Tag 3: Von Seeungeheuern und Drachen

18. Juni 2012. 17:24 Uhr. An Deck unseres Bootes. Irgendwo in der Halong-Bucht, Vietnam.

Heute Morgen hieß es früh aufstehen, denn pünktlich um 8:00 Uhr sollten wir bei den Kindern der Blue Drangon Foundation sein, einer Einrichtung, die Straßenkindern hilft, wieder zur Schule zu gehen und verschleppte Kinder zurück zu ihren Familien bringt. Ziemlich interessant, was die Dame uns da erzählt hat. Mit den Kindern konnten wir uns leider nicht so viel unterhalten, da diese nicht so gut Englisch sprachen. Dafür konnten wir aber unseren Vietnamesisch-Wortschatz aufbessern. „Hallo“ heißt z.B. „Xin Chao“ (gesprochen Sin Tschao). Man muss aber aufpassen, dass man das Chao lang zieht und mit der Stimme nach unten geht. Sagt man es zu schnell und geht mit der Stimme nach oben, sagt man Haferbrei. So geschehen, als Rick im Restaurant Hallo sagen wollte, aber versehentlich Brei bestellt hat.

Ein paar Millionen

Ein paar Millionen

Ein Wort kann je nach Betonung fünf verschiedene Bedeutungen haben. Wer da denkt, er kann Vietnamesisch lesen, nur weil lateinische Buchstaben verwendet werden, wird schnell eines Besseren belehrt. So viele verschiedene Betonungszeichen, die natürlich auch pro Buchstabe miteinander kombiniert werden können, gibt es nicht mal im Tschechischen und Ungarischen zusammen. Dafür sind die Wörter wenigstens kurz und bestehen meistens nur aus einer oder zwei Silben. Bis vor 1.000 Jahren gab es die vietnamesische Sprache auch nicht in geschriebener Form, sondern nur gesprochen. Als dann mal jemand historische Aufzeichnungen machen oder einen Einkaufszettel schreiben wollte, versuchte er es mit chinesischen Schriftzeichen. Ein paar hundert Jahre später, unter der Kolonialherrschaft der Franzosen, haben diese ein neues Schriftsystem entwickelt, basierend auf dem eigenen mit einigen Hilfszeichen. Diese wurde dann erst offiziell eingeführt, als Ho Chi Minh Präsident war und diese Schrift für besser hielt als die chinesische.

Ho Chi Minh als großer Heilsbringer überall. Wir haben auch noch keinen Geldschein gesehen, auf dem der Typ nicht abgebildet ist. An dem Alter des Gesichts auf dem Schein kann man übrigens das Alter des Geldscheins erkennen. Na ja, man sieht zumindest, ob es sich um einen alten oder einen neuen Dong handelt. Nicht nur auf den neuen Dongs, auch überall anders wurde ein und dasselbe Foto verwendet. Der Umrechnungskurs ist übrigens 1 Euro = 25.000 Dong. Das brachte uns dazu, gestern zwei Millionen Dong (80 Euro) vom Konto zu holen. Als frisch gebackene Millionäre mussten wir aber schnell feststellen, dass so eine Million schnell ausgegeben ist, vor allem wenn man quasi alles neu kaufen muss.

Ein paar eingemachte Kleinigkeiten

Ein paar eingemachte Kleinigkeiten

Apropos Kleidung, wir haben heute einen Anruf vom Hotel erhalten, dass mein Rucksack angekommen ist. Da dort auch Denis‘ Waschtasche und alle anderen wichtigen Utensilien wie z.B. Mückenschutz, Ladekabel, Wäscheleine usw. drin sind, ist das schon ein großer Erfolg. Wo Denis‘ Rucksack ist, ist weiterhin nicht klar. Aber er soll morgen in Hanoi sein. Ist klar! Aber zur Not geht auch jeden Tag von Hanoi nach Hue, unserem nächsten Ziel, ein Flug.

Nach dem Frühstück fuhren wir jedenfalls mit unserem privaten Minibus an die Halong-Bucht. Hier haben wir uns noch in einem Supermarkt mit Wasser versorgt, bevor es auf das Schiff ging. In diesem Supermarkt hätten wir auch ein Fünf-Kilo-Glas mit allerlei Seeungeheuern kaufen können. Wir haben uns schweren Herzens aber doch für das Wasser entschieden, weil man eingelegte Seepferdchen einfach nicht trinken kann.

