Tag 21: Kaffee, Kaffee, Tee, Kaffee

23. Juni 2011. 21:32 Uhr. Bahnhof Sarajevo, Bosnien und Herzegowina.

Warten auf den Zug nach Zagreb

Warten auf den Zug nach Zagreb

Vor fünf Minuten, also gegen 21:30 Uhr, hätte unser Zug Richtung Zagreb abfahren sollen. Hätte. Der Zug wird nun gegen 22:00 Uhr bereit gestellt und fährt gegen 22:30 Uhr ab. Das zumindest hat uns eine Bosnierin gesagt, die wir gefragt haben, was die Ansage auf Bosnisch bedeutet hat, die gerade am Gleis gemacht wurde. Wahrscheinlich warten wir noch auf Anschlussreisende aus Richtung Ploče. Diese hätten dann eine halbe Stunde weniger Verspätung als wir gestern.

So sitzen wir jetzt auf dem Bahnsteig mit den Füßen auf den Schienen, also Denis, denn meine Beine sind zu kurz. In Deutschland wäre wohl der ganze Bahnhof wegen Personen im Gleis gesperrt worden, hier macht das aber jeder. Gerade ist eine Lok durchgefahren, die wahrscheinlich den Rest unseres Zuges holt.

23. Juni 2011. 21:57 Uhr. Bahnhof Sarajevo, mittlerweile im Zug.

So, jetzt ist es genau 30 Minuten her, dass wir hätten losfahren sollen. Das mit dem Anschlusszug von Zagreb nach München können wir dann wohl vergessen. Laut Herrn Dings von der Bahnagentur Schöneberg sollte es zwar kein Problem sein, den Anschluss zu bekommen, da die Haltezeiten alle sehr großzügig gestaltet sein sollen. Ein Blick auf den Fahrplan zeigt allerdings, dass kein Halt länger als drei Minuten dauern soll. Das ist aber auch nicht weiter schlimm, denn aus Zagreb kommt man auch später noch weiter in Richtung Deutschland. Passenderweise läuft auf dem iPod gerade der Klassiker „Schienenersatzverkehr„.

Nun aber mal zu den wirklich wichtigen Dingen: Sarajevo. Achnee, noch nicht ganz. Denn gerade ist der Zug aus Ploče gekommen. Heute mit einer Stunde Verspätung und nur zwei Wagons, die erste Klasse fehlt. Wir sind gespannt, ob wir Glück haben und allein in unserem Abteil bleiben, denn dann können wir uns über die drei Sitze legen und im Liegen schlafen. Das wäre ein echter Luxus. Die Tür und die Gardinen haben wir jedenfalls geschlossen und das Licht ausgeschaltet. Aber wie wir die Bosnier bisher kennengelernt haben, stört das nicht weiter. [Wir sind tatsächlich allein geblieben und konnten die ganze Nacht liegen.]

Wir glauben mittlerweile übrigens, dass unser Zug die Lok aus Ploče bekommt und wir deswegen gewartet haben. [Ja, genauso war es.]

Also jetzt zu Sarajevo. Ein Mitarbeiter vom Guesthouse Kandilj hat uns mit einem großen Schild mit der Aufschrift „Mr Denis S[…]“ am Bahnhof empfangen. Er hatte zum Glück nicht die ganze Zeit am Bahnhof auf uns gewartet, sondern vorher telefonisch abgeklärt, wann der Zug ankommen würde. Es stellte sich nach ein paar Minuten Unterhaltung auf Englisch auf heraus, dass er sehr gut deutsch sprach, weil er während des Bosnienkrieges sieben Jahre in der Schweiz gelebt hat. Außerdem hat er vor ein paar Jahren mal Verwandte in Barmbek besucht. Die Welt ist ein Dorf.

(Es ist jetzt 22:20 Uhr, und mit 53 Minuten Verspätung fährt unser Zug los.)

