Tag 3: Über atemberaubende Landschaften, Toilettenpapier und Klischees

24. Juli 2017. Hel, Polen.

Eigentlich wollten wir heute auf dem Weg von Mielno nach Hel nur einen einzigen Zwischenstopp einlegen, um die Lonsker Düne zu erklimmen. Die Lonsker Düne ist mit etwa 42 Metern die dritthöchste Düne Europas und befindet sich auf einer Nehrung zwischen Ostsee und Lebasee. Das klingt zwar einerseits anstrengend, andererseits aber auch nach einem tollen Erlebnis. Und weil wir zwei junge, sehr dynamische Menschen sind, geht bei uns natürlich immer Neugier über Bequemlichkeit.

Nur kurz die Beine vertreten

Etwa eine Stunde bevor wir in Łeba, dem Ausgangspunkt für Wanderungen auf die Düne, ankommen sollen, ist an der Straße ein Leuchtturm ausgeschildert, an dem wir spontan einen kurzen Halt einlegen wollen, um uns mal die Beine zu vertreten.

Nachdem wir das Auto geparkt und ein paar Złoty Eintritt für den Nationalpark gezahlt haben, in dem wir uns nun offenbar befinden, nehmen wir den einzigen Fußweg, den wir finden können. Dieser ist zwar nicht weiter beschildert, aber die anderen Leute laufen hier auch lang, also wird er schon nicht zum Haus eines Massenmörders führen – so die Hoffnung.

Die weiße Wand

Nach einem fünfzehnminütigen Waldspaziergang ist es dann so weit und wir stehen so plötzlich wie unverhofft vor einer weißen Wand. Okay, es ist nicht die Lonsker Düne, aber immerhin eine Düne und wir sind nun mal hier und haben jetzt sowieso schon die Schuhe ausgezogen. Also können wir auch gleich hochlaufen.

Nur kurz die Beine vertreten?

Wir erreichen den Dünenkamm nach einigen anstrengenden Minuten und haben nun einen guten Blick auf die wunderschöne weiße Dünenlandschaft und den nächsten Dünenkamm, den wir über einen Ab- und erneuten Aufstieg erreichen, um dort festzustellen, dass wir noch lange nicht da sind.

Dass sich viele Kinder der anderen Bergsteiger einfach die Düne herunterrollen lassen, halten wir zunächst für ein niedliches Spiel. Als wir bemerken, worauf wir uns eingelassen haben und dass noch unabsehbar viele weitere Dünen folgen, halten wir sie für ziemlich schlau. Da die Altersgrenze für diese Art der Wanderung allerdings im unteren zweistelligen Bereich liegt und Strandsand im Schlüpfer immer so scheuert, verzichten wir auf das Rollen und wählen die anstrengende Variante mit den Füßen.

Wunderschön und anstrengend zugleich

Es folgen nun zwei weitere Abstiege mit viel Zeit, die wunderschöne, fantastisch weiße und ausgedehnte Landschaft zu bewundern. Und zwei weitere Aufstiege mit noch viel mehr Zeit, über den weichen Sand, die Anstrengung und das Wasser nachzudenken, das noch im Auto liegt. Arg.

Aber egal. Wie immer ist umkehren keine Option. Die anderen Leute laufen ja schließlich auch immer weiter und wo eine Düne ist, ist meist auch ein Strand, wenn man sich nicht gerade in der Sahara befindet. Dass diese Gegend auch „Polnische Sahara“ genannt wird, lassen wir einfach mal außer Betracht.

Wasser!

Irgendwann ist schließlich das Meer zu sehen und nach weiteren zehn Minuten auch erreicht. Als wir den Strand sehen, die Wellen hören, den Wind riechen können, ist die gesamte Anstrengung vergessen. Das ist die Ostsee. Wegen solcher Augenblicke sind wir hier.

Die Ostsee

Ein kleines Schild weist darauf hin, dass es links entlang zum Leuchtturm geht. Ach ja, da war ja was. Weil wir absolut keinen Drang verspüren, über die Düne zurück zum Auto zu laufen und unbedingt noch länger an diesem wunderbaren Strand bleiben wollen, wollen wir zum Leuchtturm wandern und von dort durch den Wald zurück zum Parkplatz.

Wir laufen schließlich bestimmt anderthalb Stunden direkt am Strand entlang, die Füße im Wasser, die Hose hochgekrempelt und trotzdem nass, Richtung Leuchtturm und lassen uns den Wind durchs Haar wehen. Wir sind zwar nicht allein am Strand, aber es sind zu keinem Zeitpunkt aufdringlich viele Menschen vor Ort, sodass wir den Spaziergang von der ersten bis zur letzten Minute genießen können.

