Tag 3: Brüssel, die Zweite

29. Oktober 2012. 15:24 Uhr. International Airport Brüssel, Belgien.

Nach dem Frühstück brachten wir unser Gepäck zum Bahnhof, schlossen es ein und besorgten uns Fahrkarten für den ÖPNV, denn wir wollten heute noch ein paar Dinge sehen, die zu Fuß absolut unerreichbar waren. Wir versuchten es erfolglos an einigen Fahrkartenautomaten und hatten schon ein bisschen Angst, dass die Kreditkarte streiken würde. Immer, wenn wir versuchten, mit der Kreditkarte zu bezahlen, erschien eine französische Anzeige auf dem Bedienfeld und es passierte nichts.

Koning Boudewijnstadion

Koning Boudewijnstadion

Die Automaten nahmen nur Münzen oder Kreditkarten und wir hatten keine 12 Euro Kleingeld dabei. Deswegen stellten wir uns schließlich am Schalter an. Hier stellte sich heraus, dass die Automaten vorher nur um etwas Geduld gebeten hatten, die Kreditkarte aber 1a funktioniert.

Wir fuhren mit der Metro, die schätzungsweise seit 1970 genauso wie heute im Einsatz ist und nur unterirdisch fährt, nach Heysel. Bereits auf dem Weg aus dem Bahnhof heraus sahen wir, weshalb wir unter anderem hier waren: das Koning Boudewijnstadion. Hier sind 1985 beim Spiel Liverpool gegen Turin, Finale des Europapokals der Landesmeister, 39 Menschen bei einer Massenpanik ums Leben gekommen. Liverpoolfans hatten den „neutralen Sektor“ gestürmt, weshalb die Besucher dieser Blöcke in Panik gerieten. Infolgedessen stürzte eine Wand ein, 39 Menschen starben, 454 wurden verletzt. Es ist also mehr oder weniger ein Muss für jeden allesfahrenden Brüssel-Besucher, hier ein paar Momente der Erinnerung daran zu verleben, dass es selbst beim Fußball wichtigere Dinge gibt als das Spiel.

Nebenplatz

Nebenplatz

Erstmal sahen wir nur das Stadion, das sich sich vor allem dadurch auszeichnete, dass es sehr groß und sehr hässlich war. Wie viele Gebäude in Brüssel scheint es seine letzte Restaurierung in den Siebziger Jahren erhalten zu haben und wirkt daher entsprechend klobig und unansehnlich. Wir liefen einmal um das Stadion herum und fanden weder den erhofften offenen Eingang noch ein Zeichen der Erinnerung an die Menschen, die hier starben. Im Nachhinein fanden wir heraus, dass es sehr wohl ein Mahnmal vor dem Stadion gibt, wir daran vorbei gelaufen sind und es sogar fotografiert haben. Es handelt sich um eine schiefe Säule vor dem Haupteingang, die man auch schnell mal übersehen kann. Sehr schade, allerdings hätte man sich als allesfahrender Brüssel-Besucher auch vorher informieren können.

Wir fanden beim Herumlaufen noch zwei kleine Plätze, die etwas mehr Charme versprühten als das Koning Boudewijnstadion. Einer war so abgelaufen und sah so hart aus, dass er zu Recht als Hartplatz bezeichnet werden konnte. Der andere war ein sehr kleines Stadion mit viel Charme und Holzbänken.

Atomium

Atomium

Schließlich zogen wir weiter zum nächsten Punkt auf der Tagesordnung, dem Atomium, das fußläufig erreichbar und schon vom Stadion aus zu sehen war. Das Atomium ist das Wahrzeichen der Weltausstellung 1958 und stellt eine 165-milliardenfach vergrößerte Zelle einer Eisen-Kristallstruktur dar (Danke, Wikipedia!). Es ist um einiges größer als wir erwartet hatten und konnte so die fehlende Größe des Manneken Pis ausgleichen. Für 11 Euro pro Person, zwei Stunden am Schalter und zwei Stunden am Eingang anstehen hätte man es auch besichtigen können. Die obere Kugel des Atomiums dient wohl als Aussichtsplattform. Dazu hatten wir allerdings keine Lust, denn der wolkenverhangene Himmel versprach nicht den Ausblick, für den sich die vier Stunden anstehen gelohnt hätten.

Also beschlossen wir, zurück in die Innenstadt zu fahren. Diesmal allerdings mit der Tram, da diese im Gegensatz zur Metro nicht unterirdisch fährt und wir so ein bisschen was von Brüssel sehen konnten. Dazu hatten wir auch genügend Zeit, denn unterwegs gab es Schienenersatzverkehr und auf den engen Ausweichstraßen gab es Verzögerungen, da zwei Busse bzw. ein Bus und ein LKW nur sehr langsam aneinander vorbei kamen. Von einer handbreit Platz zwischen den beiden Fahrzeugen zu sprechen, wäre wohl übertrieben.

Wir kamen nach gefühlten drei Stunden wieder am Bahnhof an, tranken einen Kaffee, holten das Gepäck aus dem Schließfach und besorgten uns Fahrkarten für die Fahrt zum Flughafen. Von dort geht es später weiter nach Nizza, wo es hoffentlich ein bisschen wärmer und weniger regnerisch ist als hier.

Flughafen

Flughafen

Wir fuhren mit dem Bus zum Europäischen Parlament und von dort weiter mit dem Airport Express-Bus zum Flughafen. Auch hier bestätigte sich wieder: Brüssel ist abseits der sehr schönen Innenstadt und der Touristenpunkte wenig ansehnlich. Die ganze Stadt wirkt wie in den Siebzigern restauriert und hat wenig Flair. Das europäische Viertel ist zwar etwas moderner, macht die Stadt aber nicht wirklich schöner. In Richtung Flughafen wird viel gebaut und hier gibt es schon viele große Firmen, die in großen Gebäuden auf dem flachen Land sitzen. Für deren Lobbyisten ist die Nähe zu den europäischen Institutionen sicher nicht direkt von Nachteil.

Der Flughafen ist ebenfalls sehr groß und relativ modern. Nach einem Zwei-Kilometer-Fußmarsch durch die Ankunfts- und Check-In-Hallen kündigte ein Schild an, dass es nur noch maximal neun Minuten bis zum Gate waren. Na sowas, da waren wir ja fast da.

Brüssel ist übrigens komplett in Flämisch und Französisch beschildert – jedes Straßenschild, jedes Hinweisschild, jede Werbung, alles gibt es in beiden Sprachen. Die Bahnhöfe und Haltestellen haben ebenfalls zwei Namen. Meistens handelt es sich um den gleichen Namen in beiden Sprachen. Beim Hauptbahnhof gibt es hier allerdings etwas Verwirrung, weil dieser auf Französisch Gare du Midi (Zentraler Bahnhof á la Central Station) und auf Flämisch Zuidstation (Südbahnhof) heißt. Das muss man auch erst mal wissen. Es soll wohl einige Nachtzugfahrer geben, die versehentlich nach Paris fahren, weil sie den Ausstieg in Brüssel verpassen. Beim Schild „Zuidstation“ denken sie nämlich, sie wären noch nicht am Hauptbahnhof und müssten noch eine Station weiter fahren.

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