strenger als die Einreisekontrolle. Wir werden nach unserem Gepäck gefragt. Beim Anblick der beiden großen, gut gefüllten Rucksäcke vergeht jedem Zöllner die Lust an einer tiefergehenden Kontrolle. Wir versichern, dass wir lediglich Wäsche haben, die Zöllner sind damit zufrieden. Die Gepäckfächer unter den Liegen und über der Abteiltür werden gründlich geprüft. Ein Spürhund (Bomben? Drogen? Unzensiertes Internet?) wird durch den Zug geführt. Das volle Programm wird aufgezogen.

Schließlich bleibt jemand an unserer Abteiltür stehen und fragt uns etwas. Er versucht es erst auf Kasachisch, als er merkt, dass wir ihn nicht verstehen, auf Russisch, schließlich auf Chinesisch. Ratlosigkeit in unseren Gesichtern gefolgt von einem aufrichtigen Schulterzucken. „Don’t you speak Chinese?“ Kopfschütteln. Lachen. „Good luck!“ Um seine Frage auf Englisch zu stellen, reicht sein Vokabular offenbar nicht aus. Es ist immer wieder ein Traum, wie schnell einem Grenzer das Interesse an unangenehmen Fragen vergeht, wenn eine gemeinsame sprachliche Basis fehlt. Andererseits kann jemand, der weder Kasachisch noch Russisch oder Chinesisch spricht, auch kein schlechter Mensch sein. (Sowas Ähnliches habe ich schon mal irgenwo gehört. Wo war das noch gleich?)

Die kasachische Grenzkontrolle ist also ziemlich ausführlich, dauert aber nicht deutlich länger als normal. Eine halbe Stunde vielleicht, dann geht es weiter. Der Grenzstreifen ist ziemlich breit und voller Zäune, Gebäude und abgeschirmter Anlagen. Dann kommt die chinesische Kontrolle. (Hier bitte einen noch dramatischeren Einspieler vorstellen.)

III. Akt: Einreise nach China

Bei Einfahrt unseres Zuges in den Grenzbahnhof wird über Lautsprecher am Gleis die chinesische Nationalhymne gespielt, einige Beamte in Uniform stehen stramm und salutieren. Endlich empfängt uns mal ein Land in einer angemessenen Arte und Weise.

Noch bevor die Wagontür vollständig geöffnet ist, ist der ganze Zug voller Chinesen. Jemand nimmt unsere Pässe mit, wir hoffen, dass es sich dabei um einen Grenzbeamten handelt und nicht um einen Schlepper. Das Abteil wird abermals durchleuchtet, unter dem Bett, über der Tür, jeder Winkel ist ein potenzielles Versteck für Verbotenes. Schließlich gesellen sich zwei junge, sehr freundliche Zöllner – ein Mann und eine Frau, beide Anfang Zwanzig – zu uns, die sich im perfekten Englisch mit uns unterhalten. Sie müssten sich unser Gepäck anschauen. Okay, das war zu erwarten. Wir holen die Rucksäcke hervor, erwarten die gleiche Reaktion wie sonst – ein skeptischer Blick, eine Frage nach dem Inhalt, Danke, Tschüß – und sind aufrichtig erstaunt, dass sie wirklich darauf bestehen, hinein zu schauen. Das ist noch nie passiert.

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Verdächtig: unsere Rucksäcke

Denis öffnet seinen Rucksack, holt Waschtasche und den Dreckwäschebeutel heraus. Die junge Dame mit den Baumwollhandschuhen schaut in den Rucksack, greift hinein, fühlt, findet offensichtlich nichts Verdächtiges. Sie schaut noch ins Fuß- und Kopffach, alles sauber. Weiter.

