Tag 11: Mecklenburger sind überall!

6. Juli 2014. Santiago de Cuba, Süd-Kuba. 0 Kilometer.

Heute Morgen musste unser Kia umgeparkt werden, weil er auf der Straße angeblich zu viel Platz in Anspruch nahm. Wir saßen gerade gemütlich beim Frühstück als der Herr des Hauses über seine deutsch sprechende Kellnerin verkünden ließ, dass wir schnell umparken müssten, weil ein LKW hinter dem Auto steht und nicht vorbei kommt. Wir hatten ein wenig Angst, dass der Fahrer es doch versuchen und unseren Kleinen damit noch schmaler machen würde als er sowieso schon war.

Wir ließen also alles stehen und liegen und verließen das Haus mit dessen Herrn im Schlepptau. Sogleich kamen mehrere alte Männer auf uns zugestürzt und warteten etwas ungeduldig darauf, dass wir ihnen etwas zusteckten. Wie sie darauf kamen, konnten wir nicht ganz nachvollziehen, aber wir hatten auch nicht genug Geld, um zehn alte Männer zu versorgen.

11 Santiago (2)

Parque Céspedes mit Rathaus

Wir gingen also in die Nebenstraße, in der unser Auto stand und konnten feststellen, dass weit und breit nirgendwo ein LKW stand, der auf Durchfahrt wartete, und der Kia seine ausladende Form beibehalten hatte. Da aber wir nun schon mal da waren, konnten wir auch umparken. Der Herr unseres Casas wies uns ein, indem er vorneweg ging und uns so den Weg zum Parkplatz zeigte. Und wo war dieser zu finden? Na klar, auf dem Platz vor dem Rathaus. Der war ja jetzt schließlich nicht mehr gesperrt. Dass unser Kugelblitz das einzige Auto war, das dort geparkt wurde, irritierte uns etwas, schien aber niemanden zu stören. Also ließen wir uns auch nicht davon stören.

11 Santiago (11)

Plaza Marte

Nachdem wir unser Frühstück in Ruhe beendet hatten, wollten wir uns die Stadt mal näher anschauen. Da heute ein Ruhetag ohne ein weiteres Reiseziel war, hatten wir alle Zeit der Welt, durch die Straßen und über die Plätze Santiagos zu streifen.

Vom Parque Céspedes, wie der Rathausplatz offiziell heißt, liefen wir also die Aguilera, eine Touristenstraße mit vielen Bars hoch bis zur Plaza Marte. Dort fanden wir ein Geschäft, das zumindest von außen ein sehr breites Sortiment vermuten ließ. In diesem Laden machte uns die Klimaanlage einmal mehr bewusst, wie warm es draußen eigentlich war. Wir wollten ein Wasser kaufen und uns auf den drei Stockwerken einmal umsehen, denn wir waren immer noch auf der Suche nach einem Kugelschreiber.

Tja, was soll ich sagen? In diesem Geschäft gab es ein eigenes Stockwerk für Sportkleidung, es gab ein breites Angebot an Konserven und sogar Kinderwagen und Spielzeug. Aber was gab es nicht? Richtig, einen Stift. Es war nicht so, dass es nur keinen Kugelschreiber gab. Nein, es gab keinen einzigen Stift auf den drei Stockwerken. Womit schreiben die Leute hier? Die können sich ja nicht ausschließlich auf Stifte verlassen, die die Touristen vor Ort zurück lassen. Na ja, obwohl …

Mit einer Flasche Wasser, aber ohne Kugelschreiber ging es über die José Antonio Saco zurück Richtung Parque Céspedes. Es war nämlich brütend heiß und unsere Füße wollten uns nicht mehr allzu weit durch die hügelige Stadt tragen.

