Tag 11: Seidenstraße live

27. Juni 2013. Chiva, Usbekistan.

Der Tag begann als erster Tag dieser Reise mit einem Frühstück im Hotel, denn bis hierher waren wir Selbstversorger. Da wir uns derzeit in der Nebensaison befinden, gab es kein Buffet, sondern einen eingedeckten Tisch. Im Speisesaal waren genau drei Tische gedeckt, wobei sich später herausstellte, dass einer davon für den Hotelmanager vorgesehen war.

Es gab einen Korb mit etwas, das aussah wie harte Milchbrötchen, hartem Toast und dunklem Brot, Marmelade in einer offen Schale (zum Dippen), ebenso Honig und süßen Joghurt, Obst (leider nicht mehr ganz frisch), Nüsse, Rosinen und einen Teller mit Gurken und Tomaten. Nach dem Kaffee wurde ein Omelett gebracht und danach ein bisschen Schlimme-Augen-Wurst in zwei Sorten, Räucherkäse und Butter.

300.000 Sum

300.000 Sum

Nachdem wir uns den Bauch vollgeschlagen hatten, gingen wir nochmal ins Zimmer, legten uns auf das Bett und machten einen Plan für den Tag. Plötzlich klingelte das Telefon. Die Rezeption. Gestern bei der Ankunft hatten wir gefragt, wann wir bezahlen sollen, woraufhin uns mitgeteilt wurde, dass das bereits erledigt wäre. Wir waren uns ziemlich sicher, dass dem nicht so war, aber da diskutiert man ja nicht. Der Rezeptionist teilte uns nun mit, dass wir doch noch bezahlen müssten und fragte, ob wir in Dollar oder Sum bezahlen wollten. Da wir nicht genug Sum hatten, sagten wir Dollar.

Das ging aber nicht, sei aber kein Problem, er kommt auf unser Zimmer zum Geld tauschen. Unser Vorschlag, das an der Rezeption beim Auschecken zu machen, wurde abgelehnt. Egal. Er brachte uns das Geld, das wir beim Auschecken wieder abgaben. Der Sinn hat sich uns nicht direkt erschlossen, aber hier muss alles seine Richtigkeit haben. Bezahlt haben wir übrigens in einem Zimmer hinter der Rezeption beim Hotelmanager.

Nachdem wir unser Gepäck sicher im dem Raum mit den Safes und einem nicht angeschlossenen Geldautomaten abgeladen hatten, konnte es auch losgehen. Nach ein paar Metern waren wir an der Stadtmauer und ein paar Minuten später in der Altstadt. Zwischen Stadtmauer und Altstadt liegen noch ein paar Wohnhäuser, an denen wir vorbei liefen.

Auf dem Basar

Auf dem Basar

Das erste Ziel war der Basar am Osttor und zwar aus zwei Gründen. Erstens muss man in jeder Stadt, wenn möglich, auf den Basar, weil es dort immer viel zu sehen und erleben gibt und man einen Einblick in den Alltag bekommt. Zweitens brauchten wir Geld. Wir dachten, es wäre in Usbekistan ähnlich wie in Kambodscha, wo einfach jeder in US-Dollar bezahlt. Das ist hier aber nicht so. Man kann Dollar zwar überall wechseln, sie sind auch sehr begehrt. Bezahlen muss man aber fast alles in Sum. Will man in Dollar bezahlen, steigt der Preis rasant.

In Usbekistan gibt es zwei verschiedene Wechselkurse: einmal den offiziellen der Banken und registrierten Wechselstuben und einmal den auf dem Schwarzmarkt. Diesen Unterschied gibt es, weil jeder Usbeke nur eine bestimmte Menge an US-Dollar im Monat offiziell tauschen darf, der Bedarf aber höher ist. So gingen wir auf den Basar, um einen besseren Kurs als im Hotel zu erhalten, was zwar nicht ganz legal ist, hier in Chiva aber toleriert wird.

Wir liefen also durch alle verschiedenen Abteilungen auf dem Basar, trafen aber erstmal keinen Geldhändler. So ließen wir uns durch die Gassen der Gemüse-, Öl-, Getreide-, Fischfangzubehör-, Eimer-, Seil-, Fahrrad- und Autoteilfachgeschäfte treiben. Das war alles toll anzusehen und zu beobachten. Jeder war beschäftigt, alles lief durcheinander und vor allem Obst wechselte eimerweise den Besitzer.

