Tag 4: Fahrt mit dem Tod

7. Juni 2011. 12:02 Uhr. Auf dem Bahnhof Brasov / Im Zug nach Bukarest

Denis war in Sighisoara beim Friseur. Es war ein kleiner Laden mit einem Platz und einer Dame, deren Deutsch- und Englischwortschatz unseren in Rumänisch kaum übertraf. Es wurde sich dann mit Händen und Füßen verständigt und das Ergebnis kann sich sehen lassen. Gekostet hat der ganze Spaß 10 Lei inkl. Trinkgeld (2,50 Euro).

In Rumänien ist der Friseur anscheinend der Treffpunkt schlechthin. Denn während Denis dort war, waren insgesamt noch 10 weitere Personen in dem Salon. Die meisten ließen sich auf der Couch nieder, um zu tratschen oder zu telefonieren. Denis‘ Haare wurden übrigens auf folgende Weise nass gemacht: Es wurde mit einem Kamm Watte gekämmt, sodass diese im Kamm hängen blieb. Die Watte wurde dann befeuchtet und mit der feuchten Watte im Kamm wurde Denis gekämmt…voilá Haare nass.

In Sighisoara musste ich noch am Bahnhof auf Toilette. Vor dem Eingang stand eine Frau, die das Geld (1 Lei, 0,25 Euro) entgegen nahm und das einlagige Papier zuteilte. Zum Glück musste ich nur pullern.

Vor dem Bahnhof Sighisoara gab es eine Apotheke speziell für Haustiere. Auch gibt es hier in Rumänien viele Tiernahrungsgeschäfte. Anscheinend wird Tiernahrung hier nicht in Super- oder Baumärkten verkauft.

Abfahrt in Sighisoara

Abfahrt in Sighisoara

Mit etwa zehn Minuten Verspätung kam unser Zug dann auch an und es ging los. Wir stellten dann fest, dass ein bekanntes Gesicht mit an Bord war. Das war so ein Engländer, der auf der Fahrt nach Sighisoara auch schon dabei war. Ich bin gespannt, ob er heute auch mit nach Bukarest fährt.

Für die 128 Kilometer von Sighisoara nach Brasov benötigten wir etwa drei Stunden; wir kamen mit ungefähr 40 Minuten Verspätung in Brasov an. Unterwegs sind wir an Orten vorbei gefahren, die man sich so gar nicht vorstellen kann. In Augustin z.B. gab es nur Ein-Raum-Häuser. (Größer sahen sie zumindest nicht aus.) Diese waren teilweise aus altem Holz gebaut und schon so verfallen, dass man sie in Deutschland wahrscheinlich nicht mal als Geräteschuppen genutzt hätte. Außerdem ist aufgefallen, dass es viele neuere Häuser gibt, deren Obergeschoss mit Spanplatten verkleidet/gebaut ist.

Nach der Fahrt nach Brasov müssen wir einige Eindrücke revidieren: Es gibt wohl Bäume in Rumänien und hohe Wohnhäuser gibt es auch. Die Bäume beginnen allerdings erst weiter im Osten und Hochhäuser gibt es nur in größeren Ortschaften. Weiterhin sind uns folgende Dinge aufgefallen:

Haus am Feld

Haus am Feld

Die Bahnschranken (wenn es denn mal welche gibt) schließen anscheinend lange bevor der Zug durchfährt. (Wahrscheinlich schließen sie nach Fahrplan und öffnen erst, wenn der Zug durchgefahren ist.) Denn an den meisten Bahnübergängen stehen relativ viele Autos, die Türen sind offen und die Fahrer stehen daneben.

Wer Hühner hat (und das sind nicht wenige), lässt diese herum laufen, wo sie wollen. Mit Schweinen verhält es sich ähnlich, während es legitim ist, Kühe auf dem Feld anzubinden.

Weiterhin baut man in der Nähe seiner Felder eine Minihütte, wahrscheinlich für die Ernte, und Zigeuner leben gern mal in komplett verrosteten Wohnwagen mitten in der Pampa.

Gestern sind wir auch an einem tollten Fußballfeld vorbei gefahren. Dabei handelte es sich um ein Stück Wiese mit zwei verrosteten Torgestellen ohne Netz. Darauf spielten Jugendliche Fußball und am Rand, neben einem Tor, stand in Seelenruhe ein Pferd und graste vor sich hin. (Der Schiri?)

Als wir in Brasov hinein fuhren, stellten wir dann fest, dass dies eine größere Ortschaft ist, als wir es erwartet hätten. Brasov ist eine kleinere Stadt, in der es auch Hochhäuser und Unterführungen zu den Gleisen gibt. Wir entschlossen uns dann, mit dem Taxi zum Hotel zu fahren. Der erste Taxifahrer bot uns die Fahrt für 20 Lei (5 Euro) an. Da wir keine Ahnung hatten, wie weit die Strecke war und das Angebot für ziemlich günstig hielten, stimmten wir zu. Am Hotel angekommen, standen dann 5,70 Lei (knapp 1,50 Euro) auf dem Taxameter. Was soll’s, wir sind davon nicht arm geworden.

Brasov

Brasov

Heute sind wir übrigens vom Stadion aus über unser Hotel (Koffer abholen) zum Bahnhof gefahren und haben dafür 10 Lei (2,50 Euro) inkl. Trinkgeld bezahlt. Das war allerdings auch ein „Tod Taxi“ (hieß wirklich so). Dementsprechend war anschnallen auch komplett überbewertet. Ich hatte zwar einen Gurt, aber kein Teil daran zum Anschnallen. Aber wozu auch gurten, wenn eh jeder so fährt und die Spur wechselt wie er gerade lustig ist. Es ist durchaus normal, einfach für einige Zeit auf der rechten Spur zu parken. Meist gibt es ja noch andere zum Fahren. Möchte jemand die Spur wechseln und es fährt schon jemand auf dieser, so wird nicht gebremst, um den Vordermann einfädeln zu lassen, sondern gehupt und Gas gegeben…

So…nun zu Brasov: Unser Zimmer war sehr nett eingerichtet und das Bad auch groß genug. Die Dusche hat an der Abtrennung ein bisschen geschimmelt, aber ansonsten war alles sauber. Ich frage mich allerdings, wie sich bei dem Chlorgehalt im Leitungswasser irgendwo Schimmel bilden kann. Es riecht nach dem Duschen jedes Mal wie im Schwimmbad.

Nachdem Denis duschen war (er hatte noch überall Haare vom Friseur zu hängen), sind wir in Richtung Alt-/Innenstadt gegangen, um Abendbrot zu essen. Wir haben dann auf dem Weg dorthin auch ein nettes Restaurant gefunden und sind wir sagenhafte 60 Lei (15 Euro) satt geworden. Ich hatte drei Sorten geschnetzeltes Fleisch mit Sahnesauce und Denis hatte die „Surprise“: Die gleichen Sorten Fleisch, nur am Stück, übereinander gestapelt und einer Schicht Käse überbacken, die selbst so dick war wie ein Stück Fleisch.

Zentraler Platz in Brasov

Zentraler Platz in Brasov

Nach der Stärkung haben wir uns dann auf die Suche nach der Altstadt gemacht. Unser ausgedruckter Stadtplan war nicht groß genug und der Stadtplan im Hotel hat nix verraten. Die Dame an der Rezeption meinte nur: „Turn left, then right and then you have to walk a bit.“ Nach einer Viertelstunde Fußmarsch erreichten wir dann die Innenstadt und schauten uns ein bisschen in Brasov um. Eine sehr nette Stadt mit viel zu sehen und vielen Möglichkeiten essen zu gehen.

(Weil wir gerade durch einen Tunnel fahren, fällt mir noch etwas von der Fahrt gestern von Sighisoara nach Brasov ein: Wir fuhren durch einen endlos langen Tunnel, aber in der Bahn gab es kein Licht. Es war bestimmt zwei Minuten lang stockdunkel, aber das hat keinen interessiert. In Deutschland wären die Leute sofort durchgedreht.)

Nach dem ausgiebigen Frühstück heute Morgen machten wir uns auf den Weg um die Universität Transsilvanien zu suchen. Diese befand sich an einem großen Kreisverkehr ca. 100 Meter von unserem Hotel entfernt.

Plattenbau

Plattenbau

Also sind wir noch ein bisschen weiter gegangen, um uns die Umgebung ein bisschen anzuschauen. Wir waren in einer Wohngegend mit vielen Neubauten, die erstaunlicherweise keine Plattenbauten waren, wie wir sie uns vorgestellt haben, sondern netter gestaltet und mit großen Balkons versehen. Nichtsdestotrotz waren die Häuser alle sehr alt und baufällig. Im Gegensatz zu z.B. Polen waren hier aber nicht alle Fenster im Erdgeschoss und im ersten Stock vergittert. Obwohl wir auf unserer Fahrt auch schon Wohnblöcke gesehen haben, die von meterhohen Zäunen umgeben waren, die in der Nacht sicher abgeschlossen wurden.

FC Brasov

FC Brasov

Eigentlich wollten wir ja gar nicht zum Stadion vom FC Brasov, weil das so weit außerhalb lag. Aber da wir sowieso schon in die Richtung gingen und Zeit hatten, landeten wir schließlich doch dort. Rein gekommen sind wir leider nicht, aber auch von außen wurde klar: Das ist ein nettes altes Stadion, das noch gut in Schluss ist.

Danach also mit dem Taxi übers Hotel zum Bahnhof und auf unseren Zug warten, der aus Wien kam. Mit einer halben Stunde Verspätung ging es auch schon los. Wir haben also schon gelernt: Fahrpläne und die Bezeichnung „Schnellzug“ sind relativ und bevor eine Ansage gemacht wird, ertönt eine Musik, die auch den Eismann ankündigen könnte.

Je weiter wir Richtung Osten fahren, desto mehr Bäume gibt es und desto mehr Häuser sind gerade und neu gebaut. Die Ortschaften sind nicht mehr so weit auseinander und die Gegend fühlt sich auch nicht mehr so unbewohnt an.

Folgende Dinge sind noch zu ergänzen: Wir haben den Engländer nicht wieder gesehen und es scheint hier normal zu sein, dass Typen durch die Züge laufen und allen möglichen Krimskrams verkaufen (kleine Taschenlampen, Pflaster, Tagebücher etc.). Die Dame in unserem Abteil hat ihm auch tatsächlich was davon abgekauft…

Gerade halten wir und es fällt wieder auf: Hier muss man sich beeilen, wenn man aussteigen möchte, denn lange halten ist nicht. Wenn keiner mehr an der Tür ist, wird weitergefahren.

Ich überleg mir jetzt noch ein bisschen, ob ich wirklich auf Toilette muss, denn der Geruch aus dieser Richtung hat kein Rosenaroma…

 

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