Tag 3: „I follow the Moskva down to Gorki Park …“

19. Juni 2013. Moskau, Russland.

Nachdem die Nacht aufgrund einer Mückenplage sehr unruhig war, begann der Morgen ziemlich spät. Nach dem Duschen und dem Frühstück ging es gegen 13:00 Uhr los. Erstes Ziel: der Bahnhof, von dem aus wir morgen Abend nach Sankt Petersburg fahren. Eigentlich wollten wir nur kurz schauen, ob es dort Schließfächer gibt. Die ganze Situation war aber ein bisschen komplexer als gedacht.

Das erste Problem war, dass auf unserer Fahrkarte ein Bahnhof steht, den wir auf keinem Metroplan gefunden haben. Denis forschte ein bisschen im Internet und wir kamen zu dem Schluss, dass wir wohl zum Leningrader Bahnhof müssen. In Moskau gibt es nämlich nicht einen Hauptbahnhof, sondern mehrere Fernverkehrsbahnhöfe in allen Himmelsrichtungen. Diese tragen die Namen der Richtung, in die die Züge von dort aus abfahren. Gestern sind wir z.B. am Beloruskaja angekommen, also dem Weißrussischen Bahnhof, da wir ja aus Weißrussland kamen. Und da Sankt Petersburg früher Leningrad hieß, liegt es wohl sehr nahe, dass unser Zug vom Leningradski abfährt. Gut, also hin da.

Zwei Bahnhofshallen neben dem Leningradski

Zwei Bahnhofshallen neben dem Leningradski

Tja, der Leningrader Bahnhof steht nun aber auch nicht auf dem Metroplan, die nächste Metrostation war laut Karte Komsomolskaja. Nützt ja nix, also fahren wir eben dorthin, so weit entfernt vom Leningradski kann es auch nicht sein. War es auch nicht. Das Problem war nur, dass es dort nicht nur einen Bahnhof gab, sondern insgesamt vier. Neben dem Leningrader noch zwei weitere Fernbahnhöfe und einen Regionalbahnhof. Es befanden sich also grenzend an den Platz vor der Metrostation mehrere Bahnhofsvorhallen, die mehr oder weniger ineinander übergingen und nicht etwa zu den Gleisen führten. Nein, das wäre wohl zu einfach. Jede Halle beherbergte mindestens einen großen, zum Teil aber auch mehrere kleine Räume, in denen Fahrkarten verkauft wurden.

Zu den Gleisen kam man auch irgendwie, wenn man lange genug umherirrte. Wir waren also mindestens eine halbe Stunde auf dem Gelände unterwegs und sind uns jetzt fast sicher, wohin wir morgen müssen. Wir haben zumindest die Gleise gefunden, auf denen Züge nach Sankt Petersburg fahren. Und Schließfächer gibt es auch.

Christ-Erlöser-Kathedrale

Christ-Erlöser-Kathedrale

Vollkommen fertig sind wir dann mit der Metro wieder in die Innenstadt gefahren, um uns die Christ-Erlöser-Kathedrale mal aus der Nähe anzuschauen. Ein sehr großes, sehr goldenes und sehr toll gestaltetes Gotteshaus, in das nur Menschen hineinkommen, die Hosen tragen, die mindestens ihre Knie bedecken. Also nicht wir an diesem Tage. Aber auch von außen ist diese Kirche sehr toll anzuschauen und auf jeden Fall einen Besuch wert.

Die Kirche wurde übrigens 1931 während der Herrschaftszeit Stalins zerstört, weil hier stattdessen der Palast der Sowjets entstehen sollte. Dieser war allerdings so dermaßen gigantisch geplant worden, dass der Untergrund immer wieder nachgab und der Bau dadurch massiv verzögert wurde. Als das Fundament dann irgendwann fertiggestellt worden war, brach der Zweite Weltkrieg aus und man hatte plötzlich kein Geld mehr für den Palast übrig. Nach dem Krieg wurde der Bau ebenfalls nicht weiter fokussiert und nach Stalins Tod entschied man, die Fundamente für ein Freibad zu verwenden. Nachdem die Kirche in den 1980er Jahren wieder mehr an Bedeutung gewann und das Freibad mittlerweile marode war, wurde die Kathedrale ab 1995 originalgetreu wieder aufgebaut. Fertiggestellt wurde sie im Jahr 2000.

