Tag 21: Der Tag, an dem wir die 13.000 Kilometer abrissen

30. Juli 2015. Kyoto – Tokyo (Japan).

21 Tage, drei Wochen, sind vergangen und heute steht der letzte Teilabschnitt der Reise auf dem Programm: Wir fahren nach Tokyo und machen die 13.000 Kilometer voll. Wahnsinn. Ein ziemlich bedeutender Tag, der sich gar nicht so bedeutend anfühlt. Wir steigen schließlich nicht in einen Zug, der drei Tage quer durch das größte Land der Welt fährt, sondern in einen etwas besseren ICE, mit dem wir nach nicht mal drei Stunden am Ziel sind. Von Hamburg nach Rostock dauert es fast genauso lange und das fahren wir alle zwei Wochen.

Rote Tore

Bevor es allerdings überhaupt soweit kommt, dass wir die letzte Station erreichen, haben wir noch ein hartes Vormittagsprogramm aufgestellt: Wir wollen den Fushimi-Inari, einen Shinto-Schrein, sehen und machen uns dazu auf den Weg zum Inari-Berg im südöstlichen Teil Kyotos. Für alle Besucher, die nicht dem Shintoismus angehören (also etwa 99 Prozent der Anwesenden), ist der Schrein selbst allerdings nicht wirklich der Grund, sich dort einzufinden. Das eigentliche Highlight sind nämlich die etwa 10.000 Torii, die den vier Kilometer langen Weg den Berg hinauf säumen. Torii sind Eingangstore von Shinto-Schreinen, bestehen meist aus Holz und strahlen fast immer zinoberrot. Die Torii am Inari sind Spenden von Familien, Firmen oder reichen Leuten und mit Wünschen oder Namen versehen.

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Torii

Dass der Fushimi-Inari-Schrein bereits am Fuße des Bergs, direkt hinter dem Eingang steht, erfahren wir erst viel, viel später, nämlich nachdem wir den 233 Meter hohen Berg wieder abgestiegen sind. Aber wirklich wichtig ist das nicht, denn wir wären auch mit diesem Wissen aufgestiegen. Der Weg ist das Ziel.

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Fushimi Inari – am Fuße des Bergs

Aufstieg

Nachdem wir also den überlaufenen Schrein und die ersten hundert Meter der Toriis hinter uns gelassen haben, wird es etwas ruhiger. Die Leute mit Selfie-Stick haben bis dahin nämlich alle notwendigen Beweisfotos für Facebook gemacht und verlassen die Anlage. Man will schließlich nicht riskieren, später auf dem Selfie an einer anderen Sehenswürdigkeit verschwitzt auszusehen. Da wir beide aber weder Make-Up tragen, das verwischen könnte, noch angesichts unserer perfekten körperlichen Verfassung Angst haben müssten, an so einem Hügelchen ins Schwitzen zu geraten, kommt es gar nicht infrage, dass wir wieder gehen. Wir wollen da hoch.

Bereits nach etwa zwanzig Stufen stellt sich heraus, dass unsere perfekte körperliche Verfassung vielleicht doch gar nicht so perfekt ist. Wir sind nämlich durchgeschwitzt bis auf die Socken, aber dennoch nicht minder motiviert. Denn 1. kennt uns hier keiner und 2. müssen wir ja hinterher niemandem erzählen, wie anstrengend das Ganze war. Im Blog könnte ich ja z.B. schreiben, dass wir die vier Kilometer innerhalb von zwanzig Minuten hochgejoggt sind. Die Leute, die diesen Quatsch lesen, glauben doch sowieso alles.

Wir schweben also die Stufen in Richtung Gipfel hinauf und sind froh, dass wir nicht so durchgeschwitzt und abgekämpft sind, wie die ganzen anderen Leute, die schon nach einem Drittel des Weges eine Pause einlegen müssen. Wir WOLLEN vielmehr diese Pause einlegen, um den tollen Blick auf Kyoto zu genießen. Um nicht auszukühlen, absolvieren wir ein kleines Aufwärmprogramm bestehend aus Kniebeugen, Sit-Ups und Liegestützen.

