Tag 15: Chaos, Betonwürste und Einzelkinder in Shanghai

24. Juli 2015. Shanghai (China).

Eigentlich hatten wir ja darauf gewettet, dass wir die einzige Verspätung dieser Reise auf der Strecke Hamburg – Kopenhagen einfahren. Eigentlich waren uns auch schon so gut wie sicher, da lässt uns China im Stich. Ausgerechnet China! Hier ist alles durchgeplant, wirklich alles. Und das wagt auch niemand im Geringsten aus dem Gleichgewicht zu bringen. Und dann das! Wir sind erst dreißig Minuten nach Plan in Shanghai. Was passiert als nächstes? Wird es andere als die parteilich abgestimmten Meinungen geben? Es ist ein heilloses Durcheinander! China versinkt im Chaos.

Erste Eindrücke

Wir irren etwa eine Viertelstunde über Bahnsteige und Unterführungen, haben zwischenzeitlich Angst, versehentlich am Flughafen angekommen zu sein, und können uns gerade so zum Taxistand durchschlagen. Dieser ist unterirdisch in der Tiefgarage anzufinden und angelegt wie jede Anlage in China: mit einem Leitsystem für eine Menschenschlage und einer Person, die darauf achtet, dass dieses System von den drei Wartenden nicht unterwandert wird. Überraschendenweise können wir weder Gepäckscanner noch Metalldetektor in der unmittelbaren Umgebung ausmachen. Das Chaos setzt sich fort. Wir fühlen uns ganz unsicher.

Nachdem wir irgendwann frisch geduscht das Hotel verlassen, machen wir uns auf zur nächstgelegenen Metro, lassen uns in die Bedienung des Ticketautomaten einweisen – von einem der beiden an allen (!) Zugängen zur Metro postierten Sicherheitsmänner – und fahren zum People’s Square. Bereits in der Metro ist zu erkennen, dass Shanghai im Gegensatz zu Urumqi und Xi’an eine Weltstadt ist. Denn die Stationen sind auch in der lateinischen Umschrift ausgeschildert und tragen teilweise sogar englische Bezeichnungen. Das hat zur Folge, dass selbst wir als ungebildete Europäer uns orientieren können.

Tee und Heiraten

Eigentlich wollen wir vom People’s Square aus die Innenstadt erkunden, werden aber vorher von einer Gruppe Chinesen angesprochen, ob wir nicht ein Foto von ihnen machen könnten. Weil wir so nett sind, kommen wir der Bitte natürlich nach. Die vier Chinesen wirken total aufgedreht, wir kommen ins Gespräch.

Sie wären Studenten aus Peking und gerade auf dem Weg zu einer Teeprobe unweit der U-Bahn, ob wir nicht mitkommen wollten. Sie sind nett, wir haben Zeit, warum nicht? In einem kleinen Einkaufszentrum finden wir uns im ersten Stock in einem Hinterraum ein, der schon zufällig für genau sechs Personen eingerichtet ist. Welch Überraschung. Na ja, es ist uns schnell klar, dass das eine Masche ist und die Jungs und Mädels auf Touristenfang sind. Wir wollen aber trotzdem Tee trinken und spielen mit.

14 Shanghai (3)

Teezeremonie

Der Tee schmeckt gut, es gibt sechs oder sieben Sorten, uns wird viel über den Tee und die magische Wirkung der einzelnen Sorten erzählt und mehrfach ans Herz gelegt, doch endlich zu heiraten. Weil Chinesen aufgrund der Ein-Kind-Politik eben nur ein Kind pro Familie bekommen dürfen, sind chinesische Eltern nämlich nicht so nachsichtig mit ihren Kindern wie unsere. Wer in unserem hohen Alter noch nicht verheiratet ist, hat eindeutig was falsch gemacht.

Deswegen übernehmen die Eltern meist die Partnersuche für die Kinder, wenn diese nicht aus dem Knick kommen. In Shanghai gibt es regelmäßig einen Heiratsmarkt, auf dem Eltern Kontaktanzeigen mit Fotos, Jahresgehalt und Telefonnummern der Kinder austauschen. Wie praktisch. Da muss man sich wenigstens nicht selbst Gedanken darüber machen, ob eine Person zu einem passt.

Nachdem wir eindeutig zu viel für diese Teezeremonie bezahlt und noch eine Dose Yasmintee „geschenkt“ bekommen haben, machen wir uns auf zur Nanjing-Road, der größten Fußgängerzone Chinas. Wir haben eigentlich nicht vor, einen der Läden zu betreten. Vielmehr wollen wir ein bisschen spazieren, vielleicht was essen und den Flair der Stadt in uns aufsaugen. Dann sehen wir einen zweistöckigen M&M’s-Laden und finden uns schon in dessen Inneren wieder, bevor wir unseren Vorsatz überhaupt verwerfen können.

