Tag 3: Leichte Diskrepanzen zwischen Straßenkarte und Wirklichkeit

28. Juni 2014. Havanna, Nordwest-Kuba – Viñales, West-Kuba. 180 Kilometer.

Havanna – Viñales. 180km. (Zeitangabe irreführend)

Havanna – Viñales. 180km. (Zeitangabe irreführend)

Nach dem Frühstück wollten wir auschecken und dann unseren Mietwagen abholen. Bevor wir gehen konnten, mussten wir allerdings noch unsere Schulden an der Bar bezahlen.

Auf der Dachterrasse traf ich jemanden, der aussah als wäre er heute für die Bar verantwortlich. Leider konnte der gute Herr kein Englisch, weshalb ich krampfhaft auf Spanisch versuchte, ihm klarzumachen, dass ich noch unsere Getränke von gestern zahlen müsste. Der gute Herr war leider nicht direkt zuständig, hielt Rücksprache mit den Damen in der Küche und weckte dann jemanden, der ein Zimmer neben der Bar bewohnte. Dieser gute Herr sah dermaßen verkatert und verpennt aus, dass ich mich gewundert habe, dass er überhaupt vom Klopfen an seiner Tür wach geworden ist. Bei ihm konnte ich dann jedenfalls die sieben CUC (fünf Euro) bezahlen und wir konnten schuldenfrei aufbrechen.

Die Autovermietung – Cuba Car – befand sich in einem fensterlosen Hinterzimmer eines großen Hotels. Zuerst waren wir mit einem Angestellten allein in dem Raum. Nach und nach kamen immer mehr Leute dazu, sodass wir am Ende zu sechst waren. Die Herren unterhielten sich angeregt und störten sich größtenteils auch nicht daran, dass wir da waren.

Ein weiterer Herr zeigte uns dann unseren Wagen und wie dieser funktioniert. Es handelt sich um einen weißen Kia Picanto, mit dem wir jetzt elf Tage unterwegs sein werden. Er hat kein ABS, aber eine Klimaanlage und ein Automatikgetriebe. Außerdem verfügt er über vier Gänge, von denen einer rückwärts ist. Aufgrund der schlechten Straßenverhältnisse soll man aber auf Kuba sowieso nicht so schnell fahren können. Außerdem haben wir ja Zeit.

Wir hatten einige Schwierigkeiten, aus Havanna heraus zu finden. Etwa 90 Prozent aller Straßen sind hier nämlich Einbahnstraßen, was die sowieso schon unübersichtliche Stadt für einen Ortsunkundigen absolut undurchschaubar macht. Nachdem wir über ein paar Umwege zu einem großen Kreisverkehr gekommen sind, nahm das Elend seinen Lauf. Am Kreisverkehr waren wir schon mal richtig. Jetzt mussten wir nur noch die richtige Ausfahrt finden. Klingt ziemlich einfach, war es aber nicht. Schilder sind hier nämlich Mangelware und wenn sie doch vorhanden sind, dann sind sie so angebracht, dass man erst sieht, dass man falsch ist, wenn es zu spät ist.

Malecon

Malecon

Wir sind dann also durch einen Tunnel gefahren und haben die Stadt in östliche Richtung verlassen. Das war dahingehend ein Problem, weil wir nach Westen mussten und keine Möglichkeit hatten, umzudrehen. Die Straße hatte nämlich in jede Richtung drei bis vier Spuren (das ist ja alles relativ) und in der Mitte einen befestigten Grünstreifen. Erst nach einigen Kilometern, am Olympiastadion, bot sich die Möglichkeit zu wenden, wobei wir uns ebenfalls fast verfahren hätten. Es gab wieder keine Schilder und man konnte nicht mal ahnen, wo die nächste Straße entlang führen würde.

Wir kamen jedenfalls zurück zum Tunnel und durch diesen zum Kreisverkehr. Hier nahmen wir noch einmal den falschen Weg, bevor wir tatsächlich auf dem Malecon Richtung Westen waren. Super, das erste Etappenziel war erreicht, wir hatten Havanna verlassen. Und das auch noch in die richtige Richtung. Jetzt konnte gar nichts mehr schief gehen.

