Tag 12: Mit 50 PS über Offroad-Pisten und durch einen Fluss – die Landstraße 20

13 Baracoa - Holguin (4)

Mitarbeiter des Tages

7. Juli 2014. Santiago de Cuba, Süd-Kuba – Baracoa, Süd-Kuba. 650 Kilometer.

Wir haben heute in unserem Team zwei Mitarbeiter des Tages. Der erste ist unser Kia, der weit über sich hinaus gewachsen ist und Aufgaben gemeistert hat, für die andere einen Geländewagen benötigen. Der zweite ist Denis, der den ersten souverän durch den Tag geführt hat. Meine Aufgabe bestand heute darin, auf dem Beifahrersitz zu sitzen und nicht komplett die Nerven zu verlieren. Das ist mir größtenteils auch ganz gut gelungen.

Santiago - Baracoa. 650 km.

Santiago – Baracoa. 650 km.

Was war nun passiert? Wir wollten heute von Santiago nach Baracoa fahren – auf direkter Strecke etwa 250 Kilometer. Da wir aber auf jeden Fall noch ein bisschen an der Küste entlang fahren wollten, entschieden wir uns, einen sehr großen Umweg in Kauf zu nehmen. So sollte es erst etwa 120 Kilometer direkt an der Südküste über die Landstraße mit der Nummer 20 Richtung Westen nach Pilon und Manzanillo gehen, dann im Landesinneren zurück nach Santiago und von dort Richtung Osten nach Baracoa, sodass wir am Ende auf etwa 650 Kilometer kommen würden. Das war ein straffes Programm, sollte aber an einem Tag zu schaffen sein, wenn wir früh genug aufbrachen.

12 Santiago - Baracoa (6)

Wunderbare Gegend

Wir kamen dann auch direkt wie erhofft an die Küste und konnten von der Straße einen tollen Ausblick auf das Meer genießen. Das Wasser war klar und türkis und die Küste wurde entweder von Stränden oder ausgewaschenem Kalkstein begrenzt. Nebenbei standen viele Palmen, die Gegend auf der anderen Seite der Straße war grün und gebirgig. Kurzum, es war perfekt und genauso wie wir es uns ausgemalt hatten.

Wir fanden in einem kleinen Ort noch die erhoffte Tankstelle, die etwas versteckt auf einem Hügel lag. Und dann konnte einem tollen Vormittag an der Küste nun wirklich gar nichts mehr im Wege stehen. Je nachdem wie wir in der Zeit liegen würden, könnten wir ja auch einmal an der Küste an- und die Füße ins Wasser halten. Der Sonnenbrand war an diesem Tage schon sehr gut abgeklungen, sodass wir uns auch mal wieder in die Sonne wagen könnten.

Okay, das klingt zugegebenermaßen wirklich traumhaft und nach einem sehr guten Plan. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass wir uns auf Kuba befinden. Und hier kommt relativ wenig so wie man es geplant hat. So nahm der Vormittag seinen Lauf. Die Straße war bis zu einem gewissen Zeitpunkt sehr gut und schien noch gar nicht so alt zu sein. Irgendwann wurde sie dann etwas schlechter, es gab wieder vermehrt Schlaglöcher und Ausweichrouten direkt neben der Straße, die einfacher zu fahren waren als die ehemals asphaltierte Strecke.

12 Santiago - Baracoa (12)

Mäh!

Etwa zu diesem Zeitpunkt war es auch so weit, dass immer wieder Ziegenherden auf oder neben der Straße unterwegs waren. Das war aber eigentlich kein großes Problem, denn die Ziegen sind, im Gegensatz zu Hunden oder Kühen, sehr vorbildliche Verkehrsteilnehmer. Sobald man sich ihnen im Auto nähert, laufen sie an den Straßenrand und warten dort bis die Straße wieder frei ist.

