Tag 12: Privatunterricht in einer Koranschule

28. Juni 2013. Buchara, Usbekistan.

Gegen 6:30 Uhr, etwa eine Dreiviertelstunde vor Ankunft des Nachtzuges in Buchara war Wecken angesagt. Das hatte für die Schaffner genau zwei Vorteile: Erstens konnte keiner verschlafen und zweitens hatten alle genug Zeit, ihre Betten abzuziehen. Wir kamen ein bisschen vor Plan in Buchara an und mussten über das Gleis zum Ausgang des Bahnhofes. Auf dem Weg bedankten sich Mr. und Mrs. Hamamoto (Sie wurden von einem Portier mit Schild empfangen.) noch einmal für unsere Hilfe und sagten, sie hätten eine sehr angenehme Nacht gehabt.

Gegend in der Nähe von Buchara

Gegend in der Nähe von Buchara

Wir fanden einen Taxifahrer, der uns für 15.000 Sum (etwa 5,00 Euro) zum Hotel brachte. Unterwegs wollte er wissen, wie lange wir blieben und ob er uns wieder zum Bahnhof bringen konnte. Leider konnte er nicht genug Englisch und wir nicht genug Russisch oder Usbekisch, um das eindeutig zu klären. Das war aber kein Problem, denn jeder Usbeke kennt einen, der einen kennt, der irgendwas besser kann als er selbst. So rief er jemanden an, unterhielt sich kurz mit dem und reichte das Handy an Denis weiter. Der klärte auf Englisch, wann wir morgen abgeholt werden müssten und reichte dem Fahrer wieder das Handy, damit ihm die Person in der Leitung mitteilen konnte, wann er wo sein muss. Wir werden also morgen früh gegen 7:10 Uhr abgeholt.

Auf der Fahrt zum Hotel wurde offensichtlich, dass wir uns nun in einer größeren Stadt aufhielten. Die Gegend war nicht mehr so provinziell. Zwar gab es neben der Straße immer noch Felder, auf denen Kühe, Ziegen und Esel standen. Es standen aber auch viele große Büro- und Fabrikgebäude in der Gegend herum. Außerdem hatten wir unterwegs ein paar Ampeln.

Frühstückslokalität

Frühstückslokalität

Da unser Zimmer noch nicht fertig war, ließen wir das Gepäck im Hotel und machten uns auf die Suche nach einer Frühstücksgelegenheit, was vor 8:00 Uhr nicht so einfach war, weil viele Restaurants und Cafés noch geschlossen waren. Wir fanden aber eine Lokalität im Freien am Labi-Haus und ließen uns nieder. Eine Frühstückskarte gab es leider nicht, aber unter der Kategorie Vorspeisen fanden wir Spiegeleier und einen Käseteller. Dann noch Brot und Tee dazu bestellt und fertig war das Frühstück. Es war kein Gaumenschmaus, aber wir sind satt geworden.

Anschließend liefen wir ein bisschen durch die Altstadt und wollten uns einmal den Geldwechsler-Basar anschauen, der auf unserer Karte nicht weit entfernt von unserem Standort eingetragen war. Dazu mussten wir ins Wohngebiet um die Ecke, ein paar Mal abbiegen und schon sollten wir da sein. Das erwies sich im ersten Moment als weniger einfach und ziemlich erfolglos.

Medrese

Medrese

Dafür trafen wir auf einen neuen Gesprächspartner. Ein älterer Herr, vielleicht 65 oder 70, sprach uns an. Woher wir kämen. Aus Deutschland? Da hatte er sieben Jahre gelebt. „Dienen, dienen.“ Er war also Soldat und zwar in Potsdam, Magdeburg und Frankfurt. Potsdam sei eine schöne Stadt. Er versuchte uns etwas von einem Festival 1965 zu erzählen. Leider verstanden wir nicht, was er meinte und so wechselte er das Thema.

In Deutschland gäbe es gutes Bier. „Franziskaner“. Vodka konnte man dort aber nicht trinken, den musste man sich aus der Sowjetunion besorgen. Dort war er viel besser. Aber die Deutschen tränken ja sowieso lieber Bier. Nachdem alle Vokabeln aufgebraucht waren, die er kannte, entschuldigte er sich dafür, dass er nicht mehr so gut deutsch könne. Früher konnte er das besser. Dann verabschiedete er sich von uns – „Auf Wiedersehen“ – und wir gingen weiter.

