Tag 17: Zwischen Kommunismus und Monarchie

2. Juli 2012. 20:28 Uhr. Zimmer 207, Town View Hotel. Phnom Penh, Kambodscha.

Heute hieß es, früh aufstehen, kalt duschen, Frühstück herunterwürgen und um 8:00 Uhr fertig sein. Dann nämlich begann unsere Tour zum S-21-Museum, einem ehemaligen Gefängnis der Roten Khmer.

Khmer ist der kambodschanische Eigenname der Einwohner Kambodschas, rot ist die Farbe des Kommunismus. Die Roten Khmer waren also radikale Kommunisten, sich auf die Fahnen geschrieben hatten, eine Gesellschaftsform in Kambodscha durchzusetzen, in dem es weder Städte noch Intellektuelle, kulturelles Leben oder etwas abseits der Arbeit auf dem Land gab. Dies wäre wohl nicht mit dem Kommunismus vereinbar gewesen und daher konterrevolutionär und absolut verboten.

So wurden 1975, kurz nach dem Sturz der Regierung, alle Städter aufs Land geschickt, wo sie Bauern werden sollten. Die Städte wurden komplett geleert und alle ehemaligen Einwohner sollten in kleinen Gemeinden das gleiche Leben auf dem Land führen. Da es sehr wenige große Städte in Kambodscha gibt, die nicht gleichmäßig auf das Land verteilt sind, hatten einige Einwohner Phnom Penhs einen 300 Kilometer langen Fußmarsch zu bewältigen. Diejenigen, die diesen überlebt hatten, mussten, an ihrem neuen „Zuhause“ angekommen, feststellen, dass es zwar eine Menge Land zu bewirtschaften gab, aber keinerlei Werkzeug oder Saatgut. In der Folge sind viele Menschen verhungert.

Mitarbeiter der gestürzten Regierung und Intellektuelle wie Ärzte, Anwälte, Lehrer, Brillenträger oder alle Menschen, die einen Stift besaßen, wurden in Gefängnisse gesteckt und „verhört“. Um sicher zu gehen, dass sie auch alle Informationen herausgaben, die wichtig waren, wurden die Gefangenen zwei bis sechs Monate im Gefängnis behalten und gefoltert. Das S-21 – oder Tuol-Sleng-Genozid-Museum ist ein solches Gefängnis, mitten in Phnom Penh, in einem Gebäude, das vorher als Schule diente. Hier wurden in den nur vier Jahren der Herrschaft der Roten Khmer etwa 10.000 Menschen gefoltert. Nur sieben von ihnen haben ihren Aufenthalt überlebt, weil sie ein besonderes Talent hatten. Einer z.B. ist der Maler der Gefängnisführung geworden und musste das „tägliche Leben“ im Gefängnis festhalten. Ein anderer war Mechaniker und für das Funktionieren der Folterinstrumente verantwortlich.

S-21-Museum

S-21-Museum

Die letzten etwa vierzehn Gefangenen wurden noch wenige Minuten vor der Stürmung des Gefängnisses umgebracht. Das Motto der kommunistischen Regierung um Pol Pots war: „Wir bringen lieber die Falschen um als die Richtigen frei zu lassen.“. Und da das Übel „von der Wurzel an“ beseitigt werden sollte, wurden nicht nur alle Verdächtigen „verhört“, sondern auch alle Leute, die mit diesen zu tun hatten, Verwandte inkl. Kinder, Freunde, Bekannte, Menschen, die sich mal mit ihnen unterhalten haben usw. Wer also mal mit jemandem gesprochen hatte, der einen Stift besaß, konnte schlechte Karten haben.

Der Komplex besteht aus vier Gebäuden mit Einzel- und Massenzellen. In den Einzelzellen wurden die Gefangenen mit einer Kette am Boden gefesselt und durften sich nicht bewegen. Sobald die Kette rasselte, galt das nämlich als Fluchtversuch. In den Massenzellen wurden bis zu zwanzig Menschen am Fuß an einer Stange angebunden, die am Boden angebracht war. Im Hof des Komplexes wurden Getreide angebaut und Schweine gezüchtet – für die Wärter versteht sich. Damit sich niemand vorzeitig dem Verhörprozess entziehen konnte, indem er sich selbst umbrachte, waren alle offenen Flure im Ober- und Untergeschoss mit Zäunen gesichert. Heute werden zur Erinnerung in den Zellen Fotos der Insassen ausgestellt, da jeder Häftling bei der Ankunft fotografiert wurde.

