Tag 13: Über Umwege, unbrauchbares Kartenmaterial und den Versuch, Trinkgeld in China salonfähig zu machen

22. Juli 2015. Xi’an (China).

Wir erreichen Xi’an (Aussprache wie eine lispelnde Mutter, die ihr Kind zum Anziehen ermahnt. „Zschi an!“) pünktlich um 6:41 Uhr nach einer Nacht mit viel zu wenig Schlaf. Ursprünglich hatten wir geplant, nach der Ankunft gleich zur Terracotta-Armee zu fahren, die etwa 50 Kilometer außerhalb der Stadt liegt. Vollkommen übermüdet und von einer komplizierten Form der China-Grippe und Rückenschmerzen geplagt, canceln wir diesen Plan und suchen uns stattdessen jemanden, der uns zum Hotel bringt.

Ein Moped-Taxi-Fahrer klammert sich an Denis‘ Arm, nachdem wir ihm zu verstehen geben, dass der von ihm verlangte Preis nicht akzeptabel sei. Er erklärt sich mit den 20 Yuan (2,80 Euro), die wir zahlen wollen und mit Sicherheit auch viel zu viel sind, zufrieden. Nach einer knapp zehnminütigen Fahrt über Parkstreifen, entgegen der Fahrtrichtung und quer über eine Kreuzung erreichen wir unser Hotel und sind wieder aufs Neue überrascht, dass wir um kurz nach sieben Uhr morgens einchecken dürfen.

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Ausblick, ungehindert.

Der schwierige Weg aus der Altstadt

Nach dem Ausschlafen und der ersten Dusche seit fünf Tagen sind wir einigermaßen fit und motiviert, die Stadt zu erkunden. Die Terracotta Armee haben wir auf den nächsten Tag verschoben, denn sie wird ja voraussichtlich nicht weglaufen. Wir gehen also los in die Richtung, in der wir das Südtor vermuten. Weil wir wohl etwas verplant mit unserem gesetzeskonformen Xi’an-Reiseführer, der uns an der Grenze nicht abgenommen worden ist, aussehen, spricht uns eine junge Chinesin auf Englisch an und zeigt uns schließlich den Weg, den wir suchen. Es sollte eine der ganz wenigen Unterhaltungen auf Englisch in China bleiben.

Xi’an ist eine etwa 3.100 Jahre alte Stadt, deren Stadtkern nach wie vor durch die 700 Jahre alte Stadtmauer begrenzt wird. Innerhalb dieser Mauer befindet sich die Altstadt, die ausschließlich durch eines der vier Stadttore erreicht werden kann. Und weil sich unser Hotel in der Altstadt befindet und wir auf dem Weg zur Kleinen Wildgans Pagode sind, die außerhalb der Stadtmauern liegt, müssen wir das Südtor passieren. So weit, so logisch.

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Altstadt, neu.

Auch wenn sich die Lage der Altstadt innerhalb der Stadtmauern sehr idyllisch anhört, ist diese keineswegs eine verkehrsberuhigte Zone voller kleiner Restaurants und Souvenirshops. Vielmehr ist auch innerhalb der Stadtmauern der wenige vorhandene Platz eng bebaut, die Gebäude hoch und neu, der Verkehr dicht, die Straßen breit. Und weil ein Ampelsystem zur Regelung einer Kreuzung nur sehr wenig Erfolg zu versprechen scheint, gilt es für Fußgänger, die Straßen nicht zu über-, sondern zu unterqueren.

Aber nur, weil der Eingang einer Unterführung so aussieht als würde dieser auf die andere Straßenseite führen, heißt das nicht unbedingt, dass er das auch tatsächlich tut. Es ist nämlich so, dass einige Sehenswürdigkeiten, z.B. der Glockenturm und die Stadtmauer am Südtor, nur durch Unterführungen erreicht werden können. Man unterquert zwar die Straße, hat aber nichts gewonnen, weil man vom Eingang der Sehenswürdigkeit nicht weiter kommt und wieder den ganzen Weg zurück laufen muss. Und so kommt es, dass wir eine Menge Treppen steigen und Tunnel durchqueren, ohne jemals jenseits der Stadtmauer wieder aufzutauchen.

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Unterführung, tückisch.