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Kyoto von oben

Froh sind wir auch darüber, dass wir nicht so abgelenkt vom Schwitzen sind, dass uns die tolle Atmosphäre auf dem Inari-Berg entgeht. Das leuchtende Rot der Toriis beißt sich so wunderbar mit dem gedeckten Grün der Bäume und die allgegenwärtigen Viecher sorgen für die passende Geräuschkulisse. In kurzen Abständen befinden sich kleinere Schreine, Friedhöfe, Getränkeautomaten [Man muss sich einfach damit abfinden, dass sie wirklich überall stehen.] und Hinweisschilder, auf denen über die noch zurückzulegende Strecke informiert wird – und zwar nicht in Metern oder Stufen, sondern in Minuten, was besonders motivierend ist, wenn man sich einbildet, es in viel kürzerer Zeit zum nächsten Schild geschafft zu haben. Also, wenn man überhaupt Motivation nötig hat, weil man z.B. erschöpft ist.

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Torii und Wald

Oben

Die Spitze ist schließlich auf 233 Metern erreicht und heißt Ichi-no-mine. Hier findet sich ein weiterer Tempel und zum ersten Mal Zeit, festzustellen, dass es echt tierisch heiß und schwül ist. Auf dem Gipfel weht zwar ein bisschen Wind. Der kann aber auch nicht im Ansatz für Abkühlung sorgen, weil die Luft so nassfeucht ist, dass alles klebt. Wären wir nicht so hammermäßig durchtrainiert, wären wir jetzt echt am Ende.

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Ganz oben

Abstieg

Weil wir es nicht nötig haben, uns auszuruhen, machen wir uns sogleich auf den Weg nach unten. Zur Abwechslung können wir eine andere Route wählen und noch mehr Toriis sehen. Menschen ohne unseren ausgeglichenen Nährstoffhaushalt könnten beim Abstieg Wadenkrämpfe bekommen, weil sie schon so viel geschwitzt haben, dass ihrem Körper das Salz ausgeht. Aber wir wären ja schließlich nicht in Japan, wenn nicht in einem Fünf-Minuten-Umkreis ein Automat stände, der Abhilfe schafft.

„Pocari Sweat“ ist ein oft in den Getränkeautomaten angebotenes Getränk, das wir bisher immer „Schweißwasser“ genannt und aus diesem Grund gemieden haben. Eigentlich ist es aber ein Getränk, das dem Körper die Mineralien zurück gibt, die dieser durch Schwitzen verliert und natürlich genau das, was ich…also diese hypothetischen untrainierten Menschen für ihre Waden brauchen.

16 Kyoto (222)

Pocari Sweat

[Ich möchte an dieser Stelle eine Gedenkminute für die armen Schweine einlegen, die diese Automaten auffüllen müssen, denn es gibt keine befahrbare Straße auf dem Berg. Vielen Dank für diese aufopferungsvolle Arbeit, ihr seid meine Helden.]

Unten angekommen machen wir uns kurz frisch [Weil alle anderen das auch machen, nicht dass wir es nötig hätten oder so.] und fahren mit dem Local Train zum Hauptbahnhof von Kyoto. Denn unser Tagesziel heißt Tokyo und es steht außer Frage, dass das mit dem Zug erreicht wird.

Kyoto Station

Kyoto Station ist allerdings in anderen Dimensionen gedacht als die Miniaturausgaben von Bahnhöfen, die deutsche Großstädte schmücken. Auf vierzehn (VIERZEHN!) Etagen und 240.000 Quadratmetern sind 24 Bahngleise, ein Hotel, ein Theater, zwei Shopping Malls und ein Museum untergebracht. Man erzählt sich von armen Seelen, die seit der Restaurierung 1997 durch die Hallen irren und jeden Tag einen neuen Ort finden, den sie nie zuvor gesehen haben. Die Orientierung ist aufgrund der englischen Beschilderung und den vielen Piktogrammen prinzipiell nicht schwer, aber es gibt so viel zu sehen, dass man sich regelmäßig verläuft, weil man einen Ort nicht sofort wiedererkennt. Es macht unheimlich viel Spaß.

16 Kyoto (185)

Kyoto Station

Bevor wir also die Gepäckaufbewahrung ein viertes Mal [Zwei Mal am Ankunftstag, einmal heute Morgen.] suchen und uns auf den Weg zu den Shinkansen-Gleisen machen, vierlieren wir uns in der Fressmeile unter einem der Einkaufszentren zwischen den schätzungsweise fünfzig Ständen. Wir wollen eine Bento-Box kaufen, weil man in Japan beim Zugfahren nun mal eine Bento-Box isst. Bento-Boxen sind kleine Kartons, die mit vielen verschiedenen Kleinigkeiten zu essen gefüllt sind. Für ungeschulte Ausländer wie uns ist es vollkommen unmöglich, herauszufinden, was sich im Einzelnen in einer solchen Box befindet, und so wird die Auswahl nach dem Motto „Das sieht interessant aus.“ getroffen.