Strand

Schließlich erreichen wir den Ausgang zum Leuchtturm, müssen eine letzte steile Düne überwinden und befinden uns wieder im ostseetypischen Kiefernwald. Vom Turm selbst bleibt nur in Erinnerung, dass der Eintritt erst ganz oben kurz vor der Aussichtsplattform gezahlt wird, wo niemand mehr beschließt, keinen Eintritt zahlen zu wollen, und dass die Düne von hier oben aus nicht mal halb so schlimm aussieht wie sie sich beim Aufstieg anfühlt.

Die Düne von oben

Wieder auf der Straße

Zurück am Auto beschließen wir, den Halt in Łeba und damit auch die Lonsker Düne auszulassen. Uns ist nicht so richtig danach, eine weitere, noch höhere Düne zu erklimmen. Außerdem kann es dort auch nicht schöner sein als hier in Czołpino, höchstens voller.

Stattdessen setzen wir unsere Fahrt über die Dörfer fort und folgen den Straßen, auf denen sich jede Geschwindigkeit doppelt so schnell anfühlt, weil sie immer eine Überraschung wie ein Schlagloch, ein entgegen kommendes Fahrzeug oder eine unverhofft enge, spitze Kurve bereit halten können. Die Dörfer, die wir passieren, sind meist klein, verschlafen und wirken als hätten sie sich in den letzten 50 Jahren nicht allzu sehr verändert. Hin und wieder sitzen besonders alte oder junge Leute vor den Häusern und bieten Obst, Pilze oder Honig zum Verkauf. Man ist hier entspannt.

Campingplatz für Anfänger

Als wir am frühen Abend die Halbinsel Hel erreichen, herrscht Abreiseverkehr, viele Besucher kehren von einem Tag am Strand heim. Auf dem angesteuerten Campingplatz am Ende der Insel angekommen, sind wir etwas ratlos, wo wir das Geld für die Übernachtung abzugeben haben. Denn das kleine Kassenhäuschen an der Einfahrt ist verwaist und auch sonst ist niemand zu sehen, der sich für Neuankömmlinge zuständig fühlt.

Ich spreche also eine vor einem Bungalow sitzende Gruppe an und während man mir erklärt, wo ich das Office finden könne, kommt zufällig jemand mit einem Namensschild auf einem Fahrrad vorbei, an den ich übergeben werde. Dieser Herr spricht zwar kein Englisch und scheint auch gerade besseres vorzuhaben, zeigt uns aber, wo wir parken sollen, gibt uns eine Nummer für unser Zelt und bringt mich ins Office. Beim „Office“ handelt es sich um einen Bungalow mit Schreibtisch und Geldkassette, wo man zwar auch kein Englisch spricht, mir aber 42 Złoty (keine 10 Euro) abnimmt und meinen Namen notiert.

Das Zelt steht schließlich irgendwo am Rand unter Bäumen, angemessen weit von anderen entfernt, das Auto daneben. Die Waschräume gehören in die Kategorie „sind da, mehr nicht“. Das Toilettenpapier hängt draußen prominent vor dem Eingang, so dass jeder Passant im Vorbeigehen abschätzen kann, was man da drinnen so vor hat. Da fühlt man sich seinen Mitmenschen doch gleich ganz anders verbunden.

Sorgt für etwas Auflockerung des menschlichen Miteinanders: Toilettenpapier

Welcome to Hel

Wir unternehmen noch einen Ausflug in den Ort Hel, einem Urlaubsort mit belebter Promenade, vielen Restaurants und Ausflugsschiffen. Auf einem davon sitzt die Crew nach Feierabend noch an Deck und genehmigt sich einen Absacker. Ein bisschen klischeehaft tragen alle blau-weiß gestreifte T-Shirts. Sehr klischeehaft fehlt einem Matrosen der halbe Arm. Wenig klischeehaft trägt niemand eine Augenklappe. Schubladendenken wird einem heute aber auch nicht mehr leicht gemacht.

Abendstimmung in Hel

Nach dem Abendessen versorgen wir uns mit dem wichtigsten für das Frühstück und stellen bei einem weiteren Strandspaziergang fest, dass weicher Sand echt auf die Knochen geht, vor allem wenn es dunkel wird und noch ein paar Kilometer bis zum Campingplatz übrig sind. Die letzte Erkenntnis des Tages überkommt uns dann im Zelt: einer unserer Nachbarn ist Baumfäller. Na dann, gute Nacht.

Der Tag in Zahlen und Fakten

  • Kilometerstand: 1.384 km
  • Heute: 284 km
  • Streckenverlauf: Mielno – Czołpino – Hel
  • 10 km zu Fuß über Dünen und am Strand
  • Länder: Polen

Aufgezeichnet mit dem Geo Tracker von geo-tracker.org

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