Tag 16: Xin Jian Zhen – ein Traum von einem Schiff

Beim Check-In für unsere Fähre nach Japan stellen wir überrascht fest, dass wir nicht die einzigen Europäer an Bord sein werden. Außer uns sind noch zwei Niederländer dabei, dazu eine Handvoll Japaner und sonst nur Chinesen. Nachdem unsere Körpertemperatur genommen und unser Ticket händisch ausgefüllt wurde, fragen wir nur zur Sicherheit, ob an Bord Kreditkartenzahlung möglich wäre. Auf der Fähre von Stockholm nach Helsinki war das kein Problem und wir erwarten aus einer naiven Laune heraus, dass es auf einem Schiff, das zwei Tage von China nach Japan fährt, ebenso funktioniert. Die nette Dame am Schalter verneint leider diese Frage, was unsere gesamte finanzielle Planung über den Haufen wirft.

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Fahrkarte, handgeschrieben.

Ein paar Überraschungen vor der Abfahrt

Wir haben nämlich vorsorglich alle Yuan, die wir ja in Japan nicht mehr benötigen würden, ausgegeben, die letzten gerade erst für den Taxifahrer, der uns zum Fährterminal gebracht hat. Die Frage nach einem Geldautomaten im Terminal verneint die Dame leider ebenso. Was also tun? Unsere Ratlosigkeit wird glücklicherweise nicht von den Angestellten der Fährgesellschaft geteilt. Kurzerhand wird ein Hafenarbeiter rangeholt, der Denis mit seinem Auto zum nächsten Geldautomaten bringt. Puh, noch mal Glück gehabt, dass wir nicht verhungern müssen.

Nachdem Denis mit einem vollen Portemonnaie wieder gekommen ist, sitzen wir in der Wartehalle und tun, was man da so tut: warten. Das Boarding wurde bereits zeitlich etwas nach hinten verschoben. Irgendwann kommt die Dame vom Schalter auf uns zu und teilt uns mit, dass sie eine schlechte Nachricht für uns hätte. Ist das Schiff überbucht? Entspricht unsere Körpertemperatur nicht den Standards der Temperaturabteilung des Gesundheitsministeriums? Hat das Schiff ein Loch und läuft voll? Sind die Kotztüten aus? Brauchen wir Yen, um an Bord zu zahlen?

Nein. Die Dame bedauert es, uns mitteilen zu müssen, dass sich unsere Reise nach Japan um einen Tag verlängern wird. Hochgezogene Augenbrauen, skeptischer Blick. Wie jetzt? Um einen Tag verlängern? Nach dem Taifun in den letzten Tagen gibt es wohl eine neue Taifunwarnung für die Südwest-Küste Japans, die direkt auf unserem Weg liegt. Mist. Aber, bevor wir kentern, stimmen wir der Verlängerung der Reisedauer zu. Als Entschädigung sollen wir am letzten Tag der Reise alle Mahlzeiten umsonst erhalten. Darüber freuen wir uns. Zu diesem Zeitpunkt kennen wir aber auch noch nicht das kulinarische Angebot im Bordrestaurant.

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Abfahrt.

Xin Jian Zhen – ein Traumschiff

Die Xin Jian Zhen ist ein Schiff mit Baujahr 1994, das unter chinesischer Flagge fährt. Dieser Satz benennt euch die beiden Gründe, warum man an Bord nicht mit Kreditkarte zahlen kann. Außerdem erklärt er relativ präzise alle anderen Gegebenheiten auf diesem Schiff.

Wir haben unsere Fahrkarten in der Kategorie „First Class“ gebucht, was allerdings nicht bedeutet, dass wir in der ersten Klasse reisen. Vielmehr ist die First Class die dritte von vier Klassen. Darüber gibt es noch die Special Class (Kabine mit zwei Betten) und die Royal Class (Kabine mit zwei Betten und zwei Sessel), darunter die Second Class, die ein großer mit vielen Matten auf dem Boden ist. In unserer First Class-Kabine gibt es vier Betten, von denen zwei glücklicherweise frei bleiben, sodass wir die Kabine für uns allein haben.

