Tag 16: Taschkent – die Hauptstadt der Springbrunnen

2. Juli 2013. Taschkent, Usbekistan.

Nach dem Frühstück, zu dem wir ausnahmsweise mal nicht die einzigen Hotelgäste waren, machten wir uns auf den Weg zum größten Basar der Stadt. Also kurz zur Metro, den Polizisten einen Blick in die Tasche gewähren und ab dafür. Die Metrostationen in Taschkent sind – ähnlich wie die Moskauer und Sankt Petersburger – groß, prunkvoll und reich verziert. Die „Paläste der Arbeiterklasse“, wie die Stationen zu Sowjetzeiten genannt wurden, sind individuell und teilweise auch thematisch zu ihrem Namen gestaltet.

Wir stiegen z.B. in der Haltestelle „Alischer Navoi“ ein, die nach dem Nationaldichter Usbekistans benannt und mit Bildern zu seinen Gedichten dekoriert ist. Leider besteht hier absolutes Fotografierverbot, weil die Tunnel und Stationen im Notfall als Atombunker verwendet werden können. Das macht sie zu militärischen Gebäuden und diese dürfen in Usbekistan nicht fotografiert werden. Militärische Objekte müssen natürlich immer vor einer feindlichen Übernahme geschützt werden, weshalb in jeder Station mindestens ein Polizist stationiert war, der für Recht und Ordnung sorgte.

Markthalle

Markthalle

Eine Anmerkung zu „Nationalhelden“ wie Amir Timur oder Alischer Navoi: Usbekistan und die meisten Länder Zentralasiens sind keine historisch gewachsenen Länder, sondern künstlich von den Sowjets angelegt worden. Vor Zeiten der Sowjetrepublik war Zentralasien ein einziger Kulturraum mit den mehr oder weniger gleichen Herrschern, Dichtern, Kriegern usw. Daher teilen sich viele Länder Zentralasiens ihre Nationalhelden.

Wir fuhren also zum Basar und wussten erst gar nicht, wo wir anfangen sollten. Auf einem riesigen Gelände befanden sich viele überdachte Hallen, die wild durcheinander standen, aber alle ein Thema hatten. Natürlich wurde nicht nur in den Hallen Handel getrieben, sondern auch davor, dazwischen und in Läden, die direkt an die Hallen angeschlossen waren.

Gemüsestand

Gemüsestand

Wir gingen zuerst in die Obst- und Gemüsehalle und wurden auf dem Weg dorthin angesprochen, ob wir nicht Geld wechseln wollten. Dies geschah bei weitem nicht mehr so laut und offen wie noch in Chiva. Außerdem hatte der Herr keine Tasche voller Bargeld bei sich, sondern führte uns in einen Laden am Rande der Halle, in dem unser Geschäft stattfand. Hier scheint es also schon mal Konsequenzen für illegale Geldgeschäfte zu geben.

Nach der Abwicklung unseres Geschäfts gingen wir in die angeschlossene Obst- und Gemüsehalle. In dem Gewirr von Händlern und Ständen konnte man alles erdenkliche Obst und Gemüse kaufen, das man sich vorstellen konnte. Alles gab es in frischer und getrockneter Form und wurde ansehnlich auf den Verkaufstresen gestapelt und präsentiert.

Optiker

Optiker

Gleich dahinter kam die Süßigkeitenhalle, in der es auch einige Tütenstände gab. Hier wurden neben den blau-weiß-rot karierten Taschen, die wir im Zug gesehen haben, auch Plastiktüten verkauft. Es gab genau die vier der fünf Tütendesigns, die uns schon verfolgen seit wir in Usbekistan sind. Kauft man irgendwo ein, bekommt man nämlich keine Mehrwegplastiktüten (wie z.B. bei Rewe), sondern diese dünnen Einwegtüten, die im Supermarkt immer beim Gemüse hängen. Wer eine „ordentliche“ Tüte haben möchte, muss sich diese also kaufen. Entsprechend nutzt jeder seine Tüte so lange bis es nicht mehr geht.

Vor der Halle saß ein Junge an einem kleinen Tisch, auf dem etwa 300 Brillen in allen Formen und Stärken lagen. Davor war ein Schild aufgestellt, auf dem „Optiker“ stand. Wahrscheinlich ein Fachmann auf seinem Gebiet. Viele Brillenträger sieht man hier in Usbekistan dennoch nicht. Auch viele der älteren Menschen tragen keine Brille.

Baumarkt

Baumarkt

Auf der anderen Seite des Basars standen die Kleidungshallen, in denen es Kleidung für alle Anlässe zu kaufen gab. Jacken, Hosen, Blusen, Schuhe, Kleider. Unter anderem auch T-Shirts mit dem Logo des FC Barcelona über die gesamte Vorderseite mit dem Aufdruck „Barselona Club“. An vielen Ständen standen die Sorte von blau-weiß-rot karierten Taschen, die in unserem Zug mitgereist sind, vollgestopft mit Ware, die darauf wartete, verkauft zu werden.

