Tag 2: Schokolade, Tim und Struppi und die EU

28. Oktober 2012. 19:13 Uhr. Zimmer 6, Hotel Van Belle. Brüssel, Belgien.

Eigentlich sind es nur zehn Minuten Fußweg vom Gare du Midi zu unserem Hotel. Eigentlich. Nachdem wir etwa zehn Minuten in und um den Bahnhof herum gelaufen waren, haben wir endlich den gesuchten Stadtplan an einer Bushaltestelle gefunden. Kurz orientiert. Alles klar. Erst rechts, dann die Zweite links und dann nur noch geradeaus. Nach zehn Minuten Fußweg kamen wir an einer weiteren Bushaltestelle vorbei und wollten auf dem Stadtplan nur kurz prüfen, wie weit es noch war. Der Plan besagte, dass wir uns jetzt zehn Minuten südöstlich vom Bahnhof befanden. Unser Hotel lag allerding nordwestlich davon. Verdammt.

Grand Place

Grand Place

Also zurück, am Bahnhof vorbei und an allen Straßen, die etwa in richtige Richtung führten, den Straßennamen gesucht. Die zwölfte und letzte Straße war dann die richtige. Von hier aus waren es auch tatsächlich nur noch zehn Minuten zu Fuß zum Hotel. Etwas Gutes hatte unser nächtlicher Spaziergang schon mal: Wir haben die Gegend um den Hauptbahnhof kennenlernen dürfen. Wunderschön, riecht sehr angenehm und man fühlt sich auf Anhieb wohl.

Nach dem Ausschlafen und dem Frühstück heute Morgen liefen wir zum Grand Place, dem zentralen Platz in Brüssel. Der ist richtig toll. Gesäumt von großen, reich verzierten alten Gebäuden und mit einem Café an jeder Ecke. Nach einigem Herumgeirre fanden wir die gesuchte Touristeninfo und  besorgten uns einen Stadtplan. Mit diesem bewaffnet setzten wir uns in ein Café, genossen die Umgebung und schmiedeten bei einer heißen Schokolade und einem Kaffee einen Schlachtplan für den heutigen Tag.

Chocolatier

Chocolatier

Da wir schon an vielen Pralinen- und Schokoladenläden vorbei gelaufen waren, war es nur logisch, dass wir uns zuerst das Schokoladenmuseum näher anschauen mussten. Hier gab es flüssige Schokolade auf Spekulatius und feste Schokolade in allen Variationen zum Kosten. Außerdem fand eine Vorführung statt, in der wir gezeigt bekamen, wie belgische Pralinen hergestellt werden. Die Vorstellung wurde auf Französisch gehalten, von einem alten Chocolatier, der wahrscheinlich sein ganzes Leben lang nichts anderes gemacht hat als Pralinen herzustellen. Im Obergeschoss gab es noch ein paar Ausstellungsräume, die gefüllt waren mit einer süddeutschen Touristengruppe und Ausstellungsstücken wie mit Schokolade überzogene Kleidung und einer Schokonachbildung des Manneken Pis.

Als wir mit dem Schokomuseum fertig waren, liefen wir zum echten Manneken Pis, das man wohl gesehen haben muss, wenn man in Brüssel war. Das Männchen selbst ist an einer Häuserecke angebracht, hinter Gittern und nicht größer als 50 Zentimeter und damit etwa genauso groß wie das Manneken Pis aus Schokolade. Hätten an dieser Häuserecke nicht so viele Touristen gestanden, wären wir problemlos daran vorbei gelaufen.

Brüssel

Brüssel

Viel interessanter waren da schon die Häuserwände, die mit Zeichentrickfiguren bemalt sind. Diese sind in der ganzen Stadt verteilt und zeigen Szenen aus Comicbüchern wie Tim und Struppi und Lucky Luke.

Wir liefen dann ein bisschen durch die Stadt und genossen das Wetter, das zumindest in der Sonne angenehm warm war. Unser Weg zum Königspalast führte durch ein paar sehr hübsche Straßen, gesäumt von alten, aber gut erhaltenen Häusern und über eine Treppe, von deren oberen Ende man einen tollen Blick auf die Stadt hatte.

Am Königspalast mit der achtspurigen Straße ohne Markierung davor vorbei ging es zum Europäischen Viertel, in dem neben dem Europäischen Parlament einige EU-Institutionen angesiedelt sind. Da heute Sonntag ist, war es dort ziemlich leer. Die riesigen, sehr modernen Gebäude und das Gelände drumherum waren bis auf ein paar herumlungernde Touristen ziemlich verlassen.

Das einzige, das offen war, war das Parlamentarium, ein Informationszentrum mit Infos rund um die EU. Da der Eintritt frei und es drinnen warm war, wollten wir uns das Ganze mal etwas näher anschauen. Es bekam jeder ein Gerät mit einem kleinen Lautsprecher, das Infos zu den Ausstellungsstücken erzählte, wenn man es daran hielt, und weitere Infos zum Lesen auf dem Display parat hatte.

