Tag 11: Ein Tag voller Hindernisse in Urumqi

20. Juli 2015. Urumqi – Zug nach Xi’an (China).

Wir erreichen Urumqi um 9:45 Uhr und damit fünf Minuten vor dem Plan, sind aber bereits fein gemacht. Zähne putzen, Haare waschen (mit kaltem Wasser aus der Leitung und Trinkbechern zum Schöpfen), feuchte Tücher, frische Socken, alles erledigt. Es kann losgehen.

Erstes Hindernis: Gepäck und Geld

Weil wir in Urumqi (ausgesprochen übrigens „Urumtschi“) nicht übernachten, sondern am Abend mit dem Nachtzug nach Xi’an weiter fahren, führt unser erster Weg nicht ins Hotel, sondern zur Gepäckabgabe. Halb weil wir vergessen haben, dass wir noch kein chinesisches Geld besitzen, halb weil wir darauf hoffen, mit der Kreditkarte zahlen zu können, gehen wir direkt zum „Left Luggage“, ohne vorher einen Geldautomaten zu suchen. Das ist natürlich großer Quatsch, denn ein Kreditkartengerät gibt es nicht. Ich bleibe also mit unseren Rucksäcken zurück und Denis macht sich auf die Suche nach einem Automaten. Es tut ja nicht Not, dass wir beide mit Gepäck durch die Gegend rennen.

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Erster Eindruck: Bahnhof von Urumqi

Die Angestellten hinter dem Tresen verstehen nicht, was diese komische Ausländerin für ein Problem hat, und deuten mir an, ich sollte endlich die Rucksäcke in den Gepäckscanner legen. Bevor es eingelagert wird, muss nämlich jedes Gepäckstück durchleuchtet werden, damit nichts Illegales oder Gefährliches ins Bahnhofsgebäude gelangt. Dass dieser Vorgang ziemlich sinnlos ist, wenn sich niemand das Bild auf dem Scanner anschaut, scheint niemanden zu stören. In der Vorschrift steht ja schließlich nur, dass das Gepäck gescannt werden muss. Von einer Kontrolle der Ergebnisse hat keiner was gesagt.

Die Angestellten verstehen dann, dass ich noch auf das Geld warte, und kümmern sich nicht weiter um mich. Sie haben schließlich noch andere Kunden und eine ganze Menge Tratsch auszutauschen. Wahrscheinlich machen sie sich nebenbei noch über mich lustig.

Denis findet unterdessen einen Geldautomaten direkt in der Nähe, der natürlich nicht funktioniert. Er ist etwa eine halbe Stunde in unmittelbarer Umgebung des Bahnhofs unterwegs, niemand spricht Englisch und kann ihm helfen. Weil er sehr verdächtig wirkt, wie er durch die Gegend irrt, muss er sich sogar einmal bei einem Polizisten ausweisen.

Ich warte schaue mir solange das Geschehen in der Gepäckabgabe an. Was als erstes auffällt ist, dass hier niemand allein oder zu zweit zu reisen scheint. Unterwegs sind immer ganze Familien, bestehend aus Kindern, Eltern, Großeltern, Tanten und Onkeln plus jeweils Anhang. Plastikeimer als Tasche scheinen unterdessen kein Problem zu sein, Reissäcke ebensowenig. Manchen wurden sogar Riemen angenäht, damit man sie wie einen Rucksack auf dem Rücken tragen kann. Ich wittere einen neuen Trend und mache mir einen Vermerk auf meiner inneren Marktlücken-Liste, auf der ich Ideen sammle, mit denen ich mal steinreich werde.

Nach einer halben Ewigkeit kommt Denis endlich mit der Kohle an. Wir bezahlen 12 Yuan, keine zwei Euro, für die Aufbewahrung zweier großer Rucksäcke und bekommen die Hälfte der rosanen Abholscheine, von denen die andere Hälfte mit Flüssigkleber am jeweiligen Gepäckstück befestigt ist. Nein, das stört hier niemanden.

