Tag 2: Rentner, Orangen und Geiserspiele in Stockholm

11. Juli 2015. Stockholm (Schweden) – Fähre nach Turku (Finnland).

Gegen 6:15 Uhr wachen wir aufgrund von allgemeiner Unruhe im Abteil auf. Der Zug steht in einem Bahnhof, ein Mitreisender aus der untersten Etage  ist schon weg. Wo sind wir eigentlich? Und wann sind wir in Stockholm? Die Schaffnerin hatte beim Einstieg die Ziele und Anschlüsse aller Reisenden notiert. Sie würde doch wie allgemein im Nachtzug üblich auch darauf achten, dass alle am richtigen Bahnhof ausstiegen, oder?

Morgens halb sieben in Schweden

Nein, denn es stellt sich heraus, dass wir bereits im Bahnhof von Stockholm stehen. Wie lange weiß man nicht genau, aber die meisten Passagiere sind bereits ausgestiegen, keine Spur von irgendwem, der sich darum schert, ob der Zug geräumt wird oder nicht. Aber egal, wir sind noch rechtzeitig wach, machen uns fertig, bringen die Rucksäcke ins Schließfach und frühstücken in einem kleinen Café in der Bahnhofshalle. Wir haben jeder ein großes Toast mit Schinken und Käse und einen Kaffee, das Wasser dazu gibt es umsonst zum Nachfüllen. Für 220 Kronen sind wir dabei. Warte kurz. 220 Kronen? Das sind doch…fast 25 Euro! Für zwei Mal zwei Toasts und zwei Kaffee? Ja, Stockholm ist wirklich so teuer.

Im Café sind wir nicht allein. Da ist noch ein Mann mit einem großen Koffer, der an einem Tisch sitzt, keinen Hinweis darauf liefert, hier je was gekauft zu haben und einen Schal um die Augen schläft. Dann ist da noch ein jüngerer Herr, der wohl vor einiger Zeit mal einen Saft hatte und jetzt schon länger das kostenlose WiFi ausnutzt. Und auf einer Eckcouch sitzen zwei Mädels mit großen Koffern und leeren Kaffeebechern, die aussehen als hätten sie hier mehr geschlafen als Kaffee getrunken. Aber wen stört es? Richtig, niemanden. Uns auch nicht, denn wir haben Toast und Kaffee.

Um 7:15 Uhr sind wir sattgefrühstückt und haben einen wagen Plan für den Tag. Heute ist Samstag; wir haben die Stadt um diese Uhrzeit erwartungsgemäß fast für uns allein. Vom Bahnhof aus sind es keine fünf Minuten Fußweg bis wir zum ersten Mal die Ostsee erreichen und Wasser, Möwen und Boote sehen. Es ist sehr kalt und windig und wir schlendern am Wasser, vielen Brücken und dem Reichstag vorbei in Richtung der Anlegestelle für Fähren und Rundfahrtschiffe. Natürlich ist noch niemand vor Ort, aber wir finden ein paar Flyer zu möglichen Routen und entscheiden, in drei Stunden wiederzukommen, wenn die erste Royal Canal Tour startet.

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Blick auf Stockholm

Bis es so weit ist, wollen wir erst mal in die Altstadt, biegen auf dem Weg dorthin aber zuerst Richtung Slussen ab, das auf einen Fels liegt und einen schönen Blick auf die Altstadt, die Schiffe und die bunt gestalteten Fassaden der Häuser in erster Reihe zur Ostsee bietet.

Stockholm ist eine sehr angenehme Stadt. Mit 870.000 Einwohnern in der Stadt bzw. 1,4 Millionen im Stadtgebiet ist es zwar die größte Stadt Skandinaviens, aber kleiner als z.B. Hamburg. Auch wenn die Bevölkerungsdichte mit knapp 4.650 Einwohnern je Quadratkilometer ziemlich hoch ist, wirkt die Stadt sehr entspannt und weitläufig, was sich auch der Tatsache geschuldet ist, dass sich Stockholm über 14 Inseln erstreckt und knapp ein Drittel der Fläche aus Wasser besteht. Und eine Stadt, die so eng mit der Ostsee verbunden ist, kann nicht anders als eine gewisse Ruhe auszustrahlen. Vor allem an einem Samstagmorgen um halb acht.