VOR dem Basar

VOR dem Basar

An einem Nebeneingang des Basars befand sich der Busbahnhof. Hier fuhren allerdings keine großen Linien- oder Reisebusse ab, sondern ausschließlich Kleinbusse, meist weiße Chevrolets oder Daewoos. Einen Fahrplan gibt es nicht. Ein Bus fährt dann ab, wenn er voll ist.

Wir liefen dann über ein kleines Wohngebiet, das hauptsächlich aus Lehmhäusern bestand, außen um den Basar herum und kamen schließlich zum Parkplatz vor dem Haupteingang des Basars. Dass es sich um den Parkplatz vor dem Basar handelte, bedeutete aber keineswegs, dass hier kein Handel getrieben wurde. Jeder, der keinen Stand auf dem Markt abbekommen hatte oder sich diesen nicht leisten konnte, schien nun seine Waren, hauptsächlich Obst und Gemüse, auf dem Parkplatz anzubieten anzubieten.

Ein bisschen Kleingeld

Ein bisschen Kleingeld

Hier sprach uns auch endlich jemand an, ob wir nicht Geld tauschen wollten. Es war ein beleibter Mann mit einer blau-weiß-rot karierten Tasche voller Geld. Wir erinnern uns: Die größte Banknote ist ein 1.000 Sum-Schein. Daher nimmt das Geld etwas mehr Platz weg und als professioneller Geldhändler kommt man um eine große Tasche nicht herum.

Da es in Usbekistan einfacher ist, US-Dollar als Euro zu tauschen, hatten wir uns entscheiden, Dollar statt Euro mitzunehmen. Wir tauschten für den Anfang 100 US-Dollar und erhielten dafür 270.000 Sum. In einer offiziellen Wechselstube hätten wir 210.000 Sum bekommen. Nachdem wir die 270 Scheine gezählt hatten, verstauten wir sie in unserer Tasche, die jetzt mit Geldbündeln gefüllt war.

Islam Hodscha Medrese

Islam Hodscha Medrese

Nach diesem guten Geschäft war es Zeit, dass wir uns die Altstadt von Chiva mal bei Tageslicht anschauten. Vorher mussten wir uns aber erstmal hinsetzen. Es war gegen 12:00 Uhr mittags, die Sonne stand genau über uns und die Hitze war fast unerträglich. Zum Glück hält sich in der Wüste die Luftfeuchtigkeit in Grenzen. Also haben wir Wasser gekauft und erstmal hingesetzt, in den Schatten natürlich. Als dieser verschwunden war, ging es weiter.

Wir liefen durch die Straßen an den wunderschönen Moscheen und Medresen (Koranschulen) vorbei und genossen die Stadt. Diese ist hauptsächlich aus Sandstein gebaut. Religiöse Gebäude wie Moscheen sind mit türkisen und blauen Fliesen gestaltet, sodass sie schon von weitem von dem Rest der Stadt zu unterscheiden sind.

Im Gegensatz zu gestern Abend waren die Straßen nun nicht mehr leer, sondern bevölkert von Händlern, die hauptsächlich Touristenkram verkauften. Tücher, Taschentücher, Hüte, Ketten, Taschen und die beiden Highlights: Chapkas und selbst gestrickte Wollsocken. Trotz der Hitze im Sommer wird es hier im Winter richtig kalt, weil wir uns in der kontinentalen Klimazone befinden. Also muss vorgesorgt werden.

Am Kurzen Minarett

Am Kurzen Minarett

Als wir gerade am Kurzen Minarett standen, sprach uns jemand an. Wie lange wir denn in Chiva blieben, er könnte uns nämlich tolle Exkursionen in die Wüste anbieten. Das mussten wir leider ablehnen, weil wir heute Abend schon weiter nach Buchara fahren würden. Ob wir schon geklärt hätten, wie wir nach Urgench kommen, wo sich der nächste Bahnhof befindet. Das hatten wir noch nicht und so verabredeten wir den Preis der Fahrt und Abfahrtszeit und –ort. Wir sollten an unserem Hotel abgeholt werden. Das ist ja einfach.