Latina-Brücke

Latina-Brücke

Wir wurden zu unserer Pension gebracht, die nahe der Altstadt liegt und sehr nett, sauber und freundlich ist. Wir hatten eine angenehme Nacht und morgens Frühstück im Restaurant, das gleichzeitig auch „Living Room“ ist und wo Denis aufgrund der kleinen Hocker und Tische Rückenschmerzen bekam.

Nach dem Frühstück machten wir uns auf den Weg in die Altstadt. Nur zwei Minuten Fußweg von unserer Pension entfernt befand sich die Latina-Brücke, an dem das Attentat auf Franz Ferdinand stattfand, das den Ersten Weltkrieg ausgelöst hat. Spannend, das ist so ein geschichtsträchtiger Ort und es erinnert so gar nichts an dieses Ereignis. Wenn man es nicht weiß, geht man über diese Brücke wie über jede andere auf der Welt.

(Rote Signale werden unterdessen auch in Bosnien und Herzegowina übersehen. Aber wir sind wahrscheinlich eh der einzige Zug im ganzen Land, der noch unterwegs ist.)

Wir gingen dann also über die Latina-Brücke in die Altstadt, spazieren ein bisschen durch die Straßen und tranken erstmal Kaffee. Für zu große Anstrengung war es eh schon viel zu warm, um 13:00 Uhr hatten wir schon 33°C. Kaffee gibt es hier in kleinen Kännchen aus Metall. Darin wird heißes Wasser auf Kaffeepulver gegossen, das Ganze muss dann ein paar Minuten durchziehen und anschließend wird der Kaffee in eine kleine Tasse aus Metall gegossen.

Seitenstraße in Sarajevo

Seitenstraße in Sarajevo

Sarajevo ist eine sehr entspannte Stadt und um einiges orientalischer als erwartet. Die meisten Gotteshäuser waren zwar Moscheen, aber man hat auch Kirchen verschiedenster Konfessionen gesehen. Außerdem gibt es hier fliegende Händler für alles Mögliche. Neben den Klassikern Parfüm und Schmuck gehen anscheinend auch Besen, elektronische Küken, Schlüsselanhänger und iPhones.

Danach gingen wir ein bisschen weiter, aus der Altstadt heraus und in ein Einkaufszentrum, in der Hoffnung, dort noch das eine oder andere Schnäppchen zu schlagen. Sarajevo war ja unsere letzte Station auf der Reise und wir hätten den Einkauf nicht mehr durch halb Europa schleppen müssen. Allerdings befanden sich in diesem Einkaufszentrum hauptsächlich Markenläden, in denen die Schnäppchen nicht ganz unserer Preisklasse entsprachen.

F.K. Zeljo

F.K. Zeljo

Anschließend besorgten wir uns Fahrkarten für den Bus und machten uns auf den Weg zum ersten Stadion. Die Trolleybusse scheinen größtenteils Spenden aus Deutschland und der Schweiz zu sein, wie Werbungen von Obi und dem Solinger Tageblatt sowie der Hinweis auf den Tarifverbund Ostwind vermuten ließen.

Zuerst waren wir am Stadion vom F.K. Zeljo. Wir vermuten, dass Zeljo soviel wie „Lokomotive“ heißt, denn im Stadion stand eine alte Dampflok. Es war ein ziemlich altes Stadion mit einer relativ neuen Tribünenausstattung und alten Flutlichtmasten. Unter der Tribüne befanden sich mehrere Restaurants, Wettbüros, ein Supermarkt, ein Lampen- und ein Farbengeschäft. Die Stehkurve wird wohl nicht mehr genutzt. Zumindest lässt die reichhaltige Flora auf den Stufen dies vermuten.

Spuren des Krieges

Spuren des Krieges

An der alten Haupttribüne findet man noch Einschusslöcher aus dem Krieg, genau wie an vielen anderen Gebäuden. Man sieht hier, dass dem Land der Krieg noch in den Knochen steckt. Man hat zwar zu keiner Zeit Angst, dass hier gleich eine Schießerei ausbricht. Aber es sind viele Gebäude zerstört und es fehlt das Geld für den Wiederaufbau und die Anschaffung neuer Gerätschaften und anderer Investitionsgüter. Vieles hier wirkt provisorisch und es sind viele Menschen auf der Straße, die betteln.

