Tag 10: Viele Hortkinder, eine wandelnde Hängebrücke und ein Sonnenuntergang am Strand 

31. Juli 2017. Valkla, Estland.

Die AIDA hat in Tallinn angelegt. Wer diesen Umstand noch nicht live miterlebt hat, kann sich keine Vorstellung davon machen, wie viel Dramatik in diesen sechs Worten steckt. Die wirklich sehr schöne Altstadt Tallinns wird überrannt von Deutschen, die von Hut bis Stiefel in Wanderkleidung stecken, und streng einem Schild mit einer Zahl folgen.

Die wenig wagemutigen unter ihnen tragen zudem einen AIDA-Aufkleber auf ihrer Fleece-Jacke, wahrscheinlich damit man sie dort wieder abgeben kann, falls man mal einen abseits seiner Gruppe, verängstigt und weinend in einer Ecke stehend findet. Die Abenteuerlustigen sind einer AIDA-Fahrradgang beigetreten und tragen als Erkennungszeichen alle den gleichen weißen Helm, während ihre praktisch-platzsparenden Leihfahrräder von ihrem Erzieher angeschlossen werden. Nennt mich spießig, aber so habe ich mir das Erwachsensein damals im Kindergarten nicht vorgestellt.

Tallinns Altstadt

Wir versuchen, den Menschenmassen möglichst weiträumig auszuweichen, indem wir den Domberg erklimmen, der uns zwei Blickwinkel auf die Stadt ermöglicht. Der eine ist eine ziemlich ernüchternde Mischung aus alten grauen Gebäuden und vielen moderneren Hochhäusern. Der andere ist dafür umso schöner und geht über die ganzen geziegelten Dächern der Altstadt mit ihren Kirchen und hanseatischen Bauten bis zum Hafen.

Tallinns Altstadt

Auf dem Weg zurück nach unten laufen wir an der ehemaligen Stadtmauer entlang, die einige Künstler als Ausstellungsort für Gemälde nutzen, die sie unter die Leute bringen wollen. Aus welchem Grund man es für eine gute Idee hält, Menschen, die auf Reisen sind und daher meist wenig Stauraum zur Verfügung haben, gerade ein Gemälde verkaufen zu wollen, habe ich noch nie verstanden. Auch wenn man es an vielen touristischen Hotspots auf der Welt sieht, kann ich mir nicht vorstellen, dass die Verkäufer überhaupt ein Bild am Tag verkaufen, geschweige denn davon ansatzweise leben können.

Outdoor-Galerie

Auf dem Rathausplatz angekommen fällt es uns schwer, das namensgebende Gebäude zwischen den ganzen Restaurants und Fleece-Jacken auszumachen. Obwohl die Altstadt Tallinns mit ihren engen Gassen und bunten Plätzen wirklich wunderschön ist, ist es sehr schade, dass man sich hier so sehr auf den Tourismus eingestellt hat, dass es außer Restaurants und Souvenirläden mit Schaufenstern voller Bernsteine kein anderes Gewerbe zu geben scheint. Das ist zwar praktisch für die Touristen, aber die Einwohner der Stadt sind sicherlich nicht allzu oft hier unterwegs, obwohl es ja eigentlich ihre Stadt ist.

Rathausplatz – nicht im Bild: Rathaus

Zurück in die Pampa

Wir verlassen Tallinn schließlich über die Landzunge nordöstlich der Stadt und finden uns wenig später auf Schotterpisten mit Schlaglöchern wieder, die mittlerweile so groß und alt scheinen, dass man sie kartographieren sollte. Durch dichten Wald und vereinzelte kleine Ortschaften arbeiten wir uns Richtung Osten voran. Oft ist es die pure Natur, häufig die entspannteste Dorfidylle, nie hektisch.

Waldweg

Wir befinden uns gerade in einem sehr abgelegenen Dorf ohne befestigte Straße, als Google uns sagt, wir sollten doch rechts abbiegen. Wir tun wie uns geheißen und stehen plötzlich vor einem Holzzaun, hinter dem sich ein Golfplatz befindet. Wir sind hier so weit weg vom nächsten großen Ort oder etwas, das an eine Stadt erinnert, dass ein Golfplatz nach einem Flughafen das letzte ist, was wir hier erwartet haben. Aber es nützt nichts, wenn wir nicht quer über die 18 Bahnen fahren wollen, müssen wir umdrehen, denn es gibt offenbar keine andere Möglichkeit, das Mündungsdelta des Jägala zu überqueren. 

Unverhoffte Auswahl

Wieder in der Zivilisation angekommen, legen wir einen kurzen Halt an einer Tankstelle ein, denn diese fiese gelbe Lampe leuchtet mal wieder. Weil es nicht mehr allzu weit bis Russland ist und jenseits der Grenze der Liter Super keine 60 Cent kostet, tanken wir nur so viel wie nötig. Das Benzin wird hier überall direkt an der Zapfsäule mit Kreditkarte bezahlt, aber weil sich langsam Hunger breit macht, gehen wir hinterher in den angeschlossenen Tankstelleshop und machen große Augen ob der exquisiten Auswahl.