Wir schlenderten weiter durch die Gassen und machten hin und wieder eine Pause. Irgendwann wurde es windig, was wir als Erfrischung dankbar hinnahmen. Der Wind wurde dann aber immer stärker und was das in der trockenen Wüste bedeutet, hatten wir gestern schon gemerkt: Sandsturm. Die mobilen Läden der Händler flogen durch die Gegend und überall war Sand. Die Luft sah aus als wäre es neblig. Zum Glück klebt der Sand auf Schweiß und Sonnenmilch ja kaum und so bekamen wir ein kostenloses Körperpeeling. Unsere nächste Dusche sehen wir wohl erst morgen Abend

Sandsturm

Sandsturm

Wir gingen dann in das Teehaus, am dem wir bereits ein paar Mal vorbei gelaufen waren und waren erstaunt, wie angenehm kühl es dort war. Es handelte sich zwar „nur“ um einen Innenhof mit Stühlen und einem Dach aus Stroh, aber weder Wind noch Sand oder Sonne konnten uns gefährlich werden. Wir tranken Tee, aßen kleine Kuchen und verbrachten die Zeit ganz entspannt.

Anschließend liefen wir noch ein paar Minuten und gingen in ein Restaurant, wo wir eine Kleinigkeit zum Abendbrot aßen. Denis hatte eine Suppe mit Gemüse und ich einen super gewürzten Kalbskebab mit gekochtem Gemüse (Kartoffel, Möhre, Rote Beete, Zwiebeln). Das Ganze kostete inklusive Trinkgeld 18.000 Sum, was nach Schwarzmarktkurs etwa sechs Euro sind.

Danach ging es zum Hotel, wo unser Taxifahrer schon auf uns wartete. Er hätte noch zwei weitere Fahrgäste, ob das ein Problem wäre. Natürlich nicht. Die beiden waren Russen, wurden unterwegs abgesetzt und arbeiteten einer Trinkwasseraufbereitungsanlage. Das Wasser aus dem Hahn und aus natürlichen Quellen sollte man hier nämlich definitiv nicht trinken, weil der Salzgehalt viel zu hoch ist.

Als die beiden ausgestiegen waren, erzählte uns der Fahrer, dass 100 Liter Trinkwasser etwa vier Dollar kosten würden. Das hörte sich für uns nicht so viel an, ist es für die Menschen hier aber. Da sich das viele nicht leisten können, trinken sie das Wasser aus dem Brunnen, was sie krank macht. Viele bekommen Probleme mit den Nieren und Gelenken, weil das Grundwasser sehr magnesiumhaltig ist und sich das Salz in den Gelenken ablagert. Außerdem führt es dazu, dass die Zähne verfaulen, weshalb hier sehr viele Goldzähne zusehen sind. Alte Menschen haben meist nicht nur einen davon, sondern einen ganzen Mund voll. Das ist dramatisch, zumal Nestlé und Co. an der Wasseraufbereitung sicherlich nicht schlecht verdienen.

Urganch Voksal

Urganch Voksal

Wir kamen schließlich am Bahnhof in Urgench an, bezahlten die verabredeten 20.000 Sum (6,50 Euro), kauften am Stand auf dem Vorplatz noch Hleb (Brot) und Wasser und liefen Richtung Bahnhof. Wie es in der Sowjetunion üblich war und heute noch weiter gelebt wird, sind die Bahnhöfe die Aushängeschilder der Städte und müssen daher groß, imposant und sauber sein. Das ist der Bahnhof von Urgench definitiv. Dadurch wirkt er auch absolut fehl am Platze, denn hier halten am Tag nicht viel mehr als drei Züge.

