Tag 2: Roter Platz, Kreml, GUM

18. Juni 2013. Moskau, Russland.

Laut Fahrplan sollten wir heute Nacht gegen 2:00 Uhr die weißrussisch-russische Grenze überqueren. Also hatten wir uns schon darauf eingestellt, mitten in der Nacht durch lautes Klopfen und „PASSPORT CONTROLL“-Rufe aufgeweckt zu werden. Folgendes ist jedoch passiert: nichts. Ich wurde gegen 7:00 Uhr wach und hatte schon ein bisschen Angst, wir hätten die Grenzkontrolle verschlafen. Dann hab ich kurz darüber nachgedacht und kam zu dem Schluss, dass das Qutasch ist. So einfach kommt man nun auch nicht nach Russland.

Unser Abteilnachbar machte den Eindruck als kenne er diese Strecke schon länger, also fragte ich ihn kurz vor Moskau, was da los sei. Er erklärte mir dann, die Grenzkontrolle von Weißrussland nach Russland schon in Brest mit erledigt wurde. Glück gehabt, dann müssen wir wohl doch nicht ins Arbeitslager wegen Verstößen gegen die Einwanderungsgesetze.

Frei übersetzt gibt es hier "Produkte"

Frei übersetzt gibt es hier „Produkte“

Dass der Typ aber immer noch an Bord war, wunderte uns allerdings ein wenig. Denn bei der Grenzkontrolle von Polen nach Weißrussland versichte er den Beamten, er würde auf keinen Fall nach Russland fahren, sondern in Minsk aussteigen. Seine Kontrolle hatte etwas länger gedauert, weil wohl etwas mit seinen beiden Pässen nicht ganz astrein war, denn eigentlich sollte er wohl nur einen besitzen.

Wir kamen dann etwa eine Viertelstunde zu früh in Moskau Beloruskaja an, fuhren zu unserem Hotel, verbrachten die Zeit bis unser Zimmer bezugsfertig war sinnvoll mit Kaffeetrinken und konnten dann endlich duschen gehen. Ein Traum. Anschließend gab es Mittag von dem Laden gegenüber, der den Namen „Produkte“ trägt.

Frisch gestärkt machten wir uns zu Fuß auf den Weg ins Zentrum und konnten schon einen ersten Eindruck von Moskau gewinnen: viel ruhiger als erwartet, sehr breite und weitläufige Straßen, wenig Gespräche auf der Straße. Wir kamen schließlich mehr oder weniger koordiniert am Roten Platz an und betraten ihn durch das Auferstehungstor.

Turm der Kremlmauer und Basilius-Kathedrale

Turm der Kremlmauer und Basilius-Kathedrale

Rechts standen die Mauern des Kremls, dessen Türme ein wenig darüber schauten, links das Einkaufszentrum GUM, das wir später besuchten, und geradeaus eine Bühne, dahinter die Basilius-Kathedrale. Obwohl für die Bühne eine sehr große Fläche abgesperrt worden war, blieb der Platz riesig und erinnerte eher an eine Festung als an einen Platz. Auf dem Boden waren viele verschiedenfarbige Linien eingezeichnet, die wohl markierten, wer wann bei welcher Parade wie weit marschieren darf.

Rechts an der Mauer zum Kreml befand sich außerdem das Lenin-Mausoleum. Da der alte Wladi aber heute keine Gäste mehr empfing, gingen wir weiter zur Basilius-Kathedrale. Hier fiel auf, dass die meisten Leute vor Ort nicht mit einer Kamera fotografierten, sondern mit dem Handy. Wir haben folgendes über das Fotografieren mit dem Handy gelernt: es ist vollkommen egal, wie alt das Gerät ist. Solange es schon Farbfotos machen kann, ist es geeignet, Fotos der gesamten Großfamlilie mit der Kathedrale im Hintergrund zu schießen.

Nach einem gefühlten Sieben-Kilometer Fußmarsch an der Kremlmauer entlang betraten wir diesen über ein Tor im Dreifaltigkeitsturm. Unverhoffterweise gerieten wir hier direkt in eine Wachübergabe hinen und konnten uns das Schauspiel aus nächster Nähe anschauen.

Kirchen

Kirchen

Der Kreml ist sehr beeindruckend und wirkt wie der Platz, an dem Russland der Welt seine Eier zeigt. Verschiedene Regierungen haben hier ihre Macht mithilfe der Größe und Gestaltung der Gebäude und Kirchen manifestiert. Man kann gar nicht anders als tief beeindruckt zu sein, ob der riesigen Kirchen, alten Bauten und tollen Parkanlage. Das einzige, das hier wirklich nicht hin passt, sind die Eier der Sowjets in Form des Kongresspalastest, der vor allem groß und häßlich ist.