EU-Karte

EU-Karte

Am Anfang gab es eine Menge Infos zur EU im Allgemeinen – Einrichtungen in verschiedenen Städten, die Geschichte der EU von den Anfängen nach dem Zweiten Weltkrieg bis heute, Karten der EU nach Beitritt der einzelnen Länder in verschiedenen Jahren, die aktuelle Zusammensetzung des Europäischen Parlaments und so weiter. Außerdem hingen überall Lampenschirme mit den Porträts wichtiger europäischer Persönlichkeiten, in deren Inneren man Details über die außen gezeigte Person lesen konnte.

Unser Highlight war aber der interaktive Teil der Ausstellung. Im Untergeschoss gibt es nämlich einen Raum mit einer großen Europakarte am Boden, die Punkte auf einzelnen Städten besitzt. Dort stehen Geräte bereit, die aussehen, wie bewegliche Rednerpulte, sie man über die Karte schieben kann. Der Scanner am Boden des Pultes erkennt die Punkte der Städte, wenn man darüber fährt. Auf dem eingebauten Bildschirm wird dann ein Film über die Stadt gezeigt, über der man sich gerade befindet.

Sitzungssaal auf Videoleinwand

Sitzungssaal auf Videoleinwand

Ein weiterer Raum nebenan ist kreisrund und einem Saal im Parlament nachempfunden. Hier wird auf einer Rundumleinwand erklärt, wie ein EU-Gesetz entsteht. Man sitzt an einem runden Tisch wie im Parlament, auf dem Bildschirme angebracht sind. Auf diesen erhält man weitere Informationen zu diesem Prozess. Außerdem gibt es ein Spiel, bei dem man selbst versuchen muss, ein EU-Gesetz zum Umweltschutz auf den Weg zu bringen.

Dabei haben wir folgendes gelernt: Wenn die EU dafür Geld herausrücken soll, wird so ein Gesetz vom Europäischen Rat abgelehnt, weil dieser dann die Interessen der Industrie verletzt sieht und diese wohl schützenswerter sind als die Umwelt. Klar, die Umwelt zahlt auch keine Steuern. Muss die EU kein Geld für das Vorhaben ausgeben, wird das Gesetz verabschiedet. Dann sind allerdings die Bürger unzufrieden, weil es nicht weit genug geht und sich keine Verbesserung der Umwelt abzeichnet. Und die Moral von der Geschicht‘: es wird kein wirksames EU-Gesetz zum Umweltschutz geben.

Park hinter dem Parlament

Park hinter dem Parlament

Einen weiteren Raum gibt es noch, der mit sehr bequemen Sitzgelegenheiten mit je einem Bildschirm eingerichtet ist. Dort kann man Filme zum „Alltag in der EU“ sehen, also kurze Dokus über das Leben verschiedener Leute aus verschiedenen Ländern der EU. Natürlich sind alle total froh, dass sie in der EU leben dürfen und sie nur Vorteile von der EU-Mitgliedschaft ihrer Heimatländer haben.

Danach spazierten wir ein bisschen durch den Park hinter den Gebäuden des Europäischen Parlaments und weiter zu einem anderen Park mit Springbrunnen und weiteren europäischen Gebäuden. Wir kamen zum Jubelpark, in dem der Triumphbogen steht, der definitiv der größte ist, den wir bisher gesehen haben. Und so einen Triumphbogen hat so ziemlich jede zweite Stadt, die wir bisher besucht haben.

Straße in der Innenstadt

Straße in der Innenstadt

Mit der Metro fuhren wir dann zurück in die Innenstadt, um eine Kleinigkeit zu essen. Zufällig fanden wir eine sehr nette Straße voller Restaurants, von denen wir eins auswählten und draußen Platz nahmen, da dort an jeder Lokalität Heizstrahler angebracht waren. Wie war das mit dem Umweltschutz in der EU?

Denis hatte Shrimps und Steak und ich eine belgische Spezialität: Moules et Frites á la Creme, Pommes mit Muscheln und Sahne. Ich bekam einen Eimer voller Miesmuscheln, deren Inneres aussah wir hartgekochtes Eigelb und schmeckte wie Fisch. Sehr lecker, sehr langwierig zu essen und sättigend wie Sau.

Anschließend besorgten wir uns noch Bier und Biermixgetränke und machten und auf den Weg zurück zum Hotel. Dabei bestätigte sich, was wir heute Morgen und gestern Abend schon geahnt hatten: wir sind in einem sehr arabischen Viertel untergebracht. Genau gegenüber des Hotels gibt es eine Halal-Schlachterei, unterwegs kamen wir an ein paar Friseurläden nur für Männer vorbei, die für einen Sonntagabend sehr gut gefüllt waren. Hin wieder passierten wir ein Restaurant gefüllt mit arabischen Männern, die Brettspiele spielten oder Tee tranken.

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