Dann kommt mein Rucksack an die Reihe. Neben Waschtasche und Dreckwäschebeutel befindet sich darin auch der Sack mit unseren Reiseführern. Der ist für die beiden besonders interessant. Alles, was etwas Geschriebenes enthält, ist schließlich potenziell staatsfeindlich. Aufgrund der großen Fülle an Reiseführern und Stadtplänen, die wir mit uns tragen, schauen sie sich gegenseitig skeptisch an und wollen wissen, wo wir schon überall waren und wohin wir noch wollen. Sie sind einigermaßen sprachlos über unsere Reisepläne, fragen aber nicht weiter nach Gründen, sondern wenden sich wieder den Büchern zu. Von abgedrehten Langnasen mit einer komischen Vorstellung von Urlaub haben sie also schon in der Akademie gehört.

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Am Visum konnte die Einreise schon mal nicht scheitern.

Der Reiseführer über Moskau scheint sie nicht zu interessieren,  der über Japan ebensowenig. Unseren chinesischen Reiseführer wollen sie sich anschauen. Na klar, warum nicht, dafür ist er ja da. Sie blättern einmal durch und suchen dann gezielt nach Landkarten. Da sie das Kartenmaterial ziemlich genau studieren und immer wieder auf etwas zeigen, habe ich das Gefühl, sie hätten das Interesse an uns verloren und würden sich stattdessen gegenseitig auf der Karte zeigen, woher sie kämen.

Nach einigen Beratungen teilen sie uns allerdings mit, dass sie das Buch leider konfiszieren müssen. Das Aufschlagen unserer Kinnladen auf dem Boden scheinen sie wohl als Frage nach dem Warum zu deuten. Sie antworten, es befände sich leider Kartenmaterial in unserem Reiseführer, das Taiwan als eigenständiges Land ausweist und das entspräche offensichtlich nicht den Tatsachen. Wir sind einigermaßen überrascht, können aber wenig machen außer freundlich bleiben und dem zustimmen. Wie konnte uns diese Unglaublichkeit bloß entgehen? Wer hat uns solchen Scheiß angeboten? Glücklicherweise stellen sie fest, dass es ja nicht unsere Schuld wäre. Na dann ist ja gut. Einen Reiseführer über Xi’an, den wir auf der ITB von der chinesischen Tourismusbehörde erhalten haben, kontrollieren sie übrigens gar nicht erst. Denn dieser trägt ja das staatliche Siegel auf dem Deckblatt. Und das wird nicht hinterfragt.

Es geht weiter. Ein Schachspiel und unser Reisescrabble werden ausgepackt. Letzteres weckt Interesse, scheint dann bei näherer Betrachtung nicht verdächtig. Im Deckel des Rucksacks befinden sich Kopfschmerz- und Durchfalltabletten, die wir überraschenderweise ebenfalls behalten dürfen. Auch das Maniküreset geht durch. Dann noch ein Blick in die Waschtasche, auch hier lässt sich zwischen Duschgel und Zahnbürste nichts Verdächtiges finden. Sie verabschieden sich vorerst von uns.

Ein paar Minuten später kommt der junge Mann wieder und setzt sich zu uns. Er würde sich gern unsere elektronischen Geräte ansehen, ob wir welche dabei hätten. Natürlich, eine Kamera, zwei Handys, ein iPad. Mit letzterem fängt er an. Gezielt sucht er die Fotoapp, öffnet sie, fragt noch, ob sich private Fotos darauf befänden. Den Einwand, dass die wohl alle privat sind, verkneifen wird uns und versichern, dass sich darauf natürlich nichts Privates befände und er sie sich gern anschauen könnte. Alle bisher entstandenen Fotos dieser Reise sind bereits auf das iPad überspielt, er scrollt durch und öffnet wahllos irgendwelche Fotos. Er fragt nach dem Entstehungsort jedes Bildes und sagt noch, er könnte ja nicht überall hin. Eine Provokation? Mit Sicherheit. Wir gehen nicht darauf ein.

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„Where was that taken?“ – „Sweden“ – „Okay“

Die Kamera will er nicht sehen. Er sagt, er glaubt uns, dass wir Touristen sind. Puh. Da haben wir ja noch mal Glück gehabt. Die Handys müssen dennoch kontrolliert werden – Vorschrift ist Vorschrift. Auch hier will er sich Fotos und Filme ansehen. Dass sich auf Denis‘ Handy kaum Dateien befinden, findet er dann doch irgendwie verdächtig. Zum Glück verhilft eine alte Pressekonferenz von Peter Vollmann, dem ehemaligen Trainer von Hansa Rostock, zur Zerstreuung weiterer Fragen. (Jeglichen zynischen Kommentar dazu verkneife ich mir an dieser Stelle.)