Zweites Hindernis: Fahrkarten

Anstatt uns jetzt direkt ins Vergnügen zu stürzen, wollen wir noch schnell unsere Fahrkarten besorgen. Diese sind bereits im Vorfeld gebucht und bezahlt worden, werden aber nicht im Ausland ausgehändigt. Also wir fragen uns durch zur Ticket Hall, dem einzigen Ort am Bahnhof, an dem Fahrkarten verkauft werden. Die Schlange ist so lang, dass sie etwa zwanzig Meter bis vor die Tür reicht. Ein Polizist kontrolliert das Vorgehen und ordnet es lautstark. Das mit dem „noch schnell“ können wir uns schon mal gepflegt in die Haare schmieren.

Am Eingang empfängt uns ein Schwall kühler Luft aus der Klimaanlage und eine Sicherheitskontrolle. Es gibt Metalldetektoren wie am Flughafen, Gepäckscanner, eine Ausweiskontrolle für Chinesen. Die chinesischen Pässe haben etwa die Größe einer Kreditkarte und enthalten einen Chip, der überall gescannt werden muss – beim Ticketkauf, beim Betreten des Bahnhofs, beim Verlassen. Wer nicht reisen darf – aus welchem Grund auch immer – kann so direkt zu Beginn dieses Vorhabens aufgehalten werden.

Die Ticket Hall ist eine große kahle Halle. Über den Schaltern hängt eine überdimensionale Anzeigetafel, an der alle abfahrenden Züge mit den jeweils noch freien Plätzen in jeder Kategorie bis Mitte September durchlaufen. (Zur Erinnerung: wir haben Juli.) Es gibt achtzehn Schalter, fünfzehn davon offen, die Schlangen sind an allen Schaltern etwa gleichlang – vierzig bis fünfzig Leute stehen überall an. Ein Traum.

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Ticket Hall im Bahnhof von Urumqi

Wir stellen uns also irgendwo in der Mitte an und warten. An der Anzeigetafel gibt es eine Uhr, die allerdings nur alle Viertelstunde aktualisiert wird und auch dann noch zehn Minuten hinter der aktuellen Zeit bleibt. Es geht nur sehr schleppend voran, denn viele Reisende wissen noch nicht genau, wann sie mit welchem Zug reisen wollen und benötigen meist eine Beratung vom Schalterbeamten, woraufhin sie sich bei der Familie rückversichern, die sich ebenfalls um den Schalter versammelt hat. Das ist doch auch mal eine tolle Idee für einen Wochenendausflug.

Als noch etwa acht Leute vor uns stehen und wir schon über eine Stunde gewartet haben, schließt der Herr hinter dem Schalter seinen Arbeitsplatz und geht. Große Augen, Entsetzen. Ist das sein Ernst? Weil aber von den Chinesen in unserer Schlange, die bisher unentwegt sehr aufgeregt wirken, niemand panikhaft die Reihe verlässt, bleiben wir ebenfalls gelassen und setzen unser Pokerface auf. Nach ein paar Minuten kommt der junge Mann wieder, er hat sich bloß einen neuen Tee geholt. Na klar. Kein Problem. Wir haben ja Zeit.

Als wir an der Reihe sind, gebe ich die Reservierungsnummern und unsere Pässe durch die Reiche, er prüft, tippt, prüft. Er händigt mir unsere Fahrkarten von Urumqi nach Xi’an und für die anschließende Fahrt von Xi’an nach Shanghai aus. Besorgt man Fahrkarten an einem anderen als dem Startbahnhof, kostet das fünf Yuan pro Fahrkarte, also vielleicht 80 Cent. Diesen Preis nehmen wir gern in Kauf, um uns diesen Zirkus in Xi’an zu ersparen. Wir zahlen, bekommen die Fahrkarten und unsere Pässe und sind nach nur zwei Stunden schon fertig mit dem ganzen organisatorischen Kram.

