Tag 4: Apoel Nikosia – Paris Saint-Germain

21. Oktober 2014. Nikosia, Zypern.

Nachdem wir in Ruhe ausgeschlafen, gefrühstückt und anschließend Mittagsschlaf gehalten hatten, machten wir uns auf den Weg nach Nikosia. Da wir genug Zeit hatten, wählten wir einen Umweg und fuhren nicht direkt über die Autobahn, sondern über eine Landstraße. Wir erhofften uns davon, noch etwas von Zyperns reicher Fauna auf mitnehmen zu können, wurden aber enttäuscht, da Zypern keine Fauna zu haben scheint. Oder zumindest nicht allzu viel davon.

Die Landschaft im Landesinneren war karg und nur mit wenigen Büschen und Hartgewächsen bewachsen. Die Orte auf unserem Weg waren sehr klein und sahen alle ähnlich aus: kleine eckige Häuser, in Sandfarben gehalten. Dafür erhielten wir – gerade als wir mitten im schönsten Gewerbegebiet unterwegs waren – die Nachricht, dass mit unsere Olympiakos-Karten für morgen im Hotel in Piräus hinterlegt werden sollten. Super! Jetzt konnten wir auch darüber hinwegsehen, dass Zypern ungefähr so grün ist wie Kasachstan.

DSC04521

Nach einigen Umwegen, die unser Navi als direkten Weg, wir als Einbahnstraßen oder Autobahnauffahrten in die falsche Richtung identifiziert hatten, schafften wir es in die Innenstadt von Nikosia, wo wir einen Parkplatz fanden, dessen Schranke außer Betrieb und wo das Parken daher kostenlos war. Check!

Wir unternahmen einen Spaziergang in die Altstadt, die mit ihren engen Gassen glänzen konnte, die vollkommen zugestellt waren mit Verkaufsständen voller handgehäkelter Gardinen und Sitzgelegenheiten von Restaurants und Cafés. Sollten in der Hauptsaison hier mehr Touristen unterwegs sein, ist die Altstadt sicher ein vollkommen enger und überlaufener Ort. Ende Oktober, wenn kaum jemand auf Zypern Urlaub macht, lässt es sich hier wunderbar aushalten. Wir liefen ein bisschen in der Gegend herum, hatten eine Kleinigkeit zu essen und liefen weiter.

DSC04535

Wir erreichten dann die obligatorische Einkaufsmeile, die in jeder Großstadt der Welt gleich aussieht und sich als solche kaum von Belgrad oder Hamburg unterscheidet. Der einzige Unterschied hier in Nikosia war, dass vor Allem die kleinen Läden leer standen und so aussahen, als wäre das nicht erst seit gestern so. Wer sein Geld nach Zypern bringt, hat wohl wenig Interesse an Investitionen in die Realwirtschaft, sondern steckt es lieber direkt in überteuerte Spekulationsgeschäfte oder wäscht es einfach nur.

DSC04541

Als wir auf dieser Einkaufsmeile unterwegs waren, tauchte vor uns plötzlich ein Grenzposten auf. Stimmt, da war ja was. Zypern ist gespalten, die Republik Nordzypern, die völkerrechtlich zu Zypern gehört, faktisch aber von der Türkei verwaltet wird, begann hinter diesem Kontrollhäuschen. Da wir noch mehr als genug Zeit hatten und neugierig waren, wollten wir einfach mal die Grenze überqueren und gucken, was es dort so gibt. Das war auch kein Problem, wir mussten nur einen kleinen Zettel mit Name und Passnummer ausfüllen und durften passieren.

Von weitem hatten wir den nordzypriotischen Teil Nikosias bereits an der Efes-Werbung erkannt. Und direkt hinter dem Grenzposten spielte sich tatsächlich eine ganz andere Welt ab. Hier waren wir nicht mehr in der EU, sondern in der Türkei. Es gab keine großen Marken mehr, sondern nur noch kleine Läden, Cafés und Restaurants. Markenware wurde hier zwar ebenfalls verkauft. Diese sah aber nicht ganz so original aus.