Tourismus in Vietnam

Tourismus in Vietnam

Dass die Halong-Bucht touristisch schon zu sehr erschlossen ist, haben wir schon auf dem Weg gemerkt. Ein riesiges Hotel reihte sich an das nächste und im Hafen war es auch nicht besser. Hier waren mindestens 50 Boote unterwegs, die weder besonders leise waren noch irgendwie umweltfreundlich aussahen. Der kleine Strand, an dem wir später gehalten haben, war hoffnungslos übervölkert und das Wasser war überall mit allem möglichen verschmutzt, Plastiktüten, Styropor, Süßigkeitentüten usw. Sehr schade für ein Weltkulturerbe. Die Asiaten – nicht nur die Vietnamesen – haben es nicht so mit der Sauberkeit. Man hat das Gefühl, dass alles, was nicht mehr benötigt wird, an Ort und Stelle fallen gelassen wird. Wer den Gehweg vor einem Laden sauber machen will, fegt den Müll einfach vom Weg auf die Straße und schon ist das Problem gelöst.

Halong-Bucht

Halong-Bucht

Trotz des Schmutzes ist die Halong-Bucht aber wunderschön und atemberaubend anzuschauen. Überall sind Berge „gewachsen“, die mal größer, mal kleiner, bewachsen und bewohnt sind. Es hört sich in der Nähe eines Berges immer so an als würden hier mehrere Millionen Heuschrecken leben. Gesehen haben wir aber noch keine. Dafür aber Quallen, die den Durchmesser von Klodeckeln hatten. Der Legende nach entstanden die Berge aus den Tränen einer Drachenmutter, die traurig darüber war, dass ihre Kinder lieber hier wohnen wollten als mit ihr zurück in den Himmel zu gehen, nachdem sie in die Bucht kamen, um die Anwohner im Krieg zu unterstützen.

In der Bucht waren neben den ganzen Touristenbooten auch eine Reihe Haus- und Fischerboote unterwegs. Es gibt mehrere Dörfer in der Halong-Bucht, die ausschließlich aus kleinen Hausbooten bestehen. Viele der Einwohner fahren zu den Touristenbooten und verkaufen Lebensmittel und Kram an Touristen.

Dorf auf dem Wasser

Dorf auf dem Wasser

Drachen scheinen hier übrigens sehr beliebt zu sein. Als ich Tuan fragte, ob es in Hanoi und Umgebung immer so neblig ist, erklärte er, dass der Umriss von Vietnam aussieht wie ein Drache. Der Kopf ist im Norden, das Maul ist die Halong-Bucht und immer, wenn der Drache atmet, wird es neblig. Und wo wir gerade beim Wetter sind: auch heute stellte sich die Regenzeit als ziemlich regenlos dar, auch wenn die Luftfeuchtigkeit hoch genug war, um in der Luft Wäsche zu waschen. Tuan erzählte uns auch, dass es hier im Winter schon sehr kalt werden kann. 8-10°C.

Nachdem wir an Bord gegangen waren, gab es erst mal Mittag. Das war sehr lecker, wenn auch – entgegen der asiatischen Gerichte, die wir bisher kannten – sehr knoblauchlastig. Wieder mal ein Überbleibsel aus der französischen Kolonialzeit. Es gab Garnelen, Tintenfischarme mit Gemüse, etwas, das uns als frittierte Tintenfischarme mit Gemüse ausgegeben wurde, aber definitiv Fleisch war, frittierten Fisch und ein Gemüse, das aussah wie Algen, aber geschmeckt hat wie Brokkoli (Water Morning Glory). Und natürlich Reis. Alles wurde auf großen Tellern serviert, von denen sich jeder bedienen konnte. Vor dem Essen bekommt übrigens jeder ein nasses Tuch oder einen nassen Lappen für die Hände. Es soll ja schließlich niemand mit ungewaschenen Händen am Tisch sitzen. Zum Frühstück hatten wir heute übrigens zum ersten Mal Dragon Fruit (die Drachen haben es also auch auf den Teller geschafft), die aussah wie eine weiße Kiwi, zumindest von innen. Geschmeckt hat sie ein bisschen süß mit einem Hauch Kokosnuss.

Badestrand

Badestrand

Wir waren heute auch in einer riesigen Tropfsteinhöhle, zu der mehr als 100 Stufen führten. Kein Problem, es ist ja nicht so dass hier gefühlte 47°C im Schatten wären. Trotzdem war die Höhle sehr beeindruckend und toll beleuchtet. Ein Teil der Höhle wurde uns als Erotikmuseum vorgestellt.

Danach hielten wir noch an einem Inselberg, zu dessen Spitze 500 Stufen führten. Während die anderen hoch stiegen, blieben wir unten und versuchten, in dem pipiwarmen Wasser unsere Beine zu erfrischen. Die Badesachen sind ja im Rucksack. Tuan sagte gestern Abend übrigens, dass wir heute nur Sachen für einen Tag mitbringen müssten und den Rest im Hotel lassen könnten. So ein Glück, dann hatten wir wenigstens nicht so viel zu schleppen.

Mittlerweile haben wir mit unserem Boot unser Nachtquartier erreicht und pünktlich um 19:00 Uhr wird es auch schon dunkel.

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