M&M’s

Im Laden gibt es M&M’s-T-Shirts, M&M’s-Mützen, M&M’s-Unterwäsche, M&M’s-Taschen, M&M’s-Golfbälle, M&M’s-Schnürsenkel, M&M’s-Plüschtiere, M&M’s-Krawatten, M&M’s-Spender in Form von M&M’s, M&M’s-Gepäckschlösser und vieles, vieles mehr. Das alles natürlich nicht nur in jeweils einer Farbe, sondern in jeder, in der es auch M&M’s gibt. So sieht also das M&M’s-Paradies aus.

14 Shanghai (17)

M&M’s World. Hier gibt es alles in allen Farben.

Nachdem der Mood Tester meine Stimmung eindeutig für gelb befunden hat, ist sie bereits von Weitem zu erkennen: the Great Wall of Chocolate. Sie besteht aus zwei Meter hohen, sortenrein sortierten,  farblich nach dem Regenbogen aufsteigend angeordneten M&M’s-Spendern. Es ist ein Traum für jeden Ordnungsfetischisten der Welt. Kein M&M liegt in einer falschen Röhre, alles ist bis zur Perfektion angeordnet. Sogar die verschiedenen Größen wurden bedacht. Wenigstens hier herrscht Ordnung.

14 Shanghai (25)

Great Wall of Chocolate

Nanjing-Road

Wenig später finden wir uns im First Food House wieder, einem vierstöckigen Gebäude, das sich voll und ganz dem Thema Essen verschrieben hat. In den ersten beiden Etagen werden Lebensmittel verkauft. Egal ob frisch oder Fisch, zum Verbrauchen oder Verschenken, hier gibt es alles. (Für diese Meisterleistung der Wortspielkunst möchte ich bitte wenigstens ein anerkennendes Nicken von euch bekommen.) In der dritten und vierten Etage wird gegessen. In einem kleinen, bis auf den letzten Platz gefüllten Lokal gibt es für uns Dumplings, mit Reis und Fleisch gefüllte und gedünstete Reisteigtaschen.

14 Shanghai (37)

Dumplings. Stilecht mit Pepsi aus der Dose.

In der Nanjing-Road finden sich alle Modelabels, die in China Rang und Namen haben und viele Schwarzhändler, die das gleiche Zeug für einen Bruchteil des Originalpreises verkaufen. Als zwei der erstaunlich wenigen Weißen in den Straßen Shanghais kommen wir nicht durch ebendiese, ohne von allen Schwarzhändlern Chinas (Das sind ja zum Glück nicht so viele.) angesprochen zu werden. „Hello, want shopping? Bags, watches, sun glasses.“ Um zu zeigen, was sie alles im Angebot haben, aber dabei nicht mit einem großen auffälligen Katalog unter dem Arm herumzulaufen, haben sie Faltkarten, die sie auf Visitenkartengröße verkleinern und bei Sichtung eines Polizisten in der Hosentasche verschwinden lassen können. Raffiniert, diese Kerle.

14 Shanghai (39)

Nanjing-Road

Betonwürste

Wir verzichten auf diese fast unwiderstehlichen Angebote und laufen stattdessen weiter zum Bund. Der Bund ist das weltberühmte Ensemble aus Wolkenkratzern, das Shanghais Skyline prägt wie nichts anderes. Auf der anderen Uferseite des Huangpu, im Stadtteil Pudong, liegen die riesiegen Büro- und Aussichtstürme des neuen Finanzzentrums und sehen in der Mittagssonne höchstens aus wie ein gut gemachtes Plakat der Skyline, so bunt, groß und eng beeinander, dass es nur gephotoshopt sein kann.

14 Shanghai (42)

Skyline. Ohne Photoshop.

Da sind das Shanghai World Finance Center, das aussieht wie ein überdimensionaler Flaschnöffner aus Glas, der goldene Aururis Turm, dessen Fassade ein einziger großer Bildschirm ist, der Jin Mao Tower mit dem höchsten Hotel der Welt und der Oriental Pearl Fernsehturm, den unser Stadtplan (nicht konfisziert, da gesetzeskonform und vom Tourismusministerium auf der ITB ausgegeben) folgendermaßen beschreibt: „Mit seinen gigantischen Betonwürsten und 11 unterschiedlichen Kugeln zählt der 468-Meter-höhe Oriental Pearl Fernsehturm zu der höchsten in Asien und dritten höchsten der Welt.“ Na dann.

