Tag 19: Nächster Halt: Japan

28. Juli 2015. Kobe – Kyoto (Japan).

Nach dem Frühstück legen wir gegen 8:30 Uhr endlich am Hafen von Kobe an und wollen lieber früher als später an Land gehen. Bevor es aber so weit ist, muss jedem Passagier noch einmal die Temperatur gemessen werden. Natürlich. Dazu müssen sich alle Reisenden in einer Reihe anstellen, ausschlaggebend für den Platz in der Schlange ist die Nummer auf einem Kärtchen, das wir beim Einchecken erhalten haben. Auf den Fluren werden alle Passagiere zusammengetrommelt und in Grüppchen aufgeteilt. Im Kindergarten könnte es nicht peinlicher zugehen.

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Endlich: Kobe

Ankommen

Das Messen der Temperatur erfolgt über eine Wärmebildkamera, für deren Stativ Denis leider zu groß ist. Zum Glück ist man auf alle Eventualitäten vorbereitet und hat ein Fiberthermometer zur Hand. Kaum auszumalen die dramatischen Szenen, wenn festgestellt worden wäre, dass man das Thermometer in Shanghai beim Check-In vergessen hat, und wir umdrehen und es holen müssten.

Nachdem offenbar alle die erforderliche Einteisetemperatur erreicht haben, dürfen wir gegen 10:00 Uhr das Schiff verlassen, bei der Grenzkontrolle Fingerabdrücke abgeben und am Zoll die Rucksäcke auspacken. Unser Reiseführer muss dieses Mal nicht beschlagnahmt werden, wir dürfen ohne Auflagen weiter. Check.

Mit der Monorail fahren wir nach Sannomiya, wo wir unseren Coupon gegen den Japan Rail Pass eintauschen und anschließend in einen Nahverkehrszug nach Kyoto steigen. Der Japan Rail Pass ist die japanische Version des Inter Rail Tickets. Man kauft ihn für eine bestimmte Anzahl an Tagen und kann in dieser Zeit fast alle Züge nutzen, die in Japan fahren. Und das sind echt eine ganze Menge. Weil wir aufgrund der verlängerten Überfahrt schon einen Tag weniger in Japan haben, machen wir uns gleich auf den Weg, das Land kennenzulernen.

Hasen und Frösche

In Kyoto wollen wir damit am Kyoto Imperial Palace beginnen. Leider sind wir bereits zu spät für die einzige Führung des Tages, an der man nur mit einer offiziellen Einladung der Imperial Household Agency teilnehmen darf. Natürlich hätten wir auch keine Einladung gehabt. Natürlich hätten wir uns eine Einladung für den nächsten Tag besorgen können. Haben wir aber nicht. Man muss sich ja immer einen Grund offen halten, wieder zu kommen.

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So sieht es vor dem Kyoto Imperial Palace aus…

Auf dem Weg zum Ginkaku-ji stellen wir fest, wie klein und niedlich Japan ist. Die Häuser, die Autos, die Menschen, sogar die vierspurigen Straßen wirken nur halb so breit wie in Europa – auf einer Insel muss man eben mit dem zur Verfügung stehenden Platz vernünftig haushalten. Dazu kommt, dass viele Schilder mit Manga-Figuren bebildert sind und es Baustellenabsperrungen gibt, die die Form von Hasen oder Fröschen haben, was natürlich besonders abschreckend auf Kinder wirkt. Die Ampeln klingen bei Grün wie Laserpistolen von Aliens und die Taxifahrer sind ohne Ausnahme ältere Männer in Schlips und Kragen, die aussehen wie Butler. Ein Land zum Verlieben.

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Baustellenabsperrung auf Japanisch. Sie sagt eindeutig: „Halten Sie sich von mir fern!“

Moos und Philosophen

Ebenso zum Verlieben ist auch der Ginkaku-ji („Silberner Pavillon“), der inmitten eines traumhaften Gartens voller japanischer Eiben, Moos und Bäche steht. Obwohl es ziemlich voll ist, strahlt dieser Ort viel Ruhe und Gelassenheit aus. Die Bäche fließen langsam vor sich hin, das Moos nimmt viele Geräusche auf, der Pavillon sorgt für eine tolle Kulisse. Ein guter Einstieg für Japan.

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Ginkaku-ji

Auf dem Philosophenweg, der vom Tempel etwa zwei Kilometer Richtung Süden führt, genehmigen wir uns ein Vanille-Grüner Tee-Softeis und kehren wegen eines Regenschauers in ein kleines Café ein. Der Weg führt an einem kleinen Kanal entlang, der ebenfalls im Grünen liegt, aber zum ernsthaften Philosophieren mittlerweile viel zu stark besucht ist. Aber mit einem Softeis kann man über fast alles hinwegsehen.

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Mit Softeis kann gar nichts schiefgehen.