Wir wollten schon fast wieder zur Metro gehen, weil wir dachten, alles gesehen zu haben, da fiel uns eine Ladenzeile auf der anderen Straßenseite auf. Dies war die Möbel- und Baumarktzeile des Basars, in der es neben Betten, Stuhl- und Tischbeinen auch die legendär praktischen Kinderwiegen mit dem Abflussloch im Boden zu kaufen gab. Damit das Loch auch seinen Zweck erfüllt, muss das Kind natürlich in der Wiege festgebunden werden. Unglaublich.

Ein Stück weiter kam die Werkzeug-Ecke und auf einem kleinen Platz nebenan stand das Fleischerhaus. Hier lag so viel Fleisch, zum Frischhalten in Papier eingewickelt, denn Kühltheken gab es hier nicht. Aufgrund der halben Tiere, die hier herumhingen und des bestialischem Gestanks mussten wir die Halle auf schnellstem Wege wieder verlassen. Wir brauchen uns aber nichts vormachen. Das Fleisch, das wir hier im Restaurant essen, kommt, wenn nicht von diesem, dann doch von einem anderen Basar mit ähnlichen Zuständen.

Unabhängigkeitsplatz

Unabhängigkeitsplatz

Weil nun aufgrund der Nachmittagshitze alle Kleidungsstücke, die wir am Körper trugen, durchgeschwitzt waren, fuhren wir zurück in unser Hotel mit Klimaanlage. Wir hatten etwa 37°C und beschlossen, dass es besser wäre, die Stadt am Abend weiter zu erkunden, wenn es vielleicht etwas weniger warm war.

Als die Sonne langsam unterging, zogen wir weiter. Nach einem kurzem Fußmarsch erreichten wir den Unabhängigkeitsplatz, der die Unabhängigkeit von der Sowjetunion symbolisieren soll. Ironischerweise ist der Platz im besten Sowjetstil gestaltet – ein großer offener Platz, gesäumt von großen eckigen Gebäuden, mit riesigen Springbrunnen und Statuen.

Das Herzstück des Parks bildete eine riesengroße Erdkugel, auf der die Umrisse der Kontinente und Usbekistans abgebildet waren. Usbekistan war darauf etwa doppelt so groß wie man es aus einem unabhängigen Atlas kennt.

Amir Timur am Hotel Usbekistan

Amir Timur am Hotel Usbekistan

Durch den Park, um die Ecke stand auch schon der nächste Springbrunnen, der vor allem dadurch glänzte, dass er lang war und einen Steg an den Fontänen hatte, der betreten werden durfte. Wer diesen allerdings verließ und einen Fuß in das flache Becken setzte, wurde sofort vom Pfiff eines umstehenden Polizisten darauf aufmerksam gemacht, dass das nicht erwünscht ist.

Wir machten uns nun auf den Weg zum Amir Timur-Denkmal. Dazu liefen wir durch eine Fußgängerstraße mit einem kleinen Flohmarkt, auf dem Künstler ihre selbstgemaltem Bilder verkauften und auf dem es auch allerhand Krimskram gab, z.B. alte Armeeorden, alte Münzen, alte Kameras.

Aus der Straße heraus konnte man Amir Timur schon sehen, der auf einem Sockel in einem Park mit – natürlich – Springbrunnen stand. Auf diesem Sockel standen übrigens auch schon mal Stalin und Karl Marx. Allerdings nicht zusammen. Im Hintergrund war das Hotel Usbekistan zu sehen, das nur eines der vielen Gebäude ist, das an die Sowjetzeit erinnert.

Am Unabhängigkeitsplatz

Am Unabhängigkeitsplatz

Wir aßen unterwegs eine Kleinigkeit und kamen schließlich zu einem Springbrunnen, der uns gestern schon bei unserer Taxifahrt aufgefallen war. Hier trifft man sich, um zu sehen und gesehen zu werden. Es waren viele Leute mit ihren Kindern hier, für die es ferngesteuerte Autos (in denen die Kinder fahren konnten und die von Erwachsenen gesteuert werden) auszuleihen gab. Leider lief hier so laut Musik, dass man sich fragte, warum diese Leute hier herumsaßen, denn gesund ist das sicher nicht und unterhalten konnte man sich auch nicht.

An dem großen Springbrunnen vorbei zum Unabhängigkeitsplatz, ging es über ebendiesen zurück zum Hotel. Morgen steht der Alischer Navoi-Park und die Weiterfahrt nach Almaty, Kasachstan, an.