DSC04564

Wir liefen ein wenig durch die Gassen, über den leider fast ausgestorbenen Basar und an einer Moschee vorbei und kehrten wieder nach Zypern um, weil es hier auch nicht so viel zu sehen gab. Ein weiterer Stempel auf den Einreisezettel und wir waren wieder in der EU angekommen.

Da wir nun alles gesehen hatten, entschieden wir, zum Stadion aufzubrechen. Es war zwar noch viel zu früh, aber wir hatten die Hoffnung, dort ein Restaurant oder Café zu finden, von dem aus wir das Geschehen vor Spielbeginn beobachten konnten. Um 18:15 Uhr waren wir dort, um 19:45 Uhr sollte der Ticketschalter öffnen, an dem wir die online reservierten Eintrittskarten abholen konnten sollten und Anpfiff würde dann um 21:45 Uhr sein.

DSC04568

Zuerst wollten wir einmal umsehen und liefen um das Stadion herum. Das GSP-Stadion ist vollständig von einer hohen Kalksteinmauer umgeben, die hin und wieder einige Tore aufweist, damit man auch hinein kommt. Als wir fast einmal herum gelaufen waren, winkte uns ein Junge, vielleicht 15 oder 16, zu sich. Obwohl es noch weit vor der Einlasszeit und noch keines der Tore geöffnet war, befanden sich seine Freunde bereits im Stadion und winkten aus dem Block. Sie waren mit seiner Hilfe über die Mauer geklettert und nun benötigte der Junge selbst eine helfende Hand.

Und da wir ja überaus hilfsbereit sind, machte ihm Denis eine Räuberleiter, der Junge kletterte an Denis hoch und musste von seiner Schulter aus noch einen Meter hoch springen und sich wie ein Bergsteiger an der Mauer hoch ziehen. Was macht man nicht alles für seinen Verein?

DSC04573

Wir liefen anschließend an den tausenden Übertragungswagen und Fressbuden vorbei und fanden schließlich ein kleines Restaurant, in dem wir uns einen Frappé genehmigten. Zu dieser Zeit waren nur sehr wenige andere Zuschauer vor Ort, dafür aber umso mehr Offizielle, hauptsächlich Ordner. Der Strom der Leute, die ankamen, in einen Nebeneingang verschwanden und mit den gelben Steward-Leibchen, die man aus dem Fernsehen kennt, wieder auftauchten, riss einfach nicht ab. Am Ende würden wahrscheinlich mehr Ordner als Fans im Stadion sein.

DSC04578

Gegen 19:45 Uhr fanden wir uns wieder beim Ticketschalter ein, der ja demnächst öffnen sollte. Wir waren nun schon lange genug vor dem Stadion und wollten langsam rein, um ein wenig dort die Stimmung aufzuschnappen. Außer uns waren noch ein paar andere Leute dort, die meisten Zyprioten oder Engländer, nur eine Handvoll Franzosen. Der Steward, der an dem Häuschen abgestellt worden war, war sehr nett und versicherte uns, wir würden die Eintrittskarten hier bekommen, wenn wir sie reserviert hätten. Ein Blick auf seine Liste bestätigte: wir standen drauf und waren beruhigt. Vorerst.

Die Franzosen, die anscheinend nicht online, sondern auf anderen Wegen die Karten gekauft hatten, standen nicht auf der Liste und wurden zu einem anderen Schalter geschickt. Da machte sich zum etwas Unmut breit, vollkommen verständlich natürlich. Diese Leute hatten wie wir 80 Euro für ihr Ticket bezahlt und waren extra aus Frankreich angereist, um ihren Verein zu unterstützen und nun sagte man ihnen, sie hätten keine Tickets reserviert. Man kann sich einen besseren Start in so ein Spiel vorstellen.