Urumqi

Nun also Urumqi. Urumqi ist eine Drei-Millionen-Einwohner-Stadt, in der Region Xinjiang im Nordwesten Chinas, und rühmt sich mit dem Titel der am weitesten von einem Meer entfernten Großstadt auf der Welt – und sie liegt in einem Land, das mit dem Ost- und dem Südchinesischen Meer sogar über zwei eigene Meere verfügt. Diese Tatsache verdeutlicht einmal mehr, wie verdammt groß dieses China eigentlich ist. Aufgrund seiner zentralen Lage und der ansässigen Schwerindustrie gehört Urumqi zu den zehn am meisten luftverschmutzten Städten der Welt.

Die Region Xinjiang ist eine Unruheregion, falls es sowas in einem Land wie China überhaupt geben kann. Die muslimische Minderheit, die Uiguren, wollen unabhängig sein, die Han-Chinesen haben von Natur aus etwas gegen Unabhängigkeit. Militär- und Polizeipräsenz in der gesamten Stadt sind die Folge. Es gibt an vielen Ecken eine Art Käfige, in denen mehrere  Polizisten voll ausgerüstet mit Maschinengewehr mit Messerspitze kampfbereit stehen und die Umgebung überwachen. An einigen Ecken wurden die Käfige durch Panzerfahrzeuge ersetzt. Ob diese Maßnahmen wirklich notwendig oder eher Schikane und Eierzeigen sind, bleibt für uns ein Rätsel. Wir fühlen uns jedenfalls zu keinem Zeitpunkt unsicher in dieser Stadt und erleben sie als sehr friedlich. Mulmig wird uns nur dann, wenn wir an den Maschinengewehren vorbei laufen müssen.

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Polizeipräsenz wird in Urumqi sehr groß geschrieben

Busfahren für Anfänger

Wir haben zwar keinen Plan für den Tag, geschweige denn für die Stadt, wollen aber zuerst mal zum Basar fahren, für den Urumqi berühmt sein soll. Weil ein Basar immer eine tolle Möglichkeit ist, ein Gefühl für eine Stadt zu bekommen, gibt es natürlich keinen besseren Ort, den man als erstes aufsuchen sollte. Wir hatten im Internet herausgefunden, dass die Buslinien 10 und 16 in Richtung Basar fahren. Eine Auskunft darüber, an welcher Haltestelle wir aussteigen müssen oder wie lange die Fahrt dauert, war nicht aufzutreiben. Wir steigen also erst mal ein. Der Rest ergibt sich dann.

Neben dem Fahrer hängt ein kleiner Briefkasten aus Metall, in den der Fahrpreis eingeworfen wird. Dieser beträgt eigentlich 0,90 Yuan. Wir bezahlen mir zwei 1-Yuan-Scheinen, weil wir es nicht kleiner haben. Wechselgeld ist nicht vorgesehen. Ob wir nun 13 oder 14 Cent für die Fahrt zahlen, ist uns im Grunde auch eher egal.

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Wenn man den Kühlergrill IM Bus lagert, kann man ihn wenigstens nicht verlieren.

Da wir nach wie vor keine Ahnung haben, wo wir aussteigen müssen und uns die Ansagen auf Chinesisch diesbezüglich wenig weiter helfen, halten wir nach vielleicht zwanzig Minuten den Zeitpunkt zum Aussteigen für gekommen. Unsere Orientierungslosigkeit verbessert sich dadurch leider keinesfalls. Wir stehen an irgendeiner Kreuzung irgendwo in China und haben nicht mal den Ansatz einer Ahnung, wo wir uns befinden. So macht Urlaub Spaß.

Drittes Hindernis: Wo sind wir eigentlich?

