Tag 17: Bullerbü, eine Steilküste und Wurstpelle

7. August 2017. Sikeå, Schweden.

Weil wir die einzige Sehenswürdigkeit Törehamns (die Boje, die den nördlichsten Punkt der Ostsee kennzeichnet) bereits gestern gesehen haben, geht es nach dem Frühstück direkt auf den Weg Richtung Gammelstad.

Zu Besuch in Bullerbü

Gammelstad ist ein Weltkulturerbe der UNESCO, weil es eines der 16 letzten erhaltenen mittelalterlichen Kirchendörfer Schwedens ist. Weil es im nicht allzu dicht besiedelten Nordschweden seinerzeit nur wenige Kirchen gab, war das Einzugsgebiet einer Gemeinde teilweise so groß, dass viele Gläubige eine mehrtägige Anreise auf sich nehmen mussten. Um diesen Gemeindemitgliedern ein Dach über dem Kopf stellen zu können, entand ein Dorf aus einfachen kleinen Hütten um die Kirche herum.

Gammelstad

Heute sind noch 405 Hütten erhalten, von denen einige in Nutzung sind. Da das Land, auf dem die Häuser stehen, nach wie vor der Kirche gehört, müssen sich die Einwohner an eine Vielzahl von Regeln halten, deren unpraktischste besagt, dass die Hütten nur von Freitag bis Sonntag genutzt werden dürfen. Strom, fließendes Wasser und Toiletten gibt es nur in den gemeinschaftlich genutzten sanitären Einrichtungen.

Betritt man den Ort zum ersten Mal, findet man sich inmitten eines Labyrinths aus einstöckigen, roten Holzhäusern wieder, deren Fenster liebevoll mit Spitzengardinen und Blumen  gestaltet sind. Mittelpunkt des Ortes ist überraschenderweise die Kirche, vor der ein alter Brunnen steht. Nebenan gibt es ein kleines Café, in dem sich das Sozialleben der Bewohner und Besucher abspielt. Herzlich willkommen in Bullerbü.

Dorfmittelpunkt

Hochsommer

Nach einem ausführlichen Spaziergang geht es für uns weiter nach Luleå. Zur Zeit der Gründung von Gammelstad verfügte der Ort über einen direkten Zugang zur Ostsee und einen wichtigen Hafen, der der Gemeinde einen gewissen Wohlstand bereitete. Aufgrund der seit Ende der letzten Eiszeit andauernden Landhebung versandete dieser schließlich und plötzlich war Gammelstad kein Küstenort mehr.

Aus einer neuen Siedlung am Wasser entwickelte sich schließlich das heutige Luleå, das immerhin 76.000 Einwohner zählt, aber dennoch sehr gemütlich ist. An der Promenade sitzen ältere wie jüngere Menschen und genießen die Sonne. Zur Abwechslung fühlt es sich bei wolkenlosem Himmel und 20 Grad tatsächlich mal wieder ein bisschen nach Sommer an.

Hochsommer in Luleå

Am Platz hinter dem alten Lastenkran toben ein paar Kinder in den Fontänen, die aus dem Boden sprühen, was ich angesichts der Temperaturen für ein bisschen übertrieben halte. Aber wer mit einer Jahresdurchschnittstemperatur von 1,4 Grad aufwächst, hat wohl ein anderes Verständnis von Sommer. Vor allem, wenn der wärmste Sommermonat im Schnitt 15 Grad hat.

In kleinen Hütten wird Kaffee verkauft, den man in Liegestühlen auf aufgeschüttetem Strandsand trinkt. Und wem das alles zu langweilig ist, der kann sich Inlineskates, einen Roller oder sogar ein Kajak ausleihen.

Nachmittags in Luleå

On the road again

Nachdem wir uns kurz in einem überaus verwirrenden Kaufhaus verlaufen und schließlich das Auto wieder gefunden haben, folgen wir der E4 Richtung Süden. Diese Europastraße beginnt in Finnland und führt nahezu die gesamte Westküste Schweden entlang bis Helsingborg. Dementsprechend bietet der Straßenverlauf immer wieder mal einen tollen Blick auf die Ostsee oder umliegende Seen.