Wir finden dann schließlich doch einen überirdischen Weg, die Stadtmauer hinter uns zu bringen und laufen weiter. Leider erweist sich das staatlich zugelassene Kartenmaterial als ziemlich unbrauchbar und wir irreren quer durch die Stadt, finden die Pagode aber nicht. Weil die meisten Sehenswürdigkeiten bereits um 17:00 Uhr schließen und wir aufgrund des Nachschlafens etwas spät dran sind, geben wir die Suche auf, um wenigstens noch den Stelenwald anschauen zu können. Und den können wir nicht verfehlen, denn der liegt direkt hinter der Stadtmauer.

Stelenwald

Wir fahren also eine Station mit der überfüllten Metro, laufen an der Stadtmauer entlang und finden schließlich den Eingang. Dafür dass das tägliche Leben in China ziemlich günstig ist und man gut und gerne zwei Personen im Restaurant für etwa zehn Euro verköstigt bekommt, ist der Eintritt zum Stelenwald mit seinen 75 Yuan (knapp elf Euro) pro Person im Vergleich schon ziemlich teuer. Aber es handelt sich ja auch immerhin um eine Nationale Tourismusattraktion der Kategorie AAAA. Und das Nationale Touristenattraktionenbewertungsbüro wird schon seine Gründe für die Wertung haben und die Nationale Touristenatrraktioneneintrittsermittlungsstelle wird schon wissen, wie hier zu rechnen ist. Also zahlen wir den Preis, ohne unangenehme Nachfragen zu stellen.

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Stele, besonders.

Der Stelenwald, das Beiling-Museum, ist auch tatsächlich eine sehr schöne Anlage. In mehreren tempelartigen Bauten sind in Stein gemeißelte Inschriften ausgestellt, die zwischen dem 7. und 10. Jahrhundert entstanden sind. Auch wenn unsere Chinesisch-Kenntnisse deutlich unterentwickelt bzw. gar nicht erst vorhanden sind, beeindrucken uns die meist weißen Kalligraphien auf schwarzem Marmor. Am interessantesten ist, dass die chinesischen Schriftzeichen seit ihrer Entstehung vor etwa 3.000 Jahren keine großen Änderungen unterlegen sind und daher heute noch gelesen werden können. Viele Besucher bleiben vor einzelnen Stelen stehen und lesen die darauf geschriebenen Gedichte und Geschichten.

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Schrift, chinesisch.

In einer der Hallen werden Steinblöcke gezeigt, mit denen auch der ungebildete Europäer etwas anfangen kann, denn auf diesen Blöcken sind Bilder eingeritzt. Von Berglandschaften, Konfuzius, Tieren oder besonders großen einzelnen Schriftzeichen mit englischer Erklärung.

In einer fast versteckten Halle am Rand der Anlage sind einige buddhistische Bildhauereien und Statuen ausgestellt. Die in Stein gemeißelten Plastiken werden in der dunklen Halle effektvoll durch Scheinwerfer inszeniert. Größtenteils handelt es sich um Steinblöcke mit eingearbeiteten Buddhas, am Ende gibt es einen Raum voller überlebensgroßer Buddhas in allen Lebenslagen. Sehr beeindruckend.

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Buddha, steinig.

Stadtmauer

Später schlendern wir durch eine Straße voller mobiler Verkaufsstände für Kalligraphiepinsel, Schmuck und eierförmige Blasinstrumente. Eigentlich ganz angenehm, weil ausnahmsweise mal nicht übermäßig überlaufen und akustisch mit Schreien und Rotzen hinterlegt. Ein bisschen schade ist nur, dass die Stände fast ausnahmslos das gleiche Angebot haben und es wenig Neues zu sehen gibt. Aber dass Indiviualität in China nicht der neueste Schrei ist, wissen wir ja bereits.

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Pinsel, viele.

Nachdem wir im fünften Anlauf endlich Geld an einem Automaten bekommen haben, begeben wir uns zum Südtor, über das wir die Stadtmauer besteigen. Die Mauer wurde gegen Ende des 14. Jahrhunderts erbaut und umschließt mit einer Länge von knapp 14 Kilometern den Stadtkern Xi’ans. In die Altstadt gelangt man heute nach wie vor nur durch eines der vier Stadttore, von denen eins in jeder Himmelsrichtung zu finden ist. Im Gegensatz zu früher muss der Stadtgraben aber nicht mehr mittels Zugbrücke überquert werden.

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Wachposten, groß.

Im Licht der langsam untergehenden Sonne, das durch den Smog der Stadt scheint, können wir tolle Eindrücke von der Skyline Xi’ans sammeln. In Richtung Altstadt besteht diese vielfach aus den ziegelgedeckten und mit Drachen verzierten Dächern der traditionellen chinesischen Architektur. In der anderen Richtung dominieren Wohn- und Büroblocks den Blick.

