Tag 2: Dritte Liga und Linksverkehr

19. Oktober 2014. Belgrad, Serbien.

Beim Frühstück haben wir mit Boro das Spiel von gestern Abend ausgewertet. Da er Fan von Roter Stern ist, war er vom Ergebnis natürlich nicht so sehr begeistert. Dennoch scheint es für ihn schlimmeres zu geben, denn seine Stimmung war keineswegs getrübt. Er scheint ein ziemlich entspannter Typ zu sein. Wenn ich mir vorstelle, mein Verein hätte am Abend zuvor gegen den großen „Erzfeind“ gespielt und verloren und ich müsste mich mit ein paar Touristen unterhalten, denen es nur um das Spiel und nicht um das Ergebnis geht, wäre ich wahrscheinlich Zuhause geblieben und besagte Touristen hätten auf ihr Frühstück verzichten müssen.

Aber Boro ist da ganz anders und hat im Leben – wie wahrscheinlich jeder Serbe in seinem Alter – schon viel Gelassenheit erlernt. Natürlich hat er sich auch erkundigt, ob es für uns auch keine Probleme gab. Wahrscheinlich hatte er erwartet, dass wir schockiert wären, aber davon kann überhaupt keine Rede sein. Wir haben das Spiel und das Drumherum genossen und Lust auf mehr bekommen.

Was wir denn heute noch vorhätten, fragte er schließlich, ob wir in die Innenstadt fahren wollten. Nein, wir hatten andere Pläne. Denis hatte nämlich herausgefunden, dass heute noch ein absoluter Klassiker anstand: Hajduk Lion – BASK in der Srpska Liga, der dritten serbischen Liga. Als er das hörte, zögerte er erst kurz und fragte uns dann, ob wir noch ganz dicht wären. Das konnten wir entschieden verneinen und damit war er zufrieden.

So unternahmen wir nach dem Frühstück einen kleinen Spaziergang durch unser Viertel zum Stadion Hajduk Lion. Mit 200 Dinar (1,80 Euro) pro Person war der Eintritt zwar teurer als beim Erstligaspiel von Voždovac, aber dennoch überschaubar. Dafür bekamen wir auch einen absolut sympathischen Platz geboten. Wir befanden uns auf einer sehr einfachen und alten Stehtribüne mit fünf Stufen.

Uns gegenüber befand sich eine überdachte Tribüne mit Sitzschalen, die allerdings nur die Länge des Strafraums hatte. Hinter der – ich nenne sie mal Haupttribüne – ragten die angrenzenden Wohnhäuser hervor. Ein paar Mal ist der Ball in den Garten eines Anwohner geflogen.

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Hinter den Toren befanden sich nicht etwa weitere Tribünen, sondern Wohnblocks. Weil Belgrad eine wachsende Stadt ist, muss hier Platz gespart werden und so standen diese Häuser fast direkt auf der Torauslinie. So kam es auch, dass das Tor unter dem Vorbau des Blocks stand. Direkt über dem Tor war das einzige Panoramafenster des Hauses eingebaut. Auf den Balkons zu diesem Block hatten sich eine Handvoll Zuschauer eingefunden.

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Hinter dem anderen Tor gab es eine Kneipe, von der aus man ebenfalls das Spiel verfolgen konnte. Wenn der Torwart es gewollt hätte, hätte er sich dort ein Bier holen können, ohne das Spielfeld verlassen zu müssen. Tatsächlich hat er seine Trinkflasche im Blumenkasten der Lokalität abgelegt. Perfekte Bedingungen also.

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Das Publikum war bunt gemischt. Da gab es einerseits die alten Männer, die man bei jedem Verein findet, die schon seit mindestens 40 Jahren kommen und seitdem nur drei Spiele verpasst haben. Weiterhin haben wir ein paar uns mittlerweile bekannte Gesichter gesehen, die Personen gehören, die entweder bereits mit uns im Flugzeug saßen oder bei den Spielen gestern waren oder beides. Gemeinsam hatten sie alle, dass sie deutsch sprachen und eine belebte Groundhoppervergangenheit vorweisen konnten.