Wir hatten uns vorgenommen, auf einer Landstraße an der Nordküste entlang nach Viñales zu fahren. Auf unserer Kuba-Karte (so eine richtige Straßenkarte aus Papier, Navi kann jeder, funktioniert hier auch gar nicht) sind Landstraßen grün und Autopistas, also Autobahnen, blau eingezeichnet. Es gab ganz im Norden eine grüne Straße, darunter eine blaue und unter dieser noch eine grüne Straße. Weil wir Zeit hatten und viel von der Gegend sehen wollten, wollten wir unbedingt auf einer Landstraße Richtung Westen fahren. Die obere führte über Mariel nach La Palma an der Küste entlang, weshalb wir uns für diese entschieden. So weit, so gut.

Gegend

Gegend

Wir waren nach einiger Zeit auch tatsächlich in Mariel und bogen (unserer Meinung nach) richtig ab nach Cabañas. Okay, auch noch gut. Die Straßenschilder waren alle grün, was zu der Farbgebung auf unserer Karte passte, weshalb wir auch davon ausgingen, richtig zu sein. In Deutschland sind Autobahnen ja auch immer blau auf den Karten eingezeichnet und beschildert. Dann werden die Karten auf Kuba ja in der gleichen Farbgebung gestaltet sein wie die Schilder auf der Straße. Dachten wir.

Tja, nun kamen nach einiger Zeit Ortsnamen, die so gar nicht zu unserer Strecke passten. Außerdem war auch nichts mehr von einer Küste zu sehen. Okay, ein Blick auf die Karte verriet aber, dass die Richtung auch weiterhin stimmte. Also mussten wir uns wohl auf der untersten grünen Straße befinden, was an sich ja auch kein Problem war. Wir mussten wohl an einer Autobahnkreuzung falsch gefahren sein. Dort waren manche Orte grün hinterlegt (Landstraße) und andere blau (Autopista). Wir waren den grünen Orten gefolgt, also noch auf der Landstraße unterwegs. Eigentlich wollten wir ja anders fahren, aber wir hatten auch wenig Lust, umzudrehen. Also fuhren wir weiter.

Als nach einiger Zeit „Las Terrazas“ ausgeschildert war, war die Verwirrung vollkommen. Wir konnte da Las Terrezas stehen? Das ist nur über die Autopista erreichbar. Das kann absolut nicht sein, das ist unmöglich! Nun, das war wohl doch möglich. Es stellte sich heraus, dass die Straßen, die in unserer Karte grün eingezeichnet sind (Landstraßen) in Echt blau beschildert sind und die Straßen, die auf der Karte blau sind (Autopistas), eigentlich grün sind. Arg. Nun gut, dann waren wir also auf der Autobahn. Auch egal, die Richtung stimmte ja weiterhin, auch wenn wir wirklich keine Ahnung hatten, wie zum Teufel wir auf diese Straße gekommen waren. Eigentlich war es nicht möglich, dass wir uns dort befanden. Aber aus irgendeinem Grund waren wir nun dort.

So verließen wir die Autopista kurz vor Pinar del Rio in die Richtung, in der Viñales ausgeschildert war. Wir mussten laut einem Schild an einer Kreuzung links abbiegen, wurden dabei aber von einem Mann angehalten, der uns hinterher schrie, dass wir gar nicht abbiegen mussten. Woher er wusste, wohin wir wollten, war uns ein Rätsel, aber er hatte Recht.

Er fragte uns dann sehr eindringlich, ob wir ihn nicht bis Viñales mitnehmen könnten. Er würde uns auch seinen Ausweis und sein Handy als Pfand geben. Wir verzichteten auf das Pfand, nahmen ihn aber mit. Er erzählte uns, dass es große Probleme mit dem öffentlichen Verkehr gäbe und die meisten Menschen darauf angewiesen seien, dass jemand sie mitnimmt. Wir hatten uns schon gewundert, warum an so vielen Straßenkreuzungen Leute standen. Ein Bus von Pinar del Rio nach Viñales fährt nämlich nur dreimal am Tag, einmal um sieben, einmal um zwölf und einmal um fünf. Das ist im Verhältnis zu der Anzahl an Menschen, die an der Straße stehen, ein Witz.

