Tag 15: Hasta la vista, Cuba!

10. Juli 2014. Havanna, Kuba – Hamburg, Deutschland.

Das war er nun also, unser letzter Tag auf Kuba. Da unser Rückflug erst am Nachmittag anstand, hatten wir noch einen halben Tag Zeit, um eine Kleinigkeit zu unternehmen. Trotz unserer frühmorgendlichen Unentschlossenheit fanden wir schließlich ein Ziel: die Plaza de la Revolución José Martí, den Platz der Revolution.

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Sitzbezüge vom Feinsten

Am Rande der Altstadt suchten wir ein Taxi und wurden an einem großen Hotel auch schnell fündig. Ein Taxifahrer mit einem Moskwitsch, Baujahr irgendwann zwischen 1975 und 1988, machte uns einen guten Preis. Für fünf CUC gab es neben einer kleinen Rundfahrt durch Havanna ein paar unschlagbar hübsche Sitzbezüge gratis zu bestaunen.

Wir waren schon ein paar Mal an der Plaza de la Revolución vorbei gefahren. Deren Größe konnten wir aber erst in der Mitte des Platzes stehend vollumfänglich erfassen. 72.000 Quadratmeter, also etwa zehn Fußballfelder. Platz für mehrere zehntausend Menschen. Nicht schlecht.

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Plaza de la Revolución

Die Kundgebungen von großen Demonstrationen mit über einer Million Menschen finden hier statt. Am 1. Mai und 26. Juli (Beginn der Revolution 1953) hielt Fidel Castro persönlich an diesem Ort seine Reden. Wir befanden uns an einem Ort mit historischer Bedeutung und dem Charme des Sozialismus.

Namensgeber der Plaza de la Revolución José Martí ist neben der Revolution José Martí. Das ist ein Schriftsteller des 19. Jahrhunderts, der von den sozialistischen Machthabern Kubas als Vordenker der Revolution gesehen wird und folglich zum Nationalhelden aufstieg. Martí war zu Lebzeiten zwar kein Kommunist, aber Antiimperialist und Freiheitskämpfer. Er starb im Kampf für die Unabhängigkeit Kubas von Spanien, seine Büste steht in allen Schulen des Landes und seine 18 Meter hohe Statue auf der Plaza de la Revolución.

Dahinter befindet sich ein über 100 Meter hoher Turm, in dem das José Marti-Museum untergebracht ist. Da es dort einen Fahrstuhl geben sollte, mit dem man an die Spitze des Turms fahren und von dort Havanna von oben bestaunen konnte, schauten wir mal hinein. Es gab sowohl das Museum als auch den Fahrstuhl im Turm. Leider war letzterer leider defekt, sodass wir diesen Programmpunkt von der Tagesordnung streichen und das höchste Gebäude der Stadt unverrichteter Dinge wieder verlassen mussten.

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Plaza de la Revolución

Direkt gegenüber dem Turm und der Statue Martís waren zwei weitere Nationalhelden verewigt – Che Guevara und Camilo Cienfuegos, beide Gefährten Fidel Castros während der Revolution. Auf zwei hohen Plattenbauten, die wir erst für ziemlich hässliche Wohnblocks hielten, die sich aber als Innen- und Informationsministerium herausstellten, sind die Gesichter der beiden abgebildet. Auf dem Innenministerium mit dem Bild von Che steht dessen berühmtester Ausspruch „Hasta la victoria siempre“ („Immer bis zum Sieg“). Camilo Cienfuegos wird mit den Worten „Vas bien Fidel“ („Du machst es richtig/gut, Fidel“) zitiert. Bescheidenheit der Führungsetage in Reinkultur.

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Cementerio Cristóbal Colón

Wir machten anschließend noch einen Abstecher zum Cementerio Cristóbal Colón, dem Christoph Kolumbus-Friedhof. Das ist ein riesiger Stadtfriedhof mit über einer Million bestatteten Menschen. Die Kubaner begraben ihre Toten nicht unter der Erde, sondern bestatten sie in überirdischen Marmorgräbern. Diese in Verbindung mit den Skulpturen, Mausoleen und Palmen erzeugten ein unwirkliches Bild aus einem wilden Durcheinander der Grabgestaltung und einer strikten geometrischen Straßenführung zwischen den Gräbern. Da wir den Eintrittspreis allerdings um ein Vielfaches zu hoch fanden, entschieden wir, dass wir nicht mehr genug Zeit hatten, uns dort so viel umzusehen, dass sich der Preis gelohnt hätte. Dafür hätte man allein einen ganzen Vormittag einplanen müssen.

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Ausblick aus dem Coco-Taxi

Wir fuhren anschließend mit einem Coco-Taxi zurück in die Altstadt. Das ist ein Moped mit einem Aufbau, auf dem hinter dem Fahrer zwei weitere Personen Platz finden. Die Dinger sind meist gelb und offen, sodass man gut den Fahrtwind abbekommt und sich unterwegs mitten im Geschehen befindet. So konnten wir noch einmal einen unverfälschten Ausblick auf die Straßen und den Verkehr Havannas genießen.

