Tag 2: Du musst dich von dem Gedanken lösen, dass das was macht!

17. Juni 2012. 21:37 Uhr. Zimmer 402, Hong Ngoc Hotel. Hanoi, Vietnam.

Es hätte uns eigentlich klar sein müssen. Wie sollte unser Gepäck auch so einfach seinen Weg nach Hanoi finden, wenn wir selbst schon solche Probleme hatten? Ich wurde gleich über Lautsprecher aufgerufen und bekam erklärt, dass mein Gepäck nicht hier war, sondern noch in Paris. Auf die erste Nachfrage hieß es, Denis‘ Rucksack gilt nicht als vermisst und sollte daher noch auf dem Rollband auftauchen. Nachdem dieses abgeschalten und vollkommen leer war und Denis‘ Rucksack sich natürlich nicht darauf befand, stellten wir uns ein zweites Mal an den Lost & Found-Schalter. Es konnte leider nicht genau gesagt werden, wo sich das Gepäck jetzt genau befindet, aber der Herr hinter dem Schalter war sich sehr sicher, dass es genau wie meins morgen ankommen sollte. Wir sind gespannt. Da wir morgen früh in die Halong-Bucht fahren, werden wir erst übermorgen sehen, was so alles im Hotel angekommen ist.

Nach einigem Hin und Her am Flughafen wegen Gepäck und Fahrer fanden wir schließlich ein Taxi, das uns zu unserem Hotel brachte. Beim Einchecken wurde gleich Tuan, unser Tour Leader, angerufen und informiert, dass wir nun auch endlich da waren. Da wir sowieso keine Wechselkleidung dabei hatten, entschieden wir uns, erst mal nicht duschen zu gehen, sondern uns unserer Gruppe anzuschließen, die schon unterwegs war. Vorher brachten wir unser Handgepäck aufs Zimmer und fanden zwei Notfallzahnbürstensets. Wir waren noch nie so froh, eine Zahnbürste zu sehen.

Ho Chi Minh-Mausoleum

Ho Chi Minh-Mausoleum

Wir nahmen anschließend ein Taxi zum Ho Chi Minh-Mausoleum, wo wir mit Tuan und der Gruppe verabredet waren. Tuan empfing uns, da die anderen schon drin waren, und brachte uns in die richtige Reihe nach der Sicherheitskontrolle. Hier wurden wir nun Zeugen eines Meisterwerkes an kommunistischer Organisationskultur und Darstellungsbedürfnis. Die Leiche von Ho Chi Minh, der während des Krieges gegen die USA Präsident Vietnams war, wird in einem riesigen Mausoleum ausgestellt, das von einer ganzen Reihe von Soldaten gesichert wird, die auch für Ordnung sorgen. Sie achten z.B. akribisch darauf, dass im „Ausstellungsraum“ immer in Zweierreihen gegangen wird und niemand stehen bleibt. Um die Leiche Ho Chi Minhs herum standen ebenfalls vier Soldaten. Wahrscheinlich falls er versuchen sollte, zu fliehen. Da im Inneren des Mausoleums striktes Kameraverbot gilt, musste diese am Eingang abgegeben werden. Vor dem Gebäude gibt es einen großen Platz mit Tribünen für Paraden, der nicht betreten werden darf. Dass das auch eingehalten wird, darauf achtet ein Soldat mit Megafon.

Wieder draußen lernten wir unsere Gruppe kennen, die außer uns noch aus Scott aus Australien, Vicky und Rick aus England und unserem Tour Leader Tuan aus Vietnam besteht. Wir gingen dann zusammen zu den Häusern, in denen Ho Chi Minh nacheinander gewohnt hat. Er wollte nämlich nicht in den Präsidentenpalast der ehemaligen französischen Kolonialherren ziehen, sondern entschied sich für die Häuser der Bediensteten. Das war eine nette Anlage mit zwei Häusern und einem See. Zwischen dem Mausoleum und der Wohnanlage gab es einen großen Platz mit ebenso großem Monitor mit Lautsprechern, aus denen Loblieder auf Ho Chi Minh hallten.

Ho Chi Minh-Museum

Ho Chi Minh-Museum

Zum Abschluss des Ho Chi Minh-Vormittags besuchten wir noch das Ho Chi Minh-Museum, das sehr skurril und unwirklich schien. Neben Schriftstücken und authentischen Ausstellungsgegenständen gab es hier viele Skulpturen und Formen zu sehen, die wir nicht nur auf den ersten Blick nicht mit Ho Chi in Verbindung bringen konnten.

Den Nachmittag hatten wir zur freien Verfügung. Also nutzten wir die Zeit, um uns mit den wichtigsten Dingen zu versorgen, die uns ja nun fehlten. Wir fanden eine dreigeschossige Markthalle, in der es alles zu geben schien, was wir brauchten und noch einiges mehr. Die Gänge zwischen den Ständen waren so eng, dass immer nur eine Person durch passte und die Stände selbst waren so voll, dass ein Überblick unmöglich war. Da es gerade früher Nachmittag war, saßen viele Standbesitzer gerade beim Mittag oder lagen in ihren Wäschehaufen, um ein Mittagsschläfchen zu halten.