An der Kreuzung ist ein Stadtplan aufgestellt, der einen Vor- und einen Nachteil hat. Der Vorteil: ein roter Punkt zeigt an, wo wir uns befinden. Der Nachteil: der Plan ist komplett auf Chinesisch verfasst, sodass wir uns nicht an Straßennamen oder Bezeichnungen von Plätzen orientieren können. Auf dem iPad haben wir einen ziemlich schwer lesbaren Stadtplan abgespeichert, der auf Englisch beschriftet ist. Wir vergleichen beide Pläne eine ganze Weile miteinander, bevor wir eine vage Ahnung haben, in welcher Ecke der Stadt wir uns befinden. Die 40 Grad im Schatten tragen im Übrigen nicht zu einer körperlichen Entspannung bei. Dass die Jahresdurchschnittstemperatur in Urumqi bei 5 Grad liegt, scheint uns vollkommen lächerlich.

Wir laufen also ein Stück der Straße zurück, die wir mit dem Bus hochgefahren sind – alles andere wäre natürlich auch ein Witz gewesen. Wenn man nicht weiß, wo man ist, legt man jeden Weg mindestens zweimal zurück. Der Weg führt durch einen Straßenabschnitt mit Autozubehörfachgeschäften. Jeder Laden verkauft etwas, das für das Auto benötigt wird, niemand hat alles, alle sind hochspezialisiert. Da gibt es den Kühlergrillladen, mehrere Reifengeschäfte, zwei Sitzbezugboutiken und sogar ein Geschäft, das einen Jetski in einem Schaufenster ausstellt, das etwa halb so groß ist wie das Gefährt selbst.

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Irgendwo in Urumqi

Wir kehren schließlich in ein Restaurant ein, das mit einem gratis WiFi-Zugang und frischem Hummer aus dem Aquarium wirbt. Ersteres wollen wir in Anspruch nehmen, zweiteres eher nicht. Die Speisekarte besteht aus Fotos von Gerichten, die auf einem alten Tablet abgespeichert sind. Daneben steht auch der Name des Gerichts und der Preis. Nachdem wir gewählt haben, widmen wir uns unserem Standortproblem. Google Maps funktioniert teilweise, aber ausreichend, um unseren Standort und den des Basars zu finden. Tatsächlich sind wir in die richtige Richtung gelaufen und gar nicht mehr so weit entfernt vom Ziel. Einen Zugang zu Facebook, WordPress und der Google Suche erhalten wir über das W-Lan nicht. Ob das am Netz, der Region oder der Regierung liegt, wissen wir nicht.

International Modern Bookstore

Auf dem Weg zum Basar sehen wir einen großen Buchladen mit dem Namen „International Modern Bookstore“. International, modern, ein Buchladen. Das hört sich nach der Lokalität an, die wir benötigen, um einen neuen Reiseführer zu erwerben. Im besten Falle sogar einen gesetzeskonformen, der Taiwan als chinesisches Staatsgebiet auszeichnet. Oder sicherheitshalber ganz weglässt.

Hinter der Eingangstür begrüßen uns zwei Wachmänner und ein Metalldetektor. Da kein Gepäckscanner vorhanden ist, müssen wir den kleinen Tagesrucksack im Schließfach zurücklassen. Ordnung muss sein. Der ältere, zahnlosere, aber viel fröhlichere Wachmann zeigt uns an, dass wir „English books“ in der oberen Etage finden. Die Rolltreppe steht still und piept ununterbrochen, den Weg nach oben finden wir trotzdem. Englische Bücher finden wir auch. Nur leider handelt es sich bei diesen durchweg um Lehrbücher für Englisch bzw. Chinesisch, die uns in der Reiseführerproblematik wenig weiter helfen.

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International Modern Bookstore

Die Hälfte der Etage steht also voller Lehrbücher, die andere voller Bücher in arabischer Sprache. Im Erdgeschoss finden wir auch nichts, was wir gebrauchen könnten. Es scheint zwar eine Ecke mit Reiseführern über China zu geben. Diese sind allerdings nur auf Chinesisch verfügbar und enthalten keinerlei Bilder. Vielleicht handelt es sich stattdessen auch um Kochbücher oder Anleitungen zum kreativen Schlachten von Hühnern. Man weiß es nicht.