Gar nicht weit entfernt vom Südende des Wegs liegt der Heian-jingu Schrein in einer kleinen Anlagen mit einem im Vergleich zum Schrein riesigen Vorplatz aus Kies. Wikipedia sagt, dass es einen solchen Vorplatz in jede Himmelsrichtung gibt, und diese vier zusammen eine Fläche von über 33.000 Quadratmetern einnehmen. In Hamburg wären darauf bereits 400 neue Wohneinheiten entstanden. Oder zumindest im Bau. Mit Verzögerungen und Kostenexplosionen.

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Heian-jingu

Vom Heian-jingu aus ist es dann auch gar nicht mehr so weit bis zum Gion Viertel mit seinen Restaurants, Souvenirläden und Geishas. Das Gion Viertel ist die Altstadt von Kyoto und lädt zum gucken und einkehren ein. Vor allem im Dunkeln, wenn die vielen bunten Papierlaternen leuchten und kaum Licht aus den Häusern auf die Straße dringt, muss es hier wunderschön sein. Leider können wir das nicht ausprobieren, denn die Gepäckaufbewahrung am Hauptbahnhof schließt um 20:00 Uhr und wir wollen keineswegs riskieren, nach einem so heißen, schwülen Tag ohne frische Sachen dazustehen.

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Gion Viertel

Ordnung und ein Whirlpool

Also suchen wir uns einen Bahnhof, von dem aus wir zum Hauptbahnhof gelangen können. An der Station wird uns bewusst, was wir an Japan schätzen, und warum wir uns bisher viel wohler fühlen als in China. Es geht alles ruhig, entspannt und ohne Aufregung vonstatten. Es wird nicht geschubst oder gedrückt, man wartet bis die Aussteigenden auch wirklich ausgestiegen sind, bevor man einsteigt. Niemand, der keine Gelassenheit ausstrahlt.

Außerdem sorgt ein System aus Bodenbeschriftungen in verschiedenen Farben und Formen dafür, dass jeder an der richtigen Stelle in einer Schlange steht. Auf der Abfahrtsanzeige am Gleis wird nämlich auch angezeigt, an welchen Farben und Formen die Türen der verschiedenen Züge liegen, sodass es auch bei kurz hintereinander abfahrenden Zügen kein Gedränge und kein Durcheinander gibt, weil jeder in seiner Reihe steht. Japaner lieben Reihen.

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Anstellen für den zweiten Wagon von Zug „Gelb, Dreieck“. Die Sitze für Mobilitätseingeschränkte sind leicht zu erreichen, das Handy auszuschalten.

Nachdem wir unser Gepäck abgeholt haben, stehen wir in der Reihe am Taxistand, die zwar echt lang ist, sich aber ziemlich schnell bewegt, weil auch hier das System wartender und abfahrender Taxis ohne Probleme funktioniert. Unser Fahrer muss erst einmal an die Seite zu fahren, um herauszufinden, wie er zu unserem Hotel kommt, das ziemlich außerhalb liegt.

Wir ärgern uns ein wenig, dieses Hotel gebucht zu haben, weil der Weg in die Innenstadt sehr weit ist. Nach dem Einchecken verfliegt dieser Ärger allerdings noch bevor wir „Umbuchen“ sagen können. Im Fahrstuhl werden wir von einer quieckenden Stimme auf Japanisch begrüßt, der Weg zu unserem Zimmer wird uns anhand blinkender Pfeile gewiesen, die Zimmernummer leuchtet ebenfalls. Verlaufen: unmöglich. Nach dem ersten Öffnen der Zimmertür die zweite Überraschung: ganz wie in Japan üblich befinden wir uns in einem Vorraum, in dem Straßenschuhe aus- und Hausschuhe angezogen werden.

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Ja, das ist ein Massagesessel.

Die Verblüffung über die Größe des Zimmers verfliegt als wir die Ausstattung begutachten: Whirlpool, Spielautomat (passend dazu ein Geldwechsler, damit niemals das Kleingeld ausgeht), Karaokemaschine, Play Station, vollautomatische Toilette mit eingebauter Bidetfunktion und Sitzheizung, Massagesessel, Automat für Unterwäsche (sieht aus wie ein Getränkeautomat), eine ganze Armatur voller Shampoo, Body Lotions usw. und als absoluter Oberhammer ein Beamer mit Leinwand an der dem Bett gegenüberliegenden Wand. Über eine Konsole am Bett kann die Licht- und Tonstimmung im Zimmer reguliert werden. Heute Abend gibt es Sonnenuntergang und Wellenrauschen. Das Hotel geht in Ordnung.

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Kein Zimmer ist vollständig ohne Spieleautomat.

Heutige Verbindungen

Xin Jian Zhen Shanghai (ab 25.07.2015, 11:30 Uhr) – Kobe (an 28.07.2015, 10:00 Uhr) / 3.500 Yuan = 516,25 Euro (2 Personen in der First Class, 4er-Abteil)

Ltd. Express Super Hakuto 6 Sannomiya (JR) (ab 13:02 Uhr) – Kyoto (an 13:48 Uhr) / Japan Rail Pass: 418 Euro (2 Personen, 7 Tage)

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