Tag 3: Eindrücke vom legendären finnischen Sommer

12. Juli 2015. Turku (Finnland) – Helsinki (Finnland) – Nachtzug nach Moskau (Russland).

Bereits beim Frühstück kommt es zu einigen Unruhen und handfesten Diskussionen an einem unserer Nachbartische. Zwei deutsche Paare um die Fünfzig sind in einen folgenschweren Streit geraten, die Lage droht zu eskalieren. Kernthema der Auseinandersetzung: Hat Finnland eine Sommerzeit oder nicht? Der Streitpunkt: „Wenn wir im Winter nach Finnland reisen, müssen wir die Uhr um eine Stunde vorstellen und im Sommer um zwei.“ Dieser These wird wortreich, aber mit wenigen Argumenten widersprochen, man dreht sich im Kreis. Gerade rechtzeitig bevor die Lage eskaliert, beenden besagte Streithälse ihr Frühstück und verlegen ihren Disput in einen anderen Teil des Schiffes. Das Ergebnis und wie viele gebrochene Körperteile die Debatte zur Folge hat bekommen wir so nicht mehr mit. Zur Lösung des Problems: In Finnland gibt es eine Sommerzeit, weshalb die Zeitverschiebung zu Deutschland immer plus eine Stunde ist.

Ein kleiner Bahnhof und seltsame Leute mit seltsamen Fahrkarten auf Papier

Nach dem Frühstück legt unsere Fähre in Turku, das sich etwa 170 Kilometer westlich von Helsinki befindet, an. In die finnische Hauptstadt fahren wir natürlich mit dem Zug, der Bahnhof liegt keine zwei Gehminuten vom Fährterminal entfernt. Um euch einen Eindruck vom Bahnhof Turku Satama/Abo zu verschaffen, hier eine Aufzählung über alles, worüber der Bahnhof verfügt: zwei Gleise, eine elektronische Anzeige, eine Uhr. Und über das, worüber er nicht verfügt: Bänke, ein Dach, ein Bahnhofsgebäude. Am Tag fahren fünf Züge von hier ab, allesamt in Richtung Helsinki. Zwischen 8:30 Uhr und 19:45 Uhr wartet man vergeblich auf eine Bahn, wahrscheinlich kommen um diese Zeit keine Fahrgäste mit dem Schiff an.

03 Stockholm - Helsinki (29)

Bahnhof Turku Satama/Abo

Nach einigen Minuten des Wartens fährt unsere Bahn ein; sie ist sehr modern, neu, sauber und verfügt über ein offenes WiFi-Netz für alle Reisenden. Mit unserer Fahrkarte aus Papier ist der Schaffner sichtlich überfordert; alle anderen Fahrgäste haben eine umweltschonende Handy-Fahrkarte, die nur abgescannt werden muss. Als der Schaffner bemerkt, dass er zu lange unschlüssig auf unseren Zettel guckt, schreibt er mit seinem Kugelschreiber die Zugnummer daran, eine Zange zum Abstempeln der Fahrkarte besitzt er gar nicht. Rückständiges Deutschland.

Die Gegend zwischen Turku und Helsinki ist hauptsächlich durch Wald und Schlaf geprägt. Helsinki selbst zeigt sich bei unserer Ankunft von seiner sommerlichsten Seite. Es regnet in Strömen und selbst die hundert Meter zwischen Zug und überdachter Bahnhofshalle reichen aus, uns zum ersten Mal an diesem Tag zu durchnässen; das Thermometer zeigt 13 Grad Celsius. Das ist er also, der legendäre finnische Sommer.

04 Helsinki (1)

Sommer in Finnland

Gymnastik und Ausblick am Olympiastadion

Der Bahnhof ist voll von Sportlern verschiedener Nationen in ihren feinsten Präsentationsanzügen. Finnland, Brasilien, Portugal, Slowenien, Tschechien, Russland, Frankreich, Italien, alle Altersklassen von 6 bis 66. Heute beginnt nämlich die World Gymnaestrada in Helsinki. Die World Gymnaestrada ist ein einwöchiges Gymnastik-Festival, bei dem 21.000 Teilnehmer aus 52 Ländern in verschiedenen Veranstaltungen Eingeübtes vorführen. Es ist kein Wettbewerb, es gibt keine Sieger, dabei sein ist alles. Eine Altersbeschränkung gibt es ebensowenig, weshalb am Bahnhof alle Generationen vertreten sind. Ziel der Veranstaltung ist es, das Miteinander zu fördern und zu zeigen, dass jeder – unabhängig von Alter, Geschlecht, Herkunft oder Statur – sportlich aktiv sein kann.

