Tag 18: Über Safety Cars, einen atemberaubenden Küstenabschnitt und fehlende Privatsphäre 

8. August 2017. Njurundabommen, Schweden.

Wir fahren von unserem Campingplatz aus direkt zurück auf die E4, die auch heute zum Großteil unseren Weg bestimmen wird. Von einer engen Dorfstraße gelangen wir geradewegs in eine Baustelle, die nicht über Ampeln, sondern über vorausfahrende Baustellenautos – Art „Safety Car“ – geregelt wird. Was genau es eigentlich zu regeln gibt, erschließt sich uns nicht, denn weder wir noch die Gegenrichtung muss die Fahrbahn wechseln oder auf Gegenverkehr warten. Aber immerhin haben die Safety Car-Fahrer einen coolen Job.

Autofahren

Weil wir erst ziemlich spät losgekommen sind, besichtigen wir Umeå aus dem Auto heraus und bewegen uns schnell weiter Richtung Süden.

Im Vorbeifahren ist es ja mitunter schwierig, innerhalb weniger Sekunden auf einem Informationsschild eine Sprache zu finden, die man versteht, und gleichzeitig noch den Sinn des Geschrieben zu erfassen. Deswegen entnehmen wir dem großen braunen Schild, an dem wir vorbei fahren, auch nur die Worte „Welterbe“ und „[irgendwas mit] Küste“. Weil so ein Welterbe ja meist ganz sehenswert ist und wir schließlich wegen der Küste hier sind, folgen wir dem Schild, um mal zu gucken, was es hier so gibt.

Mal gucken, was kommt.

Mal gucken

Wir fahren an einigen Seen vorbei und erreichen schließlich den Ort Skeppsmalen, der einen niedlichen Hafen hat und ansonsten nur aus holzverkleideten roten Häusern besteht. Die Briefkästen aller Bewohner sind rund um den Kasten für Ausgangspost angeordnet. Auf einem großen Felsen, der jemandem als Vorgarten dient, stehen zwei Stühle in der Sonne. Die Szenerie ist mal wieder viel zu malerisch, um nicht einem Astrid Lindgren-Buch zu entstammen.

Vorgarten

Wir hören in einiger Entfernung bereits die Wellen rauschen und folgen einem Schild, das einen Leuchtturm ankündigt. Als wir dort ankommen, stellen wir fest, dass der Leuchtturm absolut nebensächlich ist und die Landschaft der eigentliche Star.

Nein, das ist nicht der echte Leuchtturm.

Höga Kusten

Die Küste wird gebildet von Felsen, die zu großen Steinen werden, die zu kleinen Steinen werden, die die Felsspalten füllen. An vielen Mulden sammelt sich Wasser, vielleicht vom Regen, vielleicht vom Sturm, der das Meerwasser bis hier hoch treibt. Und wo es Wasser gibt, gibt es Leben. Moose, Algen, Gräser, kleine Bäume, Insekten. Wo sich kein Wasser sammelt, ragt der nackte Stein in die Höhe. Das Ganze erinnert an eine bewachsene Mondlandschaft.

Höga Kusten

Wir lassen uns den Wind um die Nase wehen, lauschen den Wellen, riechen das Salzwasser und sind erstaunt über die ganzen Menschen, die in den windgeschützten Ecken sitzen und picknicken.

Auf dem Stein ist über blaue Punkte ein Wanderweg markiert, dem wir über ein paar Kilometer folgen. Wir müssen zwar keine unpassierbaren Hindernisse überwinden, aber es ist schon nicht schlecht, hier gut zu Fuß zu sein. Einige Pfützen müssen überwunden oder umgangen werden, einige Felsen sind zu erklimmen. Der Wind lässt die Wellen teilweise so hart am Ufer brechen, dass wir die Gischt abbekommen.

Gegenteiltag

Diese Wanderung ist das absolute Gegenteil von der Wanderung, die wir vor einer gefühlten Ewigkeit in Polen an der Düne in Czołpino unternommen haben. Peitschende Wellen statt ruhiger See, nackter Fels statt feinem Sand, festes Schuhwerk statt nackter Füße. Einzig das Meer ist dasselbe. Trotzdem ist es wunderschön und macht unheimlich viel Spaß, die Gegend auf diese Weise zu erkunden. Der Wanderweg könnte ewig weiter gehen.

 

Zurück am Parkplatz stehen wir vor einem Schild, das über die Landhebung in der Region informiert und darüber aufklärt, dass es hier mal einen Landweg nach Finnland geben wird. Kommt uns irgendwie bekannt vor, diese Information.

Privatsphäre? Fehlanzeige.

Wir begeben uns schließlich wieder auf die E4, auf der wir weiterhin viel von Wald, Gebirge und vor allem den zahlreichen Seen mitbekommen. Kurz bevor sie zur Autobahn wird, verlassen wir die Europastraße und fahren über kleine Umwege und die Hälfte aller Kreisverkehre Schwedens zu unserem Campingplatz südlich von Sundsvall.

Nachbarn? Aber nur, wenn’s sein muss.

Dies ist der erste richtig große Campingplatz, auf dem wir Halt machen. Zum ersten Mal haben wir auch so direkte Nachbarn, dass man sie auch wirklich als solche bezeichnen kann. Aber wir beschweren uns nicht, denn die Wohnmobile und – wagen stehen so dicht beieinander, dass die Insassen sicherlich sehr gut im Bilde über Flatulenzen und Schlafverhalten ihrer Nachbarn sind.

Auf diesem Platz vermissen wir es übrigens zum ersten Mal, ein Fahrrad dabei zu haben, denn die Toiletten und Waschräume sind etwa eine Stunde Fußweg von unserem Zelt entfernt. Also, zumindest gefühlt.

Dennoch haben wir einen entspannten Abend in unseren Klappstühlen mit Blick auf das Wasser und den fast vollen Mond, der – ausnahmsweise mal ohne zu übertreiben – innerhalb von fünf Minuten aufgeht. Im Gegensatz zu den letzten Orten weiter im Norden wird es hier über Nacht schon einige Stunden länger.

Romantik pur

Der Tag in Zahlen und Fakten

  • Kilometerstand: 5.864 km
  • Heute: 376 km
  • Streckenverlauf: Sikeå – Skeppsmalen – Njurundabommen
  • Länder: Schweden

Aufgezeichnet mit dem Geo Tracker von geo-tracker.org

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