Durch ein Gewirr an engen Gassen laufend fanden wir zwar den Basar nicht, wurden aber von vielen Kindern nett begrüßt. Wir hatten dann irgendwie das Wohngebiet durchquert und sahen vier seltsame Türme mit Leuchten. „Sind das Flutlichtmasten? Ist da ein Stadion?“ – „Keine Ahnung, lass mal gucken gehen.“

Also vorbei an dem großen Gebäude mit Vorplatz inklusive Springbrunnen, die wohl wegen Mangels an Besuchern außer Betrieb waren. Hier waren wir in der Sowjetunion angekommen. So und nicht anders hat es hier sicher schon vor 50 Jahren ausgesehen.

Buxoro Sport Majmuasi

Buxoro Sport Majmuasi

Es stellte sich dann heraus, dass wir wirklich ein Stadion entdeckt hatten. Den/das Buxoro Sport Majmuasi. Aha. Es war jedenfalls das Stadion mit den hässlichsten Flutlichtmasten, die wir je gesehen hatten. Und wir waren schon in dem einen oder anderen Stadion.

Nichtsdestotrotz wollten wir uns das Rund mal etwas genauer anschauen, zur Not auch von innen. Wir liefen ein bisschen außen herum, an einem weiteren trockenen Springbrunnen vorbei, zum Haupteingang, an dem es selbstverständlich auch einen Springbrunnen gab. Der war übrigens auch aus. Das war uns aber egal, denn ein Eingangstor und der Zugang zur Tribüne waren offen, also hoch da. Von innen sah das Stadion sehr gut und modern aus. Der Rasen hatte schon gelitten und auf der Haupttribüne waren gerade Schweißarbeiten an den Sitzen im Gange. Unter den Tribünen gab es keine Läden oder Bars, sodass hier wohl auch während der Spiele nichts verkauft wird.

Krankenhaus

Krankenhaus

Nachdem wir fertig geschaut hatten, liefen wir zurück an dem großen Gebäude von vorher und einem weiteren Hochhaus mitten auf dem Platz vorbei. Es handelte sich wohl um ein Krankenhaus, da vor dem Gebäude einige Rettungsfahrzeuge standen. Das waren genau die gleichen Minibusse, die hier meist als Taxi verwendet werden, nur dass sie Blaulicht hatten.

Hier haben wir eine wichtige Lektion gelernt: Es ist egal wie, Hauptsache man bleibt mobil erreichbar. Wir passierten zwei Taxifahrer, von denen einer in sein Handy sprach und der andere in sein Festnetztelefon mit Wählscheide und Schnur am Hörer, das er bei sich trug. Es war wohl eins dieser moderneren Geräte, die über Funk laufen, denn ein Kabel ward nicht gesehen. Als der Herr sein Telefonat beendet hatte, legte er den Hörer auf.

Wohngebiet

Wohngebiet

Anschließend war es Zeit für das Hotel, denn unser Zimmer sollte demnächst fertig sein. Leichter gesagt als getan, denn wo wir uns befanden, war uns nicht ganz klar. Das wichtigste war, erstmal ruhig bleiben und zurück in das Wohngebiet. Hier kamen wir an einem Fleischereifachgeschäft vorbei. Das erkannten wir daran, dass das Fenster zur Straße offen stand, durch das man in eine Küche schauen konnte und auf dessen Fensterbrett eine Waage stand. Drinnen war ein großer Mann mit einem gefährlichen Gerät dabei, Fleisch zu zerkleinern.

Wir fanden schließlich den Weg zurück zum Hotel. Unser Zimmer war noch nicht fertig, sodass wir erstmal auf dem Freiluftbett (Tapchan) Platz nahmen und Tee und Nüsse serviert bekamen. Unser Hotel ist der Hammer. Man kommt durch die unscheinbare Tür direkt in den Innenhof, von dem die hübschen kleinen Zimmer abgehen. Das Ganze ist sehr gepflegt und hat im ersten Stock ein Strohdach, unter dem einige Tapchans stehen.

Medrese in der Altstadt

Medrese in der Altstadt

Nach dem Mittagsschlaf gingen wir noch einmal in die Altstadt, um diese nun einmal ernsthaft zu erkunden. Wir kamen an vielen Moscheen und Medresen vorbei, von denen eine schöner war als die andere. Die meisten Gebäude sind mit Fliesen in türkis und blau dekoriert oder auch mal bunt verziert. Nebenbei gab es immer wieder Händlergewölbe, in denen entweder Touristenkram oder gewebte Teppiche verkauft wurden.

