Tag 20: Tempel, Kieselsteine und Lean Management

29. Juli 2015. Kyoto (Japan).

Da unser Super-Hotel leider nicht über ein Restaurant verfügt, wird das Frühstück ausschließlich auf dem Zimmer serviert, das gewünschte Menü (Japanisch, Chinesisch, Englisch, Müsli) muss am Vorabend an der Rezeption angemeldet werden. Es gibt einen kurzen Desput darüber, wer aufstehen und das Essen ans Bett holen muss. Mit dem Ergebnis bin ich zufrieden, auch wenn Denis sich ruhig ein bisschen hätte beeilen können.

Kinkakuji

Wir erreichen den Kinkakuji-Tempel gegen 9:00 Uhr, schlagen dort aber weder vor den Bussen voller Reisegruppen noch der Mittagssonne auf. Das ist allerdings nur nebensächlich, denn hier erwartet uns der Goldene Pavillon, das Wahrzeichen Kyotos schlechthin. Im Gegensatz zu vielen Dingen im Leben, die irreführende Bezeichnungen tragen (Kopfsalat, Glühbirne, Schnapszahl), hält der Goldene Pavillon tatsächlich, was es sein Name verspricht: die beiden oberen Stockwerke sind komplett mit Blattgold besetzt und leuchten ganz toll im Sonnenlicht. Warum soll man nicht zeigen, wenn es einem gut geht?

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Der Goldene Pavillon

Wieder einmal ist nicht allein der Tempel den Besuch wert, sondern auch der Garten, der um diesen herum angelegt ist. Im See vor dem Pavillon spiegelt sich ebendieser, auf kleinen Inseln stehen Bäume und ein Kranich. Alles ist grün, hin und wieder ist eine kleine Pagode oder ein Buddha zu sehen. Wären nicht so viele Menschen mit Selfie-Sticks unterwegs, könnte man meinen, man wäre im Film.

Müll und Steine

Die zwanzig Minuten Fußweg zum Ryoanji-Tempel sind aufgrund der Hitze und des fehlenden Schattens schon ziemlich anstrengend. Glücklicherweise passieren wir alle zehn Meter einen Getränke-Automaten [Das ist ausnahmsweise mal wirklich nicht übertrieben.], sodass wir zumindest nicht verdursten müssen. Zur Aufheiterung trägt eine Kolonne aus Müllautos bei, von denen jedes Auto etwa die Kapazität eines Umzugskartons hat. Sogar die Müllentsorgung ist hier niedlich – wie könnte man dieses Land nicht mögen?

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Müllentsorgung auf Japanisch

Auch der Ryoanji-Tempel verfügt über einen tollen Garten voller Nadelbäume, Moos und Steine, die scheinbar alle ihren speziellen Platz im Ganzen gefunden haben. Es sieht hier alles original so aus wie auf den Fotos in den Reisekatalogen, wirkt aber nicht mal ansatzweise so kitschig wie auf Papier. Der Steingarten im Tempel wurde bereits im 15. Jahrhundert angelegt und beinhaltet nichts außer 15 Steinen auf einem geharkten Kieselfeld. Die Steine sind so angeordnet, dass es keinen Ort gibt, von dem aus alle Steine auf einmal zu sehen sind. Ich kann euch versichern: Das stimmt wirklich.

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Steingarten im Ryoanji-Tempel

Steinengel

Nur zehn Minuten weiter in Richtung Westen ist der Ninnaji-Tempel mit der fünfstöckigen Pagode zu finden, was den meisten Touristen allerdings zu weit zu sein scheint. Im Goten, einem abgetrennten Teil der Anlage, sind wir fast allein, was dem Ort eine unheimliche Magie verleiht. Ohne Schuhe, die vor allen buddhistischen Tempeln abgelegt werden, sind keine Schritte auf den Holzdielen zu hören, niemand redet laut, man sitzt am Feld mit geharkten Kieseln und lässt die Atmosphäre wirken.

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Goten

Geharkte Kieselfelder sind wirklich ein Thema in Japan. Wir überlegen, hinein zu springen und Steinengel zu machen, entscheiden uns dann aber dagegen, weil es wir es nicht für ausgeschlossen halten, den entstandenen Schaden selbst wegharken zu müssen und den Rest des Felder bei dieser Gelegenheit ebenso. Diese Arbeit würde den Rest der Woche in Anspruch nehmen, weil keiner von uns beiden ansatzweise den Sinn dafür hat, sowas akkurat und gerade hinzubekommen. Geschweige denn die Geduld.

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Kieselfelder – nichts für Gärtner mit schwachen Nerven

Die Schreine und Pagoden auf dem Rest des Geländes sind ebenfalls wenig besucht. Ob es wirklich an der Entfernung zur Stadt liegt, an der Mittagshitze oder weil kein Parkplatz für Reisebusse zur Verfügung steht, können wir nicht beantworten. Der Ninnaji-Tempel ist jedenfalls wunderschön und atmosphärisch viel reizvoller als der Goldene Pavillon. Was wahrscheinlich daran liegt, dass hier nicht so viele Leute herumlaufen.

Wie man in Japan Essen geht

Von der Hitze und der zurückgelegten Entfernung etwas mitgenommen, beschließen wir, dass es an der Zeit ist, in die Innenstadt zu fahren und uns ein wenig zu stärken. Unweit des Nishiki Food Market finden wir ein klimatisiertes Restaurant, in dem wir Huhn bzw. Schwein in Misosuppe mit Reis essen. Wir sind uns nicht ganz sicher, ob wir alle Schälchen und Löffel in der dafür vorgesehenen Art und Weise nutzen, werden aber nicht rausgeschmissen, was wir als Zeichen deuten, dass wir zumindest niemandes Mutter beleidigt haben. Immerhin.