Basar

Der Basar ist in einer hübschen, neuen Anlage mit klimatisierten Hallen und offenen Ständen untergebracht. Leider ist es nicht die Art Basar, die wir uns in einer Stadt der Seidenstraße vorgestellt hatten. Einheimische sind hier höchstens die Verkäufer, es sind wenige Einkäufer unterwegs, diese sind größtenteils Touristen, wir sind die einzigen Weißen. Schade. Also nicht, dass wir die einzigen Weißen sind, das ist gut. Aber schade, dass dies kein einheimischer Basar mit wildem Getränge und lautem Geschrei ist.

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Basar – weniger spannende Version

Nachdem wir den Laden, der alte Baumstämme für mehrere Zehntausend Yuan (das sind mehrere Tausend Euro) verkauft, hinter uns gelassen haben, wollen wir noch in einer der Hallen auf die Toilette gehen.  Als wir diese allerdings bereits aus dreißig Metern riechen und auch aus dieser Entfernung sehen, dass es sich um ein Loch im Boden hinter einem Duschvorhang handelt, verzichten wir. So nötig ist es dann auch wieder nicht.

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18.000 Yuan kostet das Exemplar im Vordergrund. Schlappe 2.500 Euro.

Wir spazieren ein wenig durch die Stadt, suchen den People’s Park, den wir nicht finden, weil wir zu früh aufgeben, schlendern dafür durch ein angenehm ruhiges Viertel mit großen Wohnhäusern, vielen Bäumen und Restaurants mit der Küche auf der Straße. Zufällig sehen wir an einer Bushaltestelle die Linie 927 abfahren, die uns in Erinnerung ist, weil sie laut Internet zum Red Hill Park führt. Und siehe da, dem ist tatsächlich so. Weil sich der Eingang zum Park direkt an der Haltestelle befindet, gibt es diesmal keine Möglichkeit, sich zu verlaufen.

Meet your ceiling

Am Eingang ist alles wie immer: Polizei, Metalldetektoren und Gepäckscanner. Dahinter eine kleine Anlage aus Blumenbeeten, Bäumen und Bänken. Weil wir nun schon lange auf den Beinen sind, machen erst mal Pause. Unsere Bank wird wie die meisten anderen von einem Wassersprenger gestreift. Die meisten Gehwege sind ebenfalls beregnet, was bei über vierzig Grad im Schatten allerdings auch kein Problem darstellt.

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Red Hill Park

Hinter der Grünanlage geht der Park aber erst richtig los. Dort gibt es Karussells, Verkaufsstände, Losbuden und ein paar Tempel. Viele Familien verbringen auf den Bänken oder an den Unterhaltungsgeschäften ihre Freizeit. Es ist unheimlich laut, weil jeder Stand seine eigene Musik spielt und die Verkäuferinnen an den Shops mit Mikrofonen und kleinen Lautsprechern ausgestattet sind, über die sie ununterbrochen (Wirklich ununterbrochen. Wer mal ein Gespräch zwischen zwei Chinesen mitgehört hat, weiß, dass diese Sprache komplett ohne Atempausen gesprochen werden kann.) ihre Waren und Sonderangebote anpreisen. Entspannung auf Chinesisch.

Wir besichtigen einen Tempel, der als National Tourist Attraction der Klasse AAAA ausgewiesen ist. Das Amt für Tourismus ordnet alle Sehenswürdigkeiten des Landes aufgrund ihrer Bedeutung und Beliebtheit in unterschiedliche Kategorien ein. Die mögliche Bestnote ist AAAAA, die an 53 Sehenswürdigkeiten im ganzen Land vergeben wurde. Da finden wir die vier As unseres Tempels gar nicht mal so schlecht.

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Tempel. Note AAAA.