Wir aber standen auf der Liste und warteten geduldig. 19:45 Uhr war vorbei. Es wurde 20:00 Uhr. Es wurde 20:15 Uhr. Nichts geschah. Gegen 20:30 Uhr kam dann ein Offizieller in Anzug und erklärte uns, dass er keine Tickets für uns hätte und wir eigentlich gehen könnten, weil auch keine Eintrittskarten mehr verkauft würden. Da stieg kurz Panik auf, denn wir waren ja schließlich nicht umsonst auf Zypern und hatten uns anderthalb Stunden Zeit um die Ohren geschlagen.

Nach einigem Diskutieren und Erklären konnte der Steward in seinem Leibchen aber für Aufklärung sorgen, zeigte dem Anzugträger die Liste und auf das Tickethäuschen, wo die Karten wohl hinterlegt waren, oder zumindest ausgeteilt wurden. Sein Glück.

So bekamen wir gegen Vorlage unseres Personalausweises und der Reservierungsbestätigung unsere Eintrittskarten, jeder eine in einem vollkommen überdimensionierten Briefumschlag mit Namen versehen. Endlich konnte es los gehen. Wir bewegten, uns zu unserem Eingang, waren überrascht ob der laschen Eingangskontrollen und liefen den Weg nach oben zu unserer Tribüne. Wir waren im Oberrang auf der Haupttribüne untergebracht, die höchste die einzige war mit Dach. Von dort aus hatten wir einen super Blick auf das Stadion und die Umgebung jenseits der anderen Tribünen, wo Wohnhäuser standen und Straßen verliefen.

DSC04615

Das GSP-Stadion ist Heimspielstätte der drei Erstligavereine Nikosias: Olympiakos, Omonia und natürlich Apoel, die wir heute sehen sollten. Es ist zudem das einzige international zugelassene Stadion auf Zypern und daher Austragungsort von allen internationalen Spielen aller Vereine und der Nationalmannschaft. In Krisen- und Kriegszeiten tragen auch israelische Vereine ihre Spiele hier aus. Als größtes Stadion des Landes fasst es knapp 23.000 Zuschauer.

Da wir über Apoel keine Eintrittskarten kaufen konnten, sondern nur über PSG, gehörten wir offiziell zu den Gästefans und befanden uns dementsprechend im Gästeblock. Dieser befand sich auf der Haupttribüne unter dem Dach und bot Platz für vielleicht 200 Personen. Am Ende befanden sich dort vielleicht 70 Leute, inklusive der A-Jugend-Mannschaft von PSG, die am nächsten Tag in der neuen UEFA Youth League gegen Apoel spielen würde.

DSC04618

Es handelte sich nicht um einen komplett abgeschlossenen Block, sondern um einen abgetrennten Bereich, mitten auf der Haupttribüne. Daher saß in jeder zweiten Reihe an jeder Seite ein Ordner. Diese achteten penibel darauf, dass auch jeder auf dem Platz saß, der auf seiner Eintrittskarte stand. Da man online nur eine Karte pro Person kaufen konnte, befanden sich die Plätze von Leuten, die zusammen zu dem Spiel gehen wollten, natürlich im Regelfall nicht direkt nebeneinander. Wenn diese Leute sich trotzdem in einem fast leeren Block nebeneinander setzten, wurden sie direkt aufgefordert, ihren auf der Karte vermerkten Platz einzunehmen. Der Platz, den sie verlassen mussten, blieb dann leer. Viel unnötigere Anweisungen hätte die UEFA kaum erlassen können.

Das Spiel wurde angepfiffen, es wurde kurz laut im Stadion, weil nicht nur der Stimmungsblock, sondern alle mitmachten. Ein paar Ultra-Hoschis von PSG waren damit beschäftigt, ihre Banner zu wedeln, sobald auch nur eine Kamera ansatzweise in unsere Richtung zeigte. Darunter war auch eins, das wir nicht richtig erkennen konnten, welches den Ordnern aber nicht allzu sehr zu gefallen schien.