Weil an einen Spaziergang aufgrund des Regens vorerst nicht zu denken ist, besorgen wir uns ein 24-Stunden-Ticket für den ÖPNV und fahren zuerst mal zum Olympiastadion. Unter anderem dort findet die Gymnaestrada statt, was aber nicht wirklich der Grund ist, weshalb wir dorthin wollen. Direkt neben dem Stadion befindet sich nämlich ein Turm mit einer Aussichtsplattform. Der Turm ist genau 72,71 Meter hoch, was exakt der Weite des finnischen Speerwurf-Olympiasiegers von 1932 entspricht.

04 Helsinki (26)

Generalprobe der Eröffnungsfeier zur World Gymnaestrada 2015

Für fünf Euro bringt uns der Lift in den elften Stock, noch ein Stockwerk zu Fuß und dann sind wir da, in dem Käfig mit dem tollen Ausblick. Der ist tatsächlich gar nicht schlecht, aufgrund der witterungsbedingten Umstände allerdings ein wenig trist. Unter uns im Olympiastadion läuft währenddessen die Probe für die Eröffnungsfeier der Gymnaestrada, die später stattfinden soll. Vom Fahnehissen über die Videoübertragung auf die Anzeigetafel bis hin zur Choreografie der Gymnasten wird alles akribisch geprobt. Aus dieser Höhe betrachtet ist vor allem die Choreografie von mindestens hundert Turnern im Stadion direkt unter uns interessant anzusehen.

Die Stadt ist von dichten Regenwolken verhangen, die einen allzu weiten Blick nicht zulassen. Was wir von hier oben von Helsinki sehen, ist also nicht allzu viel und ziemlich grau. Irgendwas ist ja immer.

04 Helsinki (21)

Blick auf Helsinki

Rentiergeschnetzeltes und Reisebusse

Weil der Regen etwas nachgelassen hat, wollen wir eigentlich zu Fuß zurück in die Innenstadt laufen und eine Parkanlage mitnehmen. Als wir den Turm verlassen, regnet es natürlich wieder so stark, dass wir doch auf die Straßenbahn ausweichen müssen. Wir fahren zum Marktplatz und laufen einmal durch die frisch renovierte Markthalle. Weil heute Sonntag ist, halten sich Besucheraufkommen und geöffnete Stände deutlich in Grenzen.

04 Helsinki (29)

Markthalle

Anders sieht es auf dem Marktplatz vor der Halle aus. Hier sind die Stände von kleinen Zelten überdacht und größtenteils geöffnet. Vor allem Fressbuden und Gemüsestände sind für Touristen und Einheimische gleichermaßen geöffnet. An einem Stand namens Lappland Food gibt es Rentiergeschnetzeltes mit Stampfkartoffeln und Preiselbeermamelade, das nach angebratenem Rinderhack schmeckt.

Der Dom ist zu dem Zeitpunkt, an dem wir eintreffen nicht für die Öffentlichkeit geöffnet, weil im Innern geheiratet wird. Auf dem Vorplatz und den Treppen wimmelt es nur so von deutschen Touristen, offenbar hat die Aida auf einer Ostseekreuzfahrt heute einen Zwischenstopp in Helsinki eingelegt. Auf den Charterbussen für die geführten Stadtrundfahrten stehen so neckische wie vielsagende Titel wie „Helsinki mal anders“.

04 Helsinki (38)

Yachthafen

Wir laufen an einem kleinen Yachthafen vorbei zur Uspenski-Kathedrale, die als einziges Gebäude in Helsinki ein wenig Eleganz ausstrahlt, der sich im Inneren allerdings nicht wieder findet. Ich weiß nicht, ob es am Wetter liegt, aber ich nehme Helsinki als ziemlich triste Stadt mit wenig Flair wahr. Mir fehlen die Backsteinfassaden, verzierten Fensterelemente und bunten Häuser, die die meisten anderen Städte an der Ostsee ausmachen. Stattdessen sind die Häuser in Helsinki alle glatt in gedeckten Farben verputzt und kastenförmig. Läuft man durch die Straßen, kommt so eine Siebzigerjahreatmosphäre auf.

American Football auf Finnisch

Um zum Abschluss noch ein hippes, angesagtes Viertel zu sehen, fahren wir mit der Straßenbahn nach Kallio und müssen aufpassen, dass wir unterwegs nicht einschlafen und unsere Station verpassen. Die Nächte waren mit fünf bis sechs Stunden Schlaf bisher sehr kurz im Vergleich zu den vierzehn Stunden, die wir auf den Beinen waren.