Eine Altstadt voller Rentner

Gegen 9:00 Uhr erwacht die Stadt langsam zum Leben. Zuerst sind es Jogger an den Kaimauern und dann der Graus eines jeden Unter-Siebzig-Jährigen: deutsche Rentnerreisegruppen. Und in Gamla Stan, der Altstadt, sind nicht nur ein paar Leute deutsche Rentner, sondern alle. Da hilft nur das, was immer hilft: interessiert die Gebäude anschauen,  abgelenkt von der Architektur wirken und unter keinen Umständen so laut sprechen, dass man ebenfalls als Deutscher identifiziert werden kann. Unter Rentnern muss man sich glücklicherweise nicht zu sehr in seiner Lautstärke einschränken.

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Gamla Stan, Stockholms Altstadt

Wir schlendern ein wenig durch die Straßen und Gassen, schauen uns alles an, sehen nochmals den schwedischen Reichstag und viele kleine Souvernirläden, die vor allem kleinteiligen Scheiß verkaufen, und sind etwas enttäuscht von der Altstadt. Der Rest der Stadt wirkt vollkommen entspannt, unaufgeregt und unbeengt. Die Altstadt hingegen ist nichts davon. Okay, wo nur deutsche Rentnerreisegruppen unterwegs sind, Wuseligkeit und „Walter, schau doch mal, wie schön das ist. Allerliebst.“ vorprogrammiert. Dennoch fühlt es sich trotz der engen Gassen und bunten Häuser einfach nicht so gemütlich und einladend an.

Wir schaffen es schließlich gerade noch zum Start der Royal Canal Tour um 10:30 Uhr (auf dem Ticket steht als Kaufzeit 10:28 Uhr) und bekommen daher keinen Fensterplatz mehr. Das ist aber auch nicht weiter schlimm, denn die Scheiben sind groß genug, dass wir trotzdem das meiste sehen können. Wir umrunden die Insel Djurgården und sehen die grüne Seite Stockholm; Bäume, Enten, Vögel, Segelboote, Idylle. Am Ende des Djurgården Kanals erreichen wir schon fast das offene Meer, biegen wieder ab in Richtung Stockholm und bekommen ein tolles Stadtpanorama geboten. Es ist an Bord aufgrund der Audio Guides, die in verschiedenen Sprachen über Kopfhörer abgespielt werden, so ruhig, dass man sich hinterher erzählt, jemand mit Brille wäre zwischendurch eingeschlafen.

Der Laden mit den Orangen

Nach der Tour wird es Zeit für ein Mittagessen und wo wir das einnehmen werden, ist schnell klar. „Ich will in den Laden, wo die ganzen Orangen im Fenster lagen.“ Achso, na klar, mit einer so präzisen Ortsangabe wird uns bestimmt jemand den Weg verraten. Durch einen großen Zufall finden wir nach kurzer Zeit tatsächlich den Laden – besser: das Bistro, Café? Restaurant passt nicht, denn dazu ist es zu klein. Es ist jedenfalls eine Lokalität mit so leckeren Speisen in der Auslage, dass man eigentlich einmal alles bestellen will.

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Schweizer Konditori

Wir entscheiden uns für Lachsauflauf (das schwedische Wort für „Lachs“ ist übrigens „Lax“) und ein großes Baguette mit Chicken, Curry und Mango. Serviert wird auf einem großen Teller mit Salat, Brot und Melone. Das Essen ist der Hammer. Genau wie der Rest des Ladens. Ein kleiner Raum, bunte Wände, die offensichtlich jeder beschreiben darf, kleine Tische, viele Leute, laut, es macht Spaß. Absolute Empfehlung, solltet ihr mal nach Stockholm reisen. (Schweizer Konditori, Västerlånggatan 9, am Schild vor dem Laden steht nur „Café“)

