Tag 11: Ein bisschen Ostsee, ein bisschen Russland und sowas wie Fußball

1. August 2017. Narva, Estland.

Der Morgen beginnt mit einem erfrischenden Bad in der Ostsee, weil sich die einzige Dusche unseres Resorts in der Sauna befindet, die heute den ganzen Tag vermietet ist. Glücklicherweise sind um diese Uhrzeit noch nicht allzu viele Menschen am Strand, die die schrillen Mädchenschreie als Reaktion auf die niedrigen Wassertemperatur vernehmen können.

Strand am Morgen

Die Ostsee nur für uns

Das Tagesziel ist heute Narva an der russischen Grenze und den ersten Teil der Strecke legen wir ganz nah an der Küste im Laheema Nationalpark zurück. Wir sind mal wieder entzückt von der Natur, der Ostsee und den Orten, die sich weiterhin ziemlich skandinavisch anfühlen. Hinter Pärispea halten wir zum ersten Mal an einem kleinen Parkplatz und finden dahinter eine einsame Bucht, in der wir die einzigen Menschen weit und breit sind.

Bucht in Pärispea

Außer dem leisen Wellenrauschen ist nichts zu hören, außer dem Sand, dem Strand und wolkenlosen Himmel ist nichts zu sehen. Nachdem wir hier ein bisschen im Wasser und auf den Felsen spazieren gegangen sind, hören wir Kindergeschrei vom Parkplatz aus näher kommen. Eine Familie mit vier Kindern – keins älter als 10 – kommt den Weg hinunter und noch im Laufen reißen sich die Kinder alle überflüssigen Klamotten vom Leib und rennen geradewegs ins Wasser. Diese Konzentration aufs Wesentliche geht einem ja leider mit der Zeit verloren.

Etwas später erreichen wir Vana-Jüri Kivi, das abhängig vom Wasserstand mal eine Insel und mal eine Landzunge ist. Heute sieht es eher nach Insel aus und weiß mit dem ruhigen Wasser und den zahlreichen an der Küste befindlichen riesigen Steinen zu imponieren.

Vana-Jüri Kivi – heute Insel

Wir brettern durch

Weil wir heute Abend in Narva noch Termine haben und nicht zu spät kommen wollen, entscheiden wir, den Rest des Wegs auf einer asphaltierten Landstraße zurückzulegen, die auch mal mehr als 50 Stundenkilometer zulässt. An einer Tankstelle mit angeschlossenem Bistro stärken wir uns mit frischem Kebab und brettern schließlich durch.

Malerisches Narva

Narva ist die letzte Stadt vor der russischen Grenze und der Ort, an dem die russische Minderheit Estlands Zuhause ist. 95 Prozent der Einwohner sind Russen, was zur Folge hat, dass so gut wie alles in lateinischer und kyrillischer Schrift beschriftet ist und fast nur russisch gesprochen wird. Architektonisch befinden wir uns bereits jenseits der Grenze, denn kaum ein Gebäude ist zu sehen, das nicht in leuchtendem Grau erstrahlt und an der Fassade bröckelt. Ein Traum in Beton und Rost als Gegenprogramm zur Schönheit der Natur des Landes.

Narva erstrahlt in seinen schönsten Farben

Nachdem wir in unser Zimmer eingecheckt haben, das einem Museum der 1970er Jahre entstammen könnte, machen wir uns auf, die Stadt zu erkunden. Keine fünf Gehminuten entfernt liegt der Grenzübergang mitten in der Stadt, daneben die Burg an der Narva. Auf der anderen Seite der Flusses befindet sich Russland, wo genau gegenüber die Burg von Iwangorod steht. Das war früher bestimmt ganz praktisch, wenn man Krieg führen wollte. Da musste man nicht so weit laufen.

Narva links, Invangorod rechts

Vorbereitungen auf das Spitzenspiel

Ein paar Kilometer und ein Plattenbaugebiet weiter, stehen wir am Kreenholmi Staadion, wo heute Abend El Classico del Baltico stattfinden wird: JK Narva Trans gegen Nömme Kalju aus Tallinn. Der Tabellenfünfte (von zehn) empfängt den 20 Punkte entfernten Tabellendritten. Man ist sehr gespannt.

Etwas über eine Stunde vor Anpfiff ist im Stadion allerdings noch nichts davon zu sehen, dass hier heute noch ein Erstligaduell stattfindet. Die beiden Stadiontore sind geöffnet, auf der Anlage macht eine Frau powerwalking. Lediglich ein Typ auf einem wackeligen Gerüst, der eine Kamera aufstellt, ist ein Zeichen dafür, dass wir nicht vollkommen verkehrt sind.