Das nächste Stadion, das wir besuchten, war das Olympiastadion. Hier spielt sicherlich auch ein Verein. Dessen Namen haben wir allerdings noch nicht herausgefunden. Wie in Belgrad war hier auch das ganze Stadion bemalt und einige Leute schwärzten eine Stelle, die wohl demnächst neu gestaltet wird. Die Olympischen Spiele von 1984 begegnen einem hier noch sehr oft. Wir waren auch an der Olympiahalle, die seit den Spielen anscheinend keine Renovierung erlebt hat.

Nach diesem ganzen Stress mit der Fahrerei, dem Laufen und der Sonne fuhren wir zurück in die Altstadt, um was zu essen. Denis‘ Khlav Kalash-Suppe wurde in unserem Restaurant zubereitet, während meine Pizza von der anderen Straßenseite importiert wurde.

Shisha-Laden

Shisha-Laden

Danach wollten wir uns zur Entspannung in einen Park setzen, der sich als sehr klein, laut und voller Tauben herausstellte und dessen größter Teil eingezäunt war. Nach einiger Zeit entschieden wir uns gegen den Park und für einen weiteren Kaffee. Da die Kellnerin besseres zu tun hatte als uns zu bedienen, gingen wir nach dem ersten Getränk weiter zu einem Shisha-Laden. Diesen hatten wir hinter unserem Mittagslokal auf dem Weg zur Toilette entdeckt. Es war dort richtig gemütlich und entspannend. Wir hatten dort Tee, O-Saft und eine Ladung Erdbeertabak.

Nach der Shisha gingen wir noch ein bisschen durch die Stadt und anschließend zum Hotel, um unsere Koffer zu holen. Der Taxifahrer, der uns zum Bahnhof bringen sollte, war ein Surfertyp Mitte 40 mit langem blonden Haar und Sonnenbrille. „Train Station“ und „Railway Station“ gehörten nicht zu seinem Wortschatz, angekommen sind wir trotzdem irgendwie. Der Typ verstand es, seinen Golf aufsetzen zu lassen und die drei Serviceleuchten (ABS, Hinterradbremse und Motortemperatur, also keine wichtigen Sachen, die die Sicherheit beeinträchtigen könnten) zu ignorieren, die lustig vor sich hin leuchteten. Es fehlten auch mal wieder die Gurte in dem Wagen. Ich frage mich langsam, was die damit immer machen.

Sarajevo

Sarajevo

Am Bahnhof ließen wir uns eine Bestätigung geben, dass der Balkan Flexi Pass auch in Bosnien und Herzegowina gilt, um nicht wieder Probleme mit einem Schaffner zu bekommen. Diese Bestätigung bekamen wir allerdings erst nach dem dritten Mal nachfragen. Anfangs war die Dame hinter dem Schalter nämlich auch der Meinung, dass wir eine neue Fahrkarte brauchten. Aber nach einigem Diskutieren und Lesen in den internen Mitteilungen, kam dann doch heraus, dass der Flexi Pass als Fahrkarte ausreicht. Im Endeffekt hätten wir diese Bestätigung gar nicht gebraucht, denn der Schaffner hat den Pass gar nicht aufgeklappt, sondern einfach abgestempelt.

Wir gaben unser letztes Geld für Frühstück, Bier und Kaffee aus und aßen die Würstchen aus Dubrovnik, die wider erwarten trotz der zwei Tage im Rucksack noch gut waren. Und warm waren sie auch.

Mittlerweile sind wir bei 57 Minuten Verspätung angelangt und werden gleich unser Bett aufschütteln. Bis zur Passport Controll sind es nur noch sechs Stunden.

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