Der schwierige Weg nach Djurgården

Anschließend wollen wir mit dem öffentlichen Nahverkehr nach Djurgården fahren. An der Metro-Station Kungsträdgården kaufen wir ein 24-Stunden-Ticket, das es nur auf einer aufladbaren Plastikkarte gibt, die 20 Kronen (zwei Euro) extra kostet. Die Metro heißt in Stockholm übrigens Tunelbana (Wie auch sonst? Es ist schließlich eine Bahn in einem Tunnel) und ist mit einem T statt eines M gekennzeichnet. Die Züge tragen Vornamen am Triebwagen (Herman, Pippi, Brigitta, Holger, Eugen, Shania…) und sind ziemlich modern. Die Haltestellen liegen tief unter der Erdoberfläche und sind teilweise sehr bunt und kunstvoll gestaltet.

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Tunelbana Kungsträdgården

Wir wollen von Kungsträdgården eine Station zum Hauptbahnhof fahren und dort in eine Straßenbahn nach Djurgården umsteigen. Unten am Gleis nach einer halben Stunde Rolltreppefahren stellen wir fest, dass wir auch in Kungsträdgården in unsere Straßenbahnlinie hätten steigen können, entscheiden aber, trotzdem am Hauptbahnhof umzusteigen, weil wir jetzt sowieso schon am Gleis sind und Zeit haben.

Die Ausschilderungen am Centralen, dem Hauptbahnhof, sind nicht nur lückenhaft, sondern geben viele Rätsel auf. In der Richtung, in der unsere Tram ausgeschildert ist, finden wir eine Straße, auf der offensichtlich mal Gleise lagen, die aber erst vor kurzem entfernt worden sind. Okay. Wir fragen in der benachbarten Touristeninformation und folgen der Wegbeschreibung. Nach nur zweihundert Metern erreichen wir tatsächlich eine Straßenbahnhaltestelle, aber nicht die am Hauptbahnhof. Unsere Bahn fährt hier trotzdem. Ihr ahnt es, wir sind wieder in Kungsträdgården. Warum soll man nicht einfach mal im Kreis laufen?

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Djurgården

Wir fahren nach Djurgården, auf eine Insel mit 800 Einwohnern, vielen Grünflächen, Bootanlegern voller Segelboote und einem Vergnügungspark, auf der am frühen Nachmittag viele Familien zugegen sind und überall, wo es grün ist, picknicken. Wir spazieren ein wenig über die Insel, genießen die Ruhe und das Grün und lassen uns ein wenig treiben. Dass wir uns hier mitten in der größten Stadt Skandinaviens befinden, merken wir zu keinem Zeitpunkt.

Geisterspiel

Weil die Füße langsam auch mal entspannen wollen, entscheiden wir, dass es langsam an der Zeit ist, auf dieser Reise endlich Fußball sehen. Im Stadion Hammarby IP sollen heute um 15:00 Uhr die Frauen von Hammarby IF DFF und Vittsjö GIK in der Ersten Liga gegeneinander spielen. Also fahren wir Richtung Hammarby, erreichen gegen 14:30 Uhr das gesuchte Stadion und sehen: nichts. Niemand ist auf dem Platz zum aufwärmen, auf der Tribüne sitzen keine Zuschauer, es ist kein Einlass geöffnet. Tatsächlich sind nicht mal Tore aufgestellt. Okay, dass hier heute kein Spiel mehr stattfindet, ist nicht so schwer zu erkennen.

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Stadion Hammarby IP

Wir überlegen kurz, sehen eine minimale Chance, dass das Spiel in das große Stadion nebenan verlegt worden sein könnte und nehmen die Tunelbana stadtauswärts. In der Tele 2-Arena findet definitiv auch kein Spiel statt. Dafür haben wir mal wieder ein Stadion gesehen, von dem wir froh sind, es nicht regelmäßig sehen zu müssen. Ein großer Stahlklotz, keine Seele, keine Vereinsfarben, keine Menschen. Stattdessen eine Parkgarage unter dem Stadion. Herzlich Willkommen in der Zukunft.