Auf meinem Handy sind unverdächtig viele unverdächtige Fotos. Er ist zufrieden, fragt aber noch, warum wir japanische Kopfhörer von Sony hätten und keine deutschen, von Sinnheiser zum Beispiel. Der Sinn dieser Frage erschließt sich nicht ganz. Aber die einfachste, wahrste und unverdächtigste Antwort, nämlich dass die von Sony billiger sind, stellt ihn abermals zufrieden. Er bedankt sich für unsere freundliche Mithilfe und verschwindet schließlich.

Epilog

Anscheinend passieren nur sehr wenige Europäer auf diesem Weg die chinesische Grenze, weshalb wir ganz besonders verdächtig waren und ganz besonders unter die Lupe genommen werden mussten. Dass die Kontrollen in anderen Abteilen ähnlich streng waren, haben wir nicht mitbekommen. Andererseits waren wir auch sehr mit unserer eigenen beschäftigt. Auch wenn wir uns nichts vorzuwerfen haben und keine kriminellen oder aufklärerischen Absichten haben, fühlten wir uns als Verdächtige, die ihre Unschuld beweisen müssen. Es gibt eigentlich keine angenehmen und fröhlichen Grenzkontrollen auf der Welt. Aber die chinesische war schon äußerst unangenehm. Um das chinesische Visum zu bekommen, mussten wir sogar bereits im Antrag alle Hotel- und Ausreisedaten angeben, sodass alles gebucht werden musste, bevor wir überhaupt die Sicherheit hatten, dass wir wirklich einreisen dürfen.

Wir packen schließlich wieder zusammen und stellen fest, dass wir nicht aufgrund der Kontrolle so sehr ins Schwitzen gekommen sind, sondern dass es tatsächlich so warm geworden ist. Wenn der Zug nicht fährt, läuft die sowieso eher sparsame Klimaanlage auf Stufe Lagerfeuer. Jemand hat das Fenster im Gang geöffnet, was auch nicht für Abkühlung sorgt, sondern eher dafür, dass alles Viehzeug der Welt in unser Abteil fliegt.

Unser Gerätekontrolleur kommt nach einiger Zeit nochmals zu uns und informiert darüber, dass wir erst in zwei Stunden weiterfahren würden und uns keine Sorgen machen müssten. Wunderbar. Wir bekommen irgendwann unsere Pässe wieder ausgehändigt und erwarten eigentlich, dass uns jemand sagt, dass wir eine tolle Wohnung hätten, aber vor Abreise wenigsten die Blumen hätten gießen können, oder dass unsere Schufa-Auskunft ja unter aller Sau wäre und wir mal wieder zum Zahnarzt müssten. Aber das sagt uns niemand. Wahrscheinlich nicht, weil diese Informationen nicht vorlägen, sondern weil es uns nichts angeht, dass sie vorliegen.

Irgendwann, aber nicht nach zwei Stunden, ertönt wieder die Nationalhymne im Bahnhof und der Zug setzt sich in Bewegung. Der gesamte Grenzübergang inklusive Umspuren hat fast sechs Stunden in Anspruch genommen. Gegen 17:00 Uhr begann das Drama, gegen 23:00 Uhr kasachischer Zeit sind wir fertig. Aufgrund der Zeitverschiebung ist es bereits 1:00 Uhr in China. Zeit zu schlafen und sich von den Strapazen des Tages zu erholen.

Heutige Verbindungen

054 ZZ Astana (ab 18.07.2015, 17:15 Uhr) – Urumqi (an 20.07.2015, 9:50 Uhr) / 15.717,20 Rubel = 213,52 Euro (2 Personen im Liegewagen, 4er-Abteil)

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