04 Helsinki (49)

Helsinki Wolverines gegen Jaguaarit in der I-divisioona, der zweithöchsten finnischen Football Liga

Unsere Station befindet sich direkt neben einem Kunstrasenplatz mit Tribüne, auf dem gerade ein American Football Spiel läuft. Der Eintritt kostet nur fünf Euro und wir haben Zeit; also schauen wir uns die Helsinki Wolverines gegen Jaguaarit in der I-divisioona, der zweithöchsten finnischen Football Liga, an. Ich verstehe zum ersten Mal das Ziel des Spiels und was die Leute mit ihren Ganzkörperpanzern da eigentlich machen. Zur Halbzeit wird es aber kalt und langweilig und so entscheiden wir, endlich das empfohlene Szeneviertel zu besichtigen. Football ist eben ein sehr taktischer Sport, der durch viele Unterbechungen und wenig Spielfluss geprägt ist. Das muss man halt mögen. Wir finden es langweilig.

Der Versuch, am Sonntagnachmittag einen Kaffee zu bekommen

Kallio stellt sich schließlich als genauso trist heraus wir die Innenstadt, mit dem Unterschied, dass es sich um ein Wohngebiet handelt, in dem komplett tote Hose ist. Nachdem wir einmal quer durch das Viertel gelaufen sind, haben wir nur zwei geöffnete Bars gesehen. Ja, okay, es ist Sonntag. Aber viel mehr wären es an einem Wochentag auch nicht gewesen, denn weitere Bars haben wir nicht gesehen. Oder Cafés. Oder Menschen.

04 Helsinki (51)

Szeneviertel Kallio

Nun gut. Wir wollen einen Kaffee trinken, um der Müdigkeit etwas entgegen zu wirken, also entscheiden wir uns, eine Lokalität aufzusuchen, die sich im ersten Stock über einem Imbiss befindet und für einen Sonntagnachmittag gut besucht wirkt. „Dort werden wir wohl einen Kaffee bekommen, vielleicht sogar ein Stück Kuchen.“, so der Kerngedanke als wir die Stufen hochsteigen.

Oben angekommen stellen wir fest, dass von den Anwesenden niemand Kaffee trinkt. An Kuchen ist gar nicht zu denken. Stattdessen sind einige der Biergläser auf den Tischen schon verdächtig leer. Nebenbei gibt es Live-Musik (zur Erinnerung: Sonntagnachmittag, 16:00 Uhr), die Musiker spielen Klassiker wie „Summer of 69“ und werden von den Massen gefeiert. Um uns den örtlichen Gepflogenheiten anzupassen, bestellen wir ein Bier und einen Cider und lauschen der Musik.

04 Helsinki (53)

Die Massen sind aus dem Häuschen

Auf dem Weg zurück zum Bahnhof herrscht natürlich Bombenwetter, die Sonne scheint, die Temperaturen steigen bis auf phänomenale 17 Grad.Wir sind erfreut.

Nachtzug nach Moskau

Eine Viertelstunde vor Abfahrt wird unser Zug bereitgestellt, die Kinder der russischen Hoolahoop-Mannschaft begleiten uns nach Moskau. Für sie scheint die Gymnaestrada bereits beendet zu sein. Hoffentlich nicht, weil die Reifen aufgrund der kühlen Temperaturen verzogen sind. Oder nass wurden. Wir drücken die Daumen und hoffen das beste.

05 Helsinki - Moskau (2)

Nachtzug nach Moskau

Obwohl unsere Pässe beim Einlesen in das Passeinlesegerät der Schaffnerin Fehlermeldungen erzeugen, dürfen wir einsteigen. Wir fahren mit einem nagelneuen Zug der RZD, der russischen Bahn, der nicht nur neu und sauber, sondern auch sehr modern ist. Im Abteil liegen ein Lunchpaket und ein Päckchen mit Zahnbürste, Schuhlöffel und weiteren nützlichen Utensilien, die auf keiner Zugfahrt fehlen dürfen, bereit. Der ganze Zug ist klimatisiert, es gibt WiFi (allerdings ohne Internetverbindung), eine Dusche in der Toilette, einen Wasserhahn mit regulierbarer Temperatur, ein Bordmagazin, in dem Fanartikel von der RZD wie Puschen und Kaffeetassen angeboten werden und Chipkarten, mit denen die Abteiltüren geöffnet werden. Hochmodern und sehr komfortabel.

Weil noch zwei Betten in unserem Abteil frei sind und die Grenzkrontolle gegen Mitternacht ansteht, machen wir es uns bequem und stellen uns auf einen langen Abend und eine kurze Nacht ein.

Heutige Verbindungen

IC 950 Turku Satama/Abo (ab 8:30 Uhr) – Helsinki (an 10:58 Uhr) / 53,20 Euro (2 Personen)

NZ 31/NZ 31AJ/D 31AJ Helsinki (ab 18:56 Uhr) – Moskau (an 8:24 Uhr) / 181,40 Euro (2 Personen im Liegewagen)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.