Tag 14: Über Sachsen zurück an die Ostsee

4. August 2017. Larsmo, Finnland.

Gegen 8:00 Uhr werden wir geweckt von dem Regen, der auf unser Zeltdach prasselt und sich ein akustisches Duell mit den Motoren auf der Autobahnbrücke liefert. Das ist zwar nicht unser Favorit unter den möglichen Aufwachszenarien, aber immer noch besser als das Klingeln eines Weckers.

Aufbruch

Wir stellen heute Morgen fest, dass das Zusammenpacken unseres Schlafzimmers um einiges weniger ätzend gewesen ist, als dieses weder nass noch matschig war. Anschließend prüfen wir, ob wir in der Eile nicht versehentlich eine Ente eingeladen haben, hören aber kein hilfloses Quaken aus den Untiefen des Kofferraums. Auf den Zentner Waldboden, der am Zelt hängt und ganze Käferfamilien auseinanderreißt, kann keine Rücksicht genommen werden.

Wir frühstücken noch schnell in der Gemeinschaftsküche. Im Gemeinschaftsbad nicke ich kurz einer Frau zu, die mit einem Regenschirm aus der Dusche kommt. Und dann können wir auch schon los.

Heute haben wir einen langen Weg vor uns, denn wir wollen wieder zurück an die Ostsee und möglichst bis zum Campingplatz in Larsmo fahren. Mit Umweg über Svedjehamn auf der Insel Björkö bei Vaasa sind das fast 600 Kilometer. Es gilt also, keine Zeit zu verlieren.

Finnische Seenplatte

Die Regenwolke verfolgt uns bis zum frühen Nachmittag, weshalb uns selten der Sinn danach steht, aus dem Auto zu steigen, was ganz zuträglich für das Vorankommen ist. Außerdem kann man ja auch aus dem Autofenster eine Menge sein. Wenn die Scheibenwischer gerade unten sind und man sich beeilt.

Auf der Finnischen Seenplatte

Und das, was man da sieht, sind durchaus schöne Ansichten der Seen, ihrer Inseln und Wälder. Die Finnische Seenplatte ist so groß und sehenswert, dass man sich dafür allein eine Woche Zeit nehmen kann und muss. Aber da das Thema dieser Reise „Ostsee“ heißt, kommt sie ein anderes Mal an die Reihe.

Die Straßen sind anfangs sehr kurvig und hügelig und sorgen damit für etwas Spannung hinter Kurven und Kuppen, wenn mal unverhofft ein anderes Auto oder ein LKW von vorn kommt, was allerdings nicht so oft der Fall ist. Dann werden sie irgendwann immer gerader und länger. Und länger. Und gerader. Und länger. Es ist alles sehr gerade. Und lang.

Straße, lang.

Obwohl die Häuser nicht mehr so weit von der Hauptstraße entfernt stehen, wie zum Beispiel noch in Estland, stehen die Briefkästen weiterhin in Gruppen an den Kreuzungen. Aber statt sie einfach irgendwie dorthin zu zimmern, wird eine kleine Wand aus Holz gebaut, fein säuberlich lackiert und mit einem Dach versehen. In Nachbarschaften, in denen man etwas auf sich hält, haben alle den gleichen Briefkasten.

Volkssport

Auf unserem Weg fahren wir immer wieder an so seltsamen Plätzen vorbei, die nicht mal die Größe eines halben Fußballfeldes haben, aber komplett von einer Bande umgeben sind, die auch an den Ecken nicht offen ist, sondern eine Runde macht.

Ich tue das in der Schublade „Keine Ahnung, was das sein soll, aber da hinten stehen hübsche Häuser.“ ab, während Denis des Rätsels Lösung präsentieren kann: es sind Eishockeyfelder, die – weil Finnland auch sowas wie einen Sommer hat – aktuell nicht genutzt werden.  Aber in einem Land, in der es im Winter verlässlich und durchgängig kalt ist, ist so eine Anlage sicherlich ziemlich einfach und kostengünstig zu betreiben.

Weil das zwar interessant ist, aber wenig spektakulär, bleiben wir auf der Straße bis es mal wieder Zeit für einen Boxenstopp wird. In einem Ort namens Rönni (Und ich dachte immer, so darf man nur in Sachsen heißen.) finden wir die nächstgelegene und gleichzeitig idyllischste Tankstelle der Welt, die direkt am Ufer eines Sees gelegen ist. Auf der einen Seite steht unser Škoda, auf der anderen tankt jemand sein Boot. Und niemand findet das unnormal.