Trotzdem war alles da, was einen Bahnhof wichtig macht: ein Springbrunnen, eine riesige Bahnhofshalle, ein Zaun und eine Kontrolle am Zaun. In das Bahnhofsgebäude kommt nämlich nur, wer ein Ticket hat. Also wurden an zwei Kontrollhäuschen von jeweils zwei Polizisten die Fahrkarten und zur Sicherheit auch die Pässe geprüft. Die erste Kontrolle hatten wir bestanden, also rein ins Gebäude. Hier gab es nun eine Kontrolle wie am Flughafen. Das Gepäck wurde gescannt und jeder musste durch einen Metalldetektor laufen. Dass es bei uns beiden gepiept hat und ein Tablet-PC im Gepäck war, hat niemanden gestört. Anschließend gab es zur Sicherheit eine weitere Passkontrolle, bei der die Fahrkarte abgestempelt wurde. Alles muss seine Ordnung haben.

In der Bahnhofshalle, die viel zu groß ist, sahen wir viele der Touristen wieder, die wir im Laufe des Tages schon in der Stadt gesehen hatten, unter anderem ein älteres Ehepaar aus Japan, das in unserem Hotel wohnte. Es gab in der Halle einen Verkaufstresen, an dem es eins zu eins genau das gab, das am Stand vor dem Bahnhof verkauft wurde, nur teurer. Ich ging einmal auf die Toilette, musste dafür 300 Sum (0,10 Euro) zahlen und bekam drei Stücken Toilettenpapier von der Toilettenpapierbeamtin. Auf dem Bahnhof liefen außerdem noch viele Uniformierte und eine Ärztin herum.

Tickets gab es hier übrigens nicht zu kaufen. Wozu auch? Man kommt ohne Fahrkarte ja sowieso nicht in den Bahnhof. Vor dem Gebäude gab es auch keinen Ticketschalter. Es bleibt also ein Geheimnis, woher alle Leute ihre Fahrkarten haben. Unsere Fahrkarten wurden von unserer Reiseagentur in Berlin über deren russischen Partner in Moskau besorgt.

Bahnhöfe gelten in Usbekistan übrigens genauso wie Flughäfen als militärisches Gebiet. Daher gilt hier absolutes Fotografier- und Filmverbot. Es gibt hier auch nicht einen Touristen, der es versucht hätte. Dazu war das Gelände insgesamt viel zu stark bewacht.

Unser Abteil

Unser Abteil

Irgendwann fuhr unser Zug ein und alle waren ganz aufgeregt. Sicherheitshalber wurden vor dem Einsteigen nochmal unsere Fahrkarten kontrolliert. Wir hatten auch diese Kontrolle bestanden und durften einsteigen. Unser Vierer-Abteil sollten wir uns mit den beiden Japanern teilen. Wir hatten eine Liege oben und eine unten und die beiden ebenfalls. Da die beiden aber schon gut über Sechzig waren, boten wir ihnen an, dass wir oben schlafen würden. Von denen hätte es wohl keiner auf die obere Liege geschafft.

Als wir einen Schaffner auf unser Problem, unsere Taschen zu verstauen, ansprachen, bot dieser uns ein Lux-Zweier-Abteil mit Klimaanlage und Fernseher für 20.000 Sum (6,50 Euro) an. Wir lehnten dankend ab, uns ging es ja hier schließlich gut. Später fiel uns ein, dass die beiden Japaner vielleicht lieber so ein Lux-Abteil wollten und wir fingen an, für die beiden zu verhandeln. Die beiden hatten bis dahin gar nichts von den Geschäften auf dem Gang mitbekommen, weil sie ganz artig auf ihrem Bett gesessen und darauf gewartet hatten, dass es Schlafenszeit wird.

Ein anderer Schaffner wollte 30.000 Sum pro Person, also 60.000 insgesamt. Der nächste hatte schon ein besseres Angebot, 10.000 Sum für zwei. Damit waren die Japaner einverstanden, bedankten sich und waren verschwunden. Wir hatten nun auch ein Abteil für uns und waren nicht unglücklich darüber. Trotzdem wurden wir noch weitere Male gefragt, ob wir nicht auch wechseln wollen. Jeder Schaffner versucht, hier etwas dazu zu verdienen und da es keinen Postersatz auf dieser Strecke benötigt, werden eben die leer gebliebenen Lux-Abteile weiter vermietet.

Der Abend verlief relativ unspektakulär. Es waren viele Touristen und wenig Einheimische an Bord und die Gegend bestand weiterhin hauptsächlich aus Wüste.

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