12 Santiago - Baracoa (21)

Leichte Schieflage

Diese bestand nun größtenteils aus Schlaglöchern und die Ortschaften wurden auch immer kleiner und waren immer weiter voneinander entfernt. Irgendwann näherten wir uns einer Brücke, die durch große Begrenzungssteine gesperrt worden war. Daneben befand sich aber eine bestens eingefahrene Umgehungsstraße aus Sand. Da unter der Brücke kein Wasser floss, sondern sie einfach nur zur Überbrückung eines kleinen Tals diente, gab es keine weiteren Probleme.

Im Vorbeifahren sahen wir dann auch, weshalb die Brücke gesperrt war: Sie hatte an einem Stützpfeiler eine beunruhigende Seitenlage entwickelt, weshalb wir ganz froh waren, dass wir sie umfahren konnten.

12 Santiago - Baracoa (27)

Ein paar Steine auf der Straße. Na, und?

Es ging dann weiter auf der wenig bis gar nicht asphaltierten Landstraße 20 mit tiefen Schlaglöchern. Mittlerweile lagen riesige Gesteinsbrocken direkt auf der Straße, die nun teilweise an der Wasserseite einfach abgebrochen war. Aber da es hier eigentlich gar keinen Verkehr mehr gab, war es kein Problem, mit all dem fertig zu werden. Wir waren das einzige Auto auf der Straße und brauchten uns nur hin und wieder um ein paar Ziegen Gedanken zu machen.

Spätestens das in Kombination mit der immer schlechter werdenden Straße hätte uns eigentlich stutzig machen oder zumindest zum Nachdenken anregen müssen. Wir hatten uns aber mittlerweile so daran gewöhnt, dass gerade kleinere Straßen hier kaum befahren und in wenig verkehrstauglichem Zustand sind, weshalb wir munter weiter fuhren.

Dann plötzlich endete die Straße abrupt an einem Felsen. „Und nun?“ – „Fahr mal hier rechts, da ist ein kleiner Weg, vielleicht geht es ja da weiter.“. Alles klar, also rechts und … auch dieser Weg endete im Nichts. Hier waren aber einige Männer anwesend – keine Ahnung, was die da gemacht haben, denn es gab dort nichts zu machen – die wir nach dem Weg fragen konnten. Einer zeigte uns dann, wo wir langfahren mussten.

12 Santiago - Baracoa (38)

Offroad-Piste

Die Straße endete nämlich gar nicht an dem Felsen, wie wir ursprünglich gedacht hatten, sondern hatte sich dort in eine Offroad-Piste aus Kieselsteinen in den Größen von „ganz klein“ bis „ziemlich groß“ entwickelt, die ganz eng am Felsen entlang um diesen herum führte. Nützt ja nichts, also rauf da und weiter. Wir hatten ja schließlich einen PS-starken Geländewagen unter dem Hintern, dem so eine kleine Steinpiste gar nichts anhaben konnte. Zumindest hat sich unser Kia Picanto seine 50 PS nicht anmerken lassen und diesen Teil mit bravour gemeistert. Hinterher hat zwar irgendwas am Unterboden geklappert, aber was sollten wir machen? Eine Werkstatt hätten wir dort sowieso nicht gefunden.

12 Santiago - Baracoa (40)

… da endete einmal der Tunnel

Als die Piste wieder auf die richtige Straße führte, erkannten wir, dass an dieser Stelle einmal ein Tunnel in Betrieb war, der anscheinend nicht mehr benutzt werden konnte, also umfahren werden musste. Hier musste also vor einiger Zeit mal ein heftiger Hurrikan gewütet haben, dessen Schäden man noch nicht komplett beheben konnte. [Ja, Hurrikan Sandy 2012.]

Wie groß das verwüstete Gebiet war, wussten wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Sonst wären wir wohl spätestens hier umgedreht. Die Problematik mit dem nicht mehr benutzbaren Tunnel wiederholte sich nach ein paar Kilometern ein weiteres Mal. Diesmal war die Umgehungsstrecke etwas kürzer und nicht ganz so holprig, erforderte aber trotzdem volle Konzentration von Fahrer und Wagen.