Es handelt sich um einen kleinen bunten Tempel mit allerlei Blumen im Vorgarten und vielen engen Stufen, die in die beiden oberen Stockwerke führen. Beschildert ist das Ganze auf Chinesisch mit mehr oder weniger akkuraten englischen Übersetzungen. An einer Treppe steht, dass man während der Reise auf seine Kinder achten soll („Take good care of children while travelling“) an einer anderen „Meet your ceiling“. Ob das als Hinweis oder Aufforderung gemeint ist, lässt sich nicht abschließend klären.

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Meet your ceiling

Weil sich Park und Tempel auf einem Hügel befinden, haben wir eine tolle Aussicht auf die Stadt. Dass Urumqi aus vielen Hochhäusern besteht, bemerkt man auch aus der Stadt heraus. Dass darunter aber so viele Wolkenkratzer sind, sehen wir erst aus etwas Abstand. Wir haben nicht allzu viel von Urumqi erwartet, schon gar nicht, dass es so groß und hoch bebaut ist. Deswegen haut uns die Größe der Stadt in Verbindung mit der weiterhin ungebrochenen Bautätigkeit um. Die letzten schneebedeckten Ausläufer des Tienshan-Gebirges, die am Rand der Stadt zu erahnen sind, scheinen im Vergleich gar nicht so hoch.

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Blick auf Urumqi

Mit dem Bus geht es zurück zum Bahnhof, in dessen unmittelbarer Umgebung sich der Verkehr ins ein vollkommen unüberschaubares Chaos entwickelt. Wir sehen nur Autos und Busse kreuz und quer auf der Straße, hören ständiges Hupen, können kein Muster und keine geeignete Vorgehensweise finden. Unser Fahrer bleibt für chinesische Verhältnisse erstaunlich ruhig und bringt uns schließlich irgendwie auf den Bahnhofsvorplatz. Oder was man so nennt.

In einem kleinen Supermarkt versorgen wir uns für die Fahrt nach Xi’an. Wir verzichten auf Spezialitäten wie eingeschweißte Schweineschnauze oder Hühnerfüße und entscheiden uns für Fertignudeln, Kekse und Wasser. Ein wenig langweilig, aber wir wollen ja auch keine Brechanfälle im Zug bekommen.

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Schweineschnauze an Schweinesauce.

Viertes Hindernis: gefährliche Gegenstände im Rucksack

Wer in Urumqi einen Zug betreten will, muss sich folgenden Maßnahmen unterziehen:

  1. Sicherheitskontrolle mit Metalldetektor und Gepäckscanner vor Betreten des Bahnhofsgeländes
  2. Ticketkontrolle vor Betreten der Bahnhofshalle
  3. Sicherheitskontrolle vor Betreten der Bahnhofshalle

Sicher ist sicher!

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Maßnahme 2: Ticketkontrolle.

Die ersten beiden Maßnahmen bestehen wir ohne Auflagen, bei der dritten wird es schwierig. Ich habe einen Zettel in der Hosentasche, auf dem auf Englisch beschrieben ist, wie man die richtige Wartehalle für seinen Zug findet. Die Dame, die bei mir die Körperkontrolle macht – ich fühle mich instinktiv an einen Stadionbesuch erinnert – findet diesen Zettel, spricht aber anscheinend nicht genug Englisch, um zu erkennen, was auf dem Zettel steht. Zur Erinnerung: In China gilt alles als potenziell staatsfeindlich, das Geschriebenes enthält. Sie versteht zwar nicht genau, warum jemand eine Bedienungsanleitung für einen chinesischen Bahnhof benötigen sollte, händigt mir aber nach einigem Zögern und misstrauischen Blicken den Zettel wieder aus.

Denis hat unterdessen Probleme mit seinem Gepäck. Es wird eine junge Dame rangeholt, die Englisch spricht und uns erklärt, wo das Problem liegt. Auf dem Scannerbild war anscheinend eine verbotene, weil gefährliche Flüssigkeit zu sehen und kleine Gegenstände in vielleicht zehn Zentimetern Größe. Aha, das ist interessant. Wir sind selbst sehr gespannt, was wir da versuchen, in den Bahnhof zu schmuggeln, und packen mal den Rucksack aus.