Interessant ist das System, in dem dieses Restaurant funktioniert: Auf dem Tisch gibt es einen Knopf, über den man den Kellner ruft. Man kann diesen natürlich auch heranwinken, aber von selbst kommt er nicht. Nach dem Essen wird nicht am Tisch bezahlt, sondern am Ausgang, wo sich die Kasse befindet, an der man den Kassenbon abgibt, den man zu seinem Essen erhalten hat. So wird vermieden, dass die Gäste unnötig auf den Kellner warten müssen und dieser durch metierfremde Tätigkeiten, wie das Abkassieren, von seiner Arbeit abgehalten wird. Lean Management in der Gastronomie.

In Japan gibt man übrigens kein Trinkgeld, weil man damit unterstellen würde, dass die Firma ihre Angestellten nicht anständig versorgen könnte. Und die Firma steht schließlich über allem und ist ähnlich unantastbar wie die Familie oder die Selbstwahrung. [Apropos Selbstwahrung, wann gibt es eigentlich mal neue Folgen von Takeshi’s Castle?]

Der Nishiki Food Market ist an einigen Gemüse-, Fisch- und Imbissständen ganz interessant, aber vor allem auf Touristen ausgelegt, wirklich für den täglichen Bedarf wird hier wenig eingekauft. Spannend sind vor allem die angebotenen Snacks wie frittierter Fisch am Stiel,  gefüllte Teigtaschen, Matscha-Tee-Gebäck und (ganz wichtig!) eisgekühlte Gurken am Stiel. Wir haben schließlich Temperaturen über 30°C, da muss man sich abkühlen.

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COLD!! CuCumBeR It’s very nice!

Hauptsache, es bleibt trocken

Als nächstes wollen wir zum Kiyomizu-dera Tempel mit der Roten Pagode und anschließend mal sehen, was sich noch so ergibt. Als wir am Eingang auf dem Hügel ankommen, tropft es bereits ein bisschen. Die Regentropfen sind zwar riesig groß, aber so wenig, dass wir uns gar keine Gedanken darüber machen. Gerade als wir den überdachten Teil des Tempels erreichen, bricht jedoch ein Regenschauer über Kyoto ein, wie wir ihn bisher nur äußerst selten gesehen haben. Die Tropen sind so groß wie Toilettendeckel [Das ist jetzt vielleicht ein bisschen übertrieben.] und alles ist innerhalb kürzester Zeit nass.

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Am Eingang sieht’s noch gut aus.

Nachdem wir eine halbe Stunde gewartet haben und der Regen langsam nachlässt, wagen wir es,  weiter zu gehen. Natürlich geht es dann noch einmal richtig los und wir können nur unter einem Bagerüst Schutz finden, das tropft und nicht breit genug ist, allen Regen abzuhalten. Wiederum zwanzig Minuten später gehen wir weiter und werden erneut erwischt. Jetzt sind wir fast vollständig durchnässt, warten nochmals zehn Minuten, ohne dass sich eine Besserung einstellt. Über die Lautsprecheranlagen wird bereits angekündigt, dass der Tempel demnächst schließen wird – es ist 17:45 Uhr, um 18:00 Uhr ist Feierabend.

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Sag mal, weinst du oder ist das der Regen?

Wir beschließen, dass es jetzt auch egal ist, und ergeben uns dem warmen Sommerregen, der nach einem so heißen Tag wie heute eigentlich eine angenehme Abwechslung ist. Der Aufgang zur Roten Pagode ist aufgrund der fortgeschrittenen Uhrzeit sowieso geschlossen, unsere Sachen sind bereits so nass, dass wir nirgendwo mehr einkehren können und die Füße sind platt. Wir machen uns auf den Weg zurück in unser Super-Hotel, wo der Whirlpool und der beheizte Toilettensitz auf uns warten.

Kurz nachdem wir das Tempelgelände verlassen haben und durch sind bis auf die Socken, endet der Regen natürlich abrupt in den schönsten Sonnenschein und wir stehen da wie zwei sehr deplatzierte begossene Pudel. Mit der Keihan- und Kinetsu-Line gelangen wir zurück nach Takeda, wo sich unser Hotel befindet, versorgen uns bei Seven Eleven mit Wein und Snacks und verbringen den Abend im Whirlpool und auf dem Massagesessel.

Heutige Verbindungen

Keine.

3 Gedanken zu „Tag 20: Tempel, Kieselsteine und Lean Management

  1. Ja in der Region Osaka,Kyoto, Nara gibt es viel zu entdecken. Leider hatten wir nur knapp 5 Tage für diese Region Zeit, aber vielleicht gibt sich ja irgendwann die Gelegenheit nochmal nach Japan zu reisen. Nach unseren Erfahrungen wird Ausländern dort vieles nach gesehen. Man erwartet nicht wirklich, das sich Ausländer perfekt verhalten und ist oft schon zufrieden, wenn man mit Stäbchen ißt und nicht nach Besteck verlangt. Auch ein paar Worte auf japanisch werden gern gehört und mit einem Lächeln und einer Verbeugung erwiedert. Wir haben uns dort sehr wohl gefühlt.

    • Vielen Dank, die hatten wir auch, leider ist die Reise schon lange vorbei.

      Japan hat in der kurzen Zeit, die wir dort hatten, einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Die Menschen sind so unfassbar höflich und dabei überhaupt nicht aufgesetzt, die Landschaft ist wunderschön. Es wird uns definitiv nochmal dorthin verschlagen!

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