Unsere Kabine ist so eingerichtet, wie man 1994 eben so eine Kabine eingerichtet hat: massive Etagenbetten, hellgrüne Wände, blauer Teppich, bunt gemusterte Tapeten, Lederbank, Röhrenfernseher, angeschraubter Tisch, angeschraubter Stuhl. Gemütlich ist anders. Zur Begrüßung läuft bereits ein Video, das in die Sicherheitseinrichtungen an Bord einweist und zum gleichen Zeitpunkt entstanden sein muss wie das Schiff.

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Kabine, gemütlich.

Eine eigene Toilette haben wir in der First Class genauso wenig wie eine eigene Dusche. Dafür liegt unsere Kabine allerdings direkt neben den gemeinschaftlich genutzten Sanitäranlagen. Damit niemand versehentlich die falsche Tür nimmt, sind Türrahmen und Ausstattung der Räume farblich eindeutig markiert: rosa für die Mädchen, hellblau für die Jungs. So kann nichts schiefgehen.

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Toiletten, blau und rosa.

Ein kurzer Rundgang zeigt, was die Xin Jian Zhen außerdem bereit hält: das Bordrestaurant, das mehr an eine alte Mensa erinnert, ein Café, das von 9:00 bis 11:00 Uhr und von 14:00 bis 16:00 Uhr geöffnet ist, einen Mahjong-Raum mit Mahjong-Tischen ohne Mahjong-Spiel und Fenster, einige Verkaufsautomaten mit Nudeltöpfen und Getränken und natürlich einen Karaoke-Room.

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Restaurant, hell.

Eine Überraschung nach der Abfahrt

Kurz nachdem wir losgefahren sind, klopft es an unserer Tür. Davor steht eine Dame von der Crew und drückt Denis eine Karte und etwas weißes Eingeschweißtes in die Hand. Bei der Passkontrolle am Check-In muss wohl aufgefallen sein, dass er heute Geburtstag hat. Und damit der Tag ein voller Erfolg wird, bekommt er eine Karte, die ihm im Namen der gesamten Besatzung gratuliert, und ein weißes T-Shirt mit dem Namen des Schiffs auf dem Arm, das erstaunlicherweise in seiner Größe (ganz groß) vorhanden ist. Nun ist der Tag gerettet.

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Geburtstagskarte, gedruckt.

Nichts als Hafen und Schiffe

Die Ausfahrt aus Shanghai dauert etwa zwei Stunden. Die Stadt erstreckt sich unendlich weit bis an die Küste, wir passieren übelste Industriegebiete, an deren Rand direkt die ersten Wohnkasernen stehen. Alles ist von einem dichten Smog überzogen, der Sonnenlicht und Freude auffrisst, und alle Gebäude schmutzig macht. Eine riesige Brücke ist in dem Smog versteckt und erst unmittelbar bevor wir sie erreichen vollständig sichtbar. Viele kleine und große Schiffe sind auf dem Huangpu unterwegs, viele beladen mit Kohle oder Sand.

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Smog und ein Kratzer auf der Linse.

Erst an der Mündung des Flusses ins Ostchinesische Meer sehen wir Containerschiffe, dafür aber mehr als genug. So weit das Auge reicht sind sie zu sehen. In einer langen Reihe stehen sie zur Einfahrt in den Containerhafen an. Die Reihe reißt niemals ab, es kommen immer noch mehr Schiffe. Es sind zu jedem Zeitpunkt bestimmt hundert Schiffe in der unmittelbaren Umgebung zu sehen. Kaum auszumalen, was wir sehen würden, wenn unser Blickfeld weiter als 100 Meter reichen würde.

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Verkehr vor Shanghai, dicht.

Nachdem wir Shanghai verlassen und das Ostchinesische Meer erreicht haben, endet unsere Fahrt für heute. Wir bleiben in Sichtweite zum Festland stehen und werden von allen Seiten von Nebel, Wasser und Containerschiffen umgeben. Dieses Schifffahren hatte ich mir irgendwie anders vorgestellt.

Heutige Verbindungen

Xin Jian Zhen Shanghai (ab 25.07.2015, 11:30 Uhr) – Kobe (an 28.07.2015, 10:00 Uhr) / 3.500 Yuan = 516,25 Euro (2 Personen in der First Class, 4er-Abteil)

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