Ist an deutschen Tankstellen das Höchstmaß an Kulinarität bei Bockwurst mit Senf erreicht, fühlen wir uns hier wie im Schlaraffenland. Es gibt frische Teigwaren in der Auslage, Gulaschsuppe in Selbstbedienung, einen Würstchengrill und als Höhepunkt einen Dönerspieß. Wir wollen es nicht übertreiben, entscheiden uns für Hot Dog und Kaffee und brechen auf.

Das Würstchen ist noch nicht verspeist, der Kaffee noch zu heiß zum Trinken, da kommen wir schon beim nächsten Halt an, dem Wasserfall Jägala Juga, der seinem Kollegen in Keila-Joa nicht das Wasser reichen kann. Zwar ist er besser besucht als sein Kollege, aber dafür ist das einzige Grüne das Wasser und es sieht aus als würde er von einer abgebrochenen Straße abfallen.

Jägala Juga

Der Fluss Jägala

Weiter geht es nach Jõesuu, wo über den Fluss Jägala, zu dem auch der Wasserfall gehörte, eine Hängebrücke von 60 Metern Länge führt. Je nach Wasserstand liegt sie bis zu 11 Meter über dem Fluss, heute berührt sie ihn fast. Mitten auf der Brücke stehend, wo es sich aufgrund der Fließrichtung des Wassers anfühlt als würde sich das andere Ende immer weiter nach rechts verschieben, merkt man man jede Erschütterung um ein Vielfaches verstärkt. Und wenn eine vierköpfige Familie mit zwei Kindern aufsteigt, kann das schon ziemlich unruhig werden.

Auf der anderen Flussseite stehen wir am anderen Ende des Golfplatzes, der uns vor einer Stunde noch den Weg versperrt hat und uns schwant, dass Google uns ursprünglich über diese Hängebrücke leiten wollte. 

Hängebrücke über dem Jägala

Weiter geht es über Schotterpisten durch den Wald, wo sich immer wieder Siedlungen mit kleinen, neuen Häusern befinden, die allesamt mit einem Plumsklo ausgestattet sind. Selbst an Häusern, die noch im Bau sind, steht schon das fertige Klo im Garten.

Wir halten nochmal am Sporthafen von Neeme und am Strand von Kaberneeme, wo sich neben einem Restaurant sogar ein Jetskiverleih befindet. Überall, wo die Straße geteert ist, gibt es in Estland Tourismus. Stellt sich nur die Frage nach dem Huhn und dem Ei. Was war zuerst da?

Tagesziel: Strand

Unser Ziel für heute befindet sich im Ort Valkla. Im Beach Resort Valkla mieten wir uns eine kleine Holzhütte, die zwei Betten und eine Tür breit und ein Bett lang ist. Als zusätzliche Ausstattung enthält sie eine Lampe und einen Heizlüfter.

Innenausstattung unserer Hütte

Die Anlage liegt perfekt am Strand, die Zelte werden direkt hinter der Düne um eine große Feuerstelle herum aufgeschlagen, die Hütten stehen dahinter auf einem Hügel. Das einzig unromantische sind die Dixi-Klos, die die einzigen Toiletten auf dem Campingplatz sind und eine nicht ganz unbedeutend große Fläche am Parkplatz mit ihrer typischen Aura umgeben.

Betrieben wird das Resort von einer Familie, Mutti hat den Hut auf, die beiden fast erwachsenen Kinder kellnern im Restaurant, Vaddi kocht wahrscheinlich. Es ist nicht ganz günstig, aber das Essen ist fabelhaft und frisch aus der Region und unsere Hütte steht auf einem Hügel, der uns trotz des Waldes einen Blick auf die Ostsee bietet, sobald wir die Tür öffnen.

Meerblick 

Sonnenuntergang und Bier

Während wir im Restaurant zu Abend essen, bricht ein Platzregen über uns herein, der uns mehr als froh macht, nicht das Zelt aufgeschlagen zu haben.

Nach dem Nachtisch ist der Regen aber schon Geschichte und wir können uns einen gemütlichen Abend am Strand machen. Vor der Düne sitzen wir mit dem einen oder anderen sprudelnden Getränk und können stundenlang der Sonne beim Untergehen über der Ostsee zusehen. Es ist so ruhig und so unglaublich schön, dass man gar nicht mehr wegschauen mag und sich im Restaurant weitere Getränke besorgt, um länger sitzen bleiben zu können.

Sonnenuntergang

Der Tag in Zahlen und Fakten

  • Kilometerstand: 3.072 km
  • Heute: 108 km
  • Streckenverlauf: Tallinn – Rohuneeme – Jägala juga – Jõesuu – Neeme – Kaberneeme – Valkla
  • Länder: Estland

Aufgezeichnet mit dem Geo Tracker von geo-tracker.org

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