Tag 13: „Ich kann dieses Drecksobst nicht mehr sehen!“

8. Juli 2014. Baracoa, Süd-Kuba – Holguin, Ost-Kuba. 250 Kilometer.

Es war die erste Nacht auf dieser Reise, die wir nicht in einer

Baracoa - Holguin. 250 km.

Baracoa – Holguin. 250 km.

Privatunterkunft verbrachten, sondern im Hotel. Nach diesem anstrengenden Tag war es auch bitter nötig, einen Toilettendeckel, ein vom Zimmer komplett getrenntes Bad, ein Bett, in das zwei normalgewachsene Erwachsene passen, und eine Klimaanlage zu haben, die nach 1996 gebaut wurde und nichts gegen Nachtruhe hat. Wir haben in den Casas zwar viel darüber gelernt, was man wirklich braucht und was nicht, aber die oben genannten Utensilien tragen schon mehr zur Entspannung bei als man landläufig glaubt.

Und gerade aufgrund des bescheidenen Luxus‘, den wir im Hotel „La Rusa“ zur Verfügung hatten, machte sich eine vage Hoffnung auf etwas Abwechslung in unseren Frühstückplan breit. Dieser ist nämlich seit zwei Wochen annähernd identisch und besteht immer noch aus weißem Brot, Ei, Butter, Kaffee und einem Obstteller mit Papaya, Mango und Guave.

Tja, leider haben wir da falsch gehofft, denn der Fünf-Jahres-Plan des Frühstücksministeriums ist anscheinend für Casas und Hotels gleichermaßen ausgearbeitet worden. Und so gab es das, was es immer gab. Das kann tatsächlich schon etwas eintönig werden. Oder wie Denis es ganz diplomatisch ausgedrückte: „Ich kann dieses Drecksobst nicht mehr sehen!“ [Ich kann euch beruhigen: Wir haben keine langfristigen Schäden davon getragen. Und schon zwei Monate später frühstücken wir Karibik-Müsli, das alles Obst vom kubanischen Obstteller enthält.]

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Promenade Baracoa

Anschließend spazierten wir ein wenig entlang der Promenade und durch die kleinen Straßen der Innenstadt. Diese war sehr angenehm, bunt und unheimlich stark bevölkert. Viele Leute waren unterwegs, um einzukaufen. Aber mindestens genauso viele saßen oder standen vor den Häusern, beobachteten Passanten und unterhielten sich. Freitagnachmittagdorfleben an einem Dienstagvormittag.

Da die Stadt sehr klein war, machten wir uns relativ früh auf den Weg. Es sollte heute nämlich unsere letzte Etappe mit dem Kia sein und die wollten wir endlich hinter uns bringen. Der Überdruss über Kubas Straßen war nämlich noch nicht verflogen.

Außerdem hatten wir noch einen anderen Termin: Deutschland sollte nämlich im Halbfinale gegen Brasilien spielen und das wollten wir natürlich nicht verpassen. Also mussten wir spätestens um 16:00 Uhr in unserem 250 Kilometer entfernten Hotelzimmer in Holguin sein.

Wir verließen Baracoa über ein paar Ehrenrunden in einem Wohngebiet am Stadtrand. Dieses bestand zu einhundert Prozent aus sehr engen Einbahnstraßen. Leider war deren Richtung nicht auf dem Stadtplan in unserem Reiseführer vermerkt. Es gab lediglich Richtungspfeile an den Straßen selbst, die so klein waren, dass man sie erst erkannte, wenn man direkt davor stand. Manchmal fehlten sie auch komplett. Dann war raten und das Beste hoffen angesagt. Wir lagen nur einmal falsch, wurden aber direkt durch einen Fahrradfahrer darauf aufmerksam gemacht und fuhren trotzdem weiter. So stark war der Verkehr nämlich nicht.

Und wäre das nicht genug gewesen, waren natürlich nicht alle Straßen komplett befahrbar. Eine – die größte – war aufgrund von Bauarbeiten komplett aufgerissen und eine andere versperrt. Durch einen LKW. Der dort geputzt wurde. Mitten auf der Straße. Kuba eben.

Den Weg nach Holguin wählten wir auf kleinen Nebenstraßen über Moa. Wir hätten auch über die Autopista fahren können, aber dazu hätten wir die Hälfte des Weges auf Straßen zurücklegen müssen, die wir gestern schon gesehen hatten. Wir hatten Kubas Straßen zwar weiterhin satt, aber etwas Neues sehen wollten wir natürlich trotzdem.

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Straßenbelag? Wozu?

Die gewählte Straße nach Moa war dann vollkommen unerwartet relativ schlecht – auch für kubanische Verhältnisse. Es gab wenig Asphalt, dafür aber umso mehr Schlaglöcher und Tiere. Wir fuhren zu einem großen Teil auf einer Sandpiste und waren nur selten mit mehr als 30 Stundenkilometern unterwegs. Aber die Umgebung entschädigte uns ein weiteres Mal für den Stress, den die Straße verursachte.

