Tag 19: Wo sich die schwedischen Cousins von Hänsel und Gretel verliefen

9. August 2017. Brämsand, Schweden.

Heute Vormittag folgen wir eher ungeplant dem Kustvägen (Küstenweg) in Richtung Süden. Besser gesagt, er folgt uns, denn egal, welche Richtung Google Maps vorschlägt, dort taucht ein Schild mit der entsprechenden Aufschrift auf. Es lohnt sich jedenfalls, diesen Weg zu nehmen, denn wir fahren über einige Dörfer wie aus dem Bilderbuch, passieren Seen mit Feuerstellen, an denen das Lagerfeuer noch nicht allzu lange erloschen scheint, und kommen natürlich auch an der Küste vorbei.

Kustvägen. Beispielbild.

Filmkulisse

Man ist geneigt, sich die Frage zu stellen, ob wirklich alle diese Fischerdörfer mit ihren roten Holzhäusern nur dazu da sind, um niedlich zu sein und die Gegend zu verschönern, denn so perfekt wie sie angelegt sind, können sie unmöglich nicht Teil einer Filmkulisse sein.

Skärså

Besonders schön ist der Ort Skärså, nördlich von Söderhamn. Ausschließlich rote Holzhäuser, ein Hafen, eine Räucherei, zehn Kilometer über eine unbefestigte Straße vom nächsten Ort entfernt und trotzdem so überlaufen, dass uns das einzige Restaurant im Ort zu voll ist und wir weiter fahren.

Eine längere Pause legen wir stattdessen in Söderhamn ein, dessen Skyline von einer Burg dominiert wird, die aussieht wie die kleinste der Welt, besteht sie doch nur aus einem Einfamilienhaus mit Turm.

Kleinste Burg der Welt

Nachdem wir uns gestärkt und beim Einkaufen das größte uns jemals zu Gesicht gekommene Knäckebrotregal bestaunt haben, geht es weiter.

Märchenstunde

Wir fahren nun durch einen Märchenwald, dem wir es ohne Weiteres zutrauen, dass sich Hänsel und Gretel (Oder deren schwedische Cousins Magnus und Inga. Das Haus der hiesigen Hexe bestände wohl aus Knäckebrot statt Lebkuchen, aber das ist ein anderes Thema.) hier verirrt haben.

Märchenwald

Der Waldboden ist übersät von großen Steinen und Felsen, allesamt moosbewachsen (Vergesst das Märchen, dass nur an der Nordseite Moos wächst.) und bestmöglich verwittert. Um die ganze Szenerie noch glaubhafter zu machen, ist stellenweise die Hälfte der Bäume eingeknickt und versperrt Sicht und Weg.

Superettan

Wir schlagen schließlich schnell unser Lager in der Nähe der Stadt Gävle auf und begeben uns anschließend direkt dorthin, denn wir haben einen Termin: um 19:00 Uhr empfängt der Tabellenletzte, Gefle IF, den Achten der Superettan (2. Liga), Varbergs BOIS FC, in der Gavlevallen.

Die Stadt Gävle hieß früher mal Gefle und weil der Verein bereits 1882 unter diesem Namen gegründet wurde, hat er ihn bis heute beibehalten.

Den Plan, das heutige Spiel zu sehen, scheinen auch eine Menge anderer Leute zu haben, denn als wir das Stadion um kurz vor sieben erreichen, müssen wir uns hinter bestimmt noch 50 Leuten anstellen. Wir erwerben schließlich für je 230 Kronen (24 Euro) eine Karte für die nächstgelegene Tribüne und sind schon zehn Minuten nach Anpfiff drin. Vorher teilen uns die Ordner freundlich mit, dass sie sich freuen, dass wir da sind. Auch mal nett.

Anstehen kurz vor Anpfiff

Gavlevallen

Das Stadion wurde 2015 eröffnet und ist damit so neu, dass es auf dem Satellitenbild von Google Maps noch nicht zu sehen ist. Die Fassade ist komplett holzvertäfelt, was in einer Stadt mit einem sehr großen Holzwerk ganz passend ist. Es steht direkt neben einer Eishockey-Halle und verfügt über vier klassische Flutlichtmasten.

Im Innenraum ist es eine Mischung aus Wiesbaden und Paderborn mit Kunstrasen. Für alle, die nicht regelmäßig Dritte Liga auswärts fahren: Wiesbaden verfügt über das unatmosphärischste Stadion auf der ganzen Welt und Paderborn ist eigentlich ein Baumarkt.

