Tag 14: Zu Besuch bei der Leibgarde des ersten Kaisers

23. Juli 2015. Xi’an – Nachtzug nach Shanghai (China).

Nach einem reichhaltigen englisch-chinesisch-japanischem Frühstück, das durch das ununterbrochene Anstarren unserer Teller durch die anwesenden Kellner auch nicht besser wurde, wollen wir uns auf den Weg zur Terracotta-Armee machen. Der Touristenbus 5 (306) fährt alle fünf bis zehn Minuten vom Bahnhof ab, kostet sieben Yuan (einen Euro) und ist bis zur vierzig Kilometer entfernten Anlage etwas mehr als eine Stunde unterwegs. Vor dem Bus hat sich bereits eine fünfzig Meter lange Schlange gebildet, die aber schnell abgearbeitet ist, weil direkt nach Abfahrt eines Busses der nächste bereit steht.

Die Terrakotta-Armee in Zahlen

Die Terrakotta-Armee ist Teil einer Grabanlage des ersten chinesischen Kaisers, die auf das Jahr 210 v. Chr. zurückgeht. Im Jahr 1974 wurde die Stätte in der Nähe der Kleinstadt Lintong von Bauern entdeckt, die einen Brunnen graben wollten, und in der Folge nach und nach erschlossen. Die gesamte Grabanlage erstreckt sich auf etwa 56 Qudratkilo(!)meter und enthält unter anderem die vier Gruben, in denen die Krieger aus Terrakotta gefunden wurden, die wir uns heute anschauen wollen. In einem Grabhügel, der ebenfalls zur Anlage gehört, aber bisher noch nicht freigelegt wurde, werden weitere Tonfiguren und Nachbildungen von Flüssen und Seen aus Quecksilber mit einem Sternenhimmel aus Perlen vermutet. Die Ausgrabungen sollen in einigen Jahren beginnen.

Wir besuchen nur das Terrakotta-Armee-Museum, also die Gruben mit den Tonsoldaten. Vier sind es an der Zahl, eine davon ist allerdings leer. Die größte Grube umfasst eine Fläche von 14.000 Quadratmetern und enthält etwa 6.000 Soldaten, flankiert von 40 Pferdewagen. Auf 6.000 Quadratmetern beinhaltet die zweite Grube 1.200 Figuren und 89 Wagen. Die dritte und kleinste Grube hat noch 78 Soldaten und einen Pferdewagen. Man schätzt, dass etwa 700.000 Arbeiter 30 Jahre lang an der ganzen Anlage gearbeitet haben. Und damit niemand an Grabschänder oder Feinde ausplaudern konnte, wo sich die Grabstelle befand, wurden alle Arbeiter nach getaner Arbeit an Ort und Stelle begraben. Praktisch können sie, die Chinesen.

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Pit 1, die größte Halle im Museum.

Der Bau der Anlage hat im Übrigen auch deswegen so lange gedauert, weil jeder Soldat der Terrakotta-Armee individuell gestaltet wurde. In seinen Gesichtszügen gleicht nicht ein Krieger einem anderen, auch Körperform und Haltung sind einzigartig. Nach ihren Rängen und Aufgaben innerhalb des Heers trägt jeder Terrakotta-Soldat die entsprechend typische Kleidung, die ursprünglich sogar farbig gestaltet war. In den letzten 2.200 Jahren ist die Farbe allerdings etwas ausgeblichen, sodass die Figuren heute alle braun sind. Ob es sich um eine Nachbildung einer tatsächlich existierenden Armee handelt, oder ob die Menschen frei gestaltet worden sind, kann man heute nicht mehr mit Gewissheit feststellen.

Die Terrakotta-Armee live

Ziemlich gewiss kann man dafür feststellen, dass auch im Terrakotta-Armee-Museum der Eintrittspreis von 150 Yuan (22 Euro) pro Person nicht so recht zum allgemeinen Preisniveau Chinas passen will. Allerdings müssen wir auch beachten, dass es sich bei diesem Museum nicht nur um ein UNESCO Weltkulturerbe, sondern vor allem um eine Nationale Touristenattraktion der Kategorie AAAAA handelt – das sind immerhin fünf von fünf As.

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National Tourist Attraction der Kategorie AAAAA

Zuerst besichtigen wir das Museum über das Museum, das, wie der Name bereits vermuten lässt, eher übersichtlich in seiner Strahlkraft ist. Dazu gibt es nur soviel zu berichten: Obwohl es echt langweilig ist, ist es vollkommen überlaufen. In China ist man nirgendwo allein.

Anschließend folgt die Ausstellung zweier bronzener Pferdewagen hinter Glas, die schon interessanter, aber dementsprechend auch deutlich besser besucht ist. Ohne Körperkontakt mit einer vollkommen fremden Person ist nicht ein einziger Meter in diesem Raum zurückzulegen.

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Pferdewagen hinter Glas.

Dann arbeiten wir uns endlich durch die drei Hallen, in denen die Stars der Gegend zu erleben sind, also die Terrakotta-Krieger. In den beiden kleineren gibt es hauptsächlich Staub und Terrakotta-Splitter zu sehen. Nur wenige Soldaten sind in diesen beiden Gruben bereits restauriert worden. Deswegen hält sich die Anzahl der Besucher in diesen Hallen eher in Grenzen.