Markthalle

Markthalle

Trotz der Unübersichtlichkeit konnten wir schnell erkennen, dass die Vietnamesen auf Markenware und große Aufdrucke stehen. Nur hier scheint Apple auch eine Kleidungsmarke zu sein; es gab sogar ein Hemd mit Knöpfen in der Form des Apfels. Ein Teil der vermeintlichen Markenware sah aber gar nicht so schlecht aus. Wahrscheinlich, weil die „echten“ Markensachen sowieso hier hergestellt werden. Wir hatten ein paar Probleme, Kleidung in der benötigten Größe zu finden, konnten uns letztendlich aber mit dem wichtigsten versorgen. Für zwei Tage reicht es jedenfalls erst mal.

Abends fuhren wir mit dem Cyclo zum Wasserpuppentheater. Ein Cyclo ist ein umgebautes Fahrrad mit einer Sitzgelegenheit vorn, also eigentlich eine Mischung aus Fahrrad und Kinderwagen für Erwachsene. Die Fahrt war aufgrund der Nähe zu den anderen Verkehrsteilnehmern, vor allem Mopeds, ein Abenteuer für sich.

Wasserpuppentheater

Wasserpuppentheater

Beim Wasserpuppentheater gibt es ein mit Wasser gefülltes Becken mit Bühnendekoration. Die „Schauspieler“ stehen im Wasser hinter der Kulisse und spielen mit Puppen am Stock davor. Am Rand sitzt eine Band, die das Ganze musikalisch untermalt. Es wirkt wie eine Mischung aus Stummfilm und Musical. Obwohl es sehr gut gemacht war, wurde es zum Schluss ein bisschen anstrengend. Eine der Sängerinnen hatte nämlich eine sehr hohe, sehr laute und sehr vietnamesische Stimme und die Beinfreiheit war auch etwas eingeschränkt.

Wir gingen danach mit der Gruppe essen, wobei Denis Ente mit Ananas-Sauce hatte und ich Hähnchen in Kokoscreme. Da ich mit Stäbchen nicht ganz so geübt bin, habe ich noch gegessen, als die Teller der anderen bereits abgeräumt waren. Denis hat geschummelt und mit Messer und Gabel gegessen. Außerdem war meine Hand so verkrampft beim Essen, dass sie hinterher weh getan hat.

Nachtmarkt

Nachtmarkt

Zurück zum Hotel gingen wir über den Nachtmarkt. Das Prinzip Nachtmarkt ist eigentlich einfach wie logisch: Wenn es dunkel wird, werden ein paar große Straßen gesperrt, auf denen Verkaufsstände für jeden Nippes aufgebaut werden, der auch tagsüber verkauft wird, nachts aber besonders gut gehen muss. Es war so voll, dass man kaum treten konnte. Aber zum Glück konnten wir ja nicht verloren gehen. Denis überragt hier alle um mindestens einen Kopf und ich bin einfach zu blond.

Nach nur einem Tag haben wir schon gelernt, dass die Vietnamesen ein ziemlich schmerzfreies Volk sind. Jegliche Verkehrsteilnehmer (zu 90 Prozent Mopeds) fahren, wo und wie es gerade am besten passt. Fahrbahnmarkierungen sind dabei relativ überflüssig, weshalb sie oft komplett fehlen. Bürgersteige gibt es zwar, sie werden aber nicht zum Gehen verwendet, sondern als Parkplatz für Mopeds oder Verkaufsstände. Wer gehen möchte, kann schließlich die Straße nutzen. Und wenn eine vierspurige Straße eine andere vierspurige Straße kreuzt, gibt es weder Ampeln noch Brücken, sondern einen Kreisverkehr. Aber keinen Kreisverkehr mit Kreis in der Mitte, sondern so einen, bei dem sich die Straßen bei 90 Grad kreuzen und direkt in der Mitte ein Fass steht, um das alle herum fahren. Das ist aber alles kein Problem, da es meistens sowieso nicht schneller geht als 20 Kilometer pro Stunde und viele Mopedfahrer einen Helm tragen.

Verkehr in Hanoi

Verkehr in Hanoi

Es hupt fast jeder zu fast jeder Zeit. Und wer hupt, hat Recht und wer angehupt wird, macht so weiter wie bisher. Die Straße als Fußgänger zu überqueren ist ziemlich einfach, da man nicht ewig warten muss, bis sie frei wird. Das geschieht nämlich sowieso nicht. Also geht man einfach drauf los und muss nur aufpassen, dass man nicht mit einem Moped zusammenstößt. Aber im Zweifel hat das Moped ja eine Hupe.

Zum Thema Schmerzfreiheit noch eine Geschichte: An dem See bei den Häusern Ho Chi Minhs gibt es eine Stelle, an der tolle Fotos gemacht werden können, die aber leider nicht betreten werden darf. Da war allerdings diese eine Familie, die sehr entschlossen war, genau hier ein Erinnerungsfoto mit allen Familienmitgliedern zu schießen. Sie wurde von einem Herrn in Uniform mit Megafon darauf aufmerksam gemacht, dass das Betreten der Stelle verboten war. Es gingen aber immer mehr Familienmitglieder unter lautstarkem Protest des Soldaten dorthin. Die Versammlung wurde erst aufgelöst, als das Foto gemacht war und der Soldat begonnen hatte, die Leute dort weg zu zerren.

Ein kulturelles Highlight hatten wir heute auch schon: Ein kleiner (haha), dicker Vietnamese im Deutschlandtrikot in einer Sportsendung.

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