Einige Minuten nach Anpfiff kamen dann die Superstars unter den Hajduk-Fans ins Stadion. Das waren etwa fünfzehn bis zwanzig Personen, die ihren Auftritt gebührend mit Böllern und einer großen Schwenkfahne feierten. Auch hier schien dies kein Schwein zu interessieren, egal wie dicht sie am Spielfeld standen und böllerten. Keiner der Ordner, Zuschauer oder Spieler hat auch nur ein einziges Mal das Gesicht verzogen.

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Das Spielniveau lag etwa auf der Höhe einer mittelmäßigen Kreisklassepartie, die Stimmung war dafür um ein vielfaches besser als noch beim Spiel gestern auf dem Dach des Einkaufszentrums. BASK war die bessere Mannschaft, Hajduk ging jedoch durch einen Elfmeter in Führung. Wie dieser entstanden ist, können wir nicht mehr ganz nachvollziehen, denn wir haben beide genau in diesem Moment nicht hingeschaut.

Wir denken aber, dass es ein Handelfmeter gewesen sein muss, denn es gab keinen Schmerzensschrei und wildes Gepöbel wie es bei jedem popligen Allerweltsfoul der Fall war. Jede kleine Berührung, jeder härtere Zweikampf endete damit, dass jemand mit mehreren Drehungen um die eigene Achse durch die Luft flog und schrie als würde ihm gerade das Bein abgerissen. Auch in der Vorwärtsbewegung, wenn ein Ball uneinholbar weit geschlagen wurde und sich ein Gegner in der Nähe befand, gab es so eine Flugshow.

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Nach dem 1:0 lief die gesamte Hajduk-Mannschaft zum Fanblock und lies sich feiern, was dieser auch gern annahm und weitere Böller direkt am Spielfeld abfeuerte.

Bis dahin war Hajduk die schlechtere Mannschaft und blieb es auch weiterhin. BASK glich noch vor der Halbzeit mit einem missglückten Flankenversuch, der versehentlich direkt ins Tor flog, aus.

Irgendwann in der Mitte der ersten Halbzeit kam ein alter Mann ins Stadion, der einen ebenfalls alten Flechtkorb voller Nüsse und Sonnenblumenkerne dabei hatte und diese an die Zuschauer verkaufte. Dieser Snackexpress wurde auch dankend vom Publikum angenommen und machte ein bisschen Umsatz.

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In der zweiten Halbzeit passierte auch nicht mehr allzu viel. Das Spiel war weiterhin nicht ansehnlich, aber schnell. Das Publikum war weiterhin nicht ansehnlich, aber laut. Beide Mannschaften schossen noch ein Tor. Der Snackopa drehte noch eine Stadionrunde und am Ende verließen alle mehr oder weniger zufrieden den Platz.

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Wir liefen wieder durch unser Viertel zurück und genossen das schöne Wetter und die Stadt. Auch wenn Belgrad in dieser Gegend keine Schönheit ist, machten die Spaziergänge hier Spaß, weil es so viel zu sehen gab und alles so harmonisch unperfekt wirkte. Vieles war alt und improvisiert, aber überall war viel Arbeit und Liebe hineingesteckt worden. Auch wenn sie nur wenig haben, machen die Leute mit Geduld und Erfindungsreichtum viel daraus. Das macht den Charme der ehemaligen Sowjetländer aus.

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In der Nähe unserer Pension kehrten wir in ein kleines Restaurant ein, das uns Boro empfohlen hatte. Da wir die Karte zwar lesen, aber nicht verstehen konnten, bestellten wir das, was es in Serbien überall gibt: Cevapcici. Wir waren uns anfangs nicht sicher, ob unsere restlichen 1.000 Dinar (8 Euro) ausreichen würden, wollten aber auch kein weiteres Geld holen, weil wir dieses auf der weiteren Reise nicht brauchen würden.