4 Gedanken zu „Tag 16: Taschkent – die Hauptstadt der Springbrunnen

  1. Interessanter Bericht! Plane für 2015 auch eine Reise nach Usbekistan. Was war euer Highlight? Mich beschäftigte die Frage, ob Usbekistan als Individualtourist gut machbar ist und ob die Verständigung mit Englisch auch gut klappt. Aber mit etwas gutem Willen und Händen und Beinen wird es schon klappen. 😉

    • Hallo Michi,
      unser erstes Highlight in Usbekistan war eindeutig die viertägige Zugfahrt nach Turtgul, da wir uns ab Sankt Petersburg aufgrund der vielen usbekischen Mitreisenden gefühlt haben als wären wir bereits am Ziel.
      Das zweite Highlight sind die Usbeken selbst. Sie sind so gastfreundlich, offen und neugierig auf Ausländer. Viele bieten dir ungefragt Hilfe an (natürlich nicht ganz ohne Eigeninteressen im Sinne von ein paar Sum, aber dennoch unheimlich liebenswert und hilfsbereit.) oder sprechen dich an, um ein wenig zu plaudern. Wir haben z.B. einen sehr alten Mann getroffen, der ein paar Jahre in der DDR war und noch ein paar deutsche Vokabeln mit uns austauschen wollte.
      Usbekistan ist individuell viel einfacher zu bereisen als es dir viele Reiseagenturen erzählen. Englisch sprechen zwar nicht so viele Leute, aber die Usbeken sind die Meister der Vernetzung, weshalb es bei Verständigungsproblemen nicht lange dauert bis du mit einem Bekannten von einem Bekannten telefonierst, der als fernmündlicher Übersetzer agiert.
      Die angenehmste Stadt war Chiva, weil sie die kleinste und bei unserem Besuch im Juni/Juli (noch) nicht so touristisch übervölkert war wie bspw. Samarkand. Taschkent ist auch sehr interessant. Dort sind aber sehr viele Polizisten unterwegs, mit denen man aber gut klar kommt, wenn man sich nicht auffällig verhält und auf Nachfrage versichert, wie toll Usbekistan ist (was definitiv nicht gelogen ist) und dass man verheiratet ist (diesbzgl. kann man die Wahrheit ein wenig ausdehnen…).

      Ich wünsche dir ganz viel Spaß und interessante Erfahrungen. Selbst wir, die eher selten fremde Menschen ansprechen, haben dort viele Bekanntschaften gemacht. Ich bin gespannt auf Berichte von dir. 😉

      Solltest du weitere Fragen haben, stell sie einfach!

      Viele Grüße
      Anika

  2. Hallo Anika,
    vielen Dank für die Infos! Gerade die Tipps im Umgang mit der Polizei werde ich mir gut merken! 😉 Wir werden direkt nach Taschkent fliegen, aber zwischen den Städten selbst dann z. T. wohl auch mit dem Zug unterwegs sein. Wie viel Zeit sollte man sich einplanen? Wir hatten an ca. zehn Tage gedacht, weil wir uns auf die Städte Taschkent, Samarkand, Buchara und Chiva konzentrieren werden. Der Aralsee würde mich zwar auch interessieren, aber ich fürchte, dass das mit dem Organisieren schwieriger werden könnte.
    Liebe Grüße
    Michi

    • Beim Einreisen solltest du schon ehrlich mit den Behörden sein, aber gerade die Streifenpolizisten wollen ein ruhiges Leben und nur die bevorzugten Standardantworten hören. Polizei wird dir hauptsächlich in Taschkent begegnen. Dort sind viele Streifenpolizisten, meine sehr junge Männer in grünen Uniformen, unterwegs. Sogar an den Gleisen der Metro-Stationen, weshalb du wirklich – wenn auch schweren Herzens – das absolute Fotografierverbot dort einhalten solltest. Taschkents Metro-Stationen sind nämlich noch schöner gestaltet als die in Moskau und Sankt Petersburg, gelten aber als militärisches Gebiet, da die Tunnel im Zweifel als Atombunker genutzt werden könnten.
      Zehn Tage halte ich für das Programm für angebracht. Wir haben drei Tage in Samarkand verbracht, und obwohl wir einen kompletten Tag Begleitung eines Usbeken hatten, der uns in alle Ecken der Stadt gebracht hat, waren uns die drei Tage ziemlich lang. In Samarkand solltet ihr auf jeden Fall auf den Markt gehen und ins/in den/auf den/wie auch immer Shohizinda mit angeschlossenem Friedhof.
      In Buchara kann ich das „Amulet Hotel“ empfehlen und in dem Restaurant am Labi Haus einzukehren, das ist wunderbar an einem kleinen See im Zentrum gelegen.
      Für Chiva reicht ein Tag vollkommen aus, um alles innerhalb der Stadtmauern zu sehen. Falls ihr dort mehr als einen Tag einplant, könnt ihr einen Ausflug zum Aralsee machen. Bei den Souvenirständen am Kurzen Minarett hat uns ein Taxifahrer angeboten, mit uns einen Ausflug zum Aralsee zu machen. Wir hatten leider keine Zeit mehr, aber so kompliziert scheint das nicht zu sein.
      Offizielle, registrierte Taxen gibt es übrigens nicht. Jeder, der ein Auto besitzt, ist auch Taxifahrer. Das ist kein Problem, denn Usbekistan ist ein sehr sicheres Reiseland und die Usbeken eher daran interessiert, sich irgendwie mit dir zu unterhalten anstatt dich auszurauben.
      Mir kommen sofort hunderte von Ideen, was ich noch alles erzählen könnte. 🙂

      Viele Grüße
      Anika

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