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Splitter und kopflose Soldaten in einer der Nebenhallen.

Als letztes wollen wir in die größte Halle, in der die knapp 1.100 ausgegrabenen der insgesamt 6.000 vorhandenen Krieger zu besichtigen sind, weshalb diese für Nicht-Archäologen die spannendste ist. Das ist auch der Grund dafür, dass diese vollkommen überfüllt ist. Die Leute, die in den kleineren Hallen gefehlt haben, sind komprimiert in der größten zu finden.

Zum ersten Mal seit einer ganzen Weile treffen wir hier auf andere Deutsche, die gut organisiert in einer Reisegruppe unterwegs sind, mit einem Führer, der von der Sprachmelodie her mal Oberfeldwebel war. Die überwiegende Mehrheit der Besucher sind allerdings Chinesen, die naturgemäß keinerlei Gefühl für die persönliche Distanz zu anderen Menschen haben. Zumindest weichen ihre Vorstellungen diesbezüglich stark von unseren ab. An Tagen mit über 40 Grad im Schatten ist das eine Eigenschaft, die man nur sehr schwer ertragen kann.

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Die Armee.

Dennoch hat sich der Besuch der Terrakotta-Armee auf jeden Fall gelohnt. Man kann sich kaum vorstellen, welche Dimensionen die Gruben haben, und wieviele Soldaten es tatsächlich sind, wenn man es nicht live erlebt hat. Wir kommen zwar nicht so nah an die Krieger heran, um sie zu berühren. Einen sehr genauen Blick auf die Feinheiten in Gesicht und Kleidung können wir dennoch werfen und sind absolut beeindruckt ob der Präzision und Sauberkeit, mit der gearbeitet wurde. Auch wenn wir hin und wieder durch einen Ellenbogen im Rücken oder einen Tritt in die Hacken abgelenkt werden.

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Die Soldaten sind alle individuell gestaltet.

Weiter nach Shanghai

Die Warteschlange am Bus für die Rückfahrt zum Bahnhof ist nicht nur kurz, sondern nicht vorhanden. Und so machen wir uns wie geplant um 15:00 Uhr auf in Richtung Xi’an, denn um 17:04 Uhr geht unser Nachtzug nach Shanghai. Der Zugang zum Gleis wird fünf Minuten vor Abfahrt gesperrt, wir haben also nicht so viel Zeit zu verlieren.

Den Bahnhof Xi’an erreichen wir eine Dreiviertelstunde vor Abfahrt. Was in Europa in die Kategorie „viel zu früh“ fällt, ist hier in China schon relativ knapp, denn wir müssen noch unsere Rucksäcke von der Gepäckaufbewahrung holen, diverse Pass-, Fahrkarten- und Gepäckkontrollen bestehen und unsere Wartehalle finden. Außerdem müssen wir sicherheitshalber immer einkalkulieren, dass die Gepäckkontrollen damit enden können, dass der Rucksack ausgepackt werden muss, was natürlich auch eine gewisse Zeit in Anspruch nehmen kann. Ob unser Zug in der Zwischenzeit bereits abgefahren ist, interessiert dabei niemanden. Sicherheit geht schließlich vor und es wäre ja absolut unverantwortlich, zwei Ausländer mit Deodorant bewaffnet in den Bahnhof zu lassen.

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Der Eingang zum Bahnhof von Xi’an.

Weil die Dame für die Pass- und Fahrkartenkontrolle keine Lust zu haben scheint, so komplizierte deutsche Namen zu überprüfen, geht dieser Teil schon mal ziemlich schnell. Die Bilder, die der Gepäckscanner erzeugt, schaut sich niemand an und der Metalldetektor gibt keinen Ton von sich als ich mit Handy und Kamera in der Tasche durchlaufe, also ist dieser Teil ebenfalls unerwartet schnell abgearbeitet. Wir sind überrascht und nutzen die Zeit, uns in einem Bahnhofskiosk zu versorgen.

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Wartehalle für Z94, unseren Zug nach Shanghai.

Alles in allem sind wir pünktlich zum Boarding in der Wartehalle und zwanzig Minuten vor Abfahrt im Zug. Wir teilen uns das Abteil mit einer jungen Frau, die aus Xi’an stammt und in Shanghai studieren will, und einem Mann in den Vierzigern mit Hose bis unter die Achseln, einem mit Sicherheit sehr originalen BMW-Gürtel über den Nippeln und einem 1 x 1,50 m-Bild im Handgepäck. (Was man halt so bei sich hat.) Auch auf unserer letzten Nachtzugfahrt dieser Reise (!) haben wir Soft Sleeper gebucht und bereits Rückenschmerzen, bevor wir unser Abteil betreten haben.

Heutige Verbindungen

Z94 Xi’an (ab 23.07.2015, 17:04 Uhr) – Shanghai (an 24.07.2015, 7:51 Uhr) / 998 Yuan = 138, 45 Euro (2 Personen im Liegewagen, 4er-Abteil) /Fahrplan Xi’an – Shanghai

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