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Auf der Rechnung standen am Ende 830 Dinar (7 Euro) und die Kellnerin freute sich über 170 Dinar Trinkgeld. Anschließend waren wir also Pleite und beschlossen, dass es dringend angebracht war, ein Mittagsschläfchen einzulegen. Wir hatten ja schließlich noch eine weitere Reise nach Zypern vor uns. Boro holte uns um 15:30 Uhr ab und brachte uns zum Flughafen.

Dort verbrachten wir die Zeit mit einem Kaffee, den wir eigentlich mit der Kreditkarte zahlen wollten. Da die Kellner uns aber zuerst konsequent ignorierten und nachdem wir die Rechnung gefordert hatten, andere Gäste bedienten und abkassierten, schlossen wir daraus, dass es sich für sie nicht lohnte, uns abzukassieren und verließen die Lokalität.

Im Flugzeug durften wir ein weiteres mal feststellen, dass die Stewardessen von Wizz-Air dafür zu bekommen scheinen, die Durchsagen und Sicherheitseinweisungen unter 1:20 Minuten in beiden Sprachen zu erledigen. Heute hatten wir wieder eine Stewardess, die die Ansagen in Rekordzeit von 57,68 Sekunden geschafft und dabei nicht einmal Luft geholt hat.

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Der Flüge verlief bis auf ein paar betrunkene Russen, die von der Besatzung mehrfach zurecht gewiesen wurden, ruhig. Bis wir nach Ankunft in Larnaca unseren Mietwagen bekommen hatten, war mehr als eine Stunde vergangen, denn Europcar arbeitet auf Zypern ausschließlich mit handschriftlich auszufüllenden Anmeldeformularen, die fein säuberlich gestempelt, getackert und abgelegt werden müssen. Dennoch war die Freude groß als wir als Mietwagen für die drei Tage einen alten Bekannten zugewiesen bekamen: einen Kia Picanto. Mit so einem hatten wir ja in diesem Jahr schon sehr gute Erfahrungen gemacht.

Zwar war dieser hier nicht weiß, sondern blau und hatte kein Automatikgetriebe, aber man kann nicht alles haben. Die größte Umstellung war natürlich, dass unser Zypern-Kia ein linksverkehrtaugliches Auto ist und daher das Lenkrad rechts hat. Dass auf Zypern Linksverkehr herrscht, wussten wir. Dass es sich so dermaßen falsch und surreal anfühlt, nicht. Du fährst links und jedes Mal, wenn dir ein Auto entgegen kommt, fühlst du dich wie ein Geisterfahrer und hast das Bedürfnis, die Spur zu wechseln.

Beim Abbiegen musst du vorher dreimal überlegen, auf welche Spur du fahren musst. Und im Kreisverkehr fährst du andersherum. Ja, das ist alles logisch und klingt nicht nach einer großen Sache, aber zum ersten Mal in einem linksfahrenden Auto zu sitzen, an einem Ort, den du nicht kennst, und im Dunkeln, wo du nichts siehst, ist schon nicht so angenehm. Trotz einiger Umwege haben wir es dennoch in unsere Unterkunft geschafft und mussten diese Erfahrung erst einmal mit ein wenig Weißwein verdauen.

Am Ende blieb dennoch die Frage, ob hier auch rechts vor links oder links vor rechts gilt. Diese konnten wir bis zum Ende unseres Aufenthalts auf Zypern nicht beantworten, weil uns alle anderen Autofahrer an den kritischen Kreuzungen vorgelassen haben. Wahrscheinlich zum Schutz aller Beteiligten haben hier nämlich alle Mietwagen ein rotes Kennzeichen, im Gegensatz zu den gelben und weißen Kennzeichen der Einheimischen.

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