Wir aßen in einem Teehaus zum Abendbrot Schaschlik mit Salat, Brot und rohen Zwiebelringen. Sehr lecker, leider liegt das usbekische Essen meist sehr schwer im Magen. Weiter ging es Richtung Mausoleum, das in einem Park liegen sollte. Auf dem Weg erblickten wir noch die Fassade einer weiteren Medrese, die wir uns noch schnell anschauen wollten bevor wir in den Park gingen.

Kaum dort angekommen winkte uns ein älterer Herr zu sich und schloss die Medrese, die eigentlich geschlossen und nicht mehr zum Vorführen für Touristen gedacht war, auf. Er war wahrscheinlich Wachmann und wollte sich ein bisschen was dazuverdienen. Für 2.000 Sum pro Person (Wir gaben ihm 5.000 – etwa 1,50 Euro, weil er so nett war.) bekamen wir eine private Führung auf Russisch. Dazu hatte er sofort seinen Zeigestock herausgeholt und hielt uns einen Vortrag in bester Lehrermanier. Unser Russisch ist wohl nicht das beste, aber wir haben aus dem Vortrag mitgenommen, dass hier noch viel original war.

Privatunterricht

Privatunterricht

Die Medrese war von innen leider schon sehr verfallen. Viele Fliesen sind schon hinuntergefallen und der eine oder andere Stein war auch nicht mehr an der Stelle, für die er einmal vorgesehen war. Wir durften uns den Innenhof, den Lehrraum und die Stuben anschauen, in denen die Schüler gelebt hatten, als die Medrese noch in Benutzung war. Sehr interessant, sehr klein und leider schon heruntergekommen.

Außerdem durften wir auch nach oben steigen, in den ersten Stock und auf das Dach. Unser Lehrer kam allerdings nicht mit, da er den Aufstieg wohl nicht mehr unfallfrei geschafft hätte. Von oben hatte man einen tollen Blick in den Innenhof, auf das Buchara jenseits der Altstadt und die Medrese gegenüber.

Der Abstieg erwies sich als kompliziert, da die Stufen sehr hoch und steil waren. Dazu hingen die Decken noch sehr tief im Treppenhaus, weshalb sogar ich den Kopf einziehen musste. Wir kamen aber dennoch heil unten an, bedankten uns bei dem Herrn und gingen weiter in den Park.

Vergnügungspark

Vergnügungspark

Hier gab es ein Denkmal für die Menschen, die im Zweiten Weltkrieg gefallen sind, mit Gedenktafeln aller Namen und Geburts- und Sterbedaten nach Region in Usbekistan. Am Kopfende stand die Statue einer weinenden Mutter. Das ganze war sehr grün und mit vielen Pflanzen gestaltet.

Weiter liefen wir an einem der zahlreichen Kanäle, die die Region mit Wasser versorgen, das allerdings sehr schlammig aussieht, entlang und erreichten das gesuchte Mausoleum. Das war kleiner als erwartet, aber sehr aufwendig verziert.

Snacks auf dem Tapchan

Snacks auf dem Tapchan

Natürlich gab es in unmittelbarer Nähe auch den für Sowjetrepubliken typischen Vergnügungspark inklusive Riesenrad. Sehr schön. Die Musik im Vergnügungspark war viel zu laut und viel zu nervig und von den ganzen Karussells, die neben dem Riesenrad standen, hätte in Europa wohl keins mehr irgendwo gestanden, wo sich Menschen aufhalten könnten. Der letzte Anstrich wurde wohl in den 80er Jahren vorgenommen und bestand aus allen Regenbogenfarben. Es waren viele Leute, vor allem große Familien mit kleinen Kindern, unterwegs und hatten Spaß.

Auf dem Weg zurück zum Hotel trafen wir noch einmal unsere neuen japanischen Freunde und sahen im Vorbeigehen die Schweizerin, die wir gestern im Zug getroffen hatten. Die Welt ist ein Dorf. Mal sehen, ob die beiden Japaner morgen in unserem Zug nach Samarkand sitzen. Die Schweizerin wollte hier wohl länger bleiben.

Denis liegt jetzt im Bett, weil er sich in Chiva von der Klimaanlage eine Erkältung geholt hat und ich sitze auf dem Tapchan, trinke Tee und esse Nüsse. Das ist das erste Mal richtige Entspannung in unserem Urlaub. Morgen geht es aber schon früh los nach Samarkand.

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