Nachdem wir uns im Casa für die Rückreise fertig gemacht hatten, wurden wir auch schon wie geplant abgeholt. Uns brachte der gleiche Fahrer mit dem gleichen Taxi zum Flughafen, der uns zwei Wochen zuvor dort empfangen hatte. So endete unsere Kubareise wie Sie begonnen hatte: in Havanna in einem gelben Moskwitsch ohne Sonnenblenden und Sichergurte. In der Zwischenzeit sind wir um viele Erfahrungen reicher und ein paar Nerven ärmer geworden.

Was bleibt von dieser Reise?

Die Erkenntnis, dass Kuba nicht das verschlafene, sozialistische Paradies ist, das manche Reportagen und Reisebüros gern zeichnen. Dass und wie dieses Land Tag für Tag funktioniert, ist uns nach wie vor unbegreiflich und bleibt für einen Mitteleuropäer wahrscheinlich immer ein Rätsel. Trotz des allgegenwärtigen und vollumfassenden Mangels an fast Allem läuft es immer irgendwie. Das geht natürlich nur mit einem stark ausgeprägten Improvisationstalent, einer Genügsamkeit der Menschen mit dem Wenigsten, einer unwahrscheinlichen Gelassenheit, ja fast einer Arschruhe, die die Kubaner an den Tag legen können, und einer trotz allen Umständen ungebrochenen Lebensfreude. Auf Kuba kann man lernen, worauf es im Leben wirklich ankommt.

Natürlich kann man nicht alles schön reden. Man muss auch einmal den romantischen einmal durch den nüchternen Blick auf das Land ersetzen. Der materielle Mangel ist auf Kuba so groß wie in keinem der Länder, die wir bisher bereist haben. Dass es die grundlegendsten Güter wie Seife oder Kleidung nur zu vollkommen überzogenen Preisen oder schlicht gar nicht gibt, ist ein großes Problem für die Menschen, trotz aller Gelassenheit und Lebensfreude. Eine radikale wirtschaftliche Öffnung ist natürlich keine Lösung. Sie würde die Regale der Läden zwar füllen, den Menschen aber ein großes Elend bescheren. Eine moderate Zwischenlösung zu finden muss wohl das Ziel für die nahe Zukunft sein.

Von dieser Reise bleiben weiterhin die Erkenntnisse, dass …

… der Atlantik ganz schön groß ist. [Tag 1]

… die Züge hier alle drei Tage fahren, diese Tage aber nicht näher definiert sind. [Tag 2]

… der öffentliche Personenverkehr auf Kuba eine Katastrophe ist. [Tag 3]

… eine Kreuzung nicht unbedingt in Wirklichkeit vorhanden sein muss, nur weil irgendwer sie einmal auf einer Straßenkarte eingezeichnet hat. [Tag 4]

… „Gooooooooooooooooooooooooool!“. [Tag 5]

… Pauschaltourismus auch auf Kuba ein Arsch ist. [Tag 6]

… Kuba und Vorpommern gar nicht so verschieden sind. [Tag 7]

… die Sonne in der Karibik etwas stärker scheint in unseren Breitengraden. [Tag 8]

… man die tollsten Gegenden zufällig finden kann, wenn man sich abseits der Hauptstraßen aufhält. [Tag 9]

… ein Toilettendeckel in die Kategorie „Kann man haben, muss man aber nicht“ gehört. [Tag 10]

… man sonntags nicht vor einer geschlossenen Bank sitzen darf.  [Tag 11]

… 50 PS vollkommen ausreichen, einen reißenden Fluss zu durchqueren und durch unbefestigtes Gelände zu fahren. [Tag 12]

… die an der Produktion von WM-Spielen beteiligten Kubaner genauso große Stars sind wie die Fußballer auf dem Platz. [Tag 13]

… eine Panne und eine Umleitung immer dann kommen, wenn man es eilig hat. [Tag 14]

… Kuba ein wunderbares Land ist.

Machen wir uns nichts vor. Kuba bringt dich an den Rand der Verzweiflung und schafft es im nächsten Augenblick wieder, dich mit seiner atemberaubenden Landschaft und seinen Menschen um den Finger zu wickeln. Wir sind glücklich, dass wir diese Erfahrungen machen und dieses Land noch ziemlich unverfälscht erleben durften.

Hasta la vista, Cuba! Wir sehen uns!

 

8 Gedanken zu „Tag 15: Hasta la vista, Cuba!

  1. los jetz! macht urlaub, egal wo. ich will weiter lesen!!!…
    wie immer sehr schöne zusammenfassungen eurer erlebnisse. schade für diejenigen die euch nicht kennen und so die eine oder andere situation nicht so wahrnehmen wie bekannte/freunde/andere hoschis. AHU

  2. Hallo Anika,

    es ist herrlich! Nahezu jeder macht wohl die gleichen Erfahrungen in Kuba. Zumindest sind die Geschichten immer ganz ähnlich. So richtig zum entspannen kommt man dort nicht. Naja, sagen wir’s mal so, es gibt nur wenige Momente in denen man die Seele wirklich baumeln lassen kann. Irgendwas ist immer. Sonst wäre ja nichts!