Wir lassen den Eindruck lange wirken, beobachten Skyline und Menschen und laufen schließlich die Promenade entlang. In Shanghai starren uns bereits deutlich weniger Leute an, diejenigen, die es tun, sind dabei aber penetranter als sie es noch in Xi’an waren. Einige holen sogar ohne zu zögern oder einen Gedanken an gute Manieren zu verschwenden, ihr Handy heraus und fotografieren uns. Wer sich einsam und ungeliebt fühlt, sollte auf jeden Fall mal nach China reisen. Hier fühlt man sich wie ein Star, der von einer fiesen Paparazzi-Bande gejagt wird.

„Merkst du, wie du schon vom Hingucken Durchfall kriegst?“

Wir verlassen die Uferpromenade des Huangpu, um den Yu-Garden mit angeschlossener „Alt-Straße“ (für eine ganze Altstadt hat es nicht mehr gereicht) zu finden, glauben uns auch auf dem richtigen Weg und finden uns schließlich in einem alten Wohnviertel wieder. So sah Shanghai also vor vierzig Jahren aus – zweistöckige Häuser, dicht beieinander gebaut, enge Straßen, Handel, Garküchen, Dienstleistungen im Erdgeschoss, Wohnen im ersten Stock. Ob damals auch schon so viele Kabel kreuz und quer in der Luft hingen?

14 Shanghai (67)

Altes Viertel in Shanghai.

Während im Hintergrund immer wieder die neusten Wohnriesen oder die Wolkenkratzer Pudongs zu sehen sind, schlendern wir durch kleine dreckige Straßen, durch die kaum ein Durchkommen ist. So weit ragen die Stände auf den Weg, so dicht schieben die Mopedfahrer ihr Gefährt durch die Gassen. Auf den Grills werden Hähnchenspieße und Oktopus gebraten, in den Geschäften Töpfe und Dosen verkauft, eine alte Frau schiebt ein zu einem mobilen Verkaufsstand umgebautes Fahrrad voller Küchensiebe durch die Straße. An den Gemüseständen gibt es Chillis und etwas, das aussieht, wie Zucchini mit 30 Zentimetern Durchmesser. Das Fleisch wird offen auf der Straße sediert, die Aale und Krebse in den Plastikschalen leben noch ein bisschen, eine Frau stutzt einem abgetrennten Hühnerfuß die Krallen. Über allem hängt die Wäsche aus dem Fenster zum Trocknen. Es ist wunderschön.

14 Shanghai (72)

Hygienisch einwandfrei wird hier Fisch verkauft.

Als wir das Wohngebiet durchquert haben, stellen wir fest, dass wir viel zu weit gelaufen sind und schlendern an der Henan Road zurück Richtung Norden. Wie lange wird es dieses Viertel angesichts seiner Innenstadtlage und der wenig kaufkräftigen Einwohner noch geben? Ein Jahr? Oder vielleicht zwei? Allzu lange wird es nicht mehr dauern bis die Menschen an den Stadtrand umgesiedelt, ihre Häuser abgerissen und neue Hochhäuser für Besserverdienende und Investoren gebaut werden.

Sighseeing-Altstadt

Nach einiger Zeit finden wir tatsächlich die Altstraße, die wir gesucht haben. Diese besteht aus sehr neuen Häusern, die so gestaltet sind, wie es von Touristen gemeinhin erwartet wird: holzvertäfelte kleine Läden, alle in der gleichen Optik und Größe, geschwungene Dächer, rote Papplaternen, Kreditkartenzahlung, Trip Advisor-Bewertungen, Stöckelschuhe, Fußballtrikots. Mit dem, was wir noch eine halbe Stunde zuvor gesehen haben, hat das gar nichts mehr zu tun.

14 Shanghai (79)

Altstadt für Touristen

Wir laufen zurück zum Bund, denn es soll demnächst dämmern und wir wollen im Dunkeln auf einen der Wolkenkratzer mit Aussichtsplattform auf der anderen Flussseite, um uns mal Shanghai von oben anzuschauen. Die einfachste Möglichkeit, vom Bund aus dorthin zu gelangen, ist der Sightseeing Tunnel, den man eigentlich aufgrund seines Namens schon meiden müsste. Wir kaufen trotzdem ein Kombi-Ticket für den Tunnel und den 100. Stock des Shanghai World Finance Center. Das ist das Gebäude, das aussieht wie ein überdimensionaler Flaschenöffner aus Glas.