Ein paar Schritte weiter kommt man dann allerdings zu den schönen Seiten des Kremls: den Kirchen. Die eine größer, pompöser und vergoldeter als die nächste fühlt man sich auf dem Platz in deren Mitte schon ziemlich klein. Zwei Kirchen sahen wir uns auch von innen an und können nur bestätigen: der Prunk von außen setzt sich auch drinnen in Form von bemalten Wänden, Decken und Säulen und viel Gold fort.

Vor dem Glockenturm von Ivan dem Großen stand die Zarenglocke, die mit 200 Tonnen schwerste Glocke der Welt, die jedoch nie ertönt ist. Nach ihrer Fertigstellung brach nämlich ein großer Brand in Moskau aus, die Glocke wurde heiß, glühte und sollte mit kaltem Löschwasser abgekühlt werden. Dabei brach ein über 11 Tonnen schweres Stück heraus und die Glocke war – zumindest klangtechnisch – Geschichte.

Wir liefen anschließend noch durch den kleinen Park und hatten einen netten Ausblick über Moskau. Danach verließen wir den Kreml und gingen durch den Alexander-Park zurück zum Auferstehungstor und durch dieses nochmals auf den Roten Platz. Wir wollten ja schließlich noch ins GUM und mal schauen, ob wir hier nicht das eine oder andere Schnäppchen bei Louis Vuitton oder einem anderen der Nobelläden klarmachen konnten.

GUM

GUM

Das Kaufhaus wurde im 19. Jahrhundert gebaut und von den Sowjets im 20. Jahrhundert renoviert. Seitdem heißt es GUM, was als Abkürzung für „staatliches Universalgeschäft“ steht. Früher gab es hier alles zu kaufen, was es sonst in der gesamten Sowjetunion nicht gab. Damals kamen täglich 300.000 Leute zum Einkaufen dorthin, heute sollen es noch 30.000 sein. Das können wir uns allerdings kaum vorstellen, weil es schon sehr leer war und nur wenige der anwesenden Personen tatsächlich eingekauft haben. Es machte den Anschein, als ginge es den großen Marken nur darum, präsent zu sein. Gewinn müssen die Läden im Zweifel wohl nicht abwerfen.

Die meisten Leute in dem Schuppen, wie wir auch, waren mittellose Touristen, die sich eigentlich nur das Einkaufszentrum als solches ansehen wollten. Denn das ist wirklich absolut sehenswert. Die alte Bauart wurde beibehalten, das gewölbte Glasdach ebenfalls. Und so entstand ein offenes und helles Gebäude, das ein angenehmes Flair versprüht. Wir wollten dieses noch ein wenig länger genießen und gingen auf einen Kaffee ins Kaffeehaus (Кофе Хаус).

Karl

Karl

Frisch gestärkt wollten wir uns auf die Suche nach einer Abendbrotgelegenheit machen und trafen unterwegs noch Karl Marx, der wieder nur seinen Satz mit den Proletariern der Welt herunter leierte. Vor Karls Platz befand sich eine Bushaltestelle, an der unter anderem auch die Trolleybuslinie 33 abfuhr. Ich hatte vorab irgendwo gelesen, dass diese an allen „wichtigen“ Sehenswürdigkeiten vorbeifährt und so beschlossen wir kurzerhand, einfach mal mitzufahren.

Wir kamen dann unter anderem auch am Kreml und der Basilius-Kathedrale vorbei, danach fuhren wir an der Moskva entlang und sahen schließlich auch die Christ-Erlöser-Kathedrale. Diese werden wir uns allerdings in den nächsten Tagen noch etwas näher ansehen. Unser Busfahrer war im Übrigen die meiste Zeit mit Telefonieren beschäftigt. Als er dann irgendwann fertig war, hat er ziemlich grundlos an grünen Ampeln gehalten. Wir hatten ja Zeit.

Wir stiegen schließlich irgendwann aus dem Bus aus, ohne genau zu wissen, wo wir waren und beschlossen, dass es jetzt wirklich Zeit war für das Abendbrot. Auf der anderen Straßenseite sahen wir auch ein paar Restaurants, von denen wir uns eins aussuchen wollten. Also kurz auf die andere Seite und ab dafür. Denkste. Es handelte sich um eine acht- bis neunspurige Straße (die Markierungen sind relativ) und das, was wir im letzten Urlaub in Vietnam zum Thema „Straße überqueren“ gelernt haben, nämlich das Credo „Einfach gehen, es wird schon nichts passieren“, gilt hier definitiv nicht.

