Tag 2: Tiefschnee, Eiswürfel und Klappstühle

08.03.2016. Bergen (Norwegen)

Heute haben wir sehr große Pläne: die Besteigung des höchsten der sieben Stadtberge, des Ulriken. Er ist schneebedeckt, von allen Orten der Stadt aus zu sehen (zumindest von allen, an denen wir schon waren) und daher auf jeden Fall ein Must-See.

Aufsteiger

Aufgrund unserer sportlichen Kondition ist es überhaupt kein Problem für uns, innerhalb kürzester Zeit den 634 Meter hohen Gipfel zu erreichen – nach nicht mal zehn Minuten sind wir schon oben. Konditionell ist es nämlich vollkommen unbedenklich, dass wir die ganze Fahrt in der Seilbahn stehen müssen. Erschöpfungserscheinungen sind auf keiner Seite sichtbar, wir sind fit, es kann weiter gehen.

Direkt neben der Bergstation der Seilbahn gibt es ein paar Aussichtspunkte, von denen aus wir Bergen ganz gut im Blick haben. Die Stadt schlängelt sich um ihre Berge und schmiegt sich am westlichen Ende ans Meer, auf dem die vielen vorgelagerten Schären zu sehen sind. Einige Gipfel anderer Berge sind schneebedeckt, andere grün. Auf den Straßen herrscht mittelmäßig reger Verkehr. Im Stadion fehlt der Rasen. Der Wind weht schweinekalt.

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Großartiger Blick auf Bergen

Direkt am besten Aussichtspunkt befindet sich ein Restaurant, in dem wir eigentlich vorhatten, uns zu stärken. Leider haben wir bei der Planung dieses Tagesordnungspunktes nicht bedacht, dass wir uns in der Wintersaison befinden, und zwischen Oktober und März traditionell eher weniger Touristen auf dem Ulriken unterwegs sind. Deswegen stehen wir vor verschlossenen Türen, die sich derzeit leider nur am Wochenende öffnen. Und ein Blick auf’s Handy verrät: heute ist Dienstag. Verdammt.

Tiefschneewanderung

Was also tun? Wir entscheiden uns, trotz teilweise sehr unpassenden Schuhwerks und knurrendem Magen, eine kleine Wanderung auf dem schneebedeckten Gipfel zu unternehmen. Es sind einige Leute mit Wanderausrütung oder Skiern unterwegs, die sich auf den vielen festgelaufenen Pfaden aber ganz gut verteilen. So sieht man hin und wieder irgendwo Menschen, kommt aber ihnen aber nicht so nah, dass man sich grüßen oder unterhalten muss.

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Tiefschnee auf dem Ulriken

Es herrscht hier oben strahlender Sonnenschein in Verbindung mit einem beißenden Wind, der einem die Tränen in die Augen treibt. Wir fühlen uns wie im abgelegensten Bergland, die Stadt scheint hunderte Kilometer entfernt. Durch den reinsten Tiefschnee (zumindest nennt man es in Hamburg so, wenn man bis zum Knöchel darin versinken kann) kämpfen wir uns voran und genießen die Gegend, den Schnee, die Sonne, den Wind. Nebenbei fragen wir uns, wie wir diese Jahreszeit von Dezember bis März in Norddeutschland eigentlich „Winter“ nennen können.

Letzter Spaziergang durch Bergen

Wieder unten angekommen, holen wir die Stärkung nach, die wir auf dem Ulriken nicht bekommen haben, und kehren anschließend in die Filiale einer bösen, die Weltherrschaft anstrebenden Kette von Kaffeehäusern ein, um uns ein heißes Getränk für den kalten Weg zu besorgen. Obwohl Denis einen Macchiato bestellt hat, bekommt er einen Frappuchino mit extra viel Eis. Ich gehe davon aus, dass der Barista es nur gut meinte und ihm eine Abkühlung verschaffen wollte. Wer bei Plusgraden und Sonnenschein eine lange Jeans trägt, kann nicht ernsthaft nach einem Heißgetränk verlangen.

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Sonnenuntergang. Romantisch wie Sau.

Den Tag lassen wir also mit einem letzten abendlichen Spaziergang durch Bryggen ausklingen. Die alten schiefen Holzhäuser mit ihren bunten Farben strahlen im Licht der untergehenden Sonne viel Gelassenheit aus. Im angrenzenden Viertel Vågsbunnen sind die engen Gassen mit Pflastersteinen gepflastert, die Läden sind klein und geschlossen. Viele Galerien und Antiquariate sind hier angesiedelt, große Marken oder aufdringliche Leuchtreklame sucht man vergeblich.

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Vågsbunnen

Besucherandrang zur Champions League

In der Sportsbar neben unserem Hotel sind schon alle ganz aufgeregt. Am Abend spielt Real Madrid gegen den AS Rom in der Champions League und dafür werden vor der großen Leinwand mehrere Reihen Klappstühle aufgestellt – zusätzlich zu den sieben Tischen für je sechs Personen, die dort sowieso stehen. Zum Anpfiff sind wir neben ein paar Stammgästen an der Bar die einzigen Besucher.

Später füllt sich der Laden, obwohl viele der Neuankömmlinge direkt den hinteren Raum ansteuern. Ob es am Klassiker Wolfsburg gegen Gent liegt, der dort läuft, oder an den Billardtischen, die dort stehe, lässt sich nicht abschließend klären. Das regelmäßige Knallen keramischer Kugeln aufeinander, gefolgt von Grölen oder Raunen, liefert dem geneigten Beobachter einige Hinweise zum Abendprogramm der Gäste im Hinterzimmer.

Nach dem 2:0 für Real werden die immernoch unbesetzten Klappstuhlreihen zusammengeklappt. Das Gröhlen verstummt nicht, der Hauptraum leert sich rasch. Wir zahlen einen Preis, den man schon fast obszön nennen könnte, und rollen ins Bett nebenan.

Verbindungen

Keine.

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