Tag 12: Road* to Saint Petersburg**

2. August 2017. Tallinn, Estland.

Der Plan

Wir frühstücken gemütlich, passieren am Vormittag die Grenze, fahren nach Pushkin in der Nähe von Sankt Petersburg, sind am frühen Nachmittag da und haben noch genug Zeit, Katharinenpalast und -park zu besichtigen, sodass wir morgen weiter fahren können. Der Grenzübergang nach Kaliningrad hat ja auch ohne große Probleme und zügig geklappt, also sehen wir keinen Grund, warum das hier heute anders sein sollte.

Die Realität

Wir frühstücken, stellen dabei fest, dass man sich im Vorfeld für den Grenzübergang online einen Termin machen sollte, um Wartezeiten zu reduzieren, überlegen kurz und stellen fest, dass wir das nicht gemacht haben. Weil wir jetzt auch keine andere Möglichkeit mehr haben, fahren wir an die Grenze und warten. Geschätzte Wartezeit heute: vier bis sechs Stunden. Der Blick des Grenzbeamten: mitleidig.

Grenzübergangsprozedere

Weil der sich der Grenzübergang mitten in der Stadt befindet und die wartenden Autos diese permanent verstopfen würden, hat man am Stadtrand ein großes Gelände eingerichtet, auf dem sich jeder Fahrer samt Auto registrieren muss und erst zur Grenze fahren darf, wenn er einen Passierschein erhalten hat. Wann ein Fahrer dran ist, seinen Schein in Empfang zu nehmen, kann er einer Anzeige entnehmen, auf der die aktuellen Kennzeichen durchlaufen. Bis dahin heißt es: warten. Und weil alle Autos auf diese Anzeige ausgerichtet sind, mutet es an als hätten wir uns in einem Autokino eingefunden, in dem der langweiligste Film der Welt läuft.

Warten

Etwa alle 40 bis 60 Minuten gibt es einen neuen Satz von 10 bis 15 Kennzeichen, die aufgerufen werden. Nach fünf Sätzen fangen wir langsam an, zu hoffen, beim nächsten Mal dabei zu sein. Die Enttäuschung wird jedes Mal größer.

Die Waiting Area

Der Architekt der Waiting Area scheint bei der Planung das Thema „Langeweile“ vorgegeben bekommen zu haben. Abgetrennt ist die grau betonierte Fläche durch graue Betonwände, sodass der Blick der Wartenden nicht weiter als 100 Meter reicht und möglichst wenige Farben einfängt. Man soll sich voll und ganz auf das Warten konzentrieren können. An einigen Stellen hängt ausgeblichene Werbung für Hotels, Waffen und Kapitalanlagen, was es aber auch nicht heimeliger macht.

Werbung

Es gibt einen Kiosk, ein Döner Kebab, in dem auch andere Snacks und Getränke verkauft werden, eine andere Lokalität, die sich selbst „Gastronom“ nennt, eine Toilette und ganz viel Nichts. Was oberhalb der Betonwände zu sehen ist, ist größtenteils ebenfalls Beton.

Während wir warten, stellen wir fest, dass wir mehr oder weniger die einzigen sind, die sich nicht vorab registriert haben, denn so gut wie jeder, der nach uns ankommt, verlässt das Gelände vor uns.

Ein bisschen Unterhaltung

Zum Zeitvertreib räume ich das Auto auf und besorge Eis und Kaffee. Denis überlegt sich die Route für die nächsten Tage und findet sich zwischendurch in der Warteschlange an der Toilette zwischen einer Gruppe Japaner wieder, die zwei Köpfe kleiner sind als er und Dehnübungen machen. Und dann ist auch schon wieder Warten angesagt.

Nach einiger Zeit beginnt es, zu regnen.

Ich: „Kannst du mal den Motor starten? Ich will das Fenster zu machen.“

Denis: „Hm.“ Dreht den Zündschlüssel.

Auto: „Röchel, röchel.“ Stirbt.

Denis: Dreht den Zündschlüssel erneut.

Auto: „Röchel, röchel.“ Stirbt.

Denis: Dreht den Zündschlüssel erneut.

Auto: „Röchel, röchel.“ Stirbt.

Die Batterie ist leer, tolle Wurst. Als hätten wir nicht alle Hände voll mit Warten zu tun.

Waiting Area

Kommunikationsübungen

Ich versuche, in einer Barracke, die ich für einen Autoteileladen halte, Hilfe zu bekommen. Es stellt sich heraus, dass es nur ein Reifenhandel ist, und man schickt mich in eine größere, zweistöckige Barracke. Dort spreche ich vor, werde zur wahrscheinlich einzigen englischsprachigen Dame in Narva geschickt, die nicht so richtig weiß, wie sie mir helfen soll. Erst jetzt bemerke ich, dass der Typ vom Reifenladen mich zu einer Spedition geschickt hat. Die junge Frau ist dennoch bemüht und sucht mir Adressen und Telefonnummern von Pannendiensten heraus, weist aber auch darauf hin, dass sie nicht denkt, dass man dort englisch spricht.