Die unüberquerbare Straße

Die unüberquerbare Straße

Wir liefen also die Straße hoch, in der Hoffnung, irgendwo auf ein Unterführung oder ähnliches zu treffen. Nach gefühlten zwei Kilometern kamen wir auch endlich an eine Ampel, konnten die Straße unversehrt überqueren und erreichten schließlich die Restaurants. Es stellte sich heraus, dass eins der Restaurants eigentlich ein Hotel war und die anderen kleine Imbissbuden. Nur ein Restaurant blieb übrig, das wenig einladend aussah. Wir beschlossen dann aber, dass wir die vier Kilometer nicht umsonst gelaufen sein wollten und gingen hinein.

Dort stellten wir dann fest, dass der äußere schäbige Eindruck im Inneren durch Schickimicki aufgehoben wurde. Wir waren zwar die einzigen ohne Anzug und Mini, konnten darüber aber hinwegsehen, denn wir hatten ja Hunger. Unserem Kellner Dmitri fiel es nicht ganz so leicht, darüber hinwegzusehen, dass wir optisch nicht in sein Restaurant passten. Aber das war uns auch ziemlich egal, zumal Dmitri alle Gäste irgendwie abschätzig ansah.

Anschließen wollten wir mit der Metro Richtung Hotel fahren. Kein Problem. Wir wussten, auf welcher Linie wir uns befanden (der Orangenen) und an welcher Haltestelle wir in die grüne Linie umsteigen mussten. Wir wussten zwar nicht ganz genau, an welcher Station wir uns aktuell befanden, aber das würden wir schon herausfinden. Olga von der Metro sagt ja schließlich durch, welche Station die nächste ist. Wir befanden uns allerdings dichter an unserer Umstiegsstation als erwartet. Außerdem muss Olga genuschelt haben und so ist uns erst beim Abfahren aufgefallen, dass wir eigentlich hätten umsteigen müssen. Kein Problem. Dann ging es eben ab der nächsten Haltestelle eine Station zurück. Der Umstieg ist in der Moskauer Metro allerdings nicht ganz so übersichtlich und führt meist über mehrere Treppen und Tunnel zum richtigen Gleis. Wir haben dieses dennoch gefunden und sind schließlich doch an unserem Ziel angekommen.

Rolltreppenbeamtin

Rolltreppenbeamtin

Ein paar Sätze zur Moskauer Metro: Die Stationen sind riesig, haben tolle Eingangstore und sind ähnlich wie Kirchen bemalt. Die Ausschilderung ist für Neulinge nicht ganz einfach, aber nach ein bisschen schauen und nachdenken auch nachvollziehbar. Die Wagons selbst sind sehr alt und klappern und rumpeln furchtbar. Das wird aber auch dadurch nicht besser, dass die Züge in einem Affenzahn unterwegs sind. Dadurch, dass die Wagons nicht klimatisiert sind, sind immer ein paar Fenster offen, wodurch ein ohrenbetäubender Lärm entsteht. Unterhalten kann man sich hier nicht.

Dafür ist die Metro wohl der einfachste, schnellste und günstigste Weg, um von A nach B zu kommen. Die nächste Metro kommt immer spätestens anderthalb Minuten, nachdem die letzte abgefahren ist, eine Fahrt kostet 30 Rubel, also etwa 0,75 Euro und endet erst, wenn man wieder nach draußen geht. Es ist also egal, wie oft man umsteigt. An jeder Rolltreppe gibt es eine Person, die für das reibungslose Funktionieren dieser zuständig ist. Sie regelt, welche Treppe wann in welche Richtung fährt, schreit Leute an, die sich nicht vorschriftsmäßig verhalten und sitzt ansonsten den ganzen Tag am Fuße der Rolltreppe und kontrolliert, ob alles wie geplant funktioniert. Denis will jetzt umschulen.

Wir haben uns vorhin noch bei Tatjana in unserem Produkte-Kaufladen Bier, Süßigkeiten und Frühstück besorgt und sind mittlerweile wieder im Hostel. Dieses liegt zwar ein wenig abseits in einem Wohnviertel im Hinterhof, ist aber okay. In Moskau gibt es bei Unterkünften nur die Wahl zwischen ganz teuer und ganz billig. Für ganz billig ist es zwar ziemlich teuer, dafür aber sauber und mit einem netten Doppelzimmer für uns ausgestattet. Das liegt zwar direkt neben dem Aufenthaltsraum, in dem gerade lautstark ferngesehen wird, aber man kann ja auch nicht alles haben.

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