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Ausblick, hammermäßig.

Am Abend sind noch viele Menschen hier oben unterwegs und üben ein wenig Traditionspflege. Es scheint nämlich eine wichtige chinesische Tradition zu sein, auf der Mauer im Sprung für Familienfotos zu posieren. Einige Familien werden selbst nach dem zehnten missglückten Sprungfoto nicht müde, auf diese Weise die Blicke aller Anwesenden auf sich zu ziehen. Ausdauer können sie.

Weil die 14 Kilometer, auf denen die Mauer die Altstadt umrundet, ziemlich sportlich sind, werden vielfach Fahrräder und Tandems verliehen, die eine Umrundung natürlich deutlich erleichtern. Weil offenbar niemand einen Gedanken daran verschwendet hat, dass auch mal Personen über 1,70 Meter Körpergröße in Xi’an auftauchen könnten, gibt es leider kein Fahrrad, auf dem Denis‘ 1,88 Meter untergebracht werden könnten. Wir entscheiden uns daher gegen eine Umrundung der Altstadt auf dem Fahrrad und für einen kürzeren Weg zum Angang, der direkt zu den Restaurants auf Seiten der Altstadt führt.

Spießer

Wir lassen uns  also in einem Barbeque-Restaurant nieder und werden sogleich mit einem Bestellzettel auf Chinesisch begrüßt. In dem Restaurant gibt es ausschließlich Grillspieße und jeder Gast stellt sich sein Gericht individuell zusammen, gezahlt wird pro Spieß, der irgendwas zwischen 2 und 8 Yuan (0,30 bis 1,10 Euro) kostet. Einen Bestellzettel auf Englisch gibt es zwar nicht, aber einer der Kellner hat ein Foto von einem handgeschriebenen Zettel mit englischen Übersetzungen auf dem Handy, über den wir unsere Bestellung aufgeben können.

Es gibt für uns Hähnchen, Hähnchen, Hähnchen, Rind, Tintenfisch und eine weitere, undefinierbare Meeresfrucht (Ich erinnere mich nicht mehr genau, was ich da bestellt habe, und geschmacklich war es auch nicht rauszufinden.) am Spieß. Dazu zwei große Portionen Bratnudeln und zwei Cola und wir sind für 74 Yuan (10,50 Euro) mehr als satt.

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Abendbrot, spießig.

Als wir beim Verlassen des Restaurants ein paar Yuan Trinkgeld hinterlassen, schauen uns die Kellner hinterher als hätten wir ihnen im Gehen verkündet, dass wir am Abend noch vorhätten, nackt auf der Stadtmauer Radschlag zu üben. Das Konzept „Trinkgeld“ ist in China weitgehend unbekannt. Wir beschließen daher, diesen Versuch den ersten und letzten sein zu lassen, in China jemandem Trinkgeld unterzujubeln. Wir wollen ja schließlich niemanden in Verlegenheit bringen. Wobei es für uns immer noch nicht nachvollziehbar ist, dass sich jemand, für den Toilettenpapier eher optional ist, von ein paar Yuan aus der Ruhe bringen lassen kann.

Mit einem Moped-Taxi-Fahrer einigen wir uns auf einen Preis von 15 Yuan (2 Euro) für die Fahrt zum Hotel. Leider stellen wir am Ziel fest, dass wir nur noch einen 20-Yuan-Schein haben und der Fahrer natürlich keinerlei Wechselgeld besitzt (Welcher Taxifahrer hat schon Wechselgeld dabei?), weshalb die Fahrt am Ende 20 Yuan kostet. Anfängerfehler.

Xi’an ist für uns eine deutlich angenehmere Stadt als Urumqi. Das liegt einerseits daran, dass die Leute meist aufhören, uns anzustarren, sobald wir sie dabei erwischen. Und zum anderen, dass die Stadt deutlich sauberer und weniger erdrückend ist. Die Menschen sind hier zwar auch laut und beim Anstehen aufdringlich, aber wir fühlen uns hier wohler.

Heutige Verbindungen

K1352 Urumqi (ab 20.07.2015, 22:53 Uhr) – Xi’an (an 22.07.2015, 6:41 Uhr)  /  1.502 Yuan = 209,98 Euro (2 Personen im Liegewagen, 4er-Abteil) / Fahrplan Urumqi – Xi’an

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