Die verdächtige Flüssigkeit ist schnell in der Waschtasche gefunden. Das kleine Probe-Deo von Budni ist als hochgefährlich, weil brennbar, eingestuft und wird ohne Diskussion beschlagnahmt. Ein kühner Wachmann ist neugierig, was passiert, wenn man auf den Sprühknopf drückt. Eine Wachfrau hat Angst und zuckt zusammen. Keiner von beiden scheint jemals von Deodorant gehört zu haben, geschweige denn eine Ahnung zu haben, was sich in der Spraydose befindet und was wir, verdammt noch mal, damit vorhatten.

Es fehlen jetzt noch die etwa zehn Zentimeter langen verdächtigen Gegenstände, die nicht ganz so leicht zu orten sind wie das Deo in der Waschtasche. Wir finden unsere beiden externen Akkus, mit denen wir die Handys laden können, und die Buchstabenhalter von unserem Reise-Scrabble. Welche von beiden genau das Problem waren, lässt sich nicht abschließend klären. Aber als der Rucksack ohne die beiden erneut gescannt wird, ist nichts Verdächtiges mehr auf dem Bild zu sehen. Wir dürfen den Rucksack wieder einpacken und endlich den Weg frei machen für andere Reisende.

Herzlich willkommen im Kinderga…ähh…Bahnhof von Urumqi

Glücklicherweise können wir mithilfe der Gebrauchsanweisung für chinesische Bahnhöfe die Anzeige dahingehend deuten, dass wir unseren Wartesaal finden. Man kommt nämlich ausschließlich über den entsprechenden Saal zum Gleis. Und das auch erst kurz bevor der Zug abfährt. Der Bahnhof von Urumqi hat fünf Wartesäle, die auf drei Stockwerke verteilt sind. Unserer befindet sich ganz oben im zweiten Obergeschoss und bietet Sitzgelegenheiten für schätzungsweise 500 Personen, plus ein Vielfaches dessen für Leute, die auf dem Boden platznehmen. Es sind Schilder an den Sitzreihen aufgestellt, die anzeigen, welche Reihen für welchen Zug vorgesehen sind. Alles muss seine Ordnung haben. Abweichungen sind nicht vorgesehen.

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Wartehalle: Es ist strikt darauf zu achten, in der richtigen Reihe zu sitzen.

Wir sind schon den ganzen Tag von allen möglichen Passanten beobachtet und angestarrt worden. Hier in der Wartehalle ist es aber aufgrund der Dichte der Menschen in einem relativ kleinen Raum und der Langeweile aller Wartenden bisher am schlimmsten. Anscheinend sind hier nicht allzu oft Ausländer unterwegs, viele Menschen scheinen auch in hohem Alter noch nie im Leben einen Weißen gesehen zu haben. Und weil wir sehr groß (Denis) und sehr blond (ich) sind, scheinen wir besonders interessant zu sein. Das ist ja prinzipiell auch kein Problem und nachvollziehbar. Aber minutenlanges Anstarren, das auch nicht aufhört, wenn man zurück starrt, und sogar unverhohlenes offenes Fotografieren sind echt ätzend. Dass sich jemand mit einer großen Kamera direkt vor Denis setzt, als der das nicht mitbekommt, und ihn fotografiert, ist der Gipfel der Dreistigkeit.

Nachdem die beiden Züge vor uns abgewickelt sind, werden die Schilder, die die Sitzreihen für die jeweiligen Züge anzeigen, verschoben. Viele springen sofort auf und setzen sich um. Wir halten das für sehr unnötig und bleiben als einzige sitzen, befinden uns nun aber in der falschen Reihe, nämlich in der für den Zug eine halbe Stunde später. Die Dame, die die Schilder verrückt, kommt zu uns und will unsere Fahrkarten sehen. Nein, sie kann doch jetzt nicht ernsthaft vorhaben, uns in die richtige Reihe zu setzen. Nein. Nein. Nein. Wir sind doch hier nicht im Kindergarten.