Links der Kreml, rechts das "Haus an der Moskva"

Links der Kreml, rechts das „Haus an der Moskva“

Neben der Christ-Erlöser-Kathedrale führte eine Fußgängerbrücke über die Moskva. Von hier aus hatte man einen tollen Blick auf die Kirche, den Kreml und ein Denkmal für Peter den Großen. Es stellt Peter auf einem großen Segelschiff mit einer Schriftrolle in der Hand dar. Die Geschichte des Denkmals ist umstritten, am wahrscheinlichsten ist es aber wohl, dass es ursprünglich mal ein Denkmal für Christoph Kolumbus werden sollte. Es sieht jedenfalls nicht schlecht aus, passt aber nicht in eine Stadt wie Moskau, die so gar nicht am Wasser liegt.

Direkt gegenüber der Kirche steht außerdem das „Haus an der Moskva“. Das ist ein riesiges, absolut häßliches Wohnhaus, das zu Sowjetzeiten Regierungsmitgliedern und wichtigen Leuten vorbehalten war. Dieses Gebäude besitzt auch mehrere geheime Ausgänge durch den Keller. Hin und wieder wurden auf diesen Wege wohl unbequeme Personen entsorgt.

Stalin hdZ

Stalin hdZ

Wir liefen dann an der Moskva entlang zu unserem nächsten Ziel: dem Statuen-Park, in dem eine Menge Statuen aus der Sowjetzeit stehen sollten. Als wir dort ankamen, mussten wir aber leider feststellen, dass hier gerade Bauarbeiten in Gange waren und der Park daher größtenteils abgesperrt war. Wahrscheinlich entsteht hier gerade der neue Putin-Park mit Büsten und Zitaten Putins. Stalin und ein paar andere konnte man aber dennoch hinter den Bauzäunen sehen.

Dann also weiter. Einmal über die Straße und schon waren wir im Gorki Park. Hier scheint sich nach Feierabend ganz Moskau zu treffen, was aber auch nicht verwundert, weil es hier wirklich für jeden etwas gibt: Wiesen und Bänke, Sportplätze, Seen, Fahrrad- und Inlineskates-Verleihe, Imbissbuden, die Gartenschau, viel Platz für Fahrräder und Inlineskates, einen Wald und sicher noch eine ganze Menge mehr. Wir sind zwar gefühlte 14 Kilometer durch den Park gelaufen, haben aber mit Sicherheit nicht alles gesehen, weil wir hauptsächlich an der Moskva entlang durchs Grüne gelaufen sind. Die Stimmung im Park war sehr entspannt und es waren Menschen aller Altersklassen unterwegs.

Gorki-Park

Gorki-Park

Nach gefühlten etwa sieben Stunden Fußmarsch konnten wir in den Sperlingsbergen ein großes Gebäude mit einem großen und vier kleinen Türmen sehen – die Universität, die auch ohne Probleme ein Fünf-Sterne-Hotel sein könnte. In direkter Nachbarschaft lag eine Ski-Sprungschanze, wahrscheinlich für die Wintersportstudenten.

Wir überquerten dann eine zweistöckige Multifunktionsbrücke, auf der oben Autos und unten die Metro fuhren, an der Seite gab es einen kleinen Streifen für Fußgänger. Wir hatten von dort einen tollen Blick über die Moskva und sahen nun schon von weitem das Lushniki-Stadion. Dieses hieß früher Leninstadion, ist mit fast 90.000 Plätzen das größte Stadion Russlands, Heimspielort von Spartak Moskau und wird wohl der Austragungsort für das Finale der WM 2018. Dafür soll es aber wohl komplett neu gebaut werden, was echt schade ist, weil es wirklich ein sehr gut erhaltenes altes Stadion ist. An dessen Stelle wird wohl einer dieser modernen Fußballtempel entstehen, die sich nicht von einander unterscheiden.

Lushniki-Stadion

Lushniki-Stadion

Das Stadion lag in einem sehr weitläufigen Sportpark und nebenan befand sich eine Schwimmarena, davor stand eine riesige Lenin-Statue. Der Zugang zum Stadion führte über eine breite Straße, gesäumt von Springbrunnen und Grünflächen. Hier jedes zweite Wochenende zum Heimspiel herzukommen ist wohl ein anderes Gefühl als durch den Barnsdorfer Wald zu stapfen.

Wir fuhren dann mit der Metro wieder in die Innenstadt, stiegen am Bolschoi-Theater aus und konnten Karl Marx auf der anderen Straßenseite noch mal grüßen. Anschließend liefen wir die Twerskaja hoch in Richtung unseres Hostels. Die Twerskaja ist eine große Einkaufsstraße, in der kein Laden fehlen darf, der Rang und Namen hat. Nach gefühlten 17 Kilometern bogen wir in das Wohngebiet ab, in dem sich unser Hostel befindet, besorgten uns bei Tatjana Frühstück, Abendbrot und Bier und werden uns heute an keinen Ort mehr bewegen, der weiter entfernt liegt als die Toilette.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.