Tag 2: Stettin, die Ostsee und Erholung auf polnische Art

23. Juli 2017. Mielno, Polen.

Ich bin ganz in der Nähe der deutsch-polnischen Grenze aufgewachsen und immer etwas in Verlegenheit gekommen, wenn ich einem Auswärtigen eine Großstadt in der Nähe nennen sollte, denn Rostock war fast 200 Kilometer weit weg und ich habe mich grundsätzlich geweigert, Berlin zu antworten – davon abgesehen war die Entfernung auch nicht wesentlich geringer.

Auf die Idee, das nur 50 Kilometer entfernte Stettin (Szczecin) anzugeben, bin ich nie gekommen, zumal ich Stettin nicht für eine Großstadt hielt. Dass es doppelt so viele Einwohner wie Rostock hat und auch flächenmäßig anderthalb mal so groß ist, hat mich dann doch etwas überrascht. Es wurde also nach über 27 Jahren wirklich mal Zeit, Stettin kennenzulernen.

Stettin

Das Auto bleibt auf dem Hotelparkplatz stehen, denn wir wollen uns zu Fuß auf den Weg machen. Nach etwa zehn Minuten sind wir an der Oder und weitere zehn Minuten später in der Altstadt, die uns auf Bildern an den Neuen Markt in Rostock erinnert hat. Leider besteht das Panorama, das im Internet irgendwie größer wirkte, aus nur zwei Gebäuden und einer Kirche, die ein paar verputzten Plattenbauten gegenüber stehen. Schade.

Die gesamte Altstadt Stettins auf einem Bild zusammengefasst.

Ein paar hundert Meter weiter stehen wir auf der Hakenterrasse, die nach dem ehemaligen Bürgermeister Hermann Haken (Ja, der heißt wirklich so.) benannt ist. Im Prinzip eine nette Anlage, bestehend aus einem Plateau mit Springbrunnen, vor und hinter einem weitläufigen Treppenaufgang mit Türmchen. Die graue Farbe des Sandsteins und der Ausblick auf einen Industriehafen vor einem wolkenverhangenem Himmel verleihen dem Ganzen leider nur sehr bedingt Glanz.

Blick von der Hakenterrasse auf die Oder.

Durch Alt- und Neustadt zurück zum Hotel werden wir endgültig mit der Tatsache konfrontiert, dass Stettin ziemlich unansehnlich ist. Viele Gebäude sind sehr alt und scheinen nie modernisiert worden zu sein – einige weisen sogar noch Einschusslöcher aus dem Krieg auf. Die Parks sind klein und fast menschenleer. Wie, um der ganzen Situation eine besondere Dramatik zu verleihen, beobachten wir, wie eine Möwe auf sehr unappetitliche Art eine Taube verspeist.

Wirklich gemütlich ist Stettin nur dort, wo sich die meisten Menschen an diesem Sonntag aufhalten: auf dem Markt. Hier werden ein paar Lebensmittel, einige Auf-die-Hand-Gerichte und sehr viel Schnickschnack dargeboten, man schlendert, schaut, riecht und verbringt einen gemütlichen Vormittag.

An der Ostsee. Jetzt wirklich.

Zum ersten Mal sehen und hören wir die Ostsee in Rewal, einem kleinen Urlaubsort mit ziemlich lauter, dafür sehr enger Promenade. Obwohl die Sonne heute noch nicht schien, ist der Strand brechend voll. Und wer keinen Platz am Wasser erobern konnte, tummelt sich auf der Promenade zwischen Restaurants, Eis- und Waffelständen und Fachgeschäften für Tourismusbedarf (Wasserspielzeug, abwaschbare Tattoos, unechte Haarsträhnen zum Einflechten, Süßigkeiten etc.). Unterlegt ist die Szenerie durch sehr laute, sehr unterschiedliche Musik aus sehr vielen verschiedenen Quellen. Wer sagt, dass man im Urlaub zwingend entspannen muss?

Strand von Rewal.

An einem Außerhausgeschäft für Tourismusbedarf, das sich auf den Verkauf von kleinen zucker- und lebensmittelfarbehaltigen Süßspeisen zur individuellen Zusammenstellung spezialisiert hat, kreieren wir eine vorläufige Unterwegsverpflegung. Oder anders gesagt: Wir stellen uns eine Naschitüte zusammen, die uns den Magen zu verderben droht und fahren weiter.