E4 at its best

Irgendwann legen wir einen Tankstopp ein und versorgen uns mit dem nach dem Ikea-Hot Dog zweitschwedischsten Fastfood, das ich mir vorstellen kann: ein Köttbullsbaguette bestehend aus einem Hot Dog-Brötchen mit Köttbullar. God aptit!

Ein See und die Küste

Hinter Bureå verlassen wir die E4 und finden uns wenig später an einem See wieder. Relativ abgelegen befindet sich hinter einer Waldlichtung eine kleine Badestelle, an die jemand einen Steg mit Bank, eine Feuerstelle mit gefülltem Brennholzunterstand und sogar eine Umkleidekabine gebaut hat.

Gemütlicher Fleck für alle

Aufgrund des Jedermannsrechts, das es jedem Menschen in den skandinavischen Ländern erlaubt, Wälder, Wiesen und andere natürliche Räume unabhängig von der Zustimmung des Eigentümers zu betreten und in gewissem Rahmen zu nutzen, ist dieser wunderbare Platz jedem zugänglich. Gleichzeitig hält sich auch jeder daran, den Ort zu pflegen und zu hinterlassen, wie er ihn vorgefunden hat.

Wenig später halten wir an einem tollen, felsigen Küstenabschnitt, auf der uns die Meerluft um die Nase weht und die Sonne das Wasser glitzern lässt. Weil uns dieser Anblick daran erinnert wie schön es an der Ostsee ist, wenn die Sonne scheint, entscheiden wir, unseren ursprünglichen Plan, auf dem Campingplatz in Umeå zu übernachten, über den Haufen zu werfen, weil der Platz nicht am Wasser liegt.

Ostsee und Sonne

Sonnenuntergang und Wurstpelle

Stattdessen finden wir eher zufällig einen Platz in Sikeå, auf dem wir eine kleine Holzhütte mieten. Wichtigstes Ausstattungsmerkmal: eigene Terrasse mit Meerblick und Sonnenuntergang. Mehr geht nicht.

Hütte mit Terrasse. Nicht im Bild: Meerblick.

Im Supermarkt des Nachbardorfes versorgen wir uns für den Abend und den Morgen, können aber mal wieder keinen Wein kaufen, was wir eigentlich schon seit mehreren Tagen vorhaben. Getränke über 3,5 Prozent Alkoholgehalt werden nämlich nicht im Supermarkt verkauft. Ein Spirituosengeschäft finden wir nur selten und wenn wir mal eins sehen, dann ist das außerhalb der Öffnungszeiten.

Was es aber in dem Supermarkt gibt, ist eine große Auswahl an Cider und Bier und eine ganze Menge Lebensmittel, die in Wurstpelle verpackt sind. Erbsensuppe ist ja noch ein gängiges Gericht, aber an Marmelade und Hundefutter müssen wir uns noch gewöhnen.

Philosophische Abendstunden

Zurück an der Hütte gibt es Suppe (aus der Wurstpelle) mit Würstchen (mit Pelle) und Bier (nicht aus der Wurstpelle). Und wie wir da so sitzen und auf das Wasser und die Hütten nebenan und am gegenüberliegenden Ufer schauen, fragen wir uns, warum die eigentlich alle die gleiche Farbe haben und warum das gerade rot ist.

Feierabend

Weil man mit so einem Smartphone mehr machen kann als Katzenbilder angucken und Candy Crush spielen, finden wir schnell die Lösung. Die Farbe ist in Schweden seit dem 16. Jahrhundert sehr beliebt bei den Menschen, weil sie sie an den Backstein der wohlhabenden Mitteleuropäer erinnert. Ich bin sehr enttäuscht von dieser Information, denn ich fand meine Theorie, dass man ein rotes Haus im meterhohen Schnee besser wiederfindet als alle anderen Farben, deutlich schöner.

Der Tag in Zahlen und Fakten

  • Kilometerstand: 5.488 km
  • Heute: 340 km
  • Streckenverlauf: Törehamn – Luleå – Furuögrund – Bjuröklubb – Sikeå
  • Länder: Schweden

Aufgezeichnet mit dem Geo Tracker von geo-tracker.org

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