11 Santiago (19)

Parque Serrano

Die José Antonio Saco ist eine sehr angenehme Einkaufsstraße und Fußgängerzone mit vielen kleineren Läden und ein paar Bars. Obwohl echt viele Menschen unterwegs waren, waren die Geschäfte meist relativ leer. Dafür war der Parque Serrano, ein unscheinbares Stück Park mit ein paar Bäumen und selbst mitgebrachten Tischen und Stühlen, umso stärker bevölkert. Und zwar hauptsächlich von alten Männern. Einige von ihnen spielten Schach oder Dame, die meisten aber waren Zuschauer und in die jeweiligen Partien vertieft, denen sie beiwohnten. Die Spiele und deren Gewinner schienen aber nicht im Vordergrund zu stehen. Die meisten schienen hier zu sein, um andere Leute zu treffen und sich zu unterhalten. Das steht sowieso im Vordergrund der meisten Freizeitaktivitäten der Kubaner.

Als wir wieder am Rathaus angekommen waren, bestand ganz dringender Sitzbedarf. Wir hofften auf eine Sitzgelegenheit mit etwas Schatten, um wenigstens zwischenzeitlich etwas weniger zu schwitzen. Zumindest ein kleines bisschen. Im Parque Céspedes, also auf dem Platz vor dem Rathaus, standen zwar einige Bänke, die sogar über Rückenlehnen und einige Bäume in der Umgebung verfügten. Leider wollten letztere keinen Schatten spenden, weshalb erstere für unser Vorhaben nicht infrage kamen.

11 Santiago (24)

Blick zum Wasser

Wir hatten allerdings schnell eine passende Alternative gefunden: die Stufen vor der geschlossenen Filiale einer Bank langen perfekt im Schatten. Kurz nachdem wir uns dort niedergelassen hatten, wurden wir jedoch durch einen Sicherheitsbeamten, der sich IN (!) der Bank befand, des Platzes verwiesen. Dass das Sitzen vor einer Bank nicht gestattet ist, war uns neu.

Da wir ja bereits einige Minuten gesessen hatten und es auch keine schattigen Sitzplätze mehr in der Umgebung gab, beschlossen wir, dass wir nun eigentlich auch weiter gehen konnten. So machten wir uns auf den Weg in Richtung Hafen. Wir kamen allerdings nicht weit, da wir nach einigen Metern auf ein Postkartengeschäft stießen.

Wir hatten zwar noch keinen Stift, wollten uns aber vorausschauenderweise schon mal mit Postkarten eindecken. Optimistischerweise fragte ich die Verkäuferin nach einem Stift und hatte gehofft, sie könnte mir einen verkaufen. Das konnte sie leider nicht. Dafür lieh sie mir ihren Kugelschreiber und wir konnten die Karten vor Ort schreiben. Dazu bekamen wir noch einen Klebestift ausgeliehen, mit dem wir die Briefmarken auf die Karten kleben konnten. Anlecken war gestern.

Ein Postamt oder einen Briefkasten gab es nicht in der Nähe und so nahmen wir die Karten erst einmal mit, in der Hoffnung, unterwegs schon irgendwas zu finden, wo wir sie los werden könnten. [In Santiago fanden wir leider nichts und auch auf dem Weg in den nächsten Tagen wurden wir die Karten nicht los. Wir warfen sie schließlich an unserem letzten Tag in Havanna in einen steinalten Briefkasten, der nicht den Eindruck erweckte als würde er je geleert werden. Da es aber der einzige war, blieb uns nicht viel anderes übrig. Stand heute, etwa acht Wochen später, ist noch keine Karte angekommen.]

11 Santiago (8)

Kunst

Nach diesem ganzen Stress brauchten wir ein neues Wasser. Leider hatten wir total verplant, dass heute Sonntag ist. Bis 14:00 Uhr hatten die staatlichen Läden geöffnet. Natürlich war es bereits 14:30 Uhr und so blieb uns nichts anderes übrig als einen Abstecher zu El Rapido zu unternehmen. El Rapido ist die Fast-Food-Kette Kubas, in jeder Stadt und an jeder Tankstelle zu finden und unglaublich günstig. Die Karte umfasst alles, was man in einem Fast-Food-Restaurant erwartet: Hamburger, Cheeseburger, Käse-Pizza und Schinken-Käse-Pizza. Ein bisschen Eis, Süßigkeiten und Getränke wurden nebenbei auch noch verkauft, das Randsortiment unterscheidet sich aber von Filiale zu Filiale.