Boxenstopp

Fast in Schweden

Als wir Svedjehamn auf der Insel Björkö erreichen, hat es endlich mal aufgehört zu regnen. Stattdessen ist es nur etwas stürmisch als wir auf den 20 Meter hohen Holzturm steigen. Immer wenn wir an einer Fensteröffnung vorbei kommen, müssen wir ein bisschen aufpassen, das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Dafür werden wir mit einem tollen Blick auf die felsige Küste mit den vorgelagerten Schären belohnt.

Blick auf die Ostsee in Svedjehamn

Ein Schild am Turm erzählt die Geschichte davon, dass sich die Erde hier um einen  Zentimeter im Jahr anhebt, was zur Folge hat, dass die Landmasse des vorgelagerten Schärengartens jährlich um 100 Hektar wächst. In den letzten 400 Jahren hat sich das Land bereits um die Höhe des 20 Meter hohen Turms erhoben.

Wir sind hier nur 80 Kilometer vom schwedischen Festland der Region Umeå entfernt, und weil es nicht so aussieht als würde die Landhebung demnächst stoppen, wird es hier in einigen hundert Jahren einen Landweg nach Schweden geben. Dann wird so eine Ostseeumrundung ein paar hundert Kilometer weniger lang sein.

Svedjehamn selbst ist ein kleiner Ort mit einem vergleichsweise großen Hafen. Die Häuser sind flach und im typisch schwedischen Rot gestrichen, wahrscheinlich damit sich die Schweden, die in ein paar hundert Jahren hierher wandern, sich nicht fremd fühlen. Einige der Häuser liegen so nah am Wasser, dass sie einen eigenen Bootsanleger haben.

Svedjehamn

Die Ostsee und ein Zelt

Am Abend erreichen wir den angesteuerten Campingplatz in Larsmo mit dem vielversprechenden Namen „Strandcamping“, der auch hält, was er verspricht. Wenn wir das Zelt öffnen, schauen wir direkt auf die Ostsee. Man kann sicherlich an schlimmeren Orten übernachten.

Strandcamping

Auf einer leeren Wiese schlagen wir das einzige Zelt auf der ganzen Anlage auf. Alle anderen sind mit dem Wohnmobil oder -wagen da oder haben eine Hütte gemietet. Viele unserer Nachbarn sind Dauercamper mit festen Vorzelten, die über Glastüren und Partylicht verfügen. Wie auf den anderen Plätzen, die wir in den letzten beiden Wochen gesehen haben, bleibt man eher unter sich. Die Dauercamper sitzen manchmal in Gruppen zusammen, der Rest ist eher mit sich selbst beschäftigt.

Abends in Finnland

Vor unserem Zelt sitzend bereiten wir uns auf dem Gaskocher das finnischste Abendessen zu, das wir uns vorstellen können. Es gibt Fischsuppe mit Schwarzbrot, dazu Hering in Senfsoße und Anchovis, die aus einem unerfindlichen Grund nach Lebkuchen schmecken.

Am Abend nehme ich ein kurzes Bad in der Ostsee, die mir auch nach 100 Metern nur bis zur Schulter reicht, was bei anderen Menschen ja eher Brusthöhe ist. Am Ufer ist es ostseetypisch sehr lange sehr flach und eher untypisch ziemlich matschig. Außerdem ist sie hier nicht mehr so salzig wie vor der Mecklenburgischen Küste, weil wir uns viel weiter vom Nordseezugang entfernt befinden.

In mehrere Jacken eingehüllt verbringen wir schließlich den Rest des Abends vor dem Zelt. Dass wir schon fast am Nordpol sind, ist mittlerweile deutlich spürbar. Nicht nur an den Temperaturen, sondern auch an der Tatsache, dass es erst sehr spät dunkel wird.

Sonnenuntergang

Der Plan, das Zelt über Nacht trocknen zu lassen, geht leider nur so lange auf bis es wieder anfängt zu regnen.

Der Tag in Zahlen und Fakten

  • Kilometerstand: 4.525 km
  • Heute: 582 km
  • Streckenverlauf: Heinola – Rönni – Svedjehamn – Larsmo
  • Länder: Finnland

Aufgezeichnet mit dem Geo Tracker von geo-tracker.org

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