Nachdem ich am Registrierungsschalter auch keinen Erfolg hatte, beginne ich, Autofahrer um uns herum anzusprechen. Außer uns sind nur Esten und Russen zugegen und die lassen sich grob in zwei Kategorien einteilen: kann mich nicht verstehen und will mich nicht verstehen. Auch der Google Translator scheint nur Kauderwelsch auszuspucken.

Dann sehe ich jedoch einen Mann, der zu jung ist, um kein Englisch zu sprechen, und zu stolz scheint, mit seinem dicken weißen SUV nicht helfen zu können. Er versteht mich, fährt an unser Auto heran, Motorhauben werden geöffnet. Niemand hat ein Starthilfekabel.

Starthilfe unter Aufsicht

Weil der Film auf der Leinwand zu langweilig ist, steigen immer mehr Leute neugierig aus ihren Autos und beobachten die Leute mit dem komischen Kennzeichen interessiert und amüsiert, so wie vorhin schon als ich den Kofferraum geöffnet habe, um ihn aufzuräumen. Während unser Helfer schon rumläuft und die Fahrer anspricht, parkt jemand neben uns und reicht uns sein Kabel. Mit vereinten Kräften springt das Auto wieder an.

Wieder warten

Als der Škoda wieder läuft, sind bereits sieben Stunden vergangen und wir werden langsam nervös. Wir recherchieren ein bisschen und finden heraus, dass wir über unsere Registrierungsnummer im Internet die Information erhalten können, wie viele Fahrzeuge noch vor uns dran sind. Es sind über 100. Die Stimmung ist im Keller.

Eine halbe Stunde später sind es noch 80, die Hochrechnung ist einfach. Außerdem ist man noch lange nicht hinter der Grenze, selbst wenn man einige Stunden später dorthin fahren darf. Und selbst danach sind es noch 150 Kilometer bis Pushkin. Wir eroieren also Alternativen.

Planänderung

Estland hat zwei weitere Grenzübergänge, die Wartezeiten sind dort unter einer Stunde. Allerdings bedeutete dies einen nicht unerheblichen Umweg und noch sieben Stunden Fahrtzeit bis Pushkin. Nach fast acht Stunden im Auto ist diese Aussicht nicht unbedingt das, was wir uns vorgestellt haben.

Wir könnten auch zurück nach Tallinn fahren und eine Fähre nach Helsinki nehmen. Dann würden wir das russische Kernland auslassen, Pushkin auf „irgendwann mal“ verschieben, aber ein paar Tage sparen – wir haben heute schließlich bereits anders verplant und ein bisschen Angst davor, einen weiteren Tag an der russisch-finnischen Grenze zu verlieren.

Wir überlegen lange, wiegen ab und entscheiden uns schweren Herzens für Plan B. Auch wenn wir Pushkin gern zum ersten und Sankt Petersburg zum zweiten Mal gesehen hätten, wir können und wollen keinen weiteren Tag verlieren. Außerdem müssen wir mal wieder irgendwas in Farbe sehen, acht Stunden Beton machen einen wahnsinnig. Also buchen wir eine Fähre, die über Nacht fährt, um eine Übernachtung zu sparen, und verlassen Narva schließlich in Richtung Westen.

Als wir die Stadt endlich hinter uns gelassen haben und wieder Farben und sogar die Ostsee sehen können, sind wir erleichtert und können gar nicht glauben, dass wir erst gestern aus Tallinn gekommen sind. Acht Stunden in der Waiting Area fühlen sich an wie acht Wochen. Man verliert schnell jedes Gefühl für die Zeit.

Zurück nach Tallinn

Estland

Die 200 Kilometer nach Tallinn legen wir in etwas mehr als anderthalb Stunden auf der Autobahn zurück, die E20 ist nämlich – wie viele andere Hauptverkehrsstraßen – sehr gut in Schuss. Wir haben uns in Estland viel in Wäldern und dünn besiedelten Gebieten aufgehalten, sodass wir fast vergessen haben, dass die Straßenverhältnisse hier in der Regel ziemlich gut sind.

Insgesamt ist Estland ein ziemlich modernes Land, in dem man viel öfter und unkomplizierter bargeldlos zahlen kann als in Deutschland, das in dieser Hinsicht echt noch etwas hinter dem Mond liegt.

Die Wälder und Strände sind hier traumhaft schön und wer Ruhe und Entspannung sucht, ist hier absolut richtig. Es gibt viel zu entdecken und ein Strand ist immer schnell gefunden und häufig sehr leer.

Wer die Sprache nicht versteht, kann zwar so gut wie gar nichts herleiten, aber eine Menge Spaß haben. Gesetzeshüter arbeiten hier bei der Eesti Politsei, Bier wird im Õlleklubi gereicht und sein Abitur erlangt man am Gümnaasium. Und um dem ganzen die Krone aufzusetzen, gibt es in Tallinn eine Straße namens Piiskopi.

Der Tag in Zahlen und Fakten

  • Kilometerstand: 3.628 km
  • Heute: 299 km
  • Streckenverlauf: Narwa – Tallinn (EST) – Helsinki (FIN)
  • Länder: Estland, Finnland
  • Fußnoten: *Boat, **Helsinki

Aufgezeichnet mit dem Geo Tracker von geo-tracker.org

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