Routenführung

Weil es noch kein Navigationsgerät gibt, das die Verbindung von A nach B unter dem Gesichtspunkt „schönste Strecke“ berechnet, müssen wir zwischen A und B einige Zwischenstopps einbauen, um wirklich die Strecke berechnet zu bekommen, die wir fahren wollen. Die Stopps werden dann danach ausgewählt, wo sie liegen und nicht, wie groß, schön, bekannt sie sind. Das führt mal dazu, dass man einen Ort findet, den man sonst nie besucht hätte. Und mal dazu, dass man einen Halt von der Route löschen muss, weil er schlicht nicht erreichbar ist. Das Zentrum des Ortes Rogowo, das wir bestenfalls mit einem Allrad-Trecker unfallfrei hätten durchqueren können, ist ein schönes Beispiel dafür.

Der weitere Streckenverlauf gestaltet sich sehr zähflüssig, da 90 Prozent der Polen scheinbar gerade Urlaub an der Ostsee machen und die verbleibenden zehn Prozent die Straßen aufreißen. Und weil die verbleibenden zehn Prozent neidisch auf die Urlauber sind, stellen sie aus purer Boshaftigkeit Ampeln auf, die dermaßen lange Rotphasen haben, dass man unter den Wartenden überlegt, ein Zelt für den Mittagsschlaf am Straßenrand aufzuschlagen. So zumindest meine Theorie.

Den ersten Körperkontakt mit der Ostsee gibt es schließlich kurz vor dem Ort Grzybowo an einem Parkplatz mitten im Nichts. Der Strand ist weit, weiß und leer, was mit der ungünstigen Wetterlage begründet werden muss, die leider auch der Grund dafür ist, dass diese erste Annäherung nach kurzer Zeit abgebrochen wird. Aber das ist nicht schlimm, denn wir haben ja noch ein bisschen Ostsee vor uns.

Kolberg – ein Ort für die ganze Familie

In Kolberg (Kołobrzeg) lassen wir das Auto mal wieder für mehr als zwanzig Minuten stehen und wollen eigentlich nur ganz entspannt an der Mole entlang spazieren. Dass dies heute einfach nicht der richtige Tag dafür ist, hätten wir im Nachhinein bereits bei der Parkplatzsuche merken können, als wir auf einem bewachten Parkplatz in die hinterste Ecke gelotst werden und nur mit Hilfe des Einweisers Blechschäden an den doch eher eng beieinander stehenden anderen Autos vermeiden können.

Wir merken es allerdings erst beim Aussteigen an der allgegenwärtigen Technomusik. Im Radio wurde in allen Nachrichten über das Sunrise Festival berichtet. Weil sich unser Polnisch aber auf zufällig aufgeschnappte englische Begriffe beschränkt, können wir dem Mann am Mikrofon nur entnehmen, dass ein solches Festival existiert und annehmen, dass es an diesem Wochenende stattfindet.

Dass der Strand in Kolberg die Party Location ist, stellen wir dann halt erst dort fest. Hier befinden sich jedenfalls ein paar hundert Menschen, die sich von einem DJ auf einer Seebrücke, den man mehr ahnen als sehen kann, animieren lassen, abzudancen. Drumherum tummelt sich ein wildes, betrunkenes Durcheinander von jungen Menschen mit kurzen Röcken und engen Muskelshirts. (In den meisten Fällen nicht in Kombination an einer Person.) Es gibt einen Campingplatz, einen Rummel, viel zu essen, noch mehr zu trinken und eine endlos lange Reihe Dixi-Klos.

Familienurlaub in Kolberg.

Mielno

Unser Ziel für diesen Tag ist der Ferienort Mielno. Weil es heute ziemlich viel geregnet hat und wir Luschen sind, verschieben wir die erste Nacht im Zelt vorerst um 24 Stunden und nehmen uns ein Hotel.

Mielno ist wie Rewal und Kolberg sehr laut, auf die Gute-Laune-Unterhaltungsindustrie ausgelegt und zieht vor allem junge Polen an. Das lädt zwar nicht zum Familienurlaub ein, sorgt aber dafür, dass alkoholische Getränke in größeren Maßeinheiten zu günstigeren Preisen verfügbar sind, was wiederum zu einem ausgedehnten Strandbesuch einlädt.

Ein bisschen Romatik in Mielno.

Als wir genug von der Vorstellung „Betrunkene Jugendliche und abstürzende Sky Candles“ haben und auf den ehemaligen Straßensperren aus Beton, die zur Befestigung der Promenade genutzt werden, nicht mehr sitzen können, gehen wir zurück ins Hotel und als um halb zwölf das Staubsaugen auf dem Flur endet, ist auch schon Bettruhe.

Der Tag in Zahlen und Fakten

  • Kilometerstand: 1.100 km
  • Heute: 200 km
  • Sommersby Cider in der 0,5l-Dose: 5 Złoty
  • Streckenverlauf: Stettin – Rewal – Kolberg – Mielno

Aufgezeichnet mit dem Geo Tracker von geo-tracker.org

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