Sofort waren nach wenigen Sekunden etwa zwanzig Ordner bei dem Übeltäter mit dem Banner, nahmen ihn in die Mangel und die Tatwaffe an sich. So ein Glück, dass die UEFA daran gedacht hatte, genug Ordner abzustellen. Kaum auszudenken, was für dramatische Szenen sich abgespielt hätten, wenn nur zehn Ordner auf diese eine Person gegangen wären.

DSC04603

Die Lage entspannte sich wieder, die Stimmung flachte ab und es wurde nur einige wenige Male etwas lauter. Die Mannschaften spielten sehr abwartend, standen defensiv sicher, Apoel hatte eine Chance, PSG 63 Prozent Ballbesitz, David Luiz verlor nicht einen Zweikampf und verarschte seine Gegenspieler gnadenlos und dann war Halbzeit.

Die UEFA bietet ja glücklicherweise den Service, auf der Videowand anzuzeigen, wenn auf einem anderen Platz ein Tor gefallen war. So sahen wir wie in den anderen Stadien im Minutentakt die Toren fielen und hatten zur Halbzeit nicht eins der bis dato vierzehn erzielten Tore. [Zum Ende hatten wir eins von vierzig Toren gesehen. Immerhin.]

In der zweiten Halbzeit nahm das Spiel an Fahrt auf, Apoel hatte vier einhundertprozentige Chancen, aber sehr viel Pech und Nerven. So kam es am Ende wie es kommen musste: der Favorit hat ein einziges Mal Glück, bekommt in der Drehung den Fuß an den Ball und schießt in der 87. Minute vollkommen unverdient den Siegtreffer.

Viele Zyprioten verließen bereits zu diesem Zeitpunkt das Stadion, was uns völlig unverständlich war, denn ihre Mannschaft hatte hervorragend gespielt, sich den Allerwertesten aufgerissen und viel Pech. Nach Abpfiff verließen die Apoel-Spieler das Feld, ohne eine Runde zu drehen und sich bei ihrem Anhang zu bedanken, der zum Großteil ja auch nicht mehr anwesend war. Sehr traurig.

Wir als potenzielle PSG-Fans mussten in unserem Block bleiben bis alle anderen das Stadion verlassen hatten und wir keine Massenschlägerei mehr anzetteln konnten. Als wir draußen waren, brachte uns das leider auch nicht allzu viel, weil sich an der Ausfahrt des Parkplatzes ein Stau gebildet hatte, der sich nicht einen Zentimeter bewegen wollte. Nach etwa einer Stunde konnten wir dennoch aufbrechen und mussten nur noch einmal das Land durchqueren, um zurück zu unserer Unterkunft zu kommen. Das war zum Glück nach einer Dreiviertelstunde geschafft.

DSC04631Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass die Champions League ein komplett durchchoreografiertes Event ist, bei dem der Fußball nur eine untergeordnete Rolle spielt. Von der Anzahl und dem Auftreten der Ordner über die Musik vor dem Spiel bis hin zu den Unterhosen der Balljungen, ist alles standardisiert und nichts dem Zufall überlassen. Dadurch geht viel von der Mentalität und den Eigenheiten der einzelnen Vereine und Regionen verloren. Es wundert zudem, dass die UEFA noch keine Torquote eingeführt hat, um ihre Kunden ordnungsgemäß zu unterhalten, bzw. dass die Kunden diese noch nicht gefordert haben.

Außerdem ist es sehr schade, dass die Stimmung im Stadion allerhöchstens mittelmäßig war. Wenn Apoel eine Großchance hatte, war das ganze Stadion da, ansonsten hörte man immer nur einen kleinen Teil der Hintertortribüne. Die PSG-Fans haben größtenteils durch Abwesenheit geglänzt und sind ansonsten durch hirnloses Fahnenwedeln aufgefallen. Es wurde kein einziger Gesang angestimmt, manchmal wurde eine gute Szene mit Applaus belohnt, aber insgesamt war der Auftritt für Champions League auswärts eine glatte Sechs.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.