Tag 13: Wintersport und Kaviar in Finnland

3. August 2017. Heinola, Finnland.

Als sich die Luke der Fähre vor uns öffnet, sind wir kurz geblendet von der Morgensonne über Helsinki, denn die wenigen Stunden Schlaf und die Dunkelheit in unserer fensterlosen Kabine haben uns das Gefühl tiefster Nacht vermittelt.

Wir verfahren uns im Hafen nur ein einziges Mal und das auch nur ganz kurz und steuern dann Richtung Stadtzentrum. Auf dem Kauppatori, einem kleinen Markt am Wasser, frühstücken wir etwas finnisches Gebäck und Kaffee, bevor wir die Stadt auch schon wieder verlassen. Vor zwei Jahren sind wir auf dem Weg nach Japan bereits in Helsinki gewesen und heute wollen wir lieber etwas sehen, das wir noch nicht kennen.

Am Kauppatori

Deswegen fahren wir ausnahmsweise nicht an der Ostsee entlang, sondern ein Stück hinein ins Landesinnere, um ein paar Eindrücke von der Finnischen Seenplatte mit nach Hause nehmen zu können. Erster Halt: Lahti.

Wintersport

Weil die Landstraße Richtung Lahti parallel zur Autobahn verläuft, wechseln wir auf letztere und stehen anderthalb Stunden später an den Türmen der Salpausselkä-Schanze. Lahti ist die Sporthauptstadt Finnlands, weil hier rund um die Schanzenanlage ein großes Wintersportzentrum beheimatet ist. Auf und an den drei Sprungschanzen finden regelmäßig Weltmeisterschaften im Skispringen und der Nordischen Kombination statt – und das auch nicht erst seit gestern, sondern schon seit 1923. Außerdem ist Lahti die Heimatstadt des wichtigsten finnischen Fußballspielers, Jari Litmanen, der ja bekanntermaßen ausschließlich bei Spitzenvereinen unter Vertrag stand.

Auf dem Hügel stehen die drei Schanzen direkt nebeneinander: eine große, eine ganz große und eine unheimlich große, auf der ein Springer bis zu 93 km/h erreicht, bevor er abspringt, was ich persönlich ja für eine Geschwindigkeit halte, die man nicht ohne angemessene Polsterung aufnehmen sollte. Aber mich fragt ja keiner.

Salpausselkä-Schanze

Auf der mittleren, also der ganz großen, Schanze, betreiben derzeit einige Athleten Sommertraining. Einer von ihnen, dem es in seinem einteiligen Skianzug im gleißenden Sonnenlicht offenbar zu warm geworden ist, hat diesen bis unten geöffnet, die Arme aus den Ärmeln gezogen und läuft oben ohne mit geschulterten Skiern zur Schanze als gäbe es nichts normaleres auf der Welt. Wintersport im Sommer ist ja schon eine Attraktion für jemanden, der in einem Bundesland aufgewachsen ist, dessen höchster Punkt nicht mal 180 Meter ü. NN erreicht.

Ausblick

Wir sind rechtzeitig zu Beginn der Öffnungszeiten der größten Schanze vor Ort und zahlen schlappe acht Euro pro Person für den Fahrstuhl, der uns bis nach oben zum Absprungpunkt bringt. Von dort aus können wir das gesamte Gebiet ganz gut überblicken. Die kleinste Schanze wirkt von hier wie für Kindergartenkinder gebaut, ist aber dennoch höher als alles, was wir uns trauen würden zu springen.

Auf der mittleren Schanze wird trainiert, was unerwartet viel Krach macht. Das typische „Swooosh“, das man aus dem Fernsehen kennt, ist in Wirklichkeit relativ laut und auch noch ganz oben auf der höchsten Schanze zu hören.

Die größte Schanze ist für nur Touristen geöffnet, die ein bisschen Ausblick auf die Gegend wünschen. Und weil das bedeutet, dass niemand die Aufsprungbahn (Vielen Dank für dieses Wort, Wikipedia.) benötigt, betreibt man dort halt ein Freibad, um die Fläche nicht ungenutzt zu lassen. Hinter der Skisprungarena, die 80.000 Zuschauern Platz bieten soll, befindet sich ein Stadion mit blauer Laufbahn, dahinter die Stadt. Der Rest der Gegend besteht aus Wald, Wasser und Sonnenschein.