Killing Fields

Killing Fields

Da auf dem Gelände des Gefängnisses nach einem Jahr kein Platz mehr war, um die ganzen Toten zu begraben, wurden einige Kilometer außerhalb der Stadt die „Killing Fields“ angelegt. Dorthin fuhren wir im Anschluss. Zu den Killing Fields wurden die Gefangenen gebracht, aus denen alle Informationen herausgeholt worden waren. Diese mussten sich ihre eigenen Massengräber schaufeln, sich davor knien und wurden mit einem Schlag auf den Hinterkopf ins Grab befördert. Danach wurde das Grab mit einer Chemikalie besprüht, um evtl. Überlebende umzubringen und den Geruch der Leichen zu minimieren.

Auf dem Gelände wurden 129 Massengräber entdeckt, von denen 86 exhumiert wurden. Den Rest hat man nicht ausgehoben, um die Totenruhe nicht zu stören. Deshalb treten auf den Sandwegen aufgrund von Regen und Verwitterung Knochen zutage, die eingesammelt werden, sobald sie komplett aus der Erde gekommen sind. Die exhumierten Schädel wurden gesammelt und in dem Turm am Eingang als Mahnmal ausgestellt.

Die Roten Khmer waren nur vier Jahre an der Macht, aber was die in dieser Zeit angerichtet haben, ist wirklich unvorstellbar. Zehntausende Menschen sind gestorben, ganze Städte waren verlassen und die komplette Intellektuellenschicht wurde ausgelöscht.

Tuk-Tuk

Tuk-Tuk

Nach so viel unvorstellbarem Informationsfluss fuhren wir erst mal zurück ins Hotel. Da wir ja früh raus mussten, hatten wir ein bisschen Schlaf nachzuholen. Anschließend wollten wir uns das in der Nähe des Hotels gelegene Olympiastadion anschauen, das so heißt, obwohl hier nie Olympische Spiele stattgefunden haben. Da wir an zweieinhalb Seiten keinen offenen Eingang gefunden hatten, suchten wir uns ein Tuk-Tuk, um weiter zu fahren. Tuk-Tuks sind Mopeds mit Sitzanhängern, die ein bisschen so aussehen wie Moped-Kutschen. Auf dem Weg zum Königspalast kamen wir natürlich noch an einem offenen Stadion-Eingang vorbei. Zu spät, denn wir saßen ja schon im Tuk-Tuk und der Königspalast hatte nur noch eine Stunde geöffnet.

Nach einer viertelstündigen Zwei-Dollar-Fahrt (1,60 Euro) kamen wir auch schon an. Da wir Knie und Ellenbogen bedeckt hatten, durften wir eintreten. Es gab hier mehrere reich verzierte Gebäude, deren Bedeutung uns nicht ganz klar war. Da wir nur eine Dreiviertelstunde Zeit hatten, war eine geführte Tour leider nicht mehr drin. Der König selbst lebt hier jedenfalls in einem Palast, war aber nicht Zuhause, da die kambodschanische Flagge nicht gehisst war.

Königspalast

Königspalast

Direkt neben dem Königspalast steht die Silberpagode, in der allerhand Silber und anderes Edelmetall – hauptsächlich in Buddha-Form – ausgestellt ist. Einige weitere Gebäude mit Ausstellungen rund um die Königsfamilie und viele Pflanzen gibt es ebenfalls zu sehen. Mit genug Zeit und einem Guide kann man hier sicher eine ganze Menge lernen. Leider mussten wir das Gelände schnell wieder verlassen, als die Öffnungszeit vorbei war.

Da wir kein Mittag hatten und die Magen langsam knurrten, suchten wir uns am Mekong-Ufer ein Restaurant. Einige, mit Namen wie „Happy Herb Pizza“, ließen wir allerdings aus. Sarah hatte uns davor gewarnt, dass Restaurants mit solchen Namen Gerichte mit Drogen anbieten, da diese als Zutat in Gerichten hierzulande legal sind. Man erkennt die Drogengerichte wohl angeblich daran, dass sie teurer sind als der Rest. Aber das Risiko wollten wir nicht eingehen, zumal auf den Speisekarten dieser Restaurants wohl auch nicht vermerkt ist, welche Drogen verarbeitet wurden.