Da jeder der fünfzig Stände eine ganze Reihe verschiedener Bento-Boxen im Angebot hat, nimmt der Prozess der Auswahl etwas mehr Zeit in Anspruch als man im Vorfeld veranschlagt hatte. Einige Anwesende wirken schon leicht angespannt, weil andere Anwesende etwa alle anderthalb Schritte ihre Meinung ändern und „da drüben nur mal schnell gucken, was es so gibt“. Der Harmonie und der körperlichen Unversehrtheit aller Beteiligten zuliebe wird der Auswahlprozess abrupt mit den Sätzen: „Ist mir egal, ich nehm jetzt das da! Nee, lieber das! Oder doch das? Nein, das! Wirklich!“ beendet. Im Grunde ist es nämlich vollkommen egal, was man isst, weil man sowieso nicht das Falsche wählen kann.

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Bento Box

Dann also zum Gleis. Weil die Shinkansen-Züge aus Kyoto ungefähr alle Viertelstunde in Richtung Tokyo abfahren [Das wäre in Etwa so, als würde alle fünfzehn Minuten ein ICE von Hamburg nach Köln fahren.], haben wir uns keine Gedanken darüber gemacht, welchen Zug wir nehmen. Mit dem Japan Rail Pass können wir fast alle Shinkansens nutzen, was das Reisen hier unheimlich entspannt macht. Die nächsten drei Züge gehören zur Nozori-Line, die nicht im Rail Pass eingeschlossen ist, aber nach nicht ganz einer Stunde soll ein Zug der Hikari-Line abfahren, die wir nehmen dürfen.

17 Kyoto - Tokyo (6)

Gleis 11

Mit dem Shinkansen reist man am entspanntesten mit einer Reservierung. Die meisten Wagons können nur mit einer solchen genutzt werden, für Fahrgäste ohne Reservierung stehen aber meist ebenfalls Wagons bereit. Und weil die Reservierung für Rail Pass-Inhaber kostenlos ist, besorge ich kurz vor Abfahrt noch Platzkarten, sodass wir uns nicht zwanzig Minuten anstellen müssen, um möglichst als erstes einzusteigen. Dafür müssen wir etwa zwanzig Minuten zum anderen Ende des Bahnsteigs laufen. Irgendwas ist ja immer.

13.000

Es dauert gar nicht lange bis der Zug seine Höchstgeschwindigkeit  (um und bei 320 Stundenkilometer) erreicht hat und die vorbeiziehende Umgebung aussieht wie ein Film, der vorgespult wird. Für die 460 Kilometer nach Tokyo benötigen wir zwei Stunden und 44 Minuten, die Nozori-Züge, die weniger Zwischenhalte haben und nicht für den Japan Rail Pass freigegeben sind, sind nach zwei Stunden und acht Minuten am Ziel. Zum Vergleich: von Hamburg nach Köln fährt man mit dem ICE vier Stunden.

Wann wir die 13.000 Kilometer erreichen, wissen wir gar nicht genau. Vielleicht haben wir die auch schon hinter uns. Vielleicht erreichen wir sie auf dieser Reise auch gar nicht. Weil es für die wenigsten Strecken detaillierte Angaben zur zurückgelegten Entfernung gibt, mussten große Teile der Route geschätzt werden. Im Grunde ist es auch vollkommen egal, wo jetzt genau, welche Zahl auf dem Papier stände. Wichtig ist, dass wir es problemlos geschafft haben, die Strecke von Hamburg nach Tokyo mit dem Zug zurückzulegen, auch wenn uns das an diesem Tag noch gar nicht bewusst ist. Dass wir auf dem Hamburger Hauptbahnhof auf den ICE nach Kopenhagen gewartet haben, scheint eine Ewigkeit her zu sein.

[Meint ihr, ein Wortspiel á la „Die Zeit verging wie im Zug“ wäre am Ende eines solchen Beitrags unangemessen albern? Ich bin mir da nicht so ganz sicher.]

Heutige Verbindungen

Hikari 476 Kyoto (ab 16:56 Uhr) – Tokyo (an 19:40 Uhr)  /  Japan Rail Pass: 418 Euro (2 Personen, 7 Tage)

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