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Tropen

Wir konnten mal wieder den Tropenwald genießen und sogar ein paar Mal das Meer sehen. Es gab auf unserer Strecke nur wenige Orte und die, die es gab, waren sehr klein. Vor einigen Häusern saßen Obstbauern und boten den Passanten ihre Ernte an. Leider waren auf den Straßen kaum Menschen zu sehen, weshalb dieses Geschäft sicherlich nicht allzu einträglich ist.

Nach einer Weile veränderte sich die Gegend und aus dem tropischen Paradies wurde eine ernüchternde Berglandschaft. Die Palmen wurden zu Nadelbäumen und aus grün wurde grau, die Umgebung war nur noch wenig bewachsen und der Boden sah sehr metallhaltig aus.

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Bienvenidos a Moa

Später erreichten wir Moa, eine wenig ansehnliche Industriestadt und Zentrum eines großen Nickelabbaugebiets, das die radikale Veränderung der Umgebung erklärt. Man scheint hier nicht allzu oft Touristen in ihren Autos zu sehen. Bei den Arbeitern, die auf den LKW-Ladeflächen zur Arbeit fuhren, waren wir jedenfalls Blickfang Nummer Eins.

Hinter Moa wurde die Straße besser und war für kubanische Verhältnisse sehr gut in Schuss. Es gab kaum Schlaglöcher und wir konnten sogar bis zu 100 Kilometer pro Stunde fahren. Ein Wahnsinn. Da wir uns wieder ins Landesinnere bewegten, stellte sich der Ausblick nicht als übermäßig spannend heraus, weshalb wir bei diesen Höchstgeschwindigkeiten nicht viel verpassten.

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Halbfinale

Dennoch erreichten wir unser Hotel gerade pünktlich, um den Anstoß noch zu sehen. Meine Voraussage nach zwei Spielminuten, dass Deutschland verlieren würde, war ganz knapp daneben. Deshalb bekam ich in der Halbzeit einen Tipp von meinem persönlichen Endergebnisprophezeiungsbeauftragten: „Du musst fünf Minuten warten.“ Achso, okay. Nächstes Mal. [Am Ende des Beitrags findet ihr ein Video vom Abspann mit der Einblendung der an der Produktion beteiligten Angestellten des Staatsfernsehens. Reinschauen lohnt sich!]

Nach dem Spiel schauten wir einmal kurz am Hotelpool vorbei, der vollkommen überfüllt war und eher an eine Pauschaltouristenfalle erinnerte als an ein Stadthotel. Als wir in der Hotellobby saßen, wurden wir Zeugen einer großen Völkerwanderung. Denn als der Pool geschlossen wurde, packten fast alle ihre Sachen und verließen das Hotel. Nur die allerwenigsten Poolbesucher waren Hotelgäste, die meisten verbrachten hier nur einen mehr oder weniger entspannten Nachmittag. Schade, dass man es auf Cayo Santa Maria nicht ähnlich mit seinen Stränden hält.

Eines der Hotelrestaurants hielt zum Abendbrot ein großes internationales Buffet bereit. Wir waren ganz aufgeregt, dass wir mal wieder etwas anderes als Weißkohl-Gurken-Tomaten-Bohnen-Salat und Geflügel mit Reis bekommen sollten. Tatsächlich gab es neben den üblichen verdächtigen Mahlzeiten auch Nudeln, Pizza, Ochsenschwanz, Pudding und ein riesiges Kuchenbuffet. Zumindest wirkte es für uns in diesem Moment groß und abwechslungsreich. Daheim hätten wir es wahrscheinlich anders empfunden, aber das war ja unwichtig.

Da am Eingang des Restaurants unsere Zimmernummer notiert worden war und wir nirgendwo eine Kasse sehen konnten, nahmen wir an, dass das Essen auf unser Zimmer geschrieben würde und wir es beim Auschecken bezahlen können. Wir verließen also das Restaurant und standen schon am Fahrstuhl als eine Kellnerin uns einholte und uns etwas unerfreut eröffnete, dass wir wohl vergessen hätten zu zahlen.

Wir versuchten, ihr zu erklären, dass das nicht unsere Absicht gewesen wäre, was sie uns nicht zu glauben schien. Leider waren unsere sprachlichen Mittel begrenzt, weshalb wir diese Peinlichkeit nicht aus dem Weg räumen konnten. Hoffentlich kommt das nicht in unsere Akte. Denn ansonsten bekommen wir bestimmt Probleme bei der Ausreise und werden stattdessen ins Arbeitslager geschickt, wo wir als Zechpreller ja auch hin gehören.

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