Kreenholmi Staadion in Vorbereitung auf das große Match

Weil hier noch nichts los ist und im Stadion weder Verpflegung noch sanitäre Einrichtungen zu Verfügung stehen (Ein Dixi-Klo ist ausdrücklich keine sanitäre Einrichtung.), kehren wir in die einzige Lokalität in der Nähe, eine Pizzeria mit direktem Zugang zum benachbarten Möbelgeschäft, ein.

Als es endlich so weit ist, ist an einem der beiden Tore eine Kasse geöffnet. Das andere steht weiterhin offen, liegt aber am anderen Ende, also weit weg vom Parkplatz und der Bushaltestelle, sodass niemand von dort versucht, sich Eintritt zu verschaffen.

Narva Trans

Am Einlass werden neben Eintrittskarten auch Fanschals und Saft aus Trinkpäckchen verkauft. Der Eintritt kostet 3 Euro und glücklicherweise ist ein international erfahrener Ordner vor Ort, um der Dame an der Kasse meine außergewöhnliche Bestellung („Two tickets, please“, dabei halte ich zwei Finger hoch.) ins Russische zu übersetzen, denn es bestehen offenbar Verständigungsschwierigkeiten.

Die Tribüne füllt sich

Das Kreenholmi Staadion wirklich als Stadion zu bezeichnen, ist vielleicht etwas übertrieben. Im Grunde ist es ein Sportplatz mit einer Stahlrohrtribüne, ohne Umkleidekabinen – die Eishalle nebenan bietet diese. Der Verein Narva Trans (Homepage: fctrans.ee. Hihi.) verfügt über die gleiche Strahlkraft wie seine Spielstätte. Der größte Erfolg der Vereinsgeschichte war die Belegung des zweiten Tabellenplatzes in der Saison 2006 mit 11 Punkten Rückstand auf den Meister. In der Europapokalqualifikation schied man dreimal in Folge torlos in der ersten Runde aus.

Fußball

Wenige Minuten vor Anpfiff marschieren drei Auswärtsfans (zwei Männer, eine Frau) mit Fahne, Banner und Trommel ein und beziehen ihr Quartier am Ende der Tribüne. Bis zum Schluss sollen es insgesamt sechs werden. Die Stimmung auf Seiten der Heimmannschaft ist weniger streng organisiert und geht vor allem von einer Gruppe im mittleren Alter aus, die wahrscheinlich aus Spielereltern besteht. Im Nebenblock gibt es einen angetrunkenen jungen Mann, der in deren Gesänge einstimmt und unflätige Bemerkungen macht. Beim Fußball muss man keine gemeinsame Sprache sprechen, man versteht sich auch so.

Fußball

In der vierten Minute erzielt Kalju das 0:1, das durch den Rentner vor uns mit wütenden Pfiffen quittiert wird. Dass er diese mit einer Trillerpfeife erzeugt, nimmt der Situation allerdings etwas die Gewichtung. Das Spiel ist in der Folge wirklich schlecht, was die Ultras aus der Hauptstadt aber größtenteils nicht vom Trommeln und Singen abhält. Im Grunde sind wir nur froh, dass niemand ein Megaphon dabei hat.

Nach dem Halbzeitpfiff verlassen viele Besucher den Sportplatz. Nur ein Teil von ihnen kommt später wieder. Stattdessen wird ein Block von einem Bus C-jugendlicher Spieler von Zenit Sankt Petersburg eingenommen, die in ihren hellblauen Trainingsanzügen bereits jetzt professioneller aussehen als alles, was auf dem Platz umher läuft.

Der Beginn der zweiten Halbzeit ist gleichzeitig der Beginn des Spiels von Hansa in Erfurt, weshalb wir fortan multitaskingmäßig zwei Spiele verfolgen. Das Tablet auf dem Schoß, jeder einen Kopfhörer im Ohr. Den Kommentar aus dem Stream mit dem Gesehenen auf dem Platz in Einklang zu bringen, ist nicht immer ganz leicht.

Multitasking

Obwohl Kalju noch zwei weitere Tore erzielt, wird die Heimmannschaft am Ende von ihren Muttis gefeiert. Der halbe Gästeblock verfällt am Spielfeldrand mit seinen Spielern gemeinsam in Extase. Und dann ist auch schon alles vorbei. Der Bus, den wir für uns allein haben, bringt uns zum Hotel und falls die Tussis im Nachbarzimmer irgendwann die Klappe halten, können wir auch schlafen.

Der Tag in Zahlen und Fakten

  • Kilometerstand: 3.329 km
  • Heute: 257 km
  • Streckenverlauf: Valkla – Pärispea – Vana-Jüri Kivi – Narwa
  • Länder: Estland

Aufgezeichnet mit dem Geo Tracker von geo-tracker.org

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