Wir fanden schließlich eine nette Lokalität ohne „Happy“ im Namen und kehrten ein. Hier hatten wir als Vorspeise Grünen-Papaya-Salat, der fast so gut war, wie der den wir in Hoi An selbst zubereitet hatten. Als Hauptgericht bestellten wir Schwein mit Ananas und etwas namens Amok. Letzteres muss irgendwie mit grünem Erbsenpüree verwandt sein und enthält nebenbei noch Lemongras und Shrimps. Wir konnten uns auch erklären, woher der Name kam, denn das Ganze sah ein bisschen so aus wie das, was nach einem Amoklauf übrig bleibt. Als Beilage hatten wir noch Morning Glory (Grünes Gemüse), das sehr scharf gewürzt war. Auf den ersten Blick sah es aus, als wären Mandelscheiben drin. Denis hielt es für Zwiebeln, aber es stellte sich heraus, dass es sich um in Scheiben geschnittene Knoblauchzehen handelte.

Phnom Wat

Phnom Wat

Nachdem wir gestärkt waren, liefen wir ein bisschen an der Promenade des Mekongs entlang und beobachteten das Treiben. Es gab öffentliche Fitness-Geräte, eine Aerobic-Gruppe, viele Fuß- und Federballer, Jogger, Spaziergänger und Angler und alles war gut. Entspannte Feierabendstimmung in einer Großstadt.

Nun gingen wir zum Phnom Wat, dem Tempel, der der Ursprung der Stadt sein soll. Wat ist der kambodschanische Name für Tempel. Der Legende nach saß eine alte Frau am Mekong als mehrere Buddha-Statuen darauf angeschwommen kamen. Sie beschloss, diese einzusammeln, stellte sie auf einem Hügel auf, baute einen Schrein herum und fertig war Phnom Wat.

Da der Zentralmarkt bereits größtenteils geschlossen war, gingen wir in den nächsten Supermarkt, um uns für morgen zu versorgen. Nebenbei haben wir uns an ein paar einheimische Getränke getraut, Winter Melon Tea und Lychee Drink. Letzterer schmeckte tatsächlich nach Litschi, war aber dermaßen süß, dass ein Schluck genügte, um genug davon zu haben. Den Nachgeschmack vom Winter Melon Tea versuchte Denis folgendermaßen zu beschreiben: „The after taste is not so good.“ After Taste ist genau das richtige Wort für dieses unbeschreibliche Gebräu.

Läden am Stadtrand

Läden am Stadtrand

Was bleibt von diesem Tag? Die Erkenntnis, dass der erste Eindruck des Wohlstandsgefälles zwischen Stadt und Land stimmt. In der Stadt gibt es viele große, moderne Läden und sogar Einkaufszentren. Auf unserem Weg zu den Killing Fields fuhren wir stadtauswärts und kaum waren wir abseits der Hauptverkehrsstraße, schon sahen wir nur noch kleine Wellblechläden, in denen alles Lebensnotwendige verkauft wurde. Außerdem gab es hier mehrere Läden, in denen Fernseher liefen und Stühle wie im Kino aufgestellt waren. Die Schere zwischen Arm und Reich ist hier um einiges größer als in Vietnam. Einerseits gibt es hier viel mehr und größere Autos, Geländewagen und Sportschlitten. Andererseits sind hier viel mehr bettelnde Menschen unterwegs.

Außerdem haben wir gelernt, dass normale Autos mit – für europäisches Verständnis – fünf Sitzen durchaus Platz für bis zu zehn Personen bieten. Taxis bieten auch einen Auf-dem-Dach-Tarif an, der nur die Hälfte kostet.

Weiterhin interessant ist die Tankstellenproblematik, die uns schon auf unserer ganzen Reise verfolgt. Die Mopeds sind ja kaum zu übersehen, Tankstellen sind aber absolute Mangelware. Erst in Hue fiel uns auf, dass wir in Hanoi nicht eine Tankstelle gesehen hatten. Feste Zapfsäulen, wie wir sie kennen, sind hier auch nicht die Regel. Vor allem in Hoi An gab es daher mobile Zapfsäulen an den Straßen – Benzinfässer mit Schlauch und Tankrüssel. In Nha Trang und Saigon waren es vor allem Zehn-Liter-Plasteflaschen, die in den Shops an den Straßen verkauft werden. Und in Phnom Penh, wo es die meisten „echten“ Tankstellen gibt, sind es hauptsächlich die Ein-Liter-Softdrink-Flaschen aus Glas, die mit Flüssigkeiten in verschiedenen Farben (je nach Sorte) gefüllt sind und in Präsentern an der Straße stehen.

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