Das Ambiente würde man nicht unbedingt als gemütlich beschreiben. Es war sehr kalt – zumindest war das der Eindruck beim Betreten der Lokalität –, die Plastiktische und –stühle standen ordentlich in mehreren Reihen, zwei große Fernseher liefen und überall saßen Fliegen. Man hatte das Gefühl, dass die meisten der Gäste nur hier waren, um die Klimaanlage und den Fernseher zu nutzen, denn die wenigsten aßen etwas, einige hatten eine Getränkedose auf dem Tisch, der Rest saß am Tisch und unterhielt sich oder sah fern.

Da wir aber schon mal da waren und Lust hatten, mal was anderes zu essen als Huhn mit Reis, genehmigten wir uns eine Pizza. Wir hatten jeder eine mit Schinken und Käse für 1,45 CUC (1,10 Euro) pro Stück. Die Pizza schaffte es jedenfalls auf Anhieb unter die Top Fünf-Gerichte, die ich bisher auf Kuba essen durfte. Das lag unter anderem auch daran, dass sie mit richtigem und richtig viel Käse serviert wurde!

11 Santiago (15)

Santiago

Beim Verlassen von El Rapido traf uns der Hitzehammer direkt vor den Kopf, weshalb wir uns auf den Weg zurück zu unserem Casa machten und den Rest des Nachmittags ganz entspannt mit unserer Klimaanlage verbracht haben.

Santiago ist keine wunderschöne Stadt, gefällt uns aber viel besser als Havanna, weil es nicht ganz so eng ist und hier zu jeder Zeit an jeder Ecke Musik spielt. Das könnte allerdings auch damit zusammenhängen, dass das Festival de Caribe noch ein paar Tage dauert. Dennoch weiß die Stadt mit Charme zu überzeugen.

Die Hautfarben der Kubaner sind zwar über die ganze Insel bunt gemischt, hier in Santiago aber insgesamt etwas dunkler als in den anderen Gegenden. Der Grund dafür ist, dass Santiago früher der Ort war, an dem die Sklaven für die Zuckerplantagen aus Afrika ankamen und gehandelt wurden. Daher sind Santiago und dessen Umgebung die rebellischen Gegenden des Landes. Hier begann die kommunistische Revolution, deren Erfolg durch Fidel Castro vom Balkon des Rathauses hier in Santiago verkündet wurde.

Die vielen engen Straßen und Gassen sind – für kubanische Verhältnisse – vollgestopft mit Mopeds und Autos, aber auch Busse und LKW sieht man nicht selten. Ebenfalls nicht selten sind diese mit Kratzern und Dellen übersehen. Diese gehören hier wohl zum guten Ton. Durch den relativ starken Verkehr hängt über der ganzen Stadt eine sehr hartnäckige Benzinwolke, die man einfach nicht los wird.

Als wir gerade auf der Terrasse unseres Casas saßen, flirtete ein älterer Mann im Vorbeigehen mit mir. Nach kurzer Zeit kam er zurück und stellte sich auf Deutsch vor. Sein Name war Angelo und er hat zu DDR-Zeiten in einer Zellstofffabrik in Wittenberg bei Schwerin gearbeitet. Die Welt ist ein Dorf und Mecklenburger gibt es überall, auch wenn es kubanische sind.

Da es auf Kuba keine chemische Industrie gibt, arbeitet er jetzt als Maurer. Sein Bruder, den er im Schlepptau hatte, arbeitet in einer Zigarrenfabrik und war ganz erpicht darauf, uns etwas von seiner Arbeit zu verkaufen. Da wir uns aber bereits mit Zigarren eingedeckt hatten, bestand für uns allerdings erst mal kein Bedarf mehr.

Den Rest des Abends werden wir wohl auch auf der Terrasse mit ein paar rumhaltigen Getränken verbringen, bevor wir morgen über einen riesigen Umweg über die Südküste nach Baracoa fahren.

Ein Gedanke zu „Tag 11: Mecklenburger sind überall!

  1. Pingback: Tag 15: Hasta la vista, Cuba! | Zug nach irgendwo

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.