Doch. Sie bittet uns erst ruhig, aber bestimmt. Wir winken ab und versuchen, sie zu ignorieren. So einen Affentanz wollen wir nicht mitmachen. Wir bleiben sitzen, schauen weg und hoffen, dass sie abtanzt. Sie hat aber andere Pläne. Denn dass jemand in der Reihe eines anderen Zuges sitzt, ist nicht vorgesehen. Ordnung muss sein. Sie wird immer aufdrunglicher und beginnt schließlich, zu schreien. Wir machen uns jetzt ganz gemächlich daran, aufzustehen und alles zusammen zu räumen und hoffen, dass sie das beruhigt und uns in Ruhe lässt. Die Dame weicht aber so lange nicht von unserer Seite bis wir uns auf einen Sitz zwei Reihen weiter niedergelassen haben. Abweichungen sind nicht vorgesehen.

Als eine halbe Stunde vor Abfahrt unser Zug abgefertigt wird, bricht Panik aus. Jeder muss unter allen Umständen der erste am Wagon sein, koste es, was es wolle. Wer nicht Erster wird, scheint nicht mitfahren zu dürfen und in den Knast zu kommen. Es wird gedrängelt, geschubst, geschrien. China – das Land des Lächelns.

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Gerade so haben wir unseren Zug noch erreicht.

Obwohl jeder einen festen Sitzplatz hat und der Zug erst in einer halben Stunde abfährt, laufen die meisten. Wir nicht. Und wir sind überraschenderweise trotzdem rechtzeitig im Abteil. Wer hätte das gedacht? Dieses teilen wir uns mit einem chinesischen Paar in den Vierzigern, das uns zwar auch anstarrt, aber wenigstens damit aufhört, wenn man zurück starrt. Der Zug fährt ab, die Betten sind gemacht, es wird Zeit zu schlafen. Vorher werden unsere Fahrkarten gegen Plastikkarten ausgetauscht, auf denen unsere Bettnummer vermerkt ist. Der Rücktausch soll erst kurz vor Xi’an erfolgen. Damit wird wohl sicher gestellt, dass die Schaffner darauf achten, dass auch jeder, der aussteigt, rechtzeitig wach ist und weiß, dass er den Zug verlassen muss. Die Fahrkarte wird außerdem beim Verlassen des Zielbahnhofs benötigt, denn dort wird sie nochmals kontrolliert. Warum? Weil das so vorgesehen ist.

Heutige Verbindungen

054 ZZ Astana (ab 18.07.2015, 17:15 Uhr) – Urumqi (an 20.07.2015, 9:50 Uhr) / 15.717,20 Rubel = 213,52 Euro (2 Personen im Liegewagen, 4er-Abteil)

K1352 Urumqi (ab 20.07.2015, 22:53 Uhr) – Xi’an (an 22.07.2015, 6:41 Uhr)  /  1.502 Yuan = 209,98 Euro (2 Personen im Liegewagen, 4er-Abteil) / Fahrplan Urumqi – Xi’an

2 Gedanken zu „Tag 11: Ein Tag voller Hindernisse in Urumqi

  1. Hallo Anika. Großartiger Bericht – welcher mich an viele Zugfahrten sowie all die anderen spannenden Sachen in China erinnert. Beeindruckendes Land. Danke dafür. Lg Sandra

    • Hallo Sandra,
      vielen Dank für die Blumen. Ja, China ist schon ein besonderes Land und die Chinesen ein spezieller Schlag Menschen – zumindest für einen chinaunerfahrenen Mitteleuropäer. Das macht es zu einem Paradies für jeden, der mal aus seiner Komfortzone kommen und was zu erzählen haben will.
      Viele Grüße,
      Anike

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