Gavlevallen

Werbeflächen

Wie wir es bereits in Finnland gesehen haben, wird jede vorhandene Fläche auf Spielern und Stadion für Werbung genutzt. Für die Namen der Spieler ist auf deren Trikots kein Platz mehr, stattdessen sind über und unter der Nummer Firmennamen abgedruckt. Natürlich werden auch Hosen, Ärmel und Vorderseite der Trikots komplett ausgenutzt.

Außerdem dürfen die Ballkinder den Ball nicht in der Hand halten, um schneller reagieren zu können. Nein, neben beiden Toren stehen jeweils zwei Kisten, wie man sie vom Einlaufen kennt, auf denen die Bälle ruhen. Dass diese ebenfalls Werbeträger sind, muss wohl nicht extra erwähnt werden.

Werbeträger

Stimmung

Von den 6.500 Plätzen sind vielleicht 1.500 besetzt. Links hinter dem Tor steht der 100 bis 150 Mann starke Fanblock von Gefle IF. Ihm gegenüber befindet sich der Gästeanhang, bestehend aus drei oder vier Personen. Die Identität einer Person ist nicht abschließend zu klären – Ist er Fan oder Ordner? Er trägt keine Vereinsfarben und steht abwechselnd mal beim Mob, mal nicht.

Der Heimblock macht ganz gut Stimmung, verzichtet auf das 08/15-Ultratum Mitteleuropas, bringt eine bunte Mischung an individuellem Liedgut und setzt erst in der zweiten Halbzeit eine Trommel ein. Ein Megaphon wird nicht benötigt und obwohl jemand auf dem (natürlich aus Holz gezimmerten) Capo-Podest steht, ist es an allen Besuchern, für Gesänge zu sorgen. Außer in den Kaffeepausen, dann ist Ruhe. Dann steigt auch der Capo nach unten, wo sein Becher auf ihn wartet.

Fanblock

Das Spiel ist so lala. Im Prinzip gar nicht so ganz schlecht, hin und wieder gibt es mal ein paar Spielzüge. Die erste Halbzeit ist dennoch sehr ereignisarm und endet ohne Tore.

Die Halbzeitpause nutzen wir, um uns mal ein wenig umzusehen. Die Versorgungsstände sind nicht auf der Tribüne untergebracht, sondern dahinter in Partyzelten. Verkauft werden Wurst und Burger, die relativ schnell ausverkauft sind, diverse Softdrinks und Bier in Glasflaschen, die ohne weitere mit in den Block genommen werden. Wer nichts essen will, kann Fanartikel kaufen oder Torwandschießen. Der Rest trifft sich hier zum Schnacken.

Halbzeit

Zweite Halbzeit

In der zweiten Halbzeit wird aus irgendeinem Grund das Spiel live auf der Videowand übertragen. Wir bevorzugen dennoch, das Geschehen auf dem Rasen live zu verfolgen, denn dort ist es flüssiger. Oder besser gesagt: das Bild ruckelt nicht so.

Zehn Minuten nach Wiederanpfiff erzielt Gefle das 1:0 und kann die Führung relativ problemlos über die Zeit retten, weil Varbergs BOIS zwar bemüht sind, aber nie wirklich gefährlich werden.

Gavlevallen

In der 90. Minute erzielen die Gastgeber den 2:0-Endstand und im Fanblock ist der Teufel los. Das Publikum feiert seine Mannschaft – klar, als Tabellenletzter haben sie sicher in dieser Saison, die übrigens über das Jahr gespielt wird, noch nicht so oft gewonnen.

Feierabend

Nach dem Spiel stellt man fest, dass die Damentoilette mit Haarspray, Wattestäbchen und Kaugummi auf alle Notfälle bestens vorbereitet ist, und begibt sich zurück auf den Campingplatz. Am Strand ist es dort zwar schon stockdunkel, aber die Wellen rauschen auch ohne Licht und tragen so auch rein akustisch zur Feierabendbieratmosphäre bei.

Der Tag in Zahlen und Fakten

  • Kilometerstand: 6.229 km
  • Heute: 365 km
  • Streckenverlauf: Njurundabommen – Långvinds bruk – Skärskå – Utvik – Söderhamn – Gävle
  • Länder: Schweden

Aufgezeichnet mit dem Geo Tracker von geo-tracker.org

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