Wir dachten zu diesem Zeitpunkt, das schlimmste hinter uns gelassen zu haben und hofften auf eine langsame Verbesserung der Straßenverhältnisse. Diese stellte sich aber keineswegs ein. Es war noch ein weites Stück bis zum Ende des Hurrikan-Gebiets.

Wir erreichten dann mal wieder eine abgesperrte Brücke. Diese ist aber nicht durch Begrenzungssteine gesperrt worden, sondern durch einen Sandhügel, der sichtbar immer wieder überfahren worden ist. Uns kam zwar ein Junge auf seinem Fahrrad von der anderen Seite entgegen, wir entschieden uns aber aufgrund der starken Rechtslage dieser Brücke, zurückzufahren und die ausgeschilderte Umleitung zu nehmen.

Diese führte in den Ort links neben der Straße, der sehr weit unter dem Niveau der Brücke lag. Wir konnten nun auch von unten das Ausmaß der Schieflage dieser Brücke sehen und waren heilfroh, dass wir nicht darübergefahren waren, denn diese war noch schiefer als die erste Brücke, die wir bereits umfahren hatten und zusätzlich noch etwa zehn bis fünfzehn Meter höher. Auch wenn die Spuren auf der Sandabsperrung deutlich anzeigten, dass immer wieder Autos diese Brücke überquerten hatten, waren wir heilfroh, uns anders entschieden zu haben.

Aber nur kurz. Dann standen wir plötzlich an einem kleinen Fluss, der zwar nicht mal ganz knietief war, aber dafür durch einem Bett auf großen Steinen lief. Dieser hatte natürlich keine Brücke. Also was tun? Wir standen vor der Entscheidung zwischen einer fünfzehn Meter hohen einsturzgefährdeten Brücke und einem knietiefen Flussbett. Vor dieser Entscheidung standen wir in unserem weißen Kia Picanto mit drei Gängen und 50 PS. Ein Zurück war aufgrund der Entfernung, die wir schon zurückgelegt hatten und den beiden umfahrenen Tunneln eigentlich keine Option mehr.

Da die Brücke absolut nicht infrage kam, mussten wir also wohl oder übel durch diesen Scheiß Fluss. Also los. Rein ging es noch ganz einfach, raus dann nicht mehr so. Denis gab Gas, der Boden gab nach, meine Nerven auch. Ich musste daher zwischenzeitig aussteigen und mir das Ganze von außen anschauen. Nach ein paar Anläufen kamen Denis und der Kia aber aus dem Wasser und es war an der Zeit, die Nerven wieder ein bisschen zu beruhigen.

Denkste. Da wir uns ja in einem Tal befanden und wieder hoch auf die Straße mussten, ging es natürlich wieder ein Stück aufwärts. Das zwar nicht in einem Flussbett, dafür aber auf einer Sandpiste, die etwas steiler und schon dermaßen zerfahren war, dass auch hier der Boden nachgab. Da es nun endgültig kein Zurück mehr gab, mussten wir auch da durch bzw. hoch. Mit allen PS, die der Kia irgendwo auftreiben konnte, und einer Menge Staub schafften wir auch dies. Ein Wunder war geschehen. Denn dass dieses Auto diese Herausforderung geschafft hätte, hätten wohl nicht mal die kühnsten koreanischen Ingenieure für möglich gehalten.