Xavier, so hieß unser Mitfahrer, empfahl uns, vor Viñales eine Abzweigung zu einer Aussichtsterrasse zu nehmen, von der man einen tollen Blick auf das Valle de Viñales hatte. Hier gab es „Mogotes“ genannte bewachsene Hügel, umgeben von Tabak- und Maisfeldern, zu sehen. Wir hatten einen tollen Ausblick, der Lust machte, das Tal vor unserer Weiterfahrt noch einmal näher zu erkunden.

Blick auf das Valle de Viñales

Blick auf das Valle de Viñales

Ganz in der Nähe lud Xavier uns zum Dank auf einen Saft im Restaurant eines Freundes ein. Wir hatten gelesen, dass man Einladungen von Kubanern grundsätzlich erst einmal ablehnen sollen, weil eine Einladung meist nicht als solche gemeint ist, sondern eine grundsätzliche Sympathiebekundung darstellt. Xavier bestand aber darauf und so gab es noch einen Saft für jeden.

Am Ortsanfang von Viñales setzten wir ihn ab und folgten seiner Wegbeschreibung zu unserem Casa, wobei wir uns nur ein einziges Mal verfuhren. Einer Wegbeschreibung muss man auch nicht immer vollstes Vertrauen schenken, weil ein Kubaner jemanden lieber in die ganz falsche Richtung schickt als zuzugeben, dass er keine Ahnung hat. Xavier kannte sich aber aus und so gab es keine größeren Probleme.

Unsere Unterkunft heißt Casa de Yuri y Niño und kann sich echt sehen lassen. Unser Zimmer ist mit sage und schreibe drei Doppelbetten und einer Klimaanlage ausgestattet. Ein Fenster haben wir auch, allerdings keine Scheiben. Die Lamellen, ähnlich denen von Fensterläden, nur dass sie direkt am Fensterrahmen angebracht sind, lassen sich aber problemlos fast vollständig schließen. Außerdem gibt es in unserem Casa noch ein Restaurant, einen kleinen Pool und eine Dachterrasse, von der man einen phänomenalen Blick auf die Mogotes hat.

Viñales ist ein kleiner Ort, in dem jedes zweite Haus mindestens einen Raum vermietet. Die Häuser sind alle bemalt, im Ort fehlt es wohl an keiner Farbe des Regenbogens. Man fühlt sich hier wie in einer Ferienanlage oder auf einem Campingplatz. Die Häuser könnten alle Bungalows sein und die Stimmung ist entspannt wie in einem Urlaubsort. Im Gegensatz zu Havanna scheint es hier auch wenig Armut zu geben, zumindest auf den ersten Blick. Dafür gibt es hier umso mehr Hunde auf der Straße. Und Hühner. Diese laufen ebenfalls auf der Straße herum und vorhin auch durch unser Restaurant.

Als wir durch den Ort liefen, kamen wir an einem LKW vorbei, aus dem heraus Bier verkauft wurde. Und zwar nicht in Flaschen, sondern zum Selbstzapfen aus einem riesigen eingebauten Fass. Prost. In der Nähe war auch ein Mann unterwegs, der kaum noch geradeaus laufen konnte, dafür aber gerade eine Flasche Rum als Nachschub geholt hatte. Na ja, ist ja auch Wochenende.

Nach unserem Spaziergang, der kaum länger als eine halbe Stunde gedauert hat, uns aber wieder einmal an den Rand der schwitzenden Verzweiflung gebracht hat, mussten wir uns erst mal abkühlen. Zuerst unter der Klimaanlage in unserem Zimmer und später mit den Beinen im Pool. Jetzt sitzen wir auf der Dachterrasse, genießen den Ausblick und bekommen hoffentlich demnächst Abendbrot und irgendwas mit Rum. Gute Nacht.

 

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