    Aber dennoch, Kuba ist ein schönes Land. Zu entdecken gibt es reichlich. Und wer besonders abenteuerlustig ist, kommt dort mit Sicherheit auf seine Kosten.

    Kompliment auch an deinen Schreibstil. Das gerade raus gefällt mir.

    Liebe Grüße, Torsten

    • Hallo Torsten,

      danke für die Blumen!
      Ja, Kuba ist schon ein ganz spezielles Land mit sehr viel Charme. Man muss teilweise schon etwas schmerzfrei sein (Wo muss man das eigentlich nicht?), dann hat man auch eine tolle Zeit, an die man sich gern erinnert.

      Liebe Grüße
      Anika

  3. Hallo Anika,

    eigentlich hatte ich gerade etwas anderes vor, aber dann bin ich auf Deinen Bericht von Eurer Kubareise gestoßen und habe mich festgelesen. Ein großes Kompliment für diesen Bericht! Er ist frisch und spontan geschrieben, nie langweilig, und er trifft die kubanische Wirklichkeit auf den Punkt. Wir selbst sind vor 14 Tagen von einer vierwöchigen Reise aus Kuba zurückgekehrt, waren auch mit einem Auto unterwegs, 2.500 km mit denselben (und einigen weiteren) Stationen wie Ihr. So mutig wie Ihr waren wir allerdings nicht, auf die südliche Strecke mit den Felsbrocken etwa hätten wir uns nicht getraut (was vielleicht daran liegt, das wir beide die 60 überschritten haben), aber genug gelitten haben wir ebenfalls auf den Straßen, etwa auf der Strecke durch das Escambray-Gebirge oder auf der Strecke von Baracoa nach Moa, an die ich mich (was das Fahren anbelangt, natürlich nicht die Landschaft) nur noch mit Gruseln erinnere.

    Vielleicht ein kleiner Tipp für künftige Reisen: Wir haben unsere Reise über Erlebe-Kuba gebucht, eine Abteilung von Erlebe-Fernreisen. Eine Firma, die ich bis dahin nicht kannte. Die Strecke haben wir selbst zusammengestellt nach deren Tipps, aber die Unterkünfte haben sie rausgesucht. Wirklich tolle Unterkünfte, sowohl die Hotels als auch die Casas Particulares. Auf den vielen Reisen, die wir in unserem Leben schon unternommen haben, haben wir nicht oft so tolle Unterkünfte gefunden wie auf dieser Reise. Wir waren ganz sicher nicht das letzte Mal mit dieser Firma unterwegs. (Was sich hier vielleicht wie Werbung anhört, ist keine – ich habe mit der Firma nichts zu tun.)

    Gefallen hat mir Dein Reisebericht übrigens auch deshalb besonders gut, weil es im Internet zwar viele Berichte gibt, aber viele, die so schlecht sind, dass man sie nicht lesen mag. Deiner war ein Erlebnis, so wie eine Kuba-Reise ein Erlebnis ist.

    Weiterhin viel Spaß beim Reisen
    und ebenso weiterhin viel Spaß beim Berichten über diese Reisen.
    Liebe Grüße
    Manfred

    • „eigentlich hatte ich gerade etwas anderes vor, aber dann bin ich auf Deinen Bericht von Eurer Kubareise gestoßen und habe mich festgelesen.“

      Kann man als Schreiberling ein schöneres Kompliment bekommen? Ich glaube nicht. Vielen Dank für deine Zeilen und die Zeit, die du dir zum Lesen und vor allem zum Schreiben genommen hast. Ich freue mich sehr darüber.

      Ja, Kuba ist schon ziemlich speziell, zumindest wenn man individuell abseits der Touristensperrgebiete unterwegs ist. Da ich selbst die ganze Reise über nur Beifahrer war, erinnere ich mich an keine einzige Strecke mit Gruseln. Allerhöchstens mit Erleichterung nachdem wir die Flussdurchfahrt überstanden haben. Ich denke, wenn wir gewusst hätten, dass die Felsbrocken auf der Straße nur die Vorboten von etwas Großem sind, wären wir auch umgekehrt. So waren wir eher neugierig darauf, wann der zerstörte Abschnitt endet und was dahinter liegt. Wie lang sollte der schon sein? Fünf Kilometer? Zehn? Na ja, so ähnlich.

      Erlebe-Fernreisen ist mir bisher noch gar nicht untergekommen, nicht mal am Rande. Die werde ich mir mal genauer ansehen. Wir waren mit avenTOURa auf Kuba. Das sind Südamerika-Spezialisten mit eigenem Büro in Havanna und einem super angenehmen Kontakt und genug Freiheiten für die individuelle Planung.

      Vielen Dank noch mal für deinen Kommentar. Ich wünsche dir auch viel Spaß und tolle Erlebnisse unterwegs.

      Liebe Grüße
      Anika

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