Später lesen wir im Internet, dass das Spiel zwischen Hammarby und Vittsjö 2:2 endete. Also Spielort ist weiter das Stadion geführt, in dem nicht mal die Tore aufgebaute waren. Wann und wo das Spiel wohl stattgefunden hat? Man weiß es nicht, aber vielleicht sind wir hier ja einem Betrugsskandal im schwedischen Frauenfußball auf der Spur. Vielleicht bleiben wir dran.

Der Stockholm-Tag geht zuende

Zurück in der Altstadt essen wir ein mäßig gutes Eis in einer phänomenal schmeckenden Waffel, die direkt im Eisladen hergestellt wird. Unser Tag in Stockholm ist fast vorbei; wir wollen noch zum Rathaus, weil man dort den Turm besteigen kann und einen guten Blick auf die Stadt haben soll. Der aktuelle Einlass ist ausverkauft (es werden nur zu bestimmten Zeiten Leute nach oben gelassen) und außerdem reicht das restliche Bargeld nicht mehr für beide, noch mal Geld abzuheben lohnt nicht. Wir genießen noch einmal den Blick auf das Wasser und die Stadt am Rathaus und brechen auf.

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Noch ein Blick auf Stockholm

Nachdem wir die Rucksäcke aus dem Schließfach am Hauptbahnhof geholt haben, fahren wir mit dem Bus zum Terminal der Viking Line, der Fährgesellschaft, die uns über Nacht nach Turku in Finnland bringt. Wir haben eine Innenkabine mit Doppelstockbett und gerade genug Platz für zwei Personen und zwei Rücksäcke. Aber das ist vollkommen egal, denn wir haben auch: eine Dusche! Die meisten anderen Passagiere haben wahrscheinlich noch nicht mal ihre Kabine gefunden, da haben wir schon fertig geduscht. Nach zwei Tagen ist das mal wieder ganz angenehm.

Hering und Ausblick

Nach dem Duschen macht sich der Hunger bemerkbar und wir gehen ins Restaurant, wo es ein großes Buffet und Getränke satt für 33 Euro pro Person auf uns warten. Wir sind zum ersten Mal in Schweden und kennen außer Köttbullar mit Pommes und 1-Euro-Hot Dogs nichts, was die schwedische Küche zu bieten hat. Daher wage ich mal einen kleinen Auszug aus dem Buffet: Brathering, Hering eingelegt in Rotwein, Salzhering, Krabbenfrikadellen, Krabbensalat, drei verschieden marinierte Lachssorten mit Meerrettich, kleine Schwarzbrotschnittchen und Blini mit Frischkäsezubereitungen, Muscheln, Würstchen, Gemüse mit Konjak-Soße, Kartoffelauflauf, Kartoffelsalat, Nudelsalat, Pastarollen mit Spinat, Geflügelspieße, grüner Spargel mit Rührei, Knäckebrotringe, Knoblauchbutter und noch so viel mehr. Leider reicht der Hunger nicht, um sich einmal ganz durch das Buffet zu essen.

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Schwedische Schärenlandschaft

An Deck des Schiffes genießen wir die Ruhe und den Ausblick. Wir fahren mehr als die Hälfte der Strecke durch die Schärenlandschaften Schwedens und Finnlands und passieren viele kleine und ganz kleine Inseln, die fast vollständig von Nadelwäldern bewachsen sind und nur hin und wieder mal ein kleines rotes Holzhaus beherbergen. Hier sieht Schweden genau so aus wie man es sich gemeinhin vorstellt. Auch um 23:00 Uhr ist die Sonne noch nicht vollständig untergegangen und schimmert rot hinter den Baumwipfeln hervor, die Vögel sitzen auf den Schären, hin uns wieder fährt jemand mit dem Motorboot zu seinem Nachbarn, ansonsen Stille. So kann man einen Tag ausklingen lassen.

Heutige Verbindungen

Viking Line (Amorella) Stockholm (ab 20:00 Uhr) – Turku (an 7:35 Uhr) / 137 Euro (2 Personen in der B2P Inside Piccolo-Kabine)

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