Den Sightseeing Tunnel durchqueren wir in einer Gondel, der Tunnel selbst soll wie ein Aquarium gestaltet sein. Wir erkennen allerdings nur buntes, unzusammenhängendes Licht und sind froh als wir wieder aussteigen dürfen. Zum SWFC geht es dann über einen Fußgängerkreisverkehr, der über einer Straßenkreuzung aufgebaut ist und den erstaunlich starken Besucherandrang in Bahnen lenkt.

Am World Finance Center bietet sich wieder das gleiche Bild wie immer, wenn man in China irgendwas betreten will: Metalldetektor, Gepäckscanner, Menschenschlange. Letztere wird natürlich durch ein Leitsystem gelenkt. Und zwar nicht nur durch eins, sondern etwa fünf verschiedene. Überall wird angestanden, am Eingang, am Ticketschalter, am Weg zum Fahrstuhl, am Fahrstuhl. Überall kontrolliert mindestens eine Person die ordnungsgemäße Ausführung der Schlange. Überall stehen alle artig an.

Shanghai? Ist doch gar nicht so groß!

Mit dem Fahrstuhl gelangen wir zuerst aus dem Untergeschoss in den 94. Stock. Dieser legt etwa acht Meter in der Sekunde zurück, weshalb wir nach einer guten Minute bereits oben sind. Zu Fuß hätten wir es auch nicht schneller geschafft. In den 100. Stock gelangen wir über eine Rolltreppe und einen weiteren Fahrstuhl und kaum sind wir oben angekommen, ist es auch schon dunkel. Perfekt.

Der Blick aus den vollverglasten Wänden auf die Stadt ist atemberaubend. Im Dunkeln ist jedes Gebäude beleuchtet, hinter jedem Fenster scheint das Licht zu brennen, auf den Straßen ziehen weiße und rote Streifen durch die Nacht, der Fernsehturm nebenan leuchtet lila, alles wirkt aus 472 Metern so klein und zerbrechlich, die Stadt dehnt sich unendlich aus.

14 Shanghai (95)

Shanghai von oben

Nachdem wir uns an der Stadt sattgesehen haben, fahren wir noch einmal mit der Metro auf die andere Huangpu-Seite, um uns die beleuchtete Skyline auch von unten anzuschauen und uns zu vergewissern, dass es doch alles gar nicht so klein ist wie es von oben wirkt. Am Bund sind unterdessen so viele Menschen unterwegs, dass man kaum treten kann. Es ist ein ganz normaler Freitagabend und die halbe Stadt scheint auf den Beinen zu sein. Volksfeststimmung ohne Volksfest.

14 Shanghai (110)

Bund bei Nacht

Alles voller Einzelkinder

Genauso überfüllt wie die Promenade ist natürlich auch die Metro und der Weg dorthin. Eine Straße führt direkt vom Bund zur Metro, die Bürgersteige sind so voll, dass die Leute auf der Fahrbahn laufen. Wer hinfällt, hat verloren. Laufen gegen den Strom ist vollkommen ausgeschlossen. In der Parallelstraße sind wir vollkommen allein. Wir wissen nicht genau, ob unser aus der Reihe-Tanzen mit den chinesischen Menschenstromrichtlinien übereinstimmt, gelangen jedoch ohne Verurteilung zu einer mehrjährigen Lagerhaft zur Metro.

Bereits an den Ticketautomaten bilden sich lange Schlangen, an den Sicherheitskontrollen und Rolltreppen ebenso. Als wir uns durch diese durchgearbeitet haben, fährt die U-Bahn ein, die bereits bei der Ankunft bis zum Anschlag gefüllt ist. Ohne abzuwarten, ob eventuell jemand gedenkt auszusteigen, drängen die Wartenden in den Zug hinein. So sieht also das Leben eines Volks von Einzelkindern aus. Es gibt tumultartige Szenen als dann tatsächlich noch Leute die Bahn verlassen möchten. Damit konnte nun wirklich niemand rechnen. Schon gar nicht an einem so beliebten Ort.

Wir lassen die erste Bahn fahren und warten auf die nächste. Diese ist zwar auch nicht leerer, aber wir schaffen es irgendwie hinein bevor die Türen schließen und sind heilfroh als wir unsere Station erreichen. Frische Luft ist schon gar nicht so schlecht.

Heutige Verbindungen

Z94 Xi’an (ab 23.07.2015, 17:04 Uhr) – Shanghai (an 24.07.2015, 7:51 Uhr) / 998 Yuan = 138,45 Euro (2 Personen im Liegewagen, 4er-Abteil) /Fahrplan Xi’an – Shanghai

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.