Was jetzt auch noch vor uns lag, es konnte nicht schlimmer kommen. Kam es zum Glück auch nicht, denn nach einiger Zeit wurde die Straße etwas besser und wir konnten ein bisschen Gas geben. Am Ende steht eine Fahrtzeit von viereinhalb Stunden für die ersten 150 Kilometer des Tages und die Erkenntnis, dass es wahrscheinlich für alle Beteiligten am unkompliziertesten gewesen wäre, einfach die Brücke zu überqueren oder direkt bei den ersten Felsbrocken auf der Straße umzudrehen. [Falls ihr euch wundern solltet, dass es von diesem Teil der Strecke keine Bilder gibt: Ich habe mich zu diesem Zeitpunkt nicht in der Lage gefühlt, zu fotografieren.]

Zu diesem Zeitpunkt war die Stimmung ganz tief am Boden. Die Anspannung saß noch ganz tief in den Knochen und wir hatten mittlerweile echt die Schnauze voll von Kuba. Wenigstens ein Warnschild für blauäugige Touristen hätte man doch aufstellen können, zumindest für diejenigen, denen große Gesteinsbrocken und abgebrochene Straßen nicht Hinweis genug waren auf eine Unbefahrbarkeit der Straße. Arg! [Falls ihr demnächst nach Kuba reisen und es noch nicht gemerkt haben solltet: Fahrt da nicht lang!]

Es war nun also schon 13:30 Uhr und wir hatten noch gute 500 Kilometer vor uns. Es hieß nun also Gas geben, was auf Kuba etwa eine Höchstgeschwindigkeit von 70 Stundenkilometer bedeutet. Nicht weil unser Geländewagen nicht mehr hergab, sondern um noch rechtzeitig auf die Schlaglöcher reagieren zu können, die immer wieder aus dem Nichts auftauchten.

Der Nachmittag verlief angespannt, aber ruhig. Irgendwann ließen wir ein Hörbuch laufen, das ein wenig ablenken und für Entspannung sorgen konnte. Erst im Laufe der Fahrt wurde uns bewusst, dass wir den Vormittag mit dem größtmöglichen Glück unbeschadet und ohne Pannen überstanden haben. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn ein Reifen im Flussbett geplatzt wäre oder der Motor auf dem Weg den Berg nach oben den Geist aufgegeben hätte. In diesem Falle hätten wir uns wohl auf dem Bauernhof im Dorf unter der Brücke bewerben und ein neues Leben beginnen müssen. An Autoteile wären wir da jedenfalls nicht gekommen.

Gegen 19:00 Uhr erreichten wir Guantanamo (die Stadt, nicht das US-Gefängnis) und versorgten uns für die letzten 150 Kilometer mit Benzin, Wasser und Keksen. Viel Zeit zum Beinevertreten blieb uns bei unserer letzten Pause nicht, denn es sollte bald dunkel werden und es ist nicht ratsam, in der Dunkelheit auf Kuba Auto zu fahren. Der Grund ist ganz einfach: Die wenigsten Fahrzeuge auf der Straße sind beleuchtet, die Straßen selbst sind es auch kaum. Klar, Pferdekutschen, Fahrräder und Fußgänger haben in den seltensten Fällen eine eingebaute Lichtquelle.

12 Santiago - Baracoa (44)

Dämmerung

Gegen 19:30 Uhr begann die Dämmerung und die letzten 100 Kilometer legten wir komplett im Dunkeln zurück. Passenderweise war das natürlich auch direkt der Teil der Strecke, der über eine Menge Serpentinen ins Gebirge führte. Aufgrund unerwartet vorhandener und sehr stabiler Leitplanken, war das aber kein großes Problem mehr. Wir hatten ja heute schon ganz andere Strecken gemeistert. Die Straße war gut ausgebaut und sogar für LKW befahrbar, also kein Problem für unseren Geländewagen. Einzig ein paar Fahrradfahrer und Pferdewagen tauchten etwas unerwartet aus dem Nichts auf.

Baracoa und unser Hotel erreichten wir gegen 22:00 Uhr. Dort angekommen, mussten wir darauf, dass wir diesen Tag hinter uns gebracht und unser Ziel erreicht haben, einen Mojito und ein Bier trinken.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.