Blick auf Lahti – unten: Freibad

Tagesziel: Heinola

Auf der Landstraße fahren wir wenig später über die Finnische Seenplatte, wo wir immer wieder Seen in Größenordnungen zwischen „Wo ist da ein See?“ und „Wo ist da das andere Ufer?“ passieren. Die Finnische Seenplatte ist mit 42.200 Seen auf 100.000 km² die größte Seenplatte Europas. Typischerweise sind die Seeufer ziemlich stark gegliedert, viele Seen haben zudem Inseln in unterschiedlichsten Größen, die von ein paar Quadratmetern bis zur Grundfläche kleiner Dörfer reichen.

Trotz vieler Warnschilder auf der Straße sollen wir heute keinem Elch begegnen, was vielleicht auch gar nicht so schlimm ist. Denn in unserem Reiseführer steht: „Ein Zusammenprall mit diesem Großhirsch ist nicht nur für das Tier sehr unerfreulich.“ Und von unerfreulichen Umständen haben wir jetzt erstmal genug.

Gegen Mittag erreichen wir den Campingplatz, auf dem wir die Nacht verbringen wollen. In der Ortschaft Heinola liegt dieser auf einer kleinen Insel Heinäsaari, wo wir direkt am Ufer des Ruotsalainen-Sees unser Zelt aufschlagen.

Zeltplatz in Heinola

Der Platz ist im Grunde ziemlich cool. Er nimmt die gesamte Insel ein, die sanitären Anlagen sind neu und sauber, die im See lebenden Enten sind oft und gern zu Besuch auf dem Festland und unsere nächsten Nachbarn sind angenehm weit entfernt. Das einzige, das die Idylle leider so ein bisschen stört, ist die nicht lärmgeschütze Autobahnbrücke, die in nicht allzu weiter Ferne den See überquert.

Chill ma‘

Der Rest des Tages ist für lebensnotwendige Tätigkeiten wie Mittagsschlaf, Kaffee trinken und Wäsche waschen reserviert. Nur am frühen Abend bewegen wir uns noch einmal weg, um im örtlichen Lidl unsere Vorräte aufzustocken. Hier lernen wir, dass Hähnchenbrustfilet auf Finnisch „Broilerin“ heißt und es ziemlich normal zu sein scheint, seinen Kaviar in einer 300 Gramm-Tube für 2,19 Euro aus einer Einrichtung wie Lidl zu beziehen.

Kaviar im Familienpack

Auf dem Rückweg zum Campingplatz gibt es einen kurzen Regenschauer, der uns dazu veranlasst, uns zwischen einigen Wohnblöcken an den Fahrradunterständen ins Trockene zu flüchten. Außer den Fahrrädern und uns steht zwischen den Wohnhäusern ein großer, fest eingemauerter Grill für die Anwohner. Sowas wäre ja in Deutschland vollkommen undenkbar, weil sich sicherlich schon während der ersten Bauphase die ersten Anwohner über die Geruchsbelästigung beschweren würden. Aber wahrscheinlich würde der Plan an erster Stelle daran scheitern, dass es auf dem Bauamt kein Formular für die Errichtung einer „Außenanlage für die Zubereitung von Warmspeisen über offenem Feuer“ gibt.

Unter Aufsicht 

Wieder auf der Insel angekommen, unternehmen wir einen Rundgang über den Platz und stellen fest, dass Dauercamper schon eine Spezies für sich sind. Bis auf vier Zelte stehen hier nämlich ausschließlich Wohnwagen, Wohnmobile und Holzhütten, die zumindest am Wochenende dauerhaft bewohnt scheinen. So gemütlich es sich die meisten Camper mit Pflanzkübeln und Lichterketten auch machen, an die Leute, die sich einen alten Reisebus umgebaut haben, kommen sie nicht heran.

Zurück am Zelt bekommen wir Besuch von einigen Enten, die so wichtigtuerisch über den Platz laufen als würden sie ihre Brötchenkrümel als Aufseher verdiennen, indem sie jeden Verstoß gegen die Platzordnung notieren und dem Vorstand melden. Wir halten uns bedeckt und benehmen uns möglichst unauffällig, indem wir gemütlich am Ufer des Sees sitzen, der Autobahn lauschen und der Sonne beim Untergehen zusehen.

Abendstimmung in Heinola

Der Tag in Zahlen und Fakten

  • Kilometerstand: 3.943 km
  • Heute: 315 km
  • Streckenverlauf: Helsinki – Lahti – Heinola
  • Länder: Finnland

Aufgezeichnet mit dem Geo Tracker von geo-tracker.org

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