Tag 13: Unter der Erde

28. Juni 2012. 23:03 Uhr. Zimmer 701, Family Inn Hotel. Saigon, Vietnam.

Ankunft in Saigon

Ankunft in Saigon

Heute Morgen gegen 4:00 Uhr meinte ein äußerst liebenswürdiges Kind, dass der ganze Wagon seine Dienste als Wecker benötigen würde. Es rannte also den Gang auf und ab und schrie dabei in bester Weckermanier „Piep, piep, piep!“. Nicht dass noch jemand verschläft.

Nachdem wir gegen 5:45 Uhr mit einer Dreiviertelstunde Verspätung in Saigon angekommen waren, hieß es, kurz in unserem Gruppen-Tageszimmer im Akkord duschen und frühstücken. Denn gegen 7:30 Uhr sollte unsere Tour zu den Cu Chi-Tunneln beginnen.

Saigon heißt offiziell Ho-Chi-Minh-City, wird aber von niemandem so genannt. Schon der Bahnhof ist als „Ga Sai Gon“ ausgeschildert. Es war interessant, die Stadt zu dieser frühen Uhrzeit zu sehen. Als wir vom Bahnhof zum Hotel fuhren, war sie ganz verschlafen und die Hälfte der Einwohner saß am Straßenrand und hatte Pho zum Frühstück. Pho ist eine klare Suppe mit Reisnudeln und meist Rindfleisch, also genau das Richtige zum Frühstück.

Berufsverkehr

Berufsverkehr

Als unsere Tour um 7:30 Uhr los ging, waren plötzlich Abermillionen Mopeds unterwegs. Die Fahrer waren meist vornehm mit Anzug bzw. Bluse gekleidet und auf ihrem Weg zur Arbeit. Auf die etwa zehn Millionen Einwohner Saigons sollen sieben Millionen Mopeds kommen. Auf den ersten Blick kommt das auch hin.

Da wir mit dem Bus noch Reisende aus anderen Hotels abholen mussten, konnten wir schon mal einen ersten Eindruck von Saigon bekommen. Die Stadt ist riesig und um einiges westlicher als unsere bisherigen Reiseziele. So kann man hier fast ausschließlich „Markenware“ kaufen. Das war in den anderen Städten zwar auch so, in Saigon ist der Unterschied nur, dass es hier hin und wieder mal „echte“ Markenläden zwischen den kleinen Verkaufsständen gibt. Alle zehn Meter gibt es einen vielleicht nicht ganz offiziellen Apple Store oder zumindest einen Laden mit einem Apfel an der Scheibe, auch wenn dort nur Kleidung und Shampoo verkauft wird. Dank relativ vieler Ampeln läuft der Verkehr hier ansatzweise in Bahnen. Genug Chaos gibt es trotzdem.

Tunnel-Einstieg

Tunnel-Einstieg

Die anderthalbstündige Fahrt wurde kollektiv verschlafen und unsere heutige Führerin bedankte sich für den einfachen Job. Unseren Turnbeutelvergesser Tuan hatten wir im Hotel gelassen. Die Cu Chi-Tunnel sind ein insgesamt 250 km langes Tunnelsystem, in dem sich die Vietnamesen im Amerikanischen Krieg, wie der Vietnamkrieg hier genannt wird, versteckten. Es wurde erst 1967, sieben Jahre nach Kriegsbeginn, von den Amis entdeckt, diente danach aber immer noch hervorragend als Schutz. Das System war zu komplex, es gab Fallen an allen Ecken und außerdem waren die Tunnel für Vietnamesen gegraben, also größtenteils zu eng für die Amerikaner. Wie eng sie waren, konnten wir an einem 50 x 30 cm Einstiegsloch sehen, das extra für die Touristen vergrößert worden war. Ursprünglich hatte es mal 40 x 25 cm.

Bevor wir selbst in den Tunnel durften, gab es noch eine Führung über das Gelände. Hier wurde über interessante Dinge berichtet, z.B. über die verschiedenen Arten von Fallen, die die Vietnamesen den Amerikanern stellten und sie größtenteils dazu führten, dass die Amis aufgespießt wurden. Außerdem wurde gezeigt, wie die Vietnamesen Blindgänger der Amerikaner recycelt und zu Granaten und Minen gemacht haben.

B52-Krater

B52-Krater

Am beeindruckendsten war es allerdings, die Umgebung zu sehen, also den dichten Tropenwald. Wer sich hier nicht auskannte, musste im Krieg schlechte Karten gehabt haben, zumal der Wald damals mit Sicherheit um einiges wilder war. Die Vietnamesen waren gut im Fallen Stellen und die Amis gut im Fallen Übersehen, weil sie ja Ausschau nach dem Feind halten mussten. So gab es hier wohl so einige aufgespießte Amerikaner.

Nachdem die Schießwütigen aus unserer Gruppe am Schießstand rumballern durften, ging es zum Tunneleingang für Touristen. Unter Führung eines Soldaten ging es nach unten. Ich konnte noch gebückt gehen, Denis musste teilweise auf den Knien laufen. Wir hätten diesen Tunnel 150 Meter abgehen können, entschieden und aber für den ersten Ausgang nach 20 Metern. Wer denkt, „Tunnel“ klingt nach Abkühlung, weil er unter der Erde liegt, dem sei folgendes gesagt: „Vergiss es!“. Der Grund, warum die Tunnel so lange und zuverlässig halten ist, dass der Boden sehr lehmig ist. Folglich ist es dort unten schweinewarm und die Luft entsprechend feucht und abgestanden. Respekt vor den Leuten, die dort unten mehrere Jahre gelebt haben. 8.000 sollen es gewesen sein.

Gekochte Maniok-Wurzeln

Gekochte Maniok-Wurzeln

Wieder draußen gab es noch einige Krater von B52-Bomben zu sehen. Diese waren ein bis zwei Meter tief und hatten einen Durchmesser von um und bei fünf Metern. Außerdem lernten wir noch, dass die berühmten Ho Chi Minh-Sandalen, die die Vietnamesen im Krieg getragen haben, um keine Fußspuren im Schlamm zu hinterlassen aus alten Autoreifen gefretigt wurden. Und zum Schluss konnten wir das Hauptgericht der Kriegszeit kosten: gekochte Maniokwurzeln mit Erdnuss-Salz-Pulver-Dipp. Ersteres schmeckte ähnlich wie Kartoffeln, letzteres verlieh dem ganzen einen Geschmack von Erdnussflips. Also gar nicht so schlecht, aber kein Gericht, das man jeden Tag essen wollte.

Reispapierherstellung

Reispapierherstellung

Auf dem Rückweg hielten wir an einem kleinen Bauernhof, auf dem wir das normale Dorfleben beobachten konnten. Die Dame des Hauses war gerade dabei, Reispapier herzustellen. Dazu wird ein dünner Teig aus Reismehl auf eine heiße Platte gegeben, dünn verstrichen und ein paar Sekunden garen gelassen. Danach wird die dünne schwabbelige Scheibe auf ein Bambusgitter zum Trocknen gelegt. Das sah wahrscheinlich um einiges leichter aus als es war. Auf dem Hof gab es außerdem einen Schweine- und einen Hühnerstall, einen Sternfruchtbaum und eine Kobra im Käfig zu sehen.

Nach der Ankunft im Hotel, Mittag und einem kurzen Nickerchen begann auch schon unsere Cyclo-Tour. Es kamen wieder fünf Herren mit Fahrrädern mit Sesseln angefahren und dann ging es los. Der erste Halt war am Kriegsmuseum, wo wir 50 Minuten Zeit hatten, uns die unglaublichen Fotografien und Waffen anschauen konnten. Krieg ist echt krank. Danach fuhren wir zum Präsidentenpalast und zum Postamt. Letzteres war eine riesige Halle, die von den Franzosen gebaut worden war und neben der Notre Dame steht. Onkel Ho hängt übergroß am Giebel der Halle und achtet darauf, dass alles seinen Weg geht.

Anschließend ging es schon wieder zum Hotel zurück. Hier konnten wir den Feierabendverkehr aus nächster Nähe (nämlich mittendrin) erleben. Es ist unglaublich, wie das alles läuft. Wer fährt, der fährt und darf auch nicht zögern. Erstaunlich dabei ist, dass wir uns zu keiner Zeit unsicher fühlten. weil jeder immer den Verkehr im Blick hatte und meistens kaum mehr als Schrittgeschwindigkeit drin war.

Nachtmarkt in Saigon

Nachtmarkt in Saigon

Zum Abendbrot waren wir in einem Restaurant mit Tischen, in die kleine Gasgrills integriert waren, sodass jeder sein Essen selbst grillen konnte. Sehr coole Idee und sehr leckere Umsetzung. Dazu teilten sich die Männer der Gruppe einen dreieinhalb Liter Carlsberg-Bierturm zum Selbstzapfen. Für das Essen, einen Drittelbierturm und eine Pepsi haben wir 250.000 Dong (10 Euro) bezahlt.

Neben dem Restaurant war zum Glück gleich ein Markt, auf dem ich mir eine neue Hose kaufen konnte, weil die „alte“, die ich mir in Hanoi gekauft hatte, langsam den Geist aufgibt. Ich entschied mich für eine original Abercrombie & Fitch, in einer „super Qualität“. Auf dem Weg zurück zum Hotel hatten wir noch einen Cocktail und nun liegen wir müde auf dem Bett. Morgen müssen wir früh hoch, weil es um 8:30 Uhr zum Mekong-Delta geht.

Heute Abend hat es übrigens ein bisschen genieselt. Aber von den täglichen starken Regenfällen in der Regenzeit haben wir in den anderthalb Wochen noch nichts mitbekommen.

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