Tag 12: Von soften Schlafgelegenheiten, Hygiene und Krankheiten in chinesischen Zügen

21. Juli 2015. Zug nach Xi’an (China).

Das ist also ein Abteil der Kategorie „Soft Sleeper“: Vier Liegen, alle etwa von der Gemütlichkeit ausgehärteter Betonplatten, aber gepolstert. Mit zwei dünnen Lappen, die die gleiche Federung aufweisen wie ein Fußabtreter. Ich habe selten so soft geschlafen und bin mit dermaßen soften Rückenschmerzen aufgewacht.

13 Xi'an - Shanghai (18)

Soft Sleeper. Unverhofft soft.

Ein ganz normaler chinesischer Zug

Gestern Abend um Punkt 22.53 Uhr haben wir Urumqi in Richtung Xi’an verlassen, wo wir morgen Früh um 6:41 Uhr ankommen werden. Damit werden wir in einer Fahrtzeit von 31 Stunden und 48 Minuten etwa 2.500 Kilometer zurückgelegt haben. Zum Vergleich: für die Strecke Moskau – Astana, etwa 3.000 Kilomater, haben wir 56 Stunden und 13 Minuten benötigt. Es ist alles nicht mehr ganz so gemütlich.

13 Xi'an - Shanghai (15)

Soft Sleeper-Bett

Wir haben uns gestern Abend nicht mehr großartig umgeschaut und nun im Tageslicht zum ersten Mal Gelegenheit, den Zug richtig unter die Lupe zu nehmen. Allersdings stellen wir sehr schnell fest, dass wir das eigentlich gar nicht wollen. Der Boden ist schmutzig, an der Decke kleben Essensreste, die Toilette wird während der gesamten Fahrt  nicht gereinigt, der Mülleimer, in dem vielfach das benutzte Toilettenpapier landet, nicht geleert. Es ist unbeschreiblich ekelhaft. Man möchte sich gar nicht umschauen. Obwohl der Zug noch gar nicht so alt ist, wirkt er schwer mitgenommen und selten gereinigt.

Zusätzlich sorgt die Klimaanlage für Temperaturen um den Gefrierpunkt und eine Luftfeuchtigkeit von circa -20 Prozent. Daraus folgt nach einigen Stunden eine komplizierte Chinagrippe, die sich heimtückerweise hinter gemeinen Erkältungssymptomen versteckt. Bisher ist das Zugfahren in China ein eher überschaubares Vergnügen.

Stadt

Dafür ist das, was wir außerhalb des Zugfensters zu sehen bekommen, umso schöner. Am Morgen beherrscht  hauptsächlich eine öde Steinwüste die Sicht, die immer wieder von plötzlich aus dem Nichts auftauchenden Oasen unterbrochen wird.

11 Urumqi - Xi'an (29)

Steinwüste

Am frühen Nachmittag wird es dann ganz grün. Die Orte werden langsam größer bzw. sehr schnell, wenn man die Bautätigkeiten beobachtet, die vor allem riesige eintönige Wohnblocks hervorbringt. Man hat das Gefühl, dass einige Hochhäuser, während wir vorbei fahren, vollständig aus dem Boden gestampft werden. China wächst. Und zwar überall.

Einige Wohnblock sind bereits vollständig bewohnt, andere im Rohbau ohne Fenster und Putz. Alle sehen gleich aus. Vielfach sind die kleinen Häuser, die hier früher mal den Stadtkern ausgemacht zu haben scheinen und jetzt abseits der Stadt liegen, im Verfall oder bereits zerstört, wodurch oder durch wen auch immer. Die aufstrebenden Städte verfügen über Bahnhöfe mit zwei bis drei Bahnsteigen in der Länge von mindestens sechshundert Metern. Auch diese sehen alle gleich aus und bieten keine Versorgungsmöglichkeiten direkt am Gleis. Weil wir meist nur sehr kurz halten, greifen wir auf das zurück, womit wir uns im Vorfeld versorgt haben.

11 Urumqi - Xi'an (32)

Wohnungsbau. Individualität ist in China nach wie vor eher unmordern.

Land

Die Fahrt unseres Zuges ist größtenteils ziemlich schnell und angenehm. Allerdings gehen in unregelmäßigen Abständen sehr starke Erschütterungen durch den Zug, die sich anfühlen, als würde uns von hinten jemand auffahren. Wer in einem dieser Momente gerade eine volle Tasse Kaffee auf dem Tisch hat oder im Begriff ist, ins obere Bett zu klettern, könnte Verbrennungen oder Knochenbrüche als Erinnerung an die Zugfahrt mit nach Hause nehmen. Aber da sind die Chinesen ja eher weniger zimperlich als wir Europäer.

Am Nachmittag fahren wir eine Zeit lang parallel zum Qilian Gebirge, dessen Spitzen bereits am Horizont sichtbar sind. Bis dorthin ist die Landschaft flach und abwechselnd bewachsen und steinig. Wir bewegen uns immer weiter auf die Bergkette zu und fahren schließlich direkt neben ihr.  Im Licht der beginnenden Dämmerung und der Regenwolken hinter den Bergen haben wir einen tollen Blick auf die sanft grün bewachsenen Hügel.

11 Urumqi - Xi'an (39)

China. Gegend.

Gegen Sonnenuntergangszeit fahren wir durch die östlichen Ausläufer des Qilian Gebirges und durchqueren immer wieder scheinbar endlose Tunnel. Die Schilder am Tunneleingang weisen nicht wenige Tunnel mit bis zu 15 Kilometer Länge aus und datieren das Baujahr auf 2014. Vor zwei Jahren wären wir also noch auf einer gänzlich anderen Strecke nach Xi’an gefahren, was wahrscheinlich deutlich länger gedauert hätte. Mit den Tunneln wurden auch die Gleise neu gebaut und von Anfang an durch hohe Zäune mit Stacheldraht gesichert. Die Angst vor Sabotage scheint sehr groß zu sein. Denn nicht nur die Gleise, sondern auch die Umspannwerke sind derart gesichert.

11 Urumqi - Xi'an (24)

Zäune am Gleis begleiten uns den ganzen Tag.

Tunnel

Zwischen den Tunneln sind es oft nur sehr kurze Abschnitte von wenigen Sekunden, in denen wir durch kurze Blitze das Sonnenlicht des Tages erahnen können. Über 95 Prozent der Zeit ist es nun vollständig dunkel. Irgendwann werden wir davon überrascht, dass es auch außerhalb der Tunnel bereits Nacht ist. Sonnenuntergang und Dämmerung? Fehlanzeige! In China geht eben alles sehr schnell. Für Romantik bleibt da keine Zeit.

Weil unsere Abteilnachbarn uns gegen Mitternacht verlassen und direkt von einer Familie mit Kind ersetzt werden, die wiederum um 4:30 Uhr aussteigt, sind wir in dieser Nacht nicht mit allzu viel Schlaf gesegnet. Die Betten werden übrigens zwischen den ersten und zweiten Nachbarn keineswegs frisch bezogen, sondern lediglich aufgeschüttelt, die Handtücher glatt über die Kissen gelegt. Das mit der Hygiene müssen wir noch ein bisschen üben.

Heutige Verbindungen

K1352 Urumqi (ab 20.07.2015, 22:53 Uhr) – Xi’an (an 22.07.2015, 6:41 Uhr)  /  1.502 Yuan = 209,98 Euro (2 Personen im Liegewagen